G36: Das BAAINBw-Protokoll

EFK_23apr2013_G36

Die Berichterstattung über das Bundeswehr-Sturmgewehr G36 am vergangenen Wochenende ist ja hier auf massives Interesse gestoßen. Und nach den relativ kurzen Meldungen von Spiegel und Bild am Sonntag blieben ein paar Fragen offen.

Für die Kenner deshalb hier zur Dokumentation (auszugsweise) das Ergebnisprotokoll der Sitzung im Bundesamt für Ausrüstung und Informationstechnik der Bundeswehr (BAAINBw) im August, aus dem beide Medien knapp zitiert haben:

TOP 1: Bisherige Erkenntnisse zum G36
Historie:
– TTF G36 von 1993;
– K-Standsurkunde von 1994;
– Nutzung G36 in der Truppe seit 1996;
– Abschlussbericht 2006;
– Untersuchungen bei WTD91 und WIWEB zu Wärmeverhalten seit 2011; Auslöser war ein G36 mit geschmolzenem Handschutz durch extreme Schussbelastung;
– Besprechung im BMVg zu Wärmeverhalten 2012; BMVg AIN sieht auf dieser Grundlage kein Erfordernis zur konstruktiven, technischen Änderung des G36;
– Erhöhte Aufmerksamkeit im politischen, journalistischen und staatsanwaltlichen Bereich;
– Umsetzung von Maßnahmen 2012/2013;
Wesentliche Kernaussagen:
– G36 entspricht den Technischen Lieferbedingungen;
– G36 entspricht gem. Abschlussbericht den Anforderungen;
– Keine offiziellen Meldungen zu mangelhaftem Treffverhalten aus dem Einsatz;
– Nur Aussagen zu unzureichender Wirkung im Ziel , die keine Differenzierung hinsichtlich Präzision der Waffe, Munitionswirkung, Umwelteinflüssen oder Schützenfehler im Gefechtsstress ermöglichen;
– Geändertes Schießverhalten im Einsatz (Niederhalten, dann Aufnahme des gezielten Feuerkampfes);
– Untersuchungen der WTD91 und des WIWEB belegen Streukreisaufweitung und Verlegung des Haltepunktes bei Temperaturänderungen (durch Erhitzen bei Verschuss oder durch äußere Temperatureinflüsse). Die Effekte sind reversibel, wenn die Waffe wieder abkühlt;
– Ermittelte Ursachen für die Phänomene:
o Der Gehäusekunststoff im Bereich der Rohraufnahme ändert mit zunehmender Temperatur seine Federsteifigkeit, insbesondere nach Überschreiten des Glasübergangs-punktes. Hierdurch ändert sich das Schwingungsverhalten des Rohres, was zur Streukreiserweiterung führt. Durch hygroskopische Eigenschaften des Kunststoffes kann in extrem feuchter Umgebung der Glasübergangspunkt bis zur Raumtemperatur sinken, so dass der Effekt der Streukreiserweiterung dann bereits ohne schussbedingte Rohrerwärmung auftreten kann. (Die Erkenntnisse zu möglichen Veränderungen des Kunststoffes bedingt durch Feuchtigkeit wurde durch das WIWEB im Rahmen der Werkstoffuntersuchungen ermittelt. Eine Verifizierung durch Beschuss wurde noch nicht durchgeführt.)
o Die unterschiedlichen Wärmeausdehnungskoeffizienten der verbauten Materialien (Kunststoff / Metall) bedingen bei Erwärmung eine Verlegung des Haltepunktes. Dieser Effekt ist nach Größe und Richtung vorhersehbar.
o Die in jeder Waffe individuelle Ausrichtung der im Gehäusekunststoff enthaltenen Glasfasern bewirken bei Erwärmung eine nicht vorhersehbare Haltepunktverlagerung, die den oben beschriebenen Effekt überlagert.
(…)
TOP 5: G36 in der Zukunft: Anpassung des Forderungskataloges
Feststellungen:
– Die gem. TTF geforderte Nutzungsdauer von 20 Jahren für das System Gewehr G36 läuft in Kürze aus. (Unabhängig davon kann jede Waffe bis zum Überschreiten ihrer individuellen Belastungsgrenze genutzt werden.)
– Basierend auf den Erkenntnissen aus der bisherigen Nutzung sind erkannte Fähigkeitslücken zu identifizieren und Forderungen an ein zukünftiges System Sturmgewehr zu formulieren. Dabei sind u.a. folgende Aspekte zu berücksichtigen:
o Möglichkeit zur durchgehenden Bekämpfung des Feindes auch bei intensiven Gefechtshandlungen
o Kompatibilität zur zukünftigen REACH-konformen Munition
o Kompatibilität zu bisherigen Schnittstellen
o Präzisionsforderungen analog zu NATO-Partnern; insbesondere nach geplanter Überarbeitung der Testvorschriften NATO AC/225 (Panel III) D/14 mit explizitem Test für Warmschießverhalten
o Neues Schießausbildungskonzept und geändertes Einsatzprofil
– Optionen: Produktverbesserung G36 oder Beschaffung eines neuen Produktes. Die Beschränkung auf eine Produktverbesserung kann den Verfahrensweg um 1-2 Jahre beschleunigen, wenn eine Produktverbesserung zur Verfügung steht. Da eine solche nach Aussagen der Herstellerfirma erst entwickelt werden muss und somit risikobehaftet ist, ist die Option zur Ablösung durch ein neues Sturmgewehr in die Betrachtungen mit einzubeziehen. Der Zeit- und Kostenfaktor wird im Rahmen der technisch-wirtschaftlichen Bewertung durch den Projektleiter bei der Erarbeitung der CPM-Dokumente berücksichtigt.
– AHEntwg II 2 4 vertritt dazu folgende abweichende Position:
o Die Streukreisaufweitung inforge des Warmverhaltens ist nicht hinnehmbar. Im Einsatz ist es dem deutschen Infanteristen nicht sicher möglich, ein intensives Feuergefecht auf Kampfentfernungen über 100 m erfolgreich zu führen. Bis auf die Streukreisaufweitung und Verlegung des Haltepunktes bei Temperaturänderungen (durch Erhitzen bei Verschuss oder durch äußere Temperatureinflüsse) entspricht das G36 den Anforderungen und hat sich – u.a. als besonders zuverlässig – bewährt.
o Die konzeptionelle Ableitung einer Fähigkeitslücke ist daher schwierig.
o Vor Einführung eines neuen Sturmgewehrs wird die Kaliberfrage erneut zu diskutieren sein, einschließlich eines möglichen neuen NATO-standardisierten Kalibers.
o Das zeitliche Risiko und der finanzielle Aufwand (u.a. Projektelemente Ausbildung und Logistik) für die Einführung eines neuen Sturmgewehrs sind erheblich.
o Dabei bleibt unsicher, ob marktverfügbare Waffen in der Summe ihrer Eigenschaften tatsächlich besser als das G36 sind.
o Der Lösungsweg Produktverbesserung G36 ist nur realistisch, wenn ihn sowohl der öAG als auch der AN mit Nachdruck verfolgt.
o Bei einer lösungswegneutralen Initiative wird es daran mangeln und eine Produktverbesserung im Sinne einer self-fulfilling prophecy am Ende gar nicht mehr zur Auswahl stellen.
o Daher wird einer Initiative Produktverbesserung G36 gem. CPM 3.2.3.2. der Vorzug gegeben.
– Unabhängig vom Lösungsweg ist das System G36 bis zur vollständigen Umsetzung der Initiative weiter zu nutzen. In diesem Zeitraum ist das System G36 daher einsatzreif zu halten. Dies schließt Folgebeschaffungen sowie Modifikationen der Peripherie ausdrücklich ein.
Im IPT abgestimmte Entscheidung des PL:
– Fähigkeitslücke wird mit einer Initiative dem PlgABw vorgelegt. KdoHeer wird gebeten, die Federführung zur Erstellung der Initiative zu übernehmen.
– Die Initiative lässt – entsprechend der Mehrheitsmeinung im IPT – die Optionen der Produktverbesserung und der Beschaffung eines neuen Produktes offen. Beide Wege sind mit hoher Priorität parallel zu verfolgen um möglichst schnell eine Lösung/einen Lösungsweg festzulegen. Der Weg der Produktverbesserung und somit die Weiternutzung der vorhandenen Waffen im Grundbetrieb wird durch das Heer bevorzugt. Zeichnet sich jedoch ab, dass dies nicht oder nicht innerhalb eines akzeptablen Zeitrahmens (max. 1,5 Jahre Entwicklungszeit) möglich ist, muss umgehend die Rüstung eines neuen Produktes umgesetzt werden.
– Die Initiative ist unabhängig von den Projekten G36 Basis lang und G36 K Basis, da diese nur Anbauteile und Ergänzungssätze betreffen. Die Initiative wird daher durch diese Projekte weder obsolet, noch soll sie Anteile dieser Projekte enthalten. Sie darf durch die Projekte G36 Basis nicht verzögert werden.
– Im Rahmen der Materialverantwortung für die Einsatzreife sind bis zur Umsetzung der Initiative mit dem Hintergrund der zeitlichen Überbrückung Regenerationsmaßnahmen und Modifikationen der Peripherie für das Gewehr G36 und G36 K weiter durchzuführen.
– Die Beschaffungen G36A3 des Systems „Infanterist der Zukunft“ (IdZ) erfolgen weisungsgemäß.

Nachtrag: Heckler&Koch, der Hersteller des G36, reagiert mit einer dreiseitigen Stellungnahme auf Spiegel und BamS – und eher ein bisschen rotzig: Auch die aktuellen Medienberichte werden einer umfassenden rechtlichen Prüfung unterzogen.

Na denn, hier H&K zum Nachlesen: HK Stellungnahme_Sturmgewehr G36_ Seit fast 20 Jahren zuverlässig im Einsatz (2)

(Foto: Ehrenformation mit G36 bei der Kommandoübergabe des Einsatzführungskommandos am 23. April 2013)

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63 Gedanken zu „G36: Das BAAINBw-Protokoll

  1. @sd: „Das bringt mich zu der Frage: ist das eigentlich ein Teil, oder vielleicht mehr oder weniger die wesentliche Struktur des Gewehrs?“ Siehe Bild 1 in http://img5.fotos-hochladen.net/uploads/g36picturesv8hmak4s1z.jpg, ansonsten bitte die Patentschrift zum G36 nochmals genauer angesehen, hier insbesondere die Teile No. 120,160, 318 und 319 in den Schnitten (vgl. Beitrag vom 14. November 2013 – 12:42)

    Aus einer alten (2001) Broschüre zum G36: „Das Gewehr besteht zum großen Teil aus synthetischen Materialien, die der Waffe bemerkenswerte Eigenschaften verleihen. Die einzigen metallischen Teile dieser Waffe sind der Lauf, Verschluß & Verschlußteile, Gaskolben, Feder, Haltestifte und diverse Kleinteile zur Verstärkung. Alle anderen Teile, sogar das Magazin, bestehen aus hochfestem Polyamid, das mit mikroskopischen Karbonfasern verstärkt wurde. In der Literatur wird der synthetische Stoff „Nylon 66“ erwähnt. Dieser Kunststoff kombiniert hohen Widerstand gegen Korrosion, Abnutzung, Chemikalien und Strahlung, mit niedrigem Gewicht, großer Stärke und hoher Dimensionsstabilität. […]“

    Auch sollte man den „Heckler & Koch InfoBrief heer 1/2012“ gelesen haben (vgl. http://www.heckler-koch.com/no_cache/de/militaer/unternehmen/downloads.html?tx_z7simpledownloads%5Bdownload%5D=392), hier ab „Munition – Rückkehr des Kalibers 7.62 x 51 / Präzisionsmunition“. Speziell die folgende Argumentation „Es ist davon auszugehen, dass unsere Soldaten im Gefecht „gedopte“ Gegner beschießen, deren Schmerzempfinden durch Haschisch oder Opiate selbst bei letalen Treffern massiv reduziert ist und als Gegner praktisch länger handlungsfähig bleiben. Bisherige wissenschaftlich und empirisch gestützte Erkenntnisse zur Wundwirkung von Handwaffenmunition müssen daher entsprechend relativiert werden“, ist (ironisch gesehen) ein „bestechendes“ Verkaufsargument.

    Die Problematik des „Heißschiessens“ in AfG ist spätestens seit 04.06.2009 bekannt und genau unter diesem Aspekt muß man die verdrängenden Stellungnahmen von BMVg und H&K sehen. Da wurden von den Kameraden des JgRgt 1 die ersten Meldungen zum G36 geschrieben. Zugrunde lag das Gefecht bei Basoc und Sujabnia, was den Anstoß zur Diskussion in den Medien brachten. Nicht etwa um das G36 zu zerreißen, denn als Sturmgewehr hat es prinzipiell längst seine Eignung bewiesen. Vielmehr war nach zwei unmittelbar folgenden Gefechten von insgesamt ca. 2 Std und dem Einsatz von 4 A10 keine Munition für die Deckungswaffen mehr vorhanden und so mußte man Kräfte mit G36 zum Deckungsfeuer heranziehen. Aber auch solchen außergewöhnlichen Belastungen sollte das G36 halbwegs gewachsen sein, speziell wenn es um ein paar Cent mehr beim Material und der Fertigung des hinteren Gehäuses gehen sollte.

    Insofern liegen @Bang50 und auch @diba m.M.n. mit ihren militärischen Argumenten zwar goldrichtig, nur an der „bescheidenen“ Materialauswahl bzw. der Materialfrage für das Gehäuse des G36 und an einer offenbar seit Jahrzehnten gegebenen Sorglosigkeit von Beschaffer und Hersteller ändert dies absolut nichts.

  2. @ sd

    Zitat: „Wenn das Feuer so intensiv wird, dass diese Effekte auftreten, wenn das G36 zum Deckungsfeuer oder im Nahkampf mit Feuerstoss verwendet wird: ist die Situation dann schon so gefaehrlich, dass Aufregung (Adrenalin) das Trefferbehalten vielleicht noch viel staerker beinflusst?“

    im moment in dem deckungsfeuer gegeben wird mag die präzision aufgrund solcher hirnstoffwechselreaktionen idT eingeschränkt sein, man sollte aber nach den ersten Schrecksekunden dazu in der Lage sein in den geordneten Feuerkampf überzugehen. wenn der prügel bis dahin aber schon heiß geschossen ist, macht das keinen spass.

    „Falls das so oder so aehnlich ist, warum nicht die paar hundert Gewehre fuer Jaeger durch etwas anderes Ersetzen, oder entsprechend aufruesten (zB CFK-Gewebe in Duromer-Matrix die sich bei Hitze wohl definiert veraendern).“

    wenn ich die datenblätter die der amtmann rechercheirt hat und die aussagen des Fw aus dem vid richtig interpretiere ist hier in 1. linie die verwendete matrix das problem. die rohrbettung schmilzt sich schlicht aus ihrer position im gehäuse, mal mehr mal weniger, manchmal schlingert sie vlt auch nur etwas mehr.. die aussagen des Fw stehen auch im kontrast zu den aussagen des BW papiers, in denen nicht von plastischer verformung der bauteile die rede war.

    der schnellste ansatz wird hier wirklich eine andere kunststoffmatrix sein. da dürfte man mit einem umprogammieren der spritzgussmaschine bereits bedient sein. in ner wochenendschicht ein paar prototypen zu rauszupressen sollte drin sein.

    sobald jedoch gewebe, gelege oder sonstwie gerichtete fasern zum einsatz kommen sollen oder duroplaste muss der maschinenpark umgerüstet werden + erheblicher aufwand in der konstruktion. die bauteile müssten dann sowohl neu last- als auch fertigungsoptimiert konstruiert werden. ob das lohnt ist fraglich. ob der effekt der gewünschte ist auch. auch gerichtete faseranteile können zu seltsamen verformungen führen (zb durch ungleichmäßge faseranteile auf linker/ rechter seite wegen der auswurföffnung, ungleichmäßige erwärmung usw.).

    @ amtmann ob man hinsichtlich der materialwahl einzig HK den schwarzen peter zuschieben kann ist auch so ne sache. vlt war irgendwem in der Beschaffung der BW ein anderes polymer zu teuer (macht den braten ja scho a weng fetter bei der stückzahl) und das argument wurde mit einem verweis auf die unterschiede zwischen MG und sturmgewehr vom tisch gewischt. -> siehe diba. ein stg ist kein mg, letzteres müsste man nur in ausreichender zahl mitführen.

  3. @markus
    Verstehe, es ist zuvor nicht klar gewesen, ob die Rohrbettung ein eigenes teil ist, oder ein Rohrbettung und ‚Korpus‘ der Waffe eins sind. Im ersten Fall haette sich deutlich leichter eine Loesung, mit Teilen von drittanbietern finden lassen. Bei so etwas grossem wird es aber teuer und aufwaendig.

    (Vielleicht hilft das auch anderen, die ein G36 noch nicht aus der naehe gesehen habe, es etwas einzuordnen.)

    Was hat HK da eigentlich bei der XM-8 Ausschreibung fuer die US Streitkraefte gemacht? Vielleicht gibt es ja schon eine Loesung, die dort im Haus liegt.

    „im moment in dem deckungsfeuer gegeben wird mag die präzision aufgrund solcher hirnstoffwechselreaktionen idT eingeschränkt sein, man sollte aber nach den ersten Schrecksekunden dazu in der Lage sein in den geordneten Feuerkampf überzugehen. wenn der prügel bis dahin aber schon heiß geschossen ist, macht das keinen spass.“

    Danke, dass war sehr informativ.

    Im ganzen habe ich jetzt eine deutlich ambivalentere einstellung dazu und bin mir sehr viel unsicherer wie ich so etwas bewerten soll. (was ich sehr begruesse, besser als ignorant von etwas ueberzeugt zu sein)

  4. nur kurz zu den technischen details

    die rohrbettung (aka verriegelungsstück) des g36 IST ein eigenes teil. das rohr wird darin mit einer überwurfmutter befestigt (von vorne zugänglich). es spielt aber keine rolle, ob das rohr selbst oder das nächstliegende stahlteil die hitze überträgt. irgendwann kommt plaste und das macht bei ~ 80° die grätsche. punkt

  5. @markus, d.Ä.: Es wurde schon einmal vorgerechnet: Das G 36 hat ein Gewicht (ohne Magazin) von 3,63 kg. Zieht man ca. 1,5 kg für alle Metallteile ab, verbleiben 2,13 kg für FVW. Der Fertigung und den dabei auftretenden Materialverlusten samt des Ausschusses willens, rechne man konservativ mit 2,5 kg. Das ergibt z.B. bei einem Materialpreis von 4,72 €/kg (Stand 08/2013) für „PEEK 450CA40“ gegenüber ca. 2 €/kg für das bislang verwendete Material „PA6.6 CF30“, egal ob dieses Ultramid A, Nylon oder DeuDeRon* heißt, Mehrkosten i.H.v. 2,72 €/kg (*man beachte die Buchstabenfolge als Homage an den Kalten Krieg).

    Ergo beträgt die Differenz je Waffe ca. 6,8 € im EK für H&K! Und selbst wenn es 100 € pro Waffe wären, hätte man m.M.n. alle heutigen Werkstoffe von Thermoplasten und Duroplasten bis Resin, samt Umstellkosten in der Produktion abgedeckt. Das ergibt nämlich bei z.B. 5.000 Waffen (max. Sofortbedarf) ca. 500.000 € und diese sollten uns unsere Mädels und Jungs wert sein! Wenn also das bisherige „Gehäuse-Plaste“ bei ~ 80° die Grätsche macht, muß eben ein Material her, bei dem das erst bei ~140° C bis 160°C, oder gar erst bei +300°C passiert. Punkt!

    Mit einer guten Simulations-SoftWare – wie z.B. SIGMASOFT Version 4.7 – erledigen das die beiden Bw-Hochschulen in 1 – 2 Monaten und wenn alle Stricke reißen, wird eben das zentrale Gehäuse in einer LE-Metall-Legierung samt äußerlich stark profilierter Oberfläche (Wärmeabfuhr!) gegossen und es werden die unterschiedlichen Wärmeausdehnungskoeffizienten zwischen Stahl und LeMetall durch relativ simple und begrenzte konstruktive Maßnahmen an der hinteren und vorderen Rohrlagerung eleminiert (z.B. hinten im Anschlag konisch, vorne federbeaufschlagt). Damit dürfte zwar die Waffe um max 0,5 kg schwerer werden, aber besser als damit „geschmissen“.

    Für mich trifft deshalb das Verschulden voll das damalige BWB und H&K gleichermaßen. Auch „Punkt“!

  6. Wie @Bang50 schon sagte: Bei dem gegebenen unklaren Befehl muß man sich nicht wundern, daß die Rekruten ihre Waffen zunächst ablegten und derart in die Falle liefen. Führen durch Beispiel, das gilt auch für Frau Unteroffizier. Also jede Phase selber vormachen, das stärkt nicht nur die Personalauthorität, sondern spornt die Rekruten auch noch an. Dann einen Mann vortreten und das Ganze vor der Gruppe nachmachen lassen und Frau Unteroffizier korrigiert, und zwar durch kurze, klare und sachliche Weisungen. Erforderlichen Falles wird mit einem weiteren Mann oder noch besser dann einem Mädel nochmals alles wiederholt. Anschließend wird auf Kommando drillmäßig von allen geübt, samt Frau Unteroffizier mit der Waffe in der Hand und zunächst als Vortänzerin. Ach so, und die Dame übersieht wohl auch, daß es sich bei den Rekruten neuerdings um Arbeitnehmer handelt und sie den Arbeitgeber vertritt! Das mal an die Adresse der nächsthöheren Vorgesetzten und an die Verantwortlichen des PrInfo-Stabes. Hier stimmt die Führungskultur nicht, sonst wäre Derartiges nie in das Spiegel-Video gekommen!

    @all: Aber zurück zum originären Thema „Wärmeabfuhr beim G36“:
    Man sollte vielleicht auch einmal bei der WTD 91 über Beschußtests mit verschiedenen Ausführungen des vorderen Handschutzes in Al-Legierungen nachdenken. Z.B.: Die oberflächenoptimierte tschechische Variante – samt “eingefräster“ Picatinny-Schienen – dürfte ganz erheblich die Wärmeabfuhr des Laufs verbessern und könnte vielleicht der Ansatz zu einer Teillösung sein. Dann kann man immernoch mit H&K reden.

  7. @diba: Wenn so ein schicker Alu-Handschutz tatsächlich die Trefferabweichung minimieren würde – was zu untersuchen wäre -, käme die EZM gleich auf den Fuß. Das Ding würde warscheinlich vor entgültiger „Vergewaltigung“ der Waffe so verdammt heiß werden, daß es die Kamerad(inn)en auch durch ihre Handschuhe spüren und das Signal sicher im Hirn ankommt. >:-)

  8. @ amtmann

    der handschutz könnte maximal als hitzeindikator verwendung finden. der lauf schwingt ja frei und ein handschutz hat keinerlei stabilisierende wirkung auf die laufbettung und ob die kühlwirkung ohne direkten kontakt von alu und stahl so prickelnd ist ? die erwärmung erfolgt bei dauerfeuer ja auch sehr schnell, die größeren löcher würden da zwar die zeit verkürzen bis es wieder schussfertig ist, aber das initiale problem nicht lösen.

    im zivilen bereich tritt das problem wohl auch auf (schnelles einzelfeuer, langer tag …) und dort lassen sich verbesserungen mit einem alutragegriff erzielen, da der wohl das gehäuse teilweise versteift. das existierende plastikding erfüllt diese funktion wohl eher wenig bis garnicht.

    optimaler wären natürlich lösungen, die direkt an der laufbettung ansetzen, aber das haben wir ja hier nu zur genüge durchgekaut.

  9. @markus, d.Ä.: Wenn man beim BAAINBw aus seinen möglichen Fehlern gelernt hat, helfen eigentlich nur noch klar definierte Schußversuche samt Messreihen bei der WTD 91 weiter, um dem Problem der Materialpaarungen beim G36 auf den Grund zu gehen: D.h.: Eine Beschuß-Einspannvorrichtung, Thermoelemente an Verschlußlaufbahnen, an Rohrlagerungen und am Rohr sowie in verschiedene Tiefen des PA6.6-GF30 Gehäuses und natürlich Einsatz von Thermographie- und hochpräzisen Vermessungssystemen. Mal mit H&K-Normal-Handschutz, dann mit H&K-Alu-Handschutz innen-aussen in schwarz-schwarz, dito in schwarz-sandfarben, dito das Ganze mit z.B. dem tschechischen Prototypen und dann auch noch komplett ohne Handschutz.

    Wenn das alles durchgeführt ist, wird (werden) das (die) betreffende(n) G36 im hinteren Gehäusebereich „filettiert“, d.h. es wird ein Längsschnitt entlang der Seelenachse gefertigt und sauber geläppt. Die andere Hälfte wird in schöne Scheibchen quer zur Seelenachse geschnitten und ebenfalls sauber geläppt. Da freut sich dann das Elektronenraster-Mikroskop, von wegen Textur und Abnormalitäten im Faserbund und im Metall. Dann müßte eigentlich auch genügend Diskussions- und Argumentationsstoff für eine sachliche Gesprächsrunde zwischen BAAINBw, WTD 91, BMVg-AIN und H&K vorhanden sein.

    Und um bei meinem Lieblingsthema zu bleiben, natürlich werden von den BW-UNIs München und Hamburg Studenten zum Praktikum nach Meppen abkommandiert; eben „bestes Personal, zu billigsten Preisen“!

    Insgesamt dürfte dies auch der rationalere Weg sein, als das unleidliche BMVg-Herumgeeiere (Man vgl. das Video in http://www.swr.de/report/-/id=233454/gp1=fromDetail/did=12237072/nid=233454/xlw3wh/index.html).

  10. @ Vtgt. Amtmann bzgl. Handschutz:
    Aluminium Handschutz am G36 gibt es in großer Anzahl in der BW (optisch kaum vom Polymer-Handschutz zu unterscheiden). Jedoch wird dadurch die Wärmeableitung nicht verbessert, da sich eine thermische Barriere (sprich Polymere) zwischen Handschutz und den heißen Teilen befindet. Da punkten natürlich AR15 Derivate, die komplett aus Aluminium bestehen und der meist sehr “zerfräste“ Aluminiumhandschutz direkt am heißesten Teil der Waffe gespannt wird. Jedoch muss man dann zwischen direct impingement (M4)und gas-piston Systeme (z.B.HK416) unterscheiden, da erst genannte Systeme wesentlich mehr thermische Energie in das Gehäuse leiten. Aber tatsächlich, Ar15 mit Aluminiumhandschutz haben einen eingebauten Kühlkörper – das ist aber wohl mehr ein zufälliges Feature ;-)

    @G36 Problematik Allgemein.
    Insgesamt ist es lobenswert, dass man sich nun im Rahmen „System Sturmgewehr“ mit den theoretischen Anforderungen an das Waffensystem auseinandersetzt. Theoretisches Verständnis ist immer auch die Grundlage für die korrekte Ausbildung und Nutzung („…was kann meine Waffe leisten und was nicht…“). An dieser theoretischen Durchdringung der Materie hapert es noch innerhalb der BW, wie man auch an den ewigen 5,56 vs. 7,62 Diskussionen sehen kann. Die internen Berichte über das G36 erwähnen nämlich stets Ausbildungsdefizite und notwendige Anpassungen in der Schießausbildung. Bleibt zu hoffen, dass die BW dann auch auf diese Erkenntnisse (Waffeneinsatzkonzept, System Sturmgewehr) reagiert, anstatt Ausrüstungslücken herunterzuspielen.

    @ Ausbildung an der Waffe
    Wenn die BW sich in den nächsten Jahren dazu entscheiden sollte doch ein neues Sturmgewehr zu beschaffen, welches alle Erkenntnisse ideal berücksichtigt, so bleibt immer noch die Schnittstelle Mensch. Mit nSAK hat die BW einen Schritt in die richtige Richtung gemacht, jedoch ist es nur ein erster Schritt und noch lange kein komplettes Handwaffenausbildungskonzept, welches auch den Einsatz anderer Handwaffensysteme berücksichtigt. Aber auch das alles nützt nichts, wenn schon die Grundlagen nicht richtig bzw. schlecht erlernt werden. Der Spiegelbericht war – naja – schweigen wir darüber. Zumindest hat er mich darüber nachdenken lassen, ob es denn nicht sinnvoll wäre die AGA an einem zentralen Ort (z.B. Hammelburg – ja ich höre schon Gestöhne ;-) zu machen. So viele Rekruten gibt es nicht mehr und die Infanterieschule hat Ausbilder, für die die Ausbildung an der Waffe das Brot und Butter Geschäft ist. Änderungen in der Schießausbildung/AGA können direkt bei neuen Rekruten einfließen und kommen nicht erst dann an, wenn der Unteroffizier aus xyz mal nach Jahren wieder zum Lehrgang kommt.

  11. @Bang50: Wohltuend was Sie da schreiben, aber ob dies eine Generation zwischen Freizeitorientierung, sozialer Hängematte und Rambos sowie einem halbwegs erklecklichen Maß an „frustierten“ Normalen noch hören will, sei dahingestellt. Trotzdem, was mich immer wieder freut, dass bei AG in zig Threads und immer wieder, quer durch die Generationen pragmatische Lösungen und auch ein Konsens aufgezeigt wird, ja eigentlich diese erarbeitet werden, an denen sich so manche Stabsbesprechung – egal wie hoch in der Ebene -, ein Beispiel nehmen könnte.

    So haben wir z.B. mit dem G36-Thread vielleicht mehr geschaffen, als die BW-intern binnen der letzten 20 Jahre. Nur erreicht wurde bislang Nichts. Es sollten vielleicht mehr Herren vom BMVg hier mitlesen, aufnehmen und schweigen sowie an Effizienz und trotzdem an Sparen denken. „Breite vor Tiefe“ sind da völlig leere Worthülsen einer „Aktentasche“ und eines „Schloßgärtners“.

    Und eigentlich sollte genau dieses Kunststück der moderaten Moderation durch T.W. diesen mehr wert sein , als ein Fü-Ak-Lehrgang in Hamburg. Vielleicht auch mal an „Straßenmusik“ und eine Ehrung denken? Man könnte ja beides der Legalität willens verbinden.

  12. @Voodoo: Nix Amen. Die Messe scheint m.M.n. für das G36 längst noch nicht ausgesungen, falls sich das BAAINBw zu Beschusstests bei der WTD 91 wie beschrieben durchringt, sondern geht dann erst richtig los.

    Man sollte mal an Kapitel 14 denken sowie an die Etablierung der nSAK und nicht nur von neuen Sturmgewehren träumen. Hinzukommen die Kapitel „Beschaffungs- und Kostenverantwortung“ sowie die Nachverhandlungen „AG vs. AN im Sinne von C.i.C.“!
    Bei einem ansich prinzipiell guten System wie dem G36, sind z.B. 5.000 – 10.000 neue hintere G36-Gehäuse samt neuen vorderen Handschutz inklusive “eingefräster“ Picatinny-Schienen Peanuts, denn man kann alle anderen Systemkomponenten beibehalten und spart riesige Beträge an weiteren (back-up-) Kosten.

    Ich denke da sofort im Bereich der spritzgußfähigen Polymere – sofern es unbedingt ein Material von BASF sein muß – an http://www.plasticsportal.net/wa/plasticsEU~de_DE/function/conversions:/publish/common/upload/engineering_plastics/Ultramid_brochure.pdf und dort speziell an die Ultramid® T-Serie und diese natürlich mittels Carbonfasern verstärkt.

    Auch könnten evt. neben einem geänderten Gehäusematerial und einem marktverfügbaren neuen Handschutz sehr simple und kostenmäßig absolut nicht relevante konstruktive Maßnahmen zu einer weiteren System-Optimierung beitragen. Vgl. http://img5.fotos-hochladen.net/uploads/g36khlungblf529d0ys.jpg .

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