RC N Watch: Der Suicider von Baghlan

Im Norden Afghanistans gab es am (gestrigen) ersten Tag des islamischen Opferfestest einen blutigen Anschlag in Maimaneh – und weiter östlich, in der Provinz Baghlan, einen Anschlagsversuch, der aber vereitelt wurde: Ein junger Mann in afghanischer Polizeiuniform konnte überwältigt werden, ehe er sich und eine größere Zahl von Polizisten in die Luft sprengte.

Über das Foto dieses Attentäters könnte man lange sinnieren. (Wg. der unklaren Urheberrechtslage verlinke ich es hier nur und zeige es nicht direkt.)

Die Geschichte zu diesem Suicider steht hier.

14 Kommentare zu „RC N Watch: Der Suicider von Baghlan“

  • Sascha Stoltenow   |   27. Oktober 2012 - 9:14

    Klare Fall. Der junge Mann ist hoffnungslos überschuldet, weil er zu viele Mobilfunkverträge abgeschlossen hat.

  • politisch inkorrekt   |   27. Oktober 2012 - 10:23

    Der gute sherzad. Eine wahre Ikone der law and order Fraktion in baghlan. Fand den Mann immer beeindruckend.

    pi

  • T.Wiegold   |   27. Oktober 2012 - 10:42

    @pi

    ?? Etwas klarer bitte…

  • chickenhawk   |   27. Oktober 2012 - 12:33

    Über den Gemütszustand eines Mannes, der so einen Anschlag begehen will, kann man nur spekulieren. In der Vergangenheit wurde bisweilen bekannt, dass die Terroristen gezielt geistig zurückgebliebene Menschen für diese Zwecke missbrauchen.

    Ansonsten benötigt man dafür wohl eine religiöse Überzeugung, welche man im durch und durch säkularen (man könnte auch sagen: unläubigen) Westen, insbesondere in Deutschland, nicht auch nur ansatzweise zu verstehen vermag. Dieser Faktor wird meistens in der Analyse übersehen, worauf z. B. Peter Scholl-Latour hinweist.

  • Heiko Kamann   |   27. Oktober 2012 - 12:41

    Es gab da letztens eine Sendung auf 3sat „Krieg und Drogen“; hier fokussiert auf Soldaten. Was spricht eigentlich dagegen, das soche Mittel nicht auch von Terroristen genutzt werden?

    Hier mal der Link zur Sendung: http://www.3sat.de/page/?source=/scobel/162236/index.html

  • zog   |   27. Oktober 2012 - 12:59

    Wie schafft man es, so jemanden festzunehmen? Insbesondere da klar sein dürfte, dass die Leute, die man eben noch umbringen wollte, einem nicht sonderlich wohlgesonnen sein werden…

    @Heiko Kamann: Wird durchaus benutzt, weltweit. Kommt halt auf die Gruppe an.

  • chickenhawk   |   27. Oktober 2012 - 13:03

    Es stellt sich auch die Frage, ob von der Sprengstoffweste zu dem Zeitpunkt, an dem das Foto aufgenommen wurde, tatsächlich keine Gefahr mehr ausging.

    Mir sind Filmaufnahmen von einem Vorfall aus den Palästinensergebieten erinnerlich, bei dem die israelischen Soldaten einen ferngesteuerten Roboter verwendeten, um sich einem Attentäter zu nähern, welcher, durch Schüsse verletzt, aber sonst bei vollem Bewusstsein, am Boden lag.

  • politisch inkorrekt   |   27. Oktober 2012 - 13:36

    @TW

    Der Mann macht dort einen wirklich guten job für einen afg. Polizisten. Nicht unbedingt nach fdgo aber definitiv um Ruhe bemüht. Ich kann mich konkret an zwei Vorfälle erinnern die durch ihn maßgeblich entschärft wurden.

    1. im Februar demonstrierten einige auf der Straße und brannten reifen an. EA ging damals um eine Koran Schändung. Der gute Mann ging zu den Demonstranten, scheiterte den Anführer eine und lies danach die bande antreten zur Straßenreinigung.
    2. Ein anderes mal wollten einige verrückte in der nahe con checkpoints demonstrieren. Kein Problem meinte er. In einen Nebensatz erwähnte er noch eine Feuer Eröffnung Linie von 1000m(durchschnittlicher Abstand zwischen den Posten betrug 2000m). Es gab dann doch keine demo.

    pi

  • zog   |   27. Oktober 2012 - 13:40

    @chickenhawk: Die wissen schon, warum sie seine Arme festhalten. Wahrscheinlich wurde einfach der Detonator abgetrennt, die Afghanen sind da recht pragmatisch.

  • Orontes   |   27. Oktober 2012 - 14:33

    @zog
    In Afghanistan gab es bereits mehrere Fälle der Festnahme bzw. Aufgabe von Selbstmordattentätern. Selbstmordanschläge haben sich dort vorwiegend aus kulturellen Gründen nicht zu dem Phänomen entwickeln können, das sie im Nahen Osten zeitweise waren. Die UNAMA hat mal eine Studie über bekannte Fälle in Afghanistan veröffentlicht. Als Täter werden demnach vorwiegend sehr junge Männer oder Jugendliche eingesetzt, die meist nicht aus Überzeugung handeln, sondern weil die Familie sie als entbehrlich betrachtet etc. Man setzt sie vor der Tat unter Drogen oder zündet sie fern, um den Überzeugungsmangel auszugleichen. Dennoch gelang es nicht wenigen, sich zu stellen oder aufzugeben. Andere verübten die Anschläge offenbar gezielt so, dass möglichst wenig Schaden entstand, aber die Familien durch Vollzug des Anschlags dennoch in den Genuß der von den Aufständischen in Aussicht gestellten Zahlungen kamen.

  • zog   |   27. Oktober 2012 - 14:56

    @Orontes: Die Studie ist mir bekannt, ich habe aber so meine Zweifel daran, weniger an der Studie selber, als vielmehr an den zugrunde liegenden Aussagen.
    Was würden Sie denn tun, wären Sie in der Situation? Argumentieren, man hätte Ihnen eine Gehirnwäsche verpasst / Sie unter Drogen gesetzt / Ihre Familie bedroht / usw. ?
    Oder schwören, es erneut zu versuchen?
    Nicht dass die Methoden niemals angewendet würden, aber ich wage zu behaupten, dass längst nicht jeder, der behauptet er wäre gezwungen/reingelegt worden, auch die Wahrheit sagt. So steht er nämlich als Opfer dar, dem man eher helfen muss als es zu bestrafen. Das gleiche Prinzip wie wenn hier jemand vor Gericht „bereut“. Ob er es wirklich bereut oder nur auf Strafmilderung hofft, ist selten feststellbar. Zu glauben jeder meinte es ehrlich ist aber illusorisch.

  • turan saheb   |   27. Oktober 2012 - 16:13

    @ Orontes,

    ich habe da wie zog auch so meine Zweifel was die Studie angeht. Ein ganzer Haufen Ueberzeugung steckt meiner Meinung doch dahinter und an Freiwilligen herrscht augenscheinlich kein Mangel. Nun sind das in der Regel nicht gerade die Allerhellsten und Weltlaeufigsten, das stimmt schon, aber ich wuerde sagen das bewegt sich auf dem durchschnittlichen Niveau der Kaempfer (auf beiden Seiten: was ANA, ANP und vor allem ALP angeht sprechen wir je auch nicht von angehenden Physiknobelpreistraegern). Das und die in Afghanistan eher wenig ausgepraegte Erziehung zu eigenverantwortlicher Entscheidungsfindung in unuebersichtlichen Situationen ist m.E. nach eher der Hauptgrund warum die Jungs, die sich schon kurz vorm Paradies waehnen, sich doch in einigen Faellen uebertoelpeln lassen…
    Das manche Gruppen zuweilen deutlich zurueckgebliebene Zeitgenossen einsetzen mag sein, aber wie gesagt, an zu allem ueberzeugten und todesbereiten haben die Talibunnies keinen Mangel.

    Spannend ist bei dieser Geschichte, angesichts der inneren Zerrissenheit der Provinzpolitik in Baghlan (wir erinnern uns: von deutschen ausgebildete, tadschikisch/ Andarabi/ anti-Taliban/ Jamiat-dominierte ANP gegen von Amerikanern unterstuetzte paschtunisch/ Baghlana- & Dand-e Ghuri/ Ex-Taliban/ HIG-dominierte ALP), dass in einem Artikel bei Bokhdinews (sorry, momentan nur auf Dari: http://www.bokhdinews.af/news/11333-%DB%8C%DA%A9-%D8%A8%D8%A7%D8%B4%D9%86%D8%AF%D9%87-%D9%82%D9%86%D8%AF%D9%88%D8%B2-%D9%85%DB%8C-%D8%AE%D9%88%D8%A7%D8%B3%D8%AA%D9%85-%D8%A8%D8%A7-%D9%87%D9%85%DA%A9%D8%A7%D8%B1%DB%8C-%D9%BE%D9%88%D9%84%DB%8C%D8%B3-%D8%AD%D9%85%D9%84%D9%87-%D8%A7%D9%86%D8%AA%D8%AD%D8%A7%D8%B1%DB%8C-%D8%A7%D9%86%D8%AC%D8%A7%D9%85-%D8%AF%D9%87%D9%85) Abdullah (so heisst der gute Mann) zu Protokoll gegeben hat, ein „Polizeikommandeur“ habe ihn bei dem Selbstmordattentat unterstuetzt. Ich kann mir schlecht vorstellen, dass ihm vor der Pressvorfuehrung nicht liebevoll von der oertlichen Polizeifuehrung klar gemacht wurde, was er zu sagen habe und wen er zu beschuldigen habe…

  • Orontes   |   28. Oktober 2012 - 16:04

    @turan saheb, zog
    Ich konnte die Studie nachvollziehen, weil die Zahl der Selbstmordattentäter im Vergleich zu Konflikten im Nahe Osten in Afghanistan doch eher gering ist, und sich der dort zu findende Märtyrerkult um die Täter in Afghanistan nicht herausgebildet hat. Heroisches Verhalten wird nach meinem Eindruck zwar geschätzt und zumindest der äußeren Form nach auch von vielen jungen Männern angestrebt (egal auf welcher Seite), aber die Durchführung eines Selbstmordanschlag scheint verbreitet nicht als heroisch wahrgenommen zu werden. Dazu passt auch, dass viele der Täter der erfolgreich ausgeführten Anschläge unter Drogen gestanden haben sollen, die man ihnen offenbar verabreicht hat, um aufkommenden Zweifeln entgegenzuwirken. Auch die propagandistische Verwertung gestaltet sich offenbar vollkommen anders.

    Zu Selbstmordattentätern im Nahen Osten gibt es einiges Material, und auch wenn der Forschung naturgemäß Grenzen gesetzt sind, so ergibt sich doch ein anderes Bild als in Afghanista: Die Täter seien sozial relativ etabliert, vergleichsweise gebildet (überproportional viele Studenten) und nur selten psychisch instabil gewesen.

  • zog   |   29. Oktober 2012 - 23:04

    Inwieweit unterscheidet sich der „Märtyrerkult“ im Nahen Osten denn von dem in Afghanistan?

    Nur teilweise OT: http://english.alarabiya.net/articles/2012/10/29/246547.html