Neue Runde der Gewalt nach Anti-Islam-Film – auch in Afghanistan? (Update: Karzai-Wortlaut)

Ein seit Monaten bekannter, aber jetzt erst in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geratener Anti-Islam-Film aus den USA hat in der islamischen Welt (erneut) eine Welle der Gewalt ausgelöst. Bei gewaltsamen Angriffen wurde der US-Botschafter in Libyen getötet; die US-Botschaft in Kairo wurde ebenfalls angegriffen. Die Details dieser Vorfälle sind unter anderem bei der New York Times nachzulesen; was für Augen geradeaus! eher ein Thema ist: Kann diese Gewalt auch auf die Islamische Republik Afghanistan übergreifen?

Die Frage ist nicht rhetorisch – nach der angekündigten Koran-Verbrennung des US-Pastors Terry Jones im vergangenen Jahr war es auch in Afghanistan zu gewalttätigen Proteste gekommen. Und bei dem Angrif auf die Vereinten Nationen in Masar-i-Scharif hatte es Tote gegeben.

Deshalb sind die ersten Meldungen aus Kabul Besorgnis erregend: Präsident Hamid Karzai, so berichten Kollegen aus der afghanischen Hauptstadt, habe den Film verurteilt – ohne aber zugleich zur Mäßigung aufzurufen.

Die Kabuler Reuters-Kollegin Amie Ferris-Rotman hat via Twitter eine Kernpunkte aus Karzais Stellungnahme verbreitet:

And Karzai now weighing in…. Sharply condemns „anti-Islam“ movie which sparked Libya protests. Oh, no, no, no, NO.

Karzai: „Insulting Prophet Mohammad… will be a severe blow to peace and the harmony between humans“. Sounds like a warning to me.

Karzai: „Insulting Islamic values is not part of the freedom of speech“.

Vermutlich wird sich recht schnell zeigen, ob diese Gewalt-Runde auch auf das Land am Hindukusch übergreift.

(Übrigens scheint es, dass mittlerweile – wegen dieses Films? – der Zugang zu YouTube in Afghanistan blockiert ist. Nachtrag: Eine Meldung von Reuters bestätigt das: Afghanistan says bans YouTube so that „offensive video about Prophet Mohammad“ cannot be viewed.)

Update: Jetzt liegt die Erklärung Karzais in einer englischen Fassung im Wortlaut vor. Interessant, dass er das Video verurteilt, auf die Gewalt und den Tod des Botschafters aber nicht eingeht:

September 12, 2012 –  With deep sadness, we found out that Sam Bacile, a producer made a film in the United States which allegedly insults the Prophet Mohammad (PBUH) while Terry Jones, an American pastor released a video clip promoting the offensive film.
Office of the President of the Islamic Republic of Afghanistan strongly and resolutely denounces this desecrating act and declares its serious abhorrence in the face of such an insult.
Prophet Mohammad (PBUH) was the greatest prophet of Islam, a prophet sent to guide mankind, a pacifist and promoter of truth and honesty in the world.
In fact, insult to the greatest Prophet of Islam means insult to high values of 1.5 billion Muslims across the world.
This offensive act has stoked inter-faith enmity and confrontation and badly impacted the peaceful coexistence between human beings.
We strongly believe that Sam Bacile a film producer and Terry Jones a Pastor along with their supporters represent a small radical minority.
This heinous act has created outrage and anxiety for all peace-loving humans who back up the idea of peaceful coexistence.
Desecration is not a part of the freedom of expression, but a criminal act that has now badly affected the righteous sentiments of 1.5 billion Muslims all over the globe.
Government of Afghanistan strongly calls for efforts to prevent the release of this insulting film along with the video-clip currently promoting it as well as demands that such an evil act of the film producer and radical Pastor is not to be allowed to further affect sentiments of our people in the Muslim world.

Nachtrag: ISAF und die US-Botschaft in Kabul haben die Afghanen aufgerufen, Gewalt zu vermeiden:

We ask for the assistance of Afghan leaders and the people of Afghanistan in maintaining calm and continuing our work to build a better, secure future. The safety of the Afghan people, Americans, and Afghan and Coalition forces continues to be our utmost priority.

Nachtrag 2: Erwartbares Statement der Taliban zu dem Video (die umrahmende Werbung ist ein Ironiefaktor.)

Afghanistan · 13:20h ·  ,

54 Kommentare zu „Neue Runde der Gewalt nach Anti-Islam-Film – auch in Afghanistan? (Update: Karzai-Wortlaut)“

  • zog   |   13. September 2012 - 14:29

    Sie erkennen den Unterschied zwischen „schänden“ und deglorifizieren (bei o. g. Schreinen) bzw. städtebaulicher Veränderung (aufgr. der immer größeren Menschenmassen bei der Hajj)?
    Gräberverehrung ist etwa so islamisch wie der Halbmond als Symbol.

  • Orontes   |   13. September 2012 - 14:44

    @zog
    Salafis und auch Deobandis (die Taliban kommen aus dieser Richtung, die durchaus relevant ist in Indien, Pakistan und Zentralasien) betrachten die meisten Formen der Totenehrung als unislamisch und zerstören regelmäßig Grabstätten von Muslimen (auch von Nichtmuslimen, aber aus anderen Gründen). Es gibt dazu hunderte Meldungen, die entsprechende Vorfälle belegen.

  • zog   |   13. September 2012 - 14:58

    Ehm, ja, genau das schrieb ich doch?
    „Gräberverehrung ist etwa so islamisch wie der Halbmond als Symbol.“