Somalia vor 25 Jahren: Der erste bewaffnete Auslandseinsatz der Bundeswehr

Der 16. Mai 1993 war für die Meisten in der zentralsomalischen Stadt Belet Huen ein ganz normaler Tag. Die Stadtbevölkerung und die Nomaden in der Umgebung gingen ihren Geschäften nach, die Fallschirmjäger der kanadischen Armee bereiteten ihren Abzug aus dem Einsatz der Vereinten Nationen in dem ostafrikanischen Land vor, die italienischen Bersaglieri kochten am Rande des kleinen Feldflughafens außerhalb der Stadt auf der mitgebrachten caffetiera ihren Espresso.

Für die Bundeswehr war es ein besonderer Tag.

Auf der staubigen, unbefestigten Piste des Flughafens landete am frühen Nachmittag eine Transall der Luftwaffe, an Bord das Vorauskommando der Bundeswehr für den deutschen Einsatz in der UN-Mission UNOSOM II. Die PR-Profis des deutschen Verteidigungsministeriums ließen zuerst den Hauptgefreiten Tino Hausladen aussteigen: Der Fallschirmjäger hatte an jenem Tag seien 24. Geburtstag, ein schönes Bild für die wartenden deutschen Journalisten. Erst später kletterte Generalmajor Georg Bernhardt, Kommandeur der frischgebackenen deutschen UN-Truppe, aus der Transall, und fand den Satz für den historischen Moment: Wir sind wieder in der Familie.


(Ein Beitrag von Spiegel TV aus dem Jahr 2013 mit Material aus dem Jahr 1993, in dem auch die Ankunft der Deutschen gezeigt wird)

Mit dem faktischen Start – offiziell hatte sich Bernhardt schon am Vortag beim UN-Kommandeur in Mogadischu gemeldet – des deutschen Einsatzes im von Hunger heimgesuchten Bürgerkriegsland Somalia an jenem 16. Mai vor 25 Jahren begann die Geschichte der bewaffneten Auslandseinsätze der Bundeswehr.

Die deutschen Streitkräfte hatten sich zwar auch zuvor schon in internationalen Missionen engagiert, zum Beispiel mit einem Feldlazarett für die Vereinten Nationen in Kambodscha. Aber Somalia war für die Truppe der erste bewaffnete Einsatz außerhalb des NATO-Gebiets – auch wenn die Deutschen dort keinen Kampfauftrag hatten: Sie sollten die Logistik stellen für eine indische Brigade, die für die UN-Mission in Zentralsomalia stationiert werden sollte. Darin unterschieden sie sich von den kanadischen Fallschirmjägern, die mit rund 1.100 Soldaten die rund 30.000 Quadratkilometer große Region rund um Belet Huen gesichert hatten.

Schon bei ihrem ersten bewaffneten Ausflug nach Afrika lernte die Truppe die Probleme kennen, die auch in späteren Auslandseinsätzen immer wieder auf die Tagesordnung kamen. Zum Beispiel fehlende oder die falsche Ausrüstung: Schon die Uniformen für den Somalia-Einsatz mussten bei den tropenerfahrenen Franzosen gekauft werden, weil der deutsche Flecktarn-Kampfanzug für afrikanische Temperaturen nicht ausgelegt war. (Bei den dienstlich gelieferten Tropenhüten wurde sehr schnell die rechte Seite der Krempe hochgeknöpft, in Anlehnung an die so genannten Schutztruppen des deutschen Kaiserreiches in Afrika – ein Beispiel dafür, wie Truppe sich Traditionen sucht.)

Und die Fallschirmjäger überwachten den Bereich rund um das deutsche Lager von einem Wiesel mit TOW-Panzerabwehrrakete aus – nicht etwa, weil es in Zentralsomalia Gegner mit Panzern gegeben hätte, sondern weil nur diese Version über das für die Überwachung nötige Nachtsichtgerät verfügte.

Aber auch die Debatte in der Heimat war, wie heutige Debatten über Auslandseinsätze, von Befürwortern und Gegner einer solchen Mission geprägt. Die SPD, damals in der Opposition, rief das Bundesverfassungsgericht an, weil ihrer Meinung nach ein solcher bewaffneter Auslandseinsatz ohne Grundgesetzänderung nicht zulässig war. Das Gericht beließ mit einer Entscheidung im Juni 1993 zwar die deutsche UNOSOM-Truppe in Afrika; eine endgültige Entscheidung über diesen und einen weiteren Bundeswehreinsatz fällte das Verfassungsgericht aber erst 1994 (und legte damit die Grundlage für Parlamentsvorbehalt und den Einsatz bewaffneter Streitkräfte nach Zustimmung des Bundestages).

Ungeachtet des Streits an der Heimatfront hatten die rund 1.700 deutschen Blauhelme in Belet Huen jedoch ganz andere Probleme. Eine im eigentlichen Sinne militärische Tätigkeit bekamen sie in ihrer Region nicht, weil die erwartete indische Brigade nie ankam, und konzentrierten sich auf humanitäre Hilfe bis zum (später sprichwörtlichen) Brunnenbauen. Oder auf Unterstützung für das Krankenhaus in Belet Huen.

Aus den Auseinandersetzungen mit den teilweise schwer bewaffneten Clans und ihrer Warlords, die in Belet Huen ebenso wie in ganz Somalia das Geschehen bestimmten und deren Angriffe auf UN-Hilfslieferungen für hungernde Somalis die UN-Mission erst ausgelöst hatten, hielt sich die Bundeswehr weitgehend heraus. Auch die zeitweise von den UN, vor allem aber von den USA als größtem Truppensteller geäußerten Wünsche nach bewaffneter Unterstützung durch deutsche Soldaten in der Hauptstadt Mogadischu führten nicht zu einem Kampfeinsatz der Bundeswehr.

Die großen Auseinandersetzungen liefen ohnehin nicht in Zentralsomalia ab, obwohl es auch dort Schießereien gab, sondern in Mogadischu. Wie zum Beispiel bei einem Angriff der internationalen Truppen auf eine Radiostation des maßgeblichen Clanchefs Mohammed Farah Aidid im Juli 1993 (als dessen Folge unter anderem der deutsche Fotojournalist Hansi Krauss von der Nachrichtenagentur AP und drei Journalisten der Agentur Reuters von aufgebrachten Somalis erschlagen wurden).

Die folgenschwerste Auseinandersetzung in Mogadischu fand dann im Oktober 1993 statt, berüchtigt angesichts der größten Verluste der US-Streitkräfte seit dem Vietnamkrieg und berühmt geworden durch das Buch und den Film Black Hawk Down: Beim Versuch, Aidid und die wesentlichen Führer seiner Milizen festzusetzen, scheiterten die US-Truppen. Die Bilder abgeschossener Hubschrauber und durch die Straßen von Mogadischu geschleifter US-Soldaten führten in den USA zu erheblichem innenpolitischen Druck und der Entscheidung des damaligen Präsidenten Bill Clinton, diesen Einsatz zu  beenden.

Auch die Bundeswehr peilte bereits im Herbst 1993 ihren Abzug aus Somalia für das Frühjahr 1994 an. In einer immer angespannteren Sicherheitslage gingen dann im Februar 1994 die deutschen Soldaten an Bord mehrerer Fregatten der Marine, die für diesen Abzug in den Hafen von Mogadischu einliefen. Die noch nicht mal einjährige Mission hatte den deutschen Steuerzahler rund 500 Millionen D-Mark gekostet.

Entscheidend war allerdings, was dieser erste bewaffnete Auslandseinsatz für die deutsche Innenpolitik bedeutete. Der Vorstoß des damaligen Verteidigungsministers Volker Rühe (CDU) in der CDU/FDP-Regierungskoalition, unter Kritik des kleinen Koalitionspartners, öffnete den Weg für die Beteiligung der Bundeswehr an internationalen Einsätzen im Rahmen der Vereinten Nationen, der NATO und der EU.

Folgerichtig kamen in den Jahren danach die Einsätze auf dem Balkan hinzu – bis zur deutschen Beteiligung am NATO-Krieg gegen Serbien wegen dessen Unruheprovinz Kosovo. Und auch der deutsche Afghanistan-Einsatz Jahre später ohne diesen ersten Einsatz in Afrika kaum möglich geworden.

Genau so aber stellt sich für die Somalia-Mission wie für einige der späteren die Frage, was sie tatsächlich bewirken konnten. In Somalia besserte sich die Lage nach dem UN-Einsatz nicht, das Land ist bis heute zerrissen, die Menschen auf internationale Hilfe angewiesen, die Clans zerstritten – und islamistischer Terrorismus ist als Problem hinzugekommen. Eine Evaluation, eine Bewertung der ersten Mission in Somalia hat es aber nie richtig gegeben.

(Zu dem Einsatz bei UNOSOM II wäre noch eine Menge an Details zu ergänzen; in diesem Eintrag würde das aber den Rahmen sprengen.)

(Fotos: Bundeswehr/Archiv)