Lagebeobachtung Ukraine, 27. Mai

Die Situation im Osten der Ukraine wird weiterhin von schweren Auseinandersetzungen geprägt. Die so genannte Anti-Terror-Operation der ukrainischen Sicherheitskräfte rund um Donetsk (Donezk) ging auch am Dienstag weiter; weit über 30 Menschen sollen dabei bislang ums Leben gekommen sein.

Die Überblicke von

Reuters:

ITAR-TASS: Shooting breaks out near Donetsk airport, fighter planes fly over

Ein Team von OSZE-Beobachtern wird seit dem (gestrigen) Montagabend vermisst, wie die Organisation mitteilte:

KYIV, 27 May 2014 – On Monday evening at around 18:00 OSCE Special Monitoring Mission lost contact with one of its Donetsk-based teams.
The team was on a routine patrol east of Donetsk when contact was lost. We have been unable to re-establish communication until now. The team consists of four international SMM members.

Dabei soll es sich laut BBC um jeweils einen Türken, Schweizer, Esten und Dänen handeln. Zur Erinnerung: die Geiselnahme der – auch deutschen – Militärbeobachter unter OSZE-Dach hatte ebenfalls mit dem Verlust des Kontakts begonnen.

Material von AP von den Auseinandersetzungen am Montag:


(Direktlink: http://youtu.be/mVN_jFHYDwA)

Dazu auch diese Reportage von VICE: Let Them Eat Cake or: The Battle for Donetsk International Airport

Auf der von Russland annektierten Krim wird zum 1. Juni der russische Rubel als offizielles Zahlungsmittel eingeführt: Putin signs law to stop Ukrainian hryvnia circulation in Crimea from June 1

Weiter nach Entwicklung, gerne auch in den Kommentaren.

 

36 Gedanken zu „Lagebeobachtung Ukraine, 27. Mai

  1. Was für Bilder, was für ein Ohnmachtsgefühl.
    Könnte in die Tischkante beißen…
    2014. Und es ist wieder Krieg in Europa.

  2. Wann ist eigentlich die Grenze erreicht, ab der nicht mehr von einer „Ukraine-Krise“ die Rede ist sondern von einem (Bürger-)Krieg?
    Eine (versuchte?) Rückeroberung eines Flughafens scheint mir schon weit außerhalb einer von Separatisten verursachten „Unruheprovinz“ zu liegen.

  3. @ TomTom:

    Es gibt keine allgemeingültige Definition eines „Bürgerkriegs“. In der Wissenschaft relativ anerkannt ist die Definition nach dem Uppsala Conflict Programme, das von „1000 battle related death“ (alle Konfliktparteien + Zivilisten) spricht. Insofern müsste die Ukraine noch in die Rubrik „minor armed conflit“ fallen. (Anders als der Konflikt im Südsudan, der etwas zeitgleich mit der Ukraine-Krise begann, aber etwa 10.000 Tote + 1 Million Vertriebene forderte. Das interessiert hierzulande aber keinen.)

  4. zumindest hat die ukrainische armee materiell vorgesorgt und sehr viel schwere Technik eingelagert. (wiki ukrainian ground forces) Dazu eine Frage zur Bundeswehr. Giebt es bei der BW „eingelagerte“ Technik? Also grosse Hallen in denen waffensysteme duerhaft für den „Ernstfall“ gelagert werden z.b die ausgesonderten Gepart, Marder,Leo1A5, Leo2A4 ecp.pp…?
    LG

  5. @ tzg90 & TomTom

    wobei die uppsala definition ja auch eher willkürlich bzw. nummernästhetisch gezogen ist.

    wie sagte mal jemand so schön „war lies in the eyes of the beholder“

    wenn es wie krieg aussieht ,anhört und anfühlt ist es vermutlich Krieg. ist im völkerrecht übrigens auch so bei der differenzierung zwischen „armed agression“ und sogenannter „kleiner gewalt.“

    also eher ein subjektiver maßstab.

    (ganz abgesehen davon das die ukraine it der ankunft ausländischer freischärler ohnehin die schwelle zum „nichtinternationalen bewaffneten“ konflikt a la afghanistan müberschritten haben dürfte)

  6. Nachrichten aus Tschetschenien:

    Angeblich läuft dort ein regelrechtes Rekrutierungsprogramm mit bisher bescheidenem Erfolg.
    http://windowoneurasia2.blogspot.de/2014/05/window-on-eurasia-grozny-forcing.html

    Außerdem haben ARD und ZDF ihre Leute etwas zurückgezogen.
    https://presse.wdr.de/plounge/wdr/unternehmen/2014/05/20140527_korrespondenten.html

    Die OSZE-Leute wurden wohl tatsächlich von Freischärlern verschleppt:
    http://www.kyivpost.com/content/ukraine/danish-minister-armed-separatists-involved-in-disappearance-of-osce-observers-in-ukraines-east-349696.html

    Russische orthodoxe Kirche und panslawischer Faschismus – wieder einmal:

    More evidence emerges that members of the Russian Orthodox Church in #Ukraine are fighting alongside separatists pic.twitter.com/Ahw5dEAaN7— Ukraine Reporter (@StateOfUkraine) 27. Mai 2014

  7. Und auch Herr Putin kommt in die Zwickmühle
    Weil wenn er nicht tut für seine Anhänger, sind die bald weg und in Zukunft hört keiner mehr je auf Russland
    Geht er in den Krieg ist der Wirtschaftskrieg mit dem Westen da

  8. die aussagen der Tschetschenen erscheinen mir etwas seltsam. zum einen gibts die kadyrowzy (kadyrow treue truppen), gleichzeitig wird aber behauptet, das „vostock“ bat. würde in der ukr operieren. letzteres wurde von kadyrow massiven repressionen unterzogen.
    da müsste man mal schauen, ob und wer sich da zusammengerauft hat …

  9. Das Wostok in der Ukraine hatte nach Gerüchteküche zunächst vor allem lokale, russische und ossetische Mitglieder. Ich vermute, daß Girkin es in Zusammenarbeit mit Kadirow reaktiviert hat und die Rekrutierung in Tschetschenien einfach etwas länger dauerte. Für die Söldner des alten Battallions wäre das eine Chance auf Rehabilitation und Verdienst.

  10. zum bat. wostok und seiner jüngeren geschichte: ehemaliger armeetrupp im dienste des damals „unabhängigen“ tschetscheniens. im 2. tschetschenienkrieg wechselte diese einheit die seiten und wurde dem russ. geheimdienst unterstellt (soweit ich weiss). 2008 kam es zum showdown, die truppenführung (ein tschetschenischer clan um 5 brüder) wurde von kadyrow „enthauptet“ (nicht ganz wörtlich zu nehmen, einer wurde in moskau, ein anderer in dubai erschossen) und die einheit kadyrow unterstellt (die „auflösung“ war wohl eher ein PR-gag, um das tschetschenische parlament zu beruhigen, das sich bitter in moskau über diese verbrecherbande beschwert hatte).

    http://en.wikipedia.org/wiki/Sulim_Yamadaev%E2%80%93Ramzan_Kadyrov_power_struggle

    http://www.theotherrussia.org/2008/04/21/in-chechnya-a-power-struggle-with-deadly-consequences/

  11. Die EBRD sieht in ihrer neuen Osteuropa-Prognose bestenfalls Stagnation für Russland unter der Voraussetztung, dass es KEINE echten Sanktionen für das Land insgesamt gibt also nicht über die bislang geübte Symbolpolitik hinausgeht. Sollte es aber doch richtige Sanktionen (Einfuhrverbote etc.) geben, rutscht Russland in diesem Jahr in die Rezession. Das Putin-Regime bringt letztlich nur schlimmeren Verfall als die Breschenew-Ära. Da wird ein großes Land von einer als „Regierung“ verkleideten mafiosen Clique regiert (d.h. geplündert) und die Folgen sind natürlich die gleichen, wie überall wo diese Putins, Bokassas, Marcos, Somozas oder Mobutus Macht erhalten: Ein paar „Freunde“ werden superreich, der Rest kämpft ums Überleben ohne nennenswerte Chance, aus der Pampe heraus zu kommen. Aber die Russen wollen es so. Hoffentlich kennen Sie die Preise.

  12. zu dem thema „ausplünderung“ des russ. staates hat reuters.com eine sehr interessante und haarsträubende recherche-reihe aufgelegt. das kann ich nur empfehlen: http://www.reuters.com/investigates/russia/

    [Das ist schon mindestens eine Woche im Netz präsent und gehört zudem nicht in den Ukraine-Thread. So ein Kommentar dient doch nicht etwa nur dazu, für Ihren Blog hier Werbung zu machen? Damit der Verdacht gar nicht erst aufkommt, entferne ich mal den Link. T.W.]

  13. Quelle gesucht:

    Borodai hat wieder ein Interview gegeben. Darin gibt er unter anderem an, er sei als Krisenmanager geschickt worden, und seine Truppe sei gar keine Separatistentruppe, weil man schließlich keine Abspaltung sondern einen Anschluß wolle – nämlich den an Rußland.

    Dazu muß es irgendwo ein Video geben.

  14. Igor Strelkow: Kampfgeist (Interview vom 26.05.2014)
    Das vorgestern von KP.ru geführte Interview mit dem Kommandeur der Volkswehr in Slawjansk, Igor Strelkow
    in deutsch> Infos über die allgemeine Lage
    Frage: Apropos Söldner. Gibt es hier tatsächlich polnische Söldner?

    http://www.chartophylakeion.de/blog/2014/05/27/igor-strelkow-kampfgeist-interview-vom-26-05-2014/?utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed%3A+apxwn+%28chartophylakeion%29

    .

  15. @ califax
    Da war nur kurzzeitig der Kontakt unterbrochen, sie sind zurück in Donetsk.
    Einzelheiten liegen nicht vor.

  16. Marc | 28. Mai 2014 – 17:39

    „Es gibt ein Wahlergebnis in der Ukraine: U.a. Oleh Tjahnybok (Swoboda) hat 1,16% bekommen und Dmytro Jarosch (Prawyj Sektor) gerade mal 0,70%. “

    Da haben die Schwachmaten der NPD mehr Stimmen in Deutschland…Soviel zum Thema der faschistische Westen gegen den Osten. Gut, wird eh nichts an der Meinung der Foristen von den großen Blättern ändern.

  17. Das wird auch noch interessant. Die russische Propaganda berichtet von Panslawisten in Deutschland, die überlegen, ein Freiwilligenbataillon „Ernst Thälmann“ zu bilden:

    https://www.facebook.com/photo.php?fbid=885262321488957

    [Wenn der Kollege Reitschuster einen Link zu einer personenbezogenen Seite veröffentlicht, ist das seine Sache – ich halte das rechtlich für bedenklich. Der zweite Link deshalb gelöscht. T.W.]

  18. Und wieder geben tschetschenische Kämpfer in Donezk Auskunft:

    „Our president [Ramzan Kadyrov] gave the order. They called us and we came,” 33-year-old Zelimhan tells VICE News. The bearded fighter, a member of a unit known as the “Wild Division,” says he arrived a week ago with 34 Chechen men who volunteered to come and support their “brothers” in the People’s Republic of Donetsk.

    https://news.vice.com/article/fighting-in-ukraine-escalates-as-militia-groups-flock-to-donetsk

  19. In Donetsk hat irgendwer irgendeine Drone abgeschossen, die irgendwem gehörte.
    Alles andere in den Tweets ist Jägerlatein, nur über die Drone sind sich alle einig. Mal abwarten.

    In Luhansk hat es angeblich einen massiven Angriff auf Kasernen der Nationalgarde gegeben, der wohl zurückgeschlagen wurde. Auch hier sind die Tweets aber noch unbrauchbar und man muß auf richtige Nachrichten warten.

    Für die Feunde des Absurden hab ich aber eine brauchbare (d.h. sinnvoll überprüfbare) Quelle:

    Gubarew, ranghoher Anführer der hochheilig-orthodox-antifaschistischen Volksrepublik Donetsk hat Einreiseverbot nach Rußland bekommen. Wegen nationalsozialistischer Umtriebe.
    http://novosti.dn.ua/details/226223/

    Ich geh jetzt lachen. Gute Nacht.

  20. Nichts mehr zu lachen, aber womöglich bald von der Tube gesperrt:

    Ein Video von einem der Wostok-LKWs nach der Schlacht um den Donetsker Flughafen.
    Unterstützt meines Erachtens die Behauptung, da wären vor allem Verwundete auf dem LKW gewesen. Aber ich hab auch keine Kampferfahrung.
    https://www.youtube.com/watch?v=dC_1oebJo2M

  21. Angeblich zeigen die Bilder die vermissten OSZE Beobachter

    Наблюдатели ОБСЕ, взятые в заложники в Антраците. pic.twitter.com/xjQXNhQsCd

  22. @califax
    tja. ist eben nicht immer blumenkrieg wie beim vostok einzug in donetzk.

    hat sie ja niemand gezwungen in der ukraine zu operieren.
    (hier passt der spruch ausnahmsweise tatsächlich mal)

  23. neue vice reportage vom gefecht um den flughafen.
    https://www.youtube.com/watch?v=XtdVVFhjdqA&fmt=18

    journalistisch für mich teilweise grenzwertig. gonzo prinzip schön und gut aber bei der art und weise wie hier der verwundete sofort von der pressemeute umringt wird, noch während man im schussfeld liegt, würde es mich nicht wundern wenn da irgendwann entweder dem verwundeten selbst oder seinen kameraden der abzugsfinger ausrutscht.

    könnte ich fast nachvollziehen.

    vielleicht kann T.W. ja mal vor dem Hintergrund seiner auslandserfahrung was zum thema sagen

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