Deutsch-Niederländische Heeresgemeinschaft: Noch keine Panzer, aber viel Hoffnung

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Das Foto oben ist, genau genommen, nicht echt. Denn das am (heutigen) Donnerstag im niedersächsischen Bergen neu aufgestellte Panzerbataillon 414 hat bislang noch keinen einzigen eigenen Kampfpanzer, sondern muss sich die, bei Bedarf, bei der benachbarten Panzerlehrbrigade in Munster leihen. Der Leopard2A6 mit dem, sagen wir mal optimistischen taktischen Nummerierung des Panzerbataillons 414 stand aber in der ehemaligen britischen Kaserne in Bergen eher auch als Zeichen für eine komplexe Verflechtung des deutschen und des niederländischen Heeres.

Denn nach der Unterstellung der 11 Luchtmobielen Brigade der Niederländer unter die deutsche Division Schnelle Kräfte vor fast zwei Jahren hat das Nachbarland einen weiteren großen Teil seiner Landstreitkräfte ins Deutsche Heer eingegliedert. Bei einem Appell am Donnerstag in Bergen wurde zunächst die 43. Mechanisierte Brigade der Niederlande der deutschen 1. Panzerdivision unterstellt, als nächster Schritt folgte die Indienststellung des neuen deutschen Panzerbataillons 414, das wiederum der niederländischen Brigade unterstellt wurde. Und zu dem neuen Bataillon gehört eine Kompanie, die von niederländischen Soldaten gestellt wird – mit (geleasten) deutschen Kampfpanzern.

Was sich so komplex darstellt, ist nicht zuletzt ein politisches Zeichen: Erstmals haben die beiden Nachbarn ihre Streitkräfte bis praktisch auf die unterste taktische Ebene miteinander verzahnt. Das ist zum einen ein Zeichen politischen Willens, aber natürlich auch eine Folge von Sparmaßnahmen in allen Verteidigungshaushalten.

Das neue Panzerbataillon spiegelt den Sparzwang wie in einem Mikrokosmos wieder. Die Niederlande, die aus finanziellen Gründen ihre Panzertruppe abgeschafft hatten, bekommen wieder Zugriff auf einige dieser Gefechtsfahrzeuge: 18 Leopard-Kampfpanzer sollen künftig der niederländischen Kompanie gehören (übrigens vier mehr als in den deutschen Kompanien, weil die niederländische Kompanie vier Züge mit je vier Panzern hat, die Deutschen dagegen nur drei Züge), die Niederlande stellten dafür ihre noch vorhandenen – und veralteten – 16 Leopard-Panzer den Deutschen zur Verfügung. Im Gegenzug wurde damit für das deutsche Heer die Neuaufstellung des Bataillos in Bergen möglich – in der Kaserne, die von den Briten geräumt worden war, was wiederum für die Region eine wirtschaftliche Einbuße bedeutet hätte.

Allerdings ist das Bataillon noch ein ganzes Stück von seiner angepeilten Sollstärke von 48 Kampfpanzern entfernt. Bislang hat es, siehe oben, keinen einzigen. Allerdings rechnet Kommandeur Oberstleutnant Marco Niemeyer damit, im April die ersten Gefechtsfahrzeuge zu bekommen – und in diesem Jahr dann zunächst 19 Panzer. Mittelfristig, das heißt in den nächsten zwei Jahren, sind dem Bataillon 30 Leoparden in Aussicht gestellt. Wann die Vollausstattung mit 48 Panzern erreicht wird, dürfte nicht zuletzt davon abhängen, wie schnell die Modernisierung der geplanten 100 zusätzlichen Leopard fürs Deutsche Heer vorangeht. (Wie an anderer Stelle hier auf Augen geradeaus! thematisiert, gibt es ja dafür bislang noch nicht mal einen Vertrag.)

Die Chefs des deutschen und des niederländischen Heeres, Jörg Vollmer und Mart de Kruif (Foto oben),  wollten vor dem Appell aber nicht nur das neue Bataillon als wesentlichen Meilenstein der Zusammenarbeit sehen. Es gehe um die sinnvolle Kooperation der Streitkräfte beider Länder – wie es de Kruif auf den Punkt brachte: Er wolle nicht von seinen Enkeln gefragt werden: Warum habt ihr nicht zusammengearbeitet?

Beide Generale sahen auch erst mal kein Problem in den unterschiedlichen Engagements beider Länder bei Auslandseinsätzen. Die Niederlande haben zwar in der Vergangenheit bewiesen, im Süden Afghanistans wie aktuell in Mali, dass sie oftmals in kritischere Einsätze gehen, als die deutsche Politik sie mag. Doch aus seiner Erfahrung in Kandahar wisse er, dass auch bei unterschiedlichen Vorgaben Kooperation funktioniere, sagte de Kruif.

Die Pressestatements von Vollmer und de Kruijf zum Nachhören (einschließlich des niederländischen Teils am Schluss):

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Zur Dokumentation und weil es ein bisschen zum Verständnis dieser Zusammenarbeit beiträgt, die Rede des Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses im niederländischen Parlament, Han ten Broek:

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… und des deutschen CDU-Bundestagsabgeordneten Henning Otte (der sich erfolgreich für die Aufstellung des neuen Panzerbataillons in seinem Wahlkreis stark gemacht hatte):

 

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Die Rede von de Kruif zur Unterstellung der niederländischen Brigade unter die deutsche Division:

 

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… und die Rede Vollmers zur Aufstellung des Panzerbataillons 414:

 

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Dabei bekam das Bataillon auch sein Fahnenband

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… und noch eine Impression, die einen wesentlichen Unterschied der niederländischen und der deutschen Streitkräfte zeigt: Die Niederländer kamen teilweise in historischen Uniformen. Auf der Schärpe die Jahreszahl: 1577. Da war in Deutschland von einem deutschen Heer noch sehr lange keine Rede.

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(Mehr Bilder hier.)

53 Gedanken zu „Deutsch-Niederländische Heeresgemeinschaft: Noch keine Panzer, aber viel Hoffnung

  1. @Eisenschwein | 18. März 2016 – 10:24
    Wenn ich das im Kontext mit der Attraktivität der Truppe sehe: Zwei Schritte zurück.

    Naja, wenn ich das im Kontext einer Europäischen Armee sehe: Fünf Schritte vor!

    Noch vor 3 Jahren hätten (fast) alle hier im Forum gesagt: Das ist unmöglich. Das würden die stolzen Niederländer niemals tun … Nur die „unfähigen“ deutschen SiPo würden von einer EU-Armee träumen.

    Und jetzt?

  2. @mittgard | 20. März 2016 – 10:24
    „Naja, wenn ich das im Kontext einer Europäischen Armee sehe: Fünf Schritte vor!“

    Hmmm, da stimme ich nur bedingt zu. Die Niederländer sind ein Sonderfall. Sie sprechen überwiegend Englisch und Deutsch, sind in ihrem Politik und Demokratieverständnis dem deutschen ähnlicher als alle anderen europäischen Nationen/Gesellschaften (vermutlich sogar näher, als die Österreicher) und haben eine Vorstellung von Menschenführung, die der der Bw relativ ähnlich ist.

    Ich glaube nicht, dass ein vergleichbares Projekt mit einer anderen Nation so gut funktionieren wird.

    Die D/F ist ja faktisch seit Jahren militärisch und politisch tot.

    Mit den POL versuchen wir es, aber ich prophezeie, dass wird um Längen nicht so gut laufen, wie mit den NLD (sowohl wegen Sprache, als auch wegen Menschführung und schlussendlich auch wegen Politik/Gesellschaft).

    Vielleicht würde es auch mit den BEL funktionieren, aber die haben derzeit mit sich selbst genug zu tun.

    Mit den Österreichern könnte man es auch machen, aber die sind militärisch noch schlechter aufgestellt als wir. Zudem würden die uns mit ihrer Wehrpflichtarmee derzeit nicht weiterbringen und die „Neutralitätspolitik“ macht sowieso alles nur komplizierter.

    Von daher: NLD –> wird klappen. Rest –> eher skeptisch :(

    „Noch vor 3 Jahren hätten (fast) alle hier im Forum gesagt: Das ist unmöglich. Das würden die stolzen Niederländer niemals tun …“

    Naja, die NLD sind halt eine alte Handelsnation und in vielen Dingen sehr pragmatisch ;) Sie haben festgestellt, dass man Panzer braucht, aber keinen eigenen Weg gefunden sie zu finanzieren (ich spreche hier nicht von der einen Kompanie, sondern von dem logistischen und ausbildungstechnischen Wahn, der an einer Truppengattung hängt).

    Gleiches gilt für die Div-Ebene. Die NLD haben verstanden, dass sie so etwas brauchen, es sich aber nicht leisten können.

    Von daher sind wir DEU sicherlich nicht eine Liebesebene, sehr wohl aber eine Zweckheirat :)

    Dazu kommt noch, dass wir DEU ja auch nicht unbedingt attraktive Partner für die anderen Nationen sind. Wenn wir DEU mehr in die Bw investieren würden, wären wir vielleicht als „Anlehnnation“ wirklich gesucht, z.B. für DNK, NOR, BEL, aber solange wir selbst so schlecht aufgestellt sind :(

  3. @Koffer “ Die Niederländer sind ein Sonderfall. Sie sprechen überwiegend Englisch und Deutsch, sind in ihrem Politik und Demokratieverständnis dem deutschen ähnlicher als alle anderen europäischen Nationen/Gesellschaften (vermutlich sogar näher, als die Österreicher) und haben eine Vorstellung von Menschenführung, die der der Bw relativ ähnlich ist. “

    Sorry, Sie liegen mit Ihrer Einschätzung sowas von daneben, dass es weh tut. Nach mehr als 5 Jahren leben in Holland und dienen mit Holländern, darf ich Ihnen versichern, dass in Sachen Politik und Demokratieverständnis durchaus unterschiedliche sowie in Sachen Dienstauffassung und Menschenführung völlig unterschiedliche Vorstellungen vorherrschen. Die holländische Armee ist nahezu eine Gewerkschaftsarmee. Allerdings schützt diese ihre Mitglieder nur solange diese auf einem aktiven Dienstposten sitzen und der Schutz besteht im wesentlichen darin, den Vorgesetzten daran zu hindern, Disziplin und Leistung in gebührendem Maß einzufordern. Wenn die aktive Dienstzeit auf einem Dienstposten (in der Regel 3 Jahre) vorbei ist, muss sich der Soldat selbst um eine neue Verwendung kümmern. Hierauf besteht kein Rechtsanspruch. Schafft er es nicht den Vorgesetzten des Dienstpostens auf den er sich bewirbt, von seinen Qualitäten zu überzeugen (Beurteilungen gibt es in den NLD Streitkräften nicht), hat er Pech gehabt. Nach 2 Jahren erfolglosen bewerbens auf einen neuen Dienstposten, muss der Soldat (Dienstgradunabhängig) sich im zivilen einen Job suchen oder er lebt fortan von Sozialhilfe. Dies und vieles mehr, insbesondere Dienstauffassung, unterscheiden sich völlig von dem, was die Bundeswehr abbildet. Sprachlich gesehen liegen Sie ebenfalls falsch. Englisch kann zwar jeder vom Verteidigungsminister bis runter zur Klofrau, Deutsch sprechen allerdings die wenigsten. Deutsche Sprachkenntnisse findet man überwiegend nur bei Menschen, die aus dem DEU-NLD Grenzgebiet stammen.

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