Frankreichs zweite Front in Somalia: Propagandakrieg der Islamisten

Parallel zu dem Kampfeinsatz in Mali versuchten die französischen Streitkräfte am vergangenen Wochenende, einen in Somalia entführten französischen Agenten in einer Kommandoaktion zu befreien. Der Einsatz ging gründlich schief, ein französischer Soldat und vermutlich auch die Geisel kamen bei der Aktion ums Leben.

Inzwischen ist klar, dass ein weiterer Franzose dabei getötet wurde, und die somalischen Islamisten nutzen seine Leiche zum Propagandakrieg (wie inzwischen auch in mehreren Medien berichtet wird). Dafür zeigen sie via Twitter ein Foto des Toten, Ausrüstungsgegenstände und dazu die Frage an den französischen Präsidenten: François Hollande, war es das wert?

Ich zeige dieses Bild hier nicht, es ist aber im Internet auffindbar, und ich halte es für sinnvoll, auf die Twitter-Einträge hinzuweisen (ich könnte mir allerdings auch vorstellen, dass sie demnächst von Twitter entfernt werden):

François Hollande, was it worth it?

French commander killed during botched rescue operation in Bulo-Marer, #Somalia

14 Gedanken zu „Frankreichs zweite Front in Somalia: Propagandakrieg der Islamisten

  1. Die Propaganda über für westliche Zielgruppen wahrnehmbare Kanäle stellt nur einen kleinen Ausschnitt aus den gesamten Propagandaaktivitäten dar. So, wie es jetzt angegangen wird, kann sie aber kaum Wirkung entwickeln. Bilder von Leichen US-amerikanischer Soldaten in Somalia vor einigen Jahren waren nur deshalb wirksam, weil sie Leichen unter sichtbarem Jubel von Menschen durch die Straßen geschleift wurden, was Stärke demonstrierte und einschüchternd wirkte. Ein Bild einer einzelnen Leiche wirkt jedoch weit weniger stark. Allenfalls kann man damit muslimische Unterstützer in westlichen Gesellschaften motivieren, denen man zeigt, dass auch westliche Spezialkräfte verwundbar sind, was die Bereitschaft bei einigen verstärken könnte, sich ebenfalls militant vor Ort zu engagieren.

    Wirksamer zur Demoralisierung westlicher Gesellschaften wäre große französische Verluste (bei denen es nicht reicht, sie nur im Netz zu behaupten, wie die Aufständischen in Afghanistan es tun) oder Meldungen über zivile Verluste durch französisches Vorgehen, die es aber in westlichen Medien mangels Journalisten vor Ort wohl so bald nicht geben wird, solange sich nicht irgendeine NGO wichtig machen will und unter Berufung auf zweifelhafte Quellen entsprechende Gerüchte in die Welt setzt.

    Zur Mobilisierung von Muslimen würde man ebenfalls Meldungen über zivile Verluste sowie ein deutlicheres französisches Profil des Einsatzes brauchen, was die Franzosen aber wohl geschickt vermieden haben.

    Im Informationsraum haben die Aufständischen in Mali momentan nur noch gegenüber der Bevölkerung in von ihnen gehaltenen Räumen einen Vorteil, der aber mit sichtbaren Niederlagen rasch schwinden dürfte.

  2. Politisch interessant:
    Frankreich ist wenigstens noch bereit zu wagen – wenn vitale französische Interessen tangiert sind. Trotz einiger Rückschläge in der Vergangenheit und dem Regierungswechsel.

    Organisatorisch interessant:
    Nach verschiedenen Berichten wurde die Befreiungsaktion durch eine paramilitärische Einheit des DGSE durchgeführt – nicht von den für Geiselbefreiungen vorgesehenen Spezialkräften der Armee (1er RPIMa) oder der Gendarmerie (GIGN).
    Friktionen durch suboptimale Organisation?

  3. @Memoria
    Es ist ja eher unüblich, dass Gefallene zurückgelassen werden, Möglicherweise werden in den nächsten Tagen noch weitere Details zu dem Einsatz bekannt.

  4. @Orontes: Meiner Meinung nach sind hre Überlegungen etwas zu abgeklärt. Auf den durchschnittlichen Bürger, der von Spielfilmen abgesehen keine Bilder gefallener Soldaten sieht, macht so ein Foto einen anderen Eindruck als auf jemanden mit militärischem Hintergrund. Ich würde den Effekt solcher Fotos nicht unterschätzen. In der französischen Yellow Press machen die Bilder jetzt schon die Runde.

  5. @ zog

    Die MP7 ist mittlerweile eine sehr verbreitete Waffe in diesem Business.
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    Ich hab das Bild gesehen und bin sehr traurig über diesen Verlust und sehr gespannt woran es gelegen haben könnte. Die vielen verschiedenen französischen Spezialeinheiten sind in der Tat nicht mehr einfach zu überblicken und sowas kann auch zu einem großen Problem werden.

    Warum Gefallene zurück gelassen wurden weist für mich vielleicht darauf hin, dass auf eine Backup-Einheit verzichtet wurde, was ich heutzutage so nicht mehr nachvollziehen könnte. Das ist aber mehr als vage, wir wissen absolut nichts über den Einsatz. Grundsätzlich sei aber gesagt, dass es zumeist nicht so ist, dass man „mal eben“ ein paar Profis irgendwo reinschmeißt und die machen den Job schon irgendwie. Vielmehr wird bei solchen Operationen richtig Aufwand betrieben, vor allem in so einem krassen Umfeld. Das geht runter bis zu konkreten Handgriffen. Je nachdem welche Einheit das jetzt war und wie es bei den Franzosen gehandhabt wird, könnte man auf eine logische aber vielleicht nicht schmeichelhafte Erklärung stoßen.
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    Wie soll man auf sowas reagieren? Mal ganz dezent aufklären und ein paar tausend-Pfünder abwerfen?

  6. Es ging mir eher darum, dass gerade in Somalia kaum jemand mit Schutzwesten operiert, zumindest nicht die Kämpfer der Shabaab. Wozu also eine Waffe verwenden, die primär dafür ausgelegt ist, soft armor zu durchschlagen? Dass die meisten Somalis sehr dünn sind, verbessert die Effektivität der Munition auch nicht.

  7. Was mich noch viel stutziger macht als die eine MP7 ist die andere. Die Islamisten scheinen die Primary von mindestens zwei Kommandosoldaten zu besitzen, zeigen aber bisher nur eine Leiche (trotz zwei mehr oder weniger bestätigten Toten). Das muss ja schon ganz schön gekracht haben wenn einer der Soldaten sogar seine Waffe zurückgelassen hat.

    Ich kann mir kaum vorstellen dass die Franzosen sich das Prahlen der Al Shahab gefallen lassen. Es würde mich nicht wundern wenn es bald schon Vergeltung geben würde, egal ob durch noch mehr (und hoffentlich besser ausgeführte) Bodenaktionen oder durch Luftschläge.

  8. @ zog

    Hehehe… Vielleicht eignet sie sich damit gut als Anti-Mob-Waffe.
    Ich denke die MP7 ist einfach schön kompakt. Eventuell mochte sie der Soldat auch einfach wegen gewisser Eigenschaften oder in seiner Funktion in der Truppe.

    Wo war denn die zweite?

  9. @Niklas

    Das letzte Photo der HSMPress auf Twitter zeigt die erbeuteten Waffen: Zwei MP7 mit Schalldaempfer, eine Glock19 mit Schalldaempfer und Licht sowie jede Menge Magazine fuer beide. Zusaetzlich noch zwei (scheinbar noch volle) Magpul PMags und ein 20-Schuss Magazin fuer Sigs SG55x Reihe.

  10. Achso, da… Naja. Das müssen die Jungs schon selber entscheiden. Die MP7 ist zumindest recht weit verbreitet, auch dort wo keine Westen getragen werden.
    Scheinbar ist man mit dem Leistungsprofil nicht unzufrieden.

  11. Dazu wie dieser katastrophale Einsatz abgelaufen dieser AFP Bericht:

    Somali witnesses said on Sunday that at least eight civilians were killed in the disastrous French operation to rescue a kidnapped secret agent but France’s defence minister defended the decision to launch the raid.

    Sources in lawless Somalia also suggested the reason Saturday’s raid failed was that the Al Qaeda-linked Shebab group holding the hostage received advance warning.
    (…)

    France has a recent history of botched operations, including a failed joint raid with Niger forces in 2011 that left both hostages dead and another in Mali that led to the hostage’s execution.

    In 2009, French commandos launched a raid to free a French family whose yacht had been hijacked by Somali pirates in the Indian Ocean. They retook the boat but accidentally shot the father dead.

    Man beachte die letzten zwei Absätze (und das von AFP!).

    Nach anderen Berichten sind nach der lauten Landung der Hubschrauber Zivilisten mit Taschenlampen aus ihren Häusern gekommen um nachzuschauen was denn dort los war. Diese Zivilisten wurden dann von den Franzosen sofort beschossen. Das wurde natürlich sofort per Mobiltelefon verbreitet und alarmierte die örtliche Shabab Truppe die dann in überlegener Zahl und mit ausgezeichneten Ortskenntnissen das Befreiungskommando in Empfang nahm.

    Insgesamt wohl ein ziemlich unprofessioneller aber nicht ganz ungewöhnlicher Einsatz.

    [Tut mir Leid, aber das ist für ein Zitat deutlich zu lang, zumal der Link dabei steht. So was kann mich in kostspielige Probleme stürzen, deshalb den zitierten Text gekürzt. T.W.]

  12. 9 Shabaab KIA und 8 CIVCAS, wenn man die Angaben aus den Meldungen evaluiert.
    Dem gegenüber 2 eigene KIA, zudem wurde das Ziel des Einsatzes nicht erreicht.
    Da lief wohl ordentlich was schief.

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