Widersprüchliche Töne vom großen Verbündeten (Nachtrag: Mattis-Transkript)

Der neue US-Verteidigungsminister James Mattis hatte am Vortag die europäischen NATO-Partner gehörig aufgeschreckt. Sein Land erwarte, dass alle Mitgliedsländer der Allianz bis zum Jahresende zu konkreten Plänen kämen, wie sie die von den NATO-Staats- und Regierungschefs vereinbarten Verteidigungsausgaben von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts erreichen könnten, hatte der Ex-General von seinen Ministerkollegen beim Treffen in Brüssel ultimativ verlangt: Sonst müssten die USA ihr Engagement in dem Bündnis vielleicht ein wenig einschränken.

Einen Tag später war Mattis sichtlich bemüht, den harschen Ton seiner Worte abzumildern. In seiner ersten Pressekonferenz in Brüssel als Verteidigungsminister betonte der US-Ressortchef, dass das Bekenntnis der USA zur gemeinsamen Verteidigung, der in Artikel 5 des NATO-Vertrages festgeschriebenen Beistandsverpflichtung, keineswegs infrage stehe: Unser Bekenntnis zum Artikel 5 bleibt felsenfest (our commitment to Article 5 remains rock solid), antworte er auf besorgte Fragen  – und ließ für diese und ähnliche Antworten eigens weitere Fragen europäischer Journalisten zu.

Vor allem aber ließ Mattis bewusst offen, was denn die angedrohte Einschränkung des US-Engagements (if your nations do not want to see America moderate its commitment to this Alliance…) praktisch bedeuten könne. Dazu wolle er lieber nicht mehr sagen, antwortete der Minister höflich, aber bestimmt auf Frageversuche. Es sei ihm darum gegangen, eine klare Botschaft an die europäischen Partner vorzubringen. Und die sei verstanden worden, wie ihm die Reaktionen der Europäer gezeigt hätten.

Die deutliche Botschaft ist Mattis zweifellos gelungen, doch die Verbündeten werden im Unklaren gelassen, was denn nun mögliche Konsequenzen sind, wenn sie den Vorstellungen der USA nicht folgen. Darüber will aber nicht nur Mattis nicht reden. Auch NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg, ebenso aber auch die Minister angesprochener Länder möchten lieber nicht ausloten, was die Aussagen Mattis‘ denn bedeuten könnten. Sondern stellen lieber in den Vordergrund, dass die zwei Prozent eben keine US-Forderung seien – sondern ein Beschluss aller 28 Mitgliedsländer.

Doch da bleibt ein Widerspruch. Wenn es keine Abstriche der USA an der Bereitschaft zur gemeinsamen Verteidigung gibt – was könnte dann ein verringertes Engagement sein? Können vor allem die osteuropäischen NATO-Länder der Rückendeckung des großen Verbündeten auch dann sicher sein, wenn sie nicht so bald das angestrebte Ausgabenziel erreichen?

Den Druck, den der US-Verteidigungsminister – ganz offensichtlich im Auftrag seines Präsidenten Donald Trump und seiner Regierung – aufgebaut hat, sollte wohl die Europäer verunsichern. Zumindest das scheint gelungen.

Dass sie den Vorstoß ihres US-Kollegen für richtig hält, das hatte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen am Vorabend in den ARD-Tagesthemen schon klar gemacht, Und dass sich die Bundesregierung ohnehin schon auf steigende Verteidigungsausgaben einstelle, wie allein schon der Aufwuchs des deutschen Etats in diesem Jahr zeige. Das Problem für Ministerium und Bundeswehr ist allerdings nicht nur die Frage, wie viel Geld vorhanden ist. Sondern auch, wie man die geplanten Ausgaben vor allem für Beschaffungen auch tatsächlich ausgeben kann.

Und es gibt noch ein weiteres Problem, auf das bislang nur die Opposition laut hinweisen mag, zum Beispiel der Grünen-Haushälter Tobias Lindner:

Es ist nicht zielführend, die Beiträge der NATO Staaten zum Bündnis am Erreichen des 2-Prozent-Zieles festzumachen. Die Berechnungen der Militärausgaben nach NATO-Kriterien enthalten auch Ausgaben wie Pensionszahlungen, die zur tatsächlichen Verteidigungsfähigkeit nichts beitragen. Der Input alleine reicht als Messgröße nicht aus. Viel wichtiger ist es, sich den Output anzuschauen, also was die Streitkräfte leisten. (…) Pauschale Rufe nach einer Erhöhung des deutschen Verteidigungshaushaltes sind nicht zielführend. Eine Erhöhung macht ganz besonders dann keinen Sinn, wenn nur des Ausgebens wegen gekauft wird und wenn die Beschaffungsstrukturen so problembehaftet sind, wie die der Bundeswehr. Viel mehr Geld hilft nicht zwingend viel. Die europäischen Staaten könnten durch eine bessere Abstimmung untereinander mit dem gleichen Geld weitaus mehr zur NATO beitragen, als bisher. Das käme auch den USA zugute.

Und in der Tat: In die Berechnung der Verteidigungsausgaben, wie sie an die Allianz gemeldet werden, fließt von Deutschland nicht nur der Verteidigungshaushalt ein.

Hinzu kommen (und kamen seit Jahren) zum Beispiel Ausgaben für friedensstiftende und -erhaltende Maßnahmen, wie Beiträge an internationale Organisationen zur Vernichtung von Streumunition, aus dem Haushalt des Auswärtigen Amtes. Auch die Pensionen für Soldaten der früheren DDR-Volksarmee werden dort eingerechnet, ebenso die Kosten der so genannten Ertüchtigungsinitiative der Bundesregierung.

Pro Jahr sind das rund 2,5 Milliarden Euro – Ausgaben, die durchaus sinnvoll sein können und zum Teil rechtlich vorgeschrieben sind, aber mit den Verteidigungsausgaben nur sehr mittelbar zu tun haben und wenig über die Ausrüstung der Streitkräfte sagen. Mit anderen Worten: Das Zwei-Prozent-Ziel ist zwar plakativ. So richtig hilfreich aber eher nicht.

Nachtrag: Das Transkript der kompletten Mattis-Pressekonferenz gibt es von der US-Vertretung bei der NATO; hier Auszüge:

Press Conference by Secretary Mattis at NATO Headquarters,
Brussels, Belgium
Feb. 16, 2017
MODERATOR: Ladies and gentlemen, Secretary Mattis will make a statement and then take two questions.
SECRETARY OF DEFENSE JIM MATTIS: Yes, ma’am.
Well, good afternoon, ladies and gentleman.
I just completed the defense ministerial, where I had the opportunity to engage in a bilateral discussion as well with a number of our fellow ministers, in there. We all took part in a dinner last night, reaffirming our strong transatlantic bond, and it’s as strong as I have ever seen it. I have some experience here at NATO, and I was impressed by how strong the bond is.
My intent was to affirm the full U.S. commitment to NATO and to gain an updated appreciation of the situation facing our alliance. The burden sharing message I delivered was expected, and it was very well received. And I depart confident that the alliance will be unified in meeting today’s security challenges. I especially appreciate the leadership of Secretary General Stoltenberg and the clear alignment of our messages, as well as the messages delivered by so many of the unified alliance member nations and their ministers of defense.
As I noted yesterday, NATO is the fundamental bedrock for keeping the peace and defending the freedoms we enjoy today. To quote Minister Le Drian of France, “NATO is a peerless alliance. It is a manifestation of our principles and shared values, and the U.S. commitment to Article 5 and our mutual defense is rock solid.”
In our meetings we discussed in detail the strategic situation facing the alliance. Many allies, including Minister von der Leyen of Germany, recognized 2014 as a watershed year that awakened allies to a new reality.
My message to my fellow ministers was simple: NATO arose out of strategic necessity, and NATO must evolve in response to the new strategic reality. Our community of nations is under threat on multiple fronts, as the arc of insecurity builds on NATO’s periphery and beyond.
We thoroughly discussed the increased threats facing our alliance. And unified by the threats to our democracies, I found strong alliance resolve to address these growing threats. Russia’s aggressive actions have violated international law and are destabilizing.
Terrorism emanating from the Middle East and North Africa is a direct and immediate threat to Europe and to us all. I’m mindful of the tragic attacks on our European allies and what they have suffered in Paris, Nice, Berlin, Istanbul, and right here in Brussels. And the list, as you know, goes on.
We recognize as well that the imposition of stability has taken on new forms that we must now address, for example, in this cyber domain. In response to these threats, NATO is reinforcing deterrence and defense, and adapting to more directly address terrorist threats along our southern flank from the Mediterranean to Turkey, and in the words of the Turkish MOD, a seamless defense from the Kola Peninsula all the way down to the Mideast and across the Mediterranean.
We also met with one of NATO’s closest partners, Georgia. And I expressed appreciation and respect for Georgia’s contributions and sacrifices on NATO’s battlefields in Afghanistan.
The alliance faces not only these strategic realities, but also political realities. I depart here confident that we have an appreciation of the burden sharing that we must all sustain for deterrence, peace and prosperity. I am optimistic the alliance will adopt a plan this year, including milestone dates to make steady progress toward meeting defense commitments in light of the increased threats that we all agree that we face.
It is imperative that we do so to confront the threats as outlined by the ministers of defense of the last two days. Those means — those nations already committing two percent of GDP for defense and the commitments other allies have made to commit the two percent give me the confidence that nothing can shake our unity and our commitment to defend our way of life.
We specifically appreciate Estonia, Greece, Poland and the United Kingdom, who have already met the two percent defense spending commitment. These countries are leading by example, making real sacrifices. All allies recognize that they are benefiting from the best defense in the world.
So, I’m optimistic that all nations are on a steady path to reach the level of commitments made at the Wales and Warsaw summits. Ladies and gentlemen, the Trans-Atlantic bond built on common values remains very, very strong. I see here in Brussels a quickened purpose in this alliance and a profound determination to stand together and honor our commitments to each other.
I have confidence that we will sustain the legacy that we have inherited and do what is necessary to defend our freedoms. So, thank you very much. I’m happy to take your questions.
(…)
Q: Heidi Jensen, Jyllands-Posten, Denmark.
You said yesterday that the U.S. would think about moderating its commitment to NATO if the European members of the alliance didn’t increase its defense budgets. What — what does that mean, exactly? Does that mean that the rock solid support for the Article 5 doesn’t necessarily stand? Or that you will withdraw troops from Europe or — could you elaborate on that? Thank you.
SEC. MATTIS: The commitment to Article 5 remains rock solid. The message that I brought here about everyone carrying their fair share of the burden, the sacrifice to maintain the best defense in the world, was very well received.
It was not contentious. There was no argument; there was simple discussion about how best and how fast can each nation with its own particular circumstance reach it. I leave here very optimistic.
(…)
Q: Yes, this is from Danish Television. Sir, could you please elaborate a little more about the word, moderate?
SEC. MATTIS: No, I’d — I’d prefer not to, ma’am, because basically that is the headline I do not anticipate ever seeing. By putting it out there, by being very honest among friends, we say this is a burden that we all have to carry equally and by being persuasive there you write — we will write our own headlines as a unified alliance that will stand up for each other.
And I’m very confident that we will not have to have that. Sometimes you say the things you don’t want to have happen so that you head them off, but thank you.

(Foto: Journalisten verfolgen die Pressekonferenz des US-Verteidigungsministers im NATO-Hauptquartier in Brüssel)

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