Ein deutscher Ansatz für „Lessons learned“, in Afghanistan ein Abkommen mit einem Warlord

20120703_AFG_Kundus_DeutschesEck

Was haben die Bundeswehr und die deutsche Politik aus dem mehr als ein Jahrzehnt dauernden Einsatz in Afghanistan gelernt? Eine wirkliche Bewertung, ein systematisches lessons learned nicht nur im Militär, sondern in der Politik insgesamt fehlt bislang. Einen ersten Versuch, die richtigen Fragen an das deutsche Engagement am Hindukusch zu stellen, haben der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels, der frühere General Klaus Wittmann und der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Oberstleutnant André Wüstner, gestartet.

Ein so großer Einsatz wie ISAF muss künftig wesentlich besser koordiniert und geführt werden, ist eine zwar banal klingende, aber dennoch sehr grundlegende Erkenntnis, die die drei Autoren in ihrem Papier Aus Afghanistan lernen genannt haben. Auftrags- und Zielklarheit seien, so beklagen sie, sowohl bei den militärischen als auch den zivilen Akteuren Mangelware gewesen.

So blieb die Zusammenarbeit über Ressortgrenzen hinweg trotz aller Bekenntnisse zum Vernetzten Ansatz oft nur eine gut gemeinte, aber kaum umgesetzte  Absicht: Bei der ressortgemeinsamen Zusammenarbeit, etwa in den Provincial Reconstruction Teams (PRT), wären eine regelmäßige gemeinsame Einsatzvorbereitung, gemeinsame Doktrindokumente und ggf. ein gemeinsamer Planungsstab wünschenswert gewesen. Zudem blieb die Gretchenfrage: Wer führt? Und was bedeutet in diesem zivil-militärischen Zusammenwirken eigentlich „Führen“?

Das Papier der drei Autoren erschien zuerst als Gastbeitrag in der Rheinischen Post; auf meine Bitte wurde es auch Augen geradeaus! von Autorenseite zur Verfügung gestellt:

Aus Afghanistan lernen

Und noch eine Lehre, die die Autoren des Papiers ziehen: In den Kategorien von „Sieg“ oder „Niederlage“ sind langfristige Stabilisierungsmissionen nicht zu fassen, schreiben sie.  Für diese Aussage wirkt es fast wie ein Beleg, dass die afghanische Regierung am (heutigen) Donnerstag ein Friedensabkommen mit der radikal-islamischen Gruppe Hisb-e-Islami und ihrem Anführer, dem Warlord Gulbuddin Hekmatjar, unterzeichnet hat. Zur Einordnung der Gruppe und vor allem der Person vom Guardian :

‚Butcher of Kabul‘ pardoned in Afghan peace deal
The Afghan government has pardoned one of the country’s most notorious warlords for past offences including terrorist attacks and alleged war crimes as part of a peace deal with his militant group, Hezb-i-Islami.
The agreement, signed on Thursday after months of negotiations, paves the way for a return to public and possibly political life for Gulbuddin Hekmatyar, who holds an almost unparalleled record of human rights abuses.These include indiscriminate shelling of civilians, targeted assassinations of intellectuals and disappearances of political opponents.

Allerdings kann man das  auch ganz anders sehen, wie die NATO:

NATO SENIOR CIVILIAN REPRESENTATIVE, AMBASSADOR ISMAIL ARAMAZ’S STATEMENT ON DRAFT PEACE AGREEMENT
KABUL, 22 September 2016 – The Office of the NATO Senior Civilian Representative in Afghanistan welcomes the initialling of a draft peace agreement between the Islamic Republic of Afghanistan and Hizb-i Islami Gulbuddin in Kabul today.
The Alliance strongly supports the efforts of Afghanistan’s National Unity Government to enhance peace in the country and to strengthen national stability. NATO also welcomes the renewed efforts deployed by the High Peace Council in order to achieve lasting peace.
The Alliance continues to support an Afghan-led and Afghan-owned peace and reconciliation process which respects the Afghan Constitution and human rights, particularly women’s and children’s rights, as the pathway to a sustainable resolution of the conflict in Afghanistan.
The Office of the NATO Senior Civilian Representative hopes that the draft peace deal will soon be finalised and signed at the highest level.

(Archivbild Juli 2012: „Deutsches Eck“ im PRT Kundus)

21 Gedanken zu „Ein deutscher Ansatz für „Lessons learned“, in Afghanistan ein Abkommen mit einem Warlord

  1. warum wird Deutsches Eck mit Bindestrich geschrieben?

    [Wenn jetzt die Debatte in den Kommentaren nur um diese Schreibweise kreist… bitte nicht. T.W.]

  2. Der Artikel stellt ein paar gute Fragen, vermeidet aber die zentrale Gretchenfrage für die Bundesrepublik Deutschland: Wann hört der Bundestag als Ganzes auf so zu tun, als ginge ihn so ein Bundeswehreinsatz nur bei Abstimmungen zur Mandatsverlängerung etwas an?

    Clausewitz Dictum vom Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln – egal wie sehr diese Sicht heute verpönt ist – läßt sich am Beispiel Afghanistan wunderbar herbeileiten. Der deutschen Politik ging es nie um Afghanistan an sich, mir jedenfalls ist keine Zielsetzung bekannt die über politisches Geschwafel und hohle Phrasen hinausging. Geht man mit einer gehörigen Portion Zynismus an die Sache heran, so werden die Grundinteressen deutscher Politik in punkto Afghanistaneinsatz deutlich: Man wollte einerseits Nähe zum Hegemon USA, ohne aber auf heimischem Parkett dafür größere politische Kosten auf sich zu nehmen. Dabei nahm die militärische Führung der Bundeswehr die Rolle des beflissenen Sekundanten ein … schön durch den Satz

    Verantwortungsvoller militärischer Ratschlag an die Politik sollte im
    Übrigen nicht von vorauseilendem Gehorsam geprägt sein.

    im PDF als Seitenhieb verdeutlicht.

    Die Problematik daran ist aber, daß eine solche Herangehensweise ohne Zielsetzungen und Interessen aber genau dieses Delta zwischen „Bündnisfähigkeit“ auf der einen und innenpolitischer Spannung und soziologischer Ablehnung bzw Skepsis auf der einen festzementiert. Einen derartigen Einsatz nur mit „Bündnissolidarität“ oder irgendeiner nebulösen „Verantwortung“ verkaufen zu wollen hat schon bei Afghanistan nicht funktioniert, denn die Bevölkerung ist ja nicht dämlich.

    Unterm Strich bleibt der zentrale Aspekt, daß ohne Definition deutscher „nationaler Interessen“ keine echte Debatte über Sinn oder Unsinn von Einsätzen geführt werden kann. Auch wird man die distanzierte Haltung der Deutschen zu diesem Thema ohne Ehrlichkeit nicht aufbrechen können. Eher läuft man Gefahr durch die Überbeanspruchung der Begriffe „Solidarität“ und „Verantwortung“ (welche der Bundesbürger zumeist ohnehin längst als politisch korrekte Titulierung von „politischer Gefallen“ oder gar – man möge mir den Begriff verzeihen – „politischen Blowjob“ für Washington, London oder Paris erkannt haben) jedwede Unterstützung in der Bevölkerung über die Zeit zu verspielen. Und irgendwann sind wieder Wahlen … und vielleicht gibts mal das Zusammentreffen von Wahlkampf und einer entsprechenden Krise. Was dann passieren könnte möchte ich gar nicht vorhersagen (AfD anyone?).

  3. Eine „gelernte Lektion“ von wirklicher Tragweite wäre gewesen, die wahren Hintermänner von 9/11 sofort offen zu benennen und dementsprechend in Saudi-Arabien einzumarschieren, statt die Verantwortlichen direkt nach dem Angriff in einer Nacht und Nebel-Aktion trotz Flugverbot aus den USA zu schaffen.

    Der Elefant im Raum wird wie immer gekonnt ignoriert.

  4. Wieder einmal ein Papier, in dem „Experten des Krieges“ den „Experten der Politik“ mehr oder weniger vorwerfen keine Strategie zu haben. Nun, in dem Papier konnte ich leider keinen überzeugenden Strategievorschlag der „Experten des Krieges“ entdecken.
    Wann akzeptieren wir endlich, dass Clausewitz kriegstheoretisch so tot ist wie das Rinderterminal des Bahnhofes in Chikago im letzten Jahrhundert nachdem der letzte Zug mit Rindern dort entladen wurde. Bürgerkriege mit direkter oder indirekter militärischer „Einmischung“ seitens des Auslandes folgen offensichtlich nicht den gleichen Gestzmäßigkeiten wie zwischenstaatliche, konventionelle Kriege. Wie man ganz aktuell in Syrien sehen kann sind das mehr als totale Kriege, es sind chaotische Kriege – und sie sind umso chaotischer je multipler die Einmischung von außen ist. Sehr „moderne“ Kriegstheoretiker behaupten ja, dass im Chaos auch „Chancen“ schlummern, fragt sich bloß, wer und wie man diese „Chancen“ für wen bitte nutzen kann. „Nur das Genie beherrscht das Chaos!“ sagt der Volksmund (oder heißt das jetzt völkischer Mund ? /SCNR), wir brauchen also keine Strategen, sondern Genies, um solche Bürgerkriege wie in Afghanistan etc. unter „Kontrolle“ zu bekommen. Problem dabei ist, dass echte Genies niemals auf die Idee kommen würden, sich als Chaosbändiger zu bewerben.
    Wenn es weder eine militärische noch eine politische Lösung gibt, die alle Beteiligten „zu Frieden“ stellt, dann sollte man zumindest versuchen das Chaos einzuhegen – auch wenn das bedeutet, dass man selbst mit einem „Butcher“ einen Teilfrieden schließt, wenn der dazu bereit ist – denn seien wir einmal ehrlich: welcher Beteiligte in einem dieser neuzeitlichen Bürgerkriege kann seine Hände völlig „in Unschuld waschen“ ? Hilfreich ist natürlich auch, wenn ein hegemonialer Beteiligter seine eigenen Chaoschancennutzungstheoretiker unter Kontrolle halten/bringen kann……

  5. Ich halte das eher für ein Dokument der Selbstrechtfertigung. Für eine Aufarbeitung ist es möglicherweise auch noch zu früh, denn viele unserer Akteure wollen noch Karriere machen und da wäre es schädlich, schonungslos Fehler und Scheitern offenzulegen. Wir leben in einer Zeit, in der gesellschaftliche und politische Entscheidung von positiven Emotionen und Wohlfühlstimmungen determiniert werden. Ein schonungsloses Benennen von Versagen und Fehlern findet keine Mehrheiten, es sei denn, die individuelle Lebenswelt ist (mindestens eingebildet) betroffen. So etwas ist das vergleichbar mit den bundesdeutschen 1950er Jahren und den damaligen Verdrängungen und Wunderkindern.

    Eine Schönrednerei, die Kategorien von Sieg und Niederlage ausklammern möchte, kann nicht sachgerecht sein. Es geht bei Interventionen im Ausland immer um Sieg oder Niederlage. Rhetorisch abgefedert kann man das auch Zielerreichung (Sieg) oder eben fehlende Zielerreichung (Niederlage) nennen, in der Sache ändert sich nichts. Das gilt nicht nur für militärische Interventionen, sondern auch für Entwicklungshilfe oder diplomatische Missionen. Wer eine Evaluation des eigenen Handels anhand von scharfen Kategorien vermeiden will, riskiert seine geistige Gesundheit und verschwendet letztendlich nur Steuergelder. In gelebter Verantwortungsdiffusion wird dann vor sich hingewurschtelt und es wird der Sache, für die man vorgibt zu kämpfen, nur geschadet.

    Der alte Clausewitz wurde bereits genannt. Hätte man die von ihm formulierten Prinzipien beachtet, wäre man nicht in das ISAF-Desaster reingerutscht. Wir werden nicht daran vorbeikommen, dass wir zukünftig von politischen Entscheidern verlangen, dass sie sich ausreichend bilden um überhaupt verstehen zu können, was sicherheitspolitische Fachleute ihnen versuchen zu erklären. Welche politische Entscheidung dann getroffen wird, ist Sache des Bundestages. Es sollte nur so etwas wie Entscheidungskompetenz vorhanden sein.

    Vorauseilender Gehorsam wird von den Führern eines Landes herangezüchtet. Fehlt es an Diskussionskultur und humanistischer Bildung, gelangen nur Personen in die Hierarchie, die vorauseilend gehorsam sind. Der Fisch stinkt immer vom Kopfe an und züchtet sich den dazu passenden Personalkörper.

    Nicht zuletzt müssen wir uns fragen, ob wir uns unser Helfersyndrom überhaupt noch leisten können, insbesondere in Situationen, in denen das Mündel(oder besser: Opfer) diese Hilfe gar nicht will. Möglicherweise hat sich unser Wertesystem so überdehnt, dass es unser Modell ist, das auf dem Müllhaufen der Geschichte landet.

  6. „Wann akzeptieren wir endlich, dass Clausewitz kriegstheoretisch so tot ist wie das Rinderterminal des Bahnhofes in Chikago…“

    Sie haben Clausewitz offensichtlich nicht verstanden. Auch in einem Bürgerkrieg haben die verschiedenen Akteure politische Ziele. Ihr Fehler ist es „Politik“ ausschliesslich mit „hoher Politik“ gleichzusetzen. Politik = Ziel, egal ob ich als Staat einem anderem Staat ein Gebiet ablucksen will, ihn in die Schranken weisen will, oder als Warlord oder Drogen Boss ein Stadtbezirk „erobern“ will, oder als Einzelperson einer anderen Person eine Banane klauen will. Mit dem Dictum vom Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln meint Clausewitz einfach das man Ziele auch mit Gewalt durchsetzen kann. Das der Krieg, oder jede andere Art der Gewaltanwendung einfach die Durchsetzung der eigenen Ziele ist. Selbst Unternehmen bedienen sich der Clausewitzschen Theorie. Und dabei geht es nicht mal um Gewalt. Wo Clausewitz vielleicht scheitert, so wie auch die Theorie des rationalen „Homo Economicus“ ist daran das der Mensch eben nicht rational ist, jedenfalls nicht objektiv betrachtet. Innerhalb seiner Weltanschauung und Wahrnehmung mögen die Entscheidungen „rational“ bzw. mehr oder weniger logisch konsequent sein. Aber so weit mir bekannt hat Clausewitz nie was von logischer Rationalität gesagt. Auch ein verrückter Serienmörder hat ein Ziel das er mit Gewalt durchsetzt, ob es rational ist, ist nicht ausschlaggebend. Sie vergessen das es Clausewitzt darum geht dem anderem seinen Willen, seine Ziel, seine Politik aufzuzwingen. Politik, oder im englischem Policy/Politics ist einfach der Begriff für die Ziele und der Process deren Verwirklichung.

  7. @ Sebastian Diehl

    Danke für Ihre Klarstellung zur Theorie von Clausewitz.

    So wie ich Clausewitz verstanden habe, kommt es in diesem Denkmodell nicht auf Logik oder Rationalität des Individuums an, sondern darauf, was eine durchsetzungsstarke dominante Strategie ist. Es geht auch nicht darum, welche Partei jetzt unter welchen Kriterien auch immer besser oder schlechter sei.

    Ein menschenverachtender Schlächter und Diktator, der unserem Verständnis von humanitärer Logik und Rationalität vollkommen widerspricht, kann also sehr wohl unter handwerklicher Beachtung Clausewitzscher Theorie eine moralisch erhabene aufgeklärte gendersensible Minderheiten respektierende kultursensible Demokratie unterwerfen und ihr seinen Willen aufzwingen.

    Ein paar afghanische Hinterwäldler haben das der reichen gebildeten waffenstarrenden Nato in den letzten 15 Jahren eindrucksvoll vorgeführt. Ein paar simple Erkenntnisse reichten dafür aus, z.B.: Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit! Wenn einer eurer Soldaten fällt, verliert eine eurer Familie ihren einzigen und letzten Sohn und ist ausgelöscht. Wenn einer unserer Kämpfer sich in die Luft sprengt, hat die ganze Familie mit 6 Geschwistern einen Helden gewonnen und einen Esser weniger.

    Moralisch mit unserer Weltsicht nicht vereinbar, militärisch jedoch dominant und durchsetzungsstark, wie die Geschichte von ISAF zeigt.

  8. @Sebastian Diehl

    Na ja, wenn sie – so wie in Syrien – ca.250 militärisch bewaffnete „Interessensdurchsetzer“ haben, die alle – so wie sie – den Clausewitz viel besser verstanden haben als ich, dann kommt eben das dabei raus, was ich als chaotischen Bürger/Krieg bezeichnet habe, inklusive solcher Nebeneffekte wie Flüchtlings- und Terrorismus-Export. Dolle Wurst, denn letztendlich ist – wenn alle das so sehen – eine politische Lösung nur militärisch erreichbar. Nun, die Bilanz der Bürger/Kriege mit multipler externer Beteiligung in den letzten 20 Jahren sieht imho etwas anders aus. Je mehr militärisch agierende „Interessensdurchsetzer“ – desto weniger Clausewitz, würde ich einmal bilanzieren.
    Oder anders formuliert: ein chaotisches System läßt sich gewaltsam/militärisch nicht ordnen. Insofern bleibe ich bei meiner These: Clausewitz ist out.

  9. @ klabautermann

    Ich fürchte Sie zäumen den ollen Clausewitz hier von hinten auf – nicht allein militärische Mittel führen zu einem (wie auch immer geartetem) Ziel in solchen Konflikten, nein! Das Problem ist doch, daß man militärische Mittel ohne politisches Ziel und ohne Zielvorstellungen einsetzt, weil man politisch unter Druck gesetzt wurde da mitzutun. So in Afghanistan, so in Mali und so auch in Syrien. Das ist der Casus Knackus.

  10. Mist, Editieren geht ja nicht mehr.

    Das Problem ist doch, daß man militärische Mittel ohne politisches Ziel und ohne Zielvorstellungen einsetzt, weil man politisch unter Druck gesetzt wurde da mitzutun …

    … und zwar ohne eigene Interessen oder Ziele in solchen Konflikten zu haben. Das ganze nennt sich „Entrapment“ – man ist in politischen Strukturen gefangen und soll nun in den Bereich des Militärischen vordringen, ohne selber davon wirklich betroffen zu sein.

  11. @csThor

    Das was sie als “Entrapment” bezeichnen ist nun einmal die Konsequenz von politischen Grundsatzentscheidungen in Sachen Außen-und Sicherheits-, bzw. Verteidigungspolitik.
    Die strategische Alternative wäre strikte Neutralität und Abstinenz in Sachen Kollektive Sicherheitssysteme; von daher sehe ich gar keine Notwendigkeit der Politik bei der Beteiligung an solchen Konflikten „Interessen oder Ziele“ en detail zu formulieren – das bietet ja auch die Möglichkeit ohne Begründung ggflls.einen bail-out aus der Operation vorzunehmen – so wie das in Afghanistan z.Bsp. die Kanadier und Franzosen gemacht haben. Also auch aus dieser Perspektive halte ich an meiner These fest: Clausewitz ist out.

  12. @ klabautermann

    Sie beschreiben das Spannungsfeld aus „äußeren Erwartungen“ und „heimischen Limitationen“, betrachten es aber als unwichtig. Angesichts des sh*tstorms, der sich ob der „caveats“ in Afghanistan über Deutschland ergossen hat oder ob des mürrischen Gesichtsausdrucks von Hollande, als Merkel die Alibi-Beteiligung an den Operationen gegen den IS erklärt hat halte ich dieses Spannungsfeld für nicht auf Dauer beherrschbar oder auch nur stabil. Entweder man gibt den Wünschen von außen nach und muß dafür nach innen die eigenen Interessen klar definieren und kommunizieren (weil man sonst Gefahr läuft bei den nächsten Wahlen eine fiese Klatsche zu bekommen) oder man hört auf das heimische Publikum und muß die Verweigerung von Auxiliarleistungen nach außen verkaufen.

    Die faktisch gelebte „ein bischen schwanger, aber bitte ohne die Übelkeit“-Haltung wird auf Dauer nicht durchzuhalten sein – sie geht ohnehin nur solange, bis eine Toleranzgrenze überschritten wird. Entweder rebelliert der heimische Wähler (weil der das hohle Geschwätz von wegen „Solidarität“ oder „Verantwortung“ nicht mehr hören will) oder die äußeren Strukturen geraten unter Druck, weil mehr von Deutschland erwartet wird als es bereit ist zu geben. Irgendwem wird die Politik auf die Füße treten müssen (was mein Querverweis auf Clausewitz ist – für den Einsatz militärischer Mittel muß es ein klares Ziel geben – Verweise auf „Solidarität“ oder „Verantwortung“ reichen mir nicht).

  13. @csThor

    Nun, ich glaube wirklich, dass Deutschland seinen Verbündeten eine ganze Menge gegeben hat in den letzten 20 Jahren….und das auch weiterhin tun wird. Allerdings auf der Grundlage der FDGO (die ja in gewisser Weise von unseren „Verbündeten“ einst so konfiguriert worden ist) – das müssen halt die Verbündeten akzeptieren und aushalten. So wie die Balten und Polen eben aushalten müssen, dass ein Obama bei seinem letzten Besuch im Baltikum (paraphrasiert) gesagt hat, dass der Art.5 keine in Granit gemeißelte Sicherheitsgarantie ist. Deutschland ist eine parlamentarische Demokratie und von daher ist doch in erster Linie das Vertrauen des Wählers in die FDGO-konforme Mandatierung von Einsetzen von Wichtigkeit und Interesse……und da hat sich der Bundestag schon ganz schön weit „aus dem Fenster“ gelehnt gerade bei dem Mandat gegen den IS auf Grundlage des französischen Ersuchens gem des Lissabon Vertrages. Hollande hat wahrscheinlich deswegen so mürrisch geschaut, weil Obama die NATO eben nicht vorranschicken wollte wie weiland in Sachen Libyen….der wollte eben keine zweite shit show by EU auf seine letzten Tage erleben. Allein an diesem Beispiel sieht man doch wie breit gestreut die Ziele und Interessen unserer Verbündeten sind. Deutschland steht da immer in einem politischen Spagat und in dieser Haltung ist ein nationaler Interessens-und Zielkatalog doch in jeder Hinsicht kontraproduzent. Es wird also bei parlamentarischen Einzelfallentscheidungen bleiben…und auf der operativen Ebene wird es weiterhin eine vorrangig politische Führung mit militärischer Beratung geben und auf der taktischen Ebene eine vorrangig militärische Führung mit politischer Begleitung.
    Kling kompliziert ? Ist es aber nicht. Denn wenn wir die Rolle der Politik auf Zielvorgaben reduzieren und dann die Umsetzung der militärischen Führung überlassen, dann sind wir nicht bei Clausewitz, sondern bei Moltke.

  14. @ klabautermann

    Dem Clausewitz würde ich nach wie vor Gültigkeit zuweisen, vielleicht ergänzt um Sunzi, denn die Konflikte der Gegenwart werden wieder archaischer, so dass die von den Altmeistern der Kriegskunst erkannten Mechanismen mehr in den Vordergrund rücken.

    Out sind die selbsternannten Weltenretter mit Helfersyndrom, die uns Konflikte wie Somalia, Afghanistan, Sudan, Mali oder Syrien eingebrockt haben, indem sie sie zu unseren Konflikten gemacht haben. Diese neuzeitlichen Interventionsfürsten einer höheren Moral schicken überall Truppen hin, wissen aber nicht warum und drücken sich vor einer klaren erreichbaren Zieldefinition.

    Wir müssen langsam einsehen: Wir können nicht die Welt retten! Wir können ja nicht mal die eigene Grenze sichern.

  15. @Klabautermann: Bei einem militärisch-industriellen Komplex der zum Staat im Staate wird und im schlimmsten Fall aussenpolitische Eigeninteressen und gesellschaftliche Eliten entwickelt.

    Apopros FDGO vgl. Deutscher Idealismus…

  16. @AoR

    Nun ja, Staaten in Staaten gibt es viele….
    In Sachen Strategic Lesson Learned hier ein imho sehr guter Artikel aus der NZZ:
    http://www.nzz.ch/meinung/syrien-diplomatie-humanitaere-hilfe-ist-kein-ersatz-fuer-politik-ld.118424
    „………Diplomatie zur Beendigung eines Krieges hat dann Chancen auf Erfolg, wenn die Konfliktparteien militärisch an ihre Grenzen stossen. Aber weil in Syrien so viele ausländische Akteure involviert sind, scheint der Strom von Waffen und Kämpfern nie zu versiegen. Zugleich ist keine Seite in der Lage, den Gegner zu besiegen, und niemand willens, seine Strategie zu ändern………“

    Schwarzer Humor hilft da auch nicht wirklich, bringt es aber auf den Punki: : „…..«Als wir klein waren, schauten wir Tom und Jerry. Als wir erwachsen wurden, schauten wir Lawrow und Kerry»….“

  17. Bei aller Anerkennung dafür, dass die Autoren des Positionspapiers versuchen, das Thema Afghanistan und LL für die deutsche Außen-und Sicherheitspolitik in der Bundespolitik „hoch zu halten“, so vage und mutlos bleibt es doch am Ende.
    Klare und realisierbare Handlungsmöglichkeiten, wie die Bundesregierung in Zukunft handeln soll oder welche Stellschräubchen zu drehen sind, gibt es letztlich wieder mal nicht.
    Das der vernetzte Ansatz Schwächen hat und konkrete Zielsysteme mit Evaluationsmechanismen fehlen +++Überraschung+++ ist auch ein alter Hut.
    Ich empfehle dazu eine erfrischend mutige Lektüre von Bundeswehroffizieren, die sich kürzlich damit, und aus meiner Sicht ziemlich prägnant, befasst haben.

    Titel „Der innerafghanische Friedens- und Aussöhnungsprozess: Folgerungen für die künftige deutsche Beteiligung an internationalen Operationen zur Krisenbewältigung in fragilen Staaten“ (Link an dieser Stelle nicht)

  18. „Verantwortungsvoller militärischer Ratschlag an die Politik sollte im Übrigen nicht von vorauseilendem Gehorsam geprägt sein.“

    Den Satz sollte sich der Beirat Innere Führung einmal Gemäuer anschauen.

    Wir kann dies passieren?
    In einem Krieg handelt die militärische Führung in vorauseilendem

  19. Edit:
    …berät die militärische Führung in vorauseilendem Gehorsam.

    Sollte die Innere Führung nicht genau das Gegenteil sicherstellen?

  20. In meinen Augen fehlte es an drei anderen Dingen, als an“fehlenden“ Auftrags- und Zielvorgaben:
    1. Die Mittel zum Erreichen der Ziele konsequent daran auszurichten und einsetzen zu lassen.

    2. Der Wille Erreichtes gegen teilweise hanebüchene Kritik und vor allem Ungeduld entschlossen zu verteidigen.

    3. Die Akteure (zivile wie militärische) aus einer (zivilen) Hand zu führen, mittels tragfähiger SOP aneinander zu binden und Fehlentwicklungen nicht einfach laufen zu lassen.

    Zu deutsch: Engagierte Zieldefinitionen sind couragiert zu verfolgen.

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