Mal nachlesen: Staatsbürger mit Uniform

Das ist gestern ein bisschen untergegangen: Das Verteidigungsministerium hat die neue Reservistenkonzeption veröffentlicht; das ganze Werk im Wortlaut kann hier heruntergeladen werden. Ich gebe zu, dass ich für diese Thematik in der Tat kein Spezialist bin und die Vielfalt der Beorderungsmöglichkeiten nicht im Blick habe. Aber eine Neuerung fällt auch mir auf: Künftig sollen Reservisten Regionale Sicherungs- und Unterstützungskräfte (RSUKr) stellen, mit dem Aufgabenschwerpunkt Heimatschutz (für den aber noch eine gesonderte Konzeption erstellt werden soll).

Die Feinschmecker werden schon noch mehr finden in der Konzeption, in die natürlich auch der Begriff Eingang gefunden hat, den Verteidigungsminister Thomas de Maizière vor dem Reservistenverband erstmals gebraucht hat: Staatsbürger mit Uniform.

Der Reservistenverband, übrigens, hat ebenfalls seit gestern einen neuen Präsidenten. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter, vor Einzug ins Parlament Oberst und zuletzt im NATO-Oberkommando SHAPE tätig, führt jetzt die Organisation.

17 Kommentare zu „Mal nachlesen: Staatsbürger mit Uniform“

  • Voodoo   |   12. November 2011 - 11:23

    „Regionale Sicherungs- und Unterstützungskräfte“ die höchstwahrscheinlich über keine eigenen Waffen, Ausrüstung, geschweige denn gar Fahrzeuge verfügen werden. Wie sinnlos ist das denn bitte, wenn man der aktiven Truppe zu jeder Gelegenheit immer etwas aus dem Kreuz leiern muss…

    Auch die Phrase „Die Ausrüstung der Reservisten ist grundsätzlich denen der aktiven Soldaten gleich“ wird sofort aufgehoben durch „Ein genaueres Ausstattungssoll wird noch festgelegt“. Also bekommt der Reservist wahrscheinlich wieder nur eine Feldhose, eine Feldbluse und keinen (!) Rucksack :rolleyes:

  • Polybos   |   12. November 2011 - 11:44

    @T.Wiegold:

    Interessant dürften sicherlich folgende Punkte sein:
    • Personalgewinnung: Abs. 725-728
    • „Bereitschaftsdienst“ (S.21)
    • Küsten- und Objektschutzkomponente der Marine (S.30)
    • Truppenreserve SKB (S.30)

  • T.Wiegold   |   12. November 2011 - 11:50

    Beim Bereitschaftsdienst braucht’s mal einen Juristen, der das erklärt…

    (1)
    Befristete Übungen dauern grundsätzlich höchstens drei Monate. Über Ausnahmen entscheidet das Bundesministerium der Verteidigung.
    (2)
    Die Gesamtdauer der Übungen beträgt bei Mannschaften höchstens sechs, bei Unteroffizieren höchstens neun und bei Offizieren höchstens zwölf Monate.
    (3)
    Übungen, die von der Bundesregierung als Bereitschaftsdienst angeordnet werden, sind unbefristet. Auf die Gesamtdauer der Übungen nach Absatz 2 werden sie nicht angerechnet; das Bundesministerium der Verteidigung kann eine Anrechnung anordnen.

  • Mariner   |   12. November 2011 - 13:43

    Ich bin zwar kein Jurist, hatte mich aber vor ein paar Tagen über das „Reservist-Sein“ informiert, da ich selbst Ende Juni ausgeschieden bin und war auf den Seiten der Bundeswehr darüber gestolpert, dass es bisher ja „Wehrdienstleistung“ hieß. Da es nun aber keinen Wehrdienst mehr gibt, hatte man dort gesagt, würde es in Zukunft „Dienstleistung“ heißen … dass fand man jetzt wohl doch nicht militärisch genug und hat es in Bereitschaftsdienst umgetauft, denn die Regelungen entsprechen meines Wissens denen, die vorher für den „Wehrdienst“ galten. Man möge mich korrigieren.

  • Mariner   |   12. November 2011 - 13:48

    BTW die offizielle Webseite für Reservisten http://www.reservisten.bundeswehr.de/ ist grottenschlecht und so etwas von nicht aktuell, wen die „Reserve“ jetzt eine bedeutendere Rolle einnehmen soll, dann muss man da dringend mal ‚ran, oder überlässt man die ganze aktive Reservistenarbeit einem Verein?

  • Polybos   |   12. November 2011 - 14:36

    @Voodoo:

    Die Furcht mag gerechtfertigt sein.
    Nach meinem letzten Kenntnisstand sollen die neuen Reservekompanien aber aktiven Truppenteilen zugeordnet werden oder zumindest mit ihnen in Kooperation stehen. So könnten sich die nichtaktiven Einheiten aus dem Ausrüstungspool aktiver Verbände bedienen.
    Im Endeffekt hat das Konzept in meinen Augen aber den Charakter einer Notlösung. Stattdessen wäre es wirklich sinnvoll gewesen, wenn man Einheiten oder gar Verbände mit klaren Aufträgen aufgestellt hätte. Beispielsweise ein Heimatschutzregiment „Niedersachsen“ mit Sicherungskompanien, Rettungszentren sowie solchen für Pionieraufgaben, Brandschutz und ABC-Abwehr.

    @T.Wiegold:

    Meine Erklärung:
    • Unter (1) versteht man die herkömmlichen Wehrübungen auf Einzeldienstposten.
    • (2) meint dagegen eine Art „territoriale Bereitschaft“ in den neuen „Heimatschutzkompanien“. Diese müssen schließlich im Falle einer Naturkatastrophe oder eines besonders schweren Unglücks innerhalb kürzester Zeit einsatzbereit sein. Dazu müssen sich die Reservisten regelmäßig treffen und gemeinsam üben.
    • Unter (3) fallen für meine Begriffe die Kommandeure der VBK und VKK, die neben ihrer zivilen Tätigkeit quasi ständig nebenbei die Geschäfte ihres jeweiligen (militärischen) Bereiches führen müssen.

    @Mariner:

    Ich denke, der schlechte Zustand der Reservistenplattform ist dem bisherigen (dezentralen) Internetkonzept der Bundeswehr geschuldet.
    Vermutlich hieß es von oberer Stelle, es müsse eine Internetseite zum Thema Reserve aufgebaut werden. Dann haben entsprechende Dienststellen Informationen geliefert und Webdesigner fingen an zu basteln. Irgendwann stand die Seite dann und dabei blieb es – von Aktualisierung gibt es keine Spur.

  • JCR   |   12. November 2011 - 14:40

    Als Volljurist ohne wirklich Ahnung von Reservistenrecht zu haben:
    Also Abs. 3 sagt aus, daß Bereitschaftsdienst von der Bundesregierung angeordnet wird (was immer das ist), nicht nach Abs 1, 2 geregelt wird, also keiner Höchstdauer unterliegt.
    Das BmvG kann aber (Ermessen) die Bereitschaftsdienstzeit auf die Höchstdienstzeit nach Abs. 2 anrechen.

    Es gibt also 2 Arten von Reservistendienst, einmal die maximal 3 Monate am Stück und 6/9/12 Monate insgesamt nach Abs. 1, 2 und dann den von der Bundesregierung angeordneten Bereitschaftsdienst, der keiner zeitlichen Begrenzung unterliegt aber im Nachhinein auf diese angerechnet werden kann.

    Wie kriegt man eigentlich ne Reserveübung?
    Ich hätte nichts dagegen, mal wieder zur See zu fahren;)

  • Polybos   |   12. November 2011 - 17:21

    @JCR:

    Wenn Sie als Jurist zur See fahren möchten, sollten Sie sich an die Abt. V des PersABw wenden. „StOffz R“ sind seit den letzten Jahren sehr begehrt.

  • Mariner   |   12. November 2011 - 17:22

    @JCR:

    Wie gesagt, obige Adresse ist nicht der Hit aber wenigstens hier tinyurl.com/c4lqlue gibt es gute und aktuelle Informationen, da ist bestimmt auch für Dich etwas dabei.

  • K.B.   |   12. November 2011 - 17:44

    My 2 cents:

    Das Prinzip „Reservisten bilden Reservisten aus“ (Nr. 516) sehe ich kritisch, wenn dadurch die Reserve von der aktiven Truppe abgekoppelt wird.

    Aber warten wir einfach mal ab, was beim noch zu erstellenden Territorialkonzept der SKB herauskommt.

  • cosmo   |   12. November 2011 - 18:48

    @Polybos
    @JCR

    „Wenn Sie als Jurist zur See fahren möchten, sollten Sie sich an die Abt. V des PersABw wenden. “StOffz R” sind seit den letzten Jahren sehr begehrt.“

    Na, hoffentlich geraten Sie dann nicht an jenen Dezernatsleiter der sein Glück als CdC im HQ KFOR versucht hat. Der ist solange von der Truppe weg das er schon bei den kleinsten Allerweltsmaßnahmen und Entscheidungen dort eine Spur der Verwüstung hinterlassen hat. Dafür wartet er aber auf B 3………(und erzählte es jedem)

    Genau die Sorte Ansprechpartner, die ein Reservist nun wirklich nicht gebrauchen kann!

  • Jeff Costello   |   14. November 2011 - 11:42

    „Übungen, die von der Bundesregierung als Bereitschaftsdienst angeordnet werden, sind unbefristet. “

    Damit ist der personelle Mobilmachung im Spannungs- und Verteidigungsfall gemeint. Die Truppenstärke wird so erhöht und Personalersatz in die Ausbildungsorganisation eingeschleust. Das ist nicht neu und gab es schon immer.

    @Polybos
    VBK und VKK sind den früheren Reformen zum Opfer gefallen. Die Verbindungsaufgaben zur Zivilverwaltung nehmen Landeskommandos und BVK (Regierungsbezirke) und KVK(Stadt- und Landkreise) wahr. KVK und BVK sind ausschließlich mit Reservisten besetzt und werden fallweise alramiert und eingesetzt.

    “Regionale Sicherungs- und Unterstützungskräfte”
    Das ist das Eingeständnis der mil Führung, dass es ohne Heimatschutzkräfte nicht geht. Leider kommt diese Erkenntnis erst, nachdem die wohlausgerüsteten, personell und materiell gut aufgestellten Heimatschutzverbände zerschlagen wurden. Der 3Sterner, der das zu verantworten hat, wurde kurz darauf ebenfalls aus dem Dienst entlassen.

  • Boots on the Ground   |   15. November 2011 - 0:19

    Ich kann bei der neuen Reservistenkonzeption keine wesentlichen Neuerungen bzw. Unterschiede zur alten Konzeption feststellen: Ein „Total Force Concept“ ist nicht mal in Ansätzen erkennbar, weiterhin wird zwischen aktiver Truppe und Reserve unterschieden, mit unterschiedlichen Aufgaben und Leistungsfähigkeit. Und auch das wesentliche Problem jeder Reservistenkonzeption der letzten Jahre – Wehrübungen auf freiwilliger Basis – wurde nicht behoben.
    Thema Reserve und Heimatschutz: Das komplette Konzept ZMZ („Zechen mit Zivilisten“) mit BVKs, KVKs und den jetzt aufgestellten RSUs ist lediglich ein Zugeständnis des Ministeriums und der Bundeswehr an das Quengeln des Reservistenverbandes. Wie relevant erstere das Thema einstufen, ist an der Stärke der RSUs und ihrer StAN zu erkennen: Ganze 25 Kompanieäquivalente ohne eigene Ausstattung (obwohl letztere nach den Reduzierungen der vergangenen Jahre sicherlich vorhanden wäre). Kurzfristig bietet die territoriale Wehrorganisation den im Reservistenverband versammelten 3S-Reservisten und Kalten Kriegern eine Heimat (ZMZ eine militärische Heimat zu nennen wäre geradezu grotesk!), mittel- bis langfristig ist die komplette territoriale Wehrorganisation ohnehin zum Aussterben verurteilt, da Zahl potentieller Reservist aufgrund sinkender Personalstärke und aufgrund Wehrübungen auf freiwilliger Basis abnimmt. Darüber hinaus sind Sandsackstapeln, Vereinsmeierei und Geschichten aus dem Heimatschutzbataillon für einsatzerfahrene Zeitsoldaten und FWDLer nicht sonderlich attraktiv (zurecht!). Letztere lassen sich wenn überhaupt in ihrem alten Verband einplanen, meine persönlichen Erfahrungen sagen jedoch, dass sie aufgrund ihrer Frustration aus der aktiven Dienstzeit und dem schlechten Ansehen der Reserve in der aktiven Truppe (oft zurecht!) der Bundeswehr für immer den Rücken kehren. Insofern ist die territoriale Wehrorganisation ohnehin zum Sterben verurteilt und wird zeitgleich mit dem Reservistenverband aussterben (der bis dahin aber erstmal ruhig gestellt ist).
    Dass die Ministerpräsidenten der Länder das ZMZ-Konzept unterstützen, lässt sich einfach damit erklären, dass damit der Landeshaushalt von der Finanzierung des Katastrophenschutzes (Ländersache!) entlastet werden kann. Im Ernstfall stellt sich neben dem fehlenden und unzulänglichen Material ein weiteres Problem: Viele Angehörige der ZMZ-Formationen sind bereits Mitglieder weiterer HiOrgs, insofern leidet entweder die eine oder die andere Organisation unter Personalmangel.
    Wie sich der Reservistenverband die Zukunft vorstellt, kann diesem Artikel in der Rheinischen Post entnommen werden: http://nachrichten.rp-online.de/politik/wehrpflicht-durch-die-hintertuer-1.2546251 Innere Sicherheit, Katastrophenschutz, Wehrpflicht zur Auffüllung der RSUs und die National Guard betreibt im Schwerpunkt Katastrophen- und Grenzschutz…
    Abgesehen davon ist die derzeitige Reservistenkonzeption aus meiner Sicht nicht sonderliche attraktiv: Vakanzen überbücken, Urlaubsvertretung und glorreiche Birkenkreuzaufträge (z.B. TMP- und $78-Unterstützung, TdoT) sind nicht die Aufträge, für die Arbeitgeber ihre Reservisten freistellen oder diese ihre Urlaubstage opfern. Und die genaue Anzahl der (Teil-) Einheiten und Verbände, die im Rahmen der neuen Konzeption im Heer aufgestellt werden sollen, „orientiert sich am möglichen Reservistenaufkommen aus aktiven Strukturen“…

    Aber wie sieht eine ordentliche Reservistenkonzeption aus? Ein Blick nach Großbritannien, Australien und die Vereinigten Staaten zeigt den wichtigsten Grundbaustein: Ein Total Force Concept, d.h. gleiche Aufgaben und gleiches Leistungsniveau für aktive Truppe und Reserve und schließt Auslandseinsätze selbstverständlich mit ein. Eine weitgehende Integration nichtaktiver (Teil-) Einheiten und Verbände in die aktive Truppe und regelmäßige Pflichtwehrübungen (!!) garantieren einen hohen Leistungsstandard und verhindert ein vereinsmäßiges Eigenleben. So ist es auch möglich, dass die jeweilige Reserveorganisation nicht fast ausschließlich aus Heeresverbänden besteht, sondern u.a. in Großbritannien 6 von 10 SAS-Squadrons durch die Territorial Army gestellt werden, in Australien das 1st Commando Regiment und in den Vereinigten Staaten 2 von 10 SEAL-Teams, 2 von 7 SF-Groups und unzählige fliegende (!) Einheiten in allen Teilstreitkräften.
    Zum Thema Inübunghaltung: Die Territorial Army führt einemal wöchentliche abendliche Weiterbildungen in den jeweiligen Zeughäusern, ein monatliches Ausbildungswochenende und ein jährlichen zweiwöchigen Battle Camp durch. Und dementsprechend ist das Ausbildungsniveau: Die infanterischen Kenntnisse der britischen Signals (TA), die ich auf einer DVag kennenlernen durfte, konnten ohne weiteres denen deutscher Kampfunterstützungs- / Führungstruppen standhalten.
    Und zum Thema Heimatzschutz: Wie ein ordentliches militärisches Heimatschutzkonzept (alles andere ist in Deutschland Aufgabe der HiOrgs und der Polizeien) machen die skandinavischen Staaten mit ihren Heimatwehren vor. Allerdings werden letztere auf freiwilliger Basis auch zu Auslandseinsätzen herangezogen und haben sich massiv professionalisiert (u.a. die Fernspähkompanie der dänischen Heimwehr und die Task Forces der norwegischen Heimwehr).

  • JPW   |   15. November 2011 - 12:41

    Es hätte in den letzten Jahren im Reservistenverband und auch in der ZMZ-Organisation mehr „Troupiers“ gebraucht, die ihre Funktion mit dem Anspruch auf Wiederaufbau der der Verbände- und Ressortpolitik geopferten Heimatschutzkomponente ausgeübt hätten.

    Stattdessen hat aber angesichts des in Hessen durchgeführten Versuches, einen Reserve-Katastrophenschutzzug aufzustellen („Büdinger Modell“) das Flecktarn-THW Einzug in die außerhoheitliche freiwillige Reservistenarbeit und auch in die ZMZ-Organisation gehalten. Davon werden wir uns wohl einige Jahre lang nicht mehr erholen.

    Will man am „Flecktarn-THW“ festhalten, dann sollte man konsequenterweise eine neue Truppengattung mit der Bezeichnung „Rettungstruppe“ aufstellen, ausbilden und ausrüsten. Das ist angesichts der in Deutschland vorhandenen Strukturen (Feuerwehren, THW etc.) mehr als fragwürdig. Sinnvoller wäre tatsächlich ein auf Reservisten gestützter Raum- und Objektschutz, und gerade die skandinavischen Heimwehr-Modelle erachte ich als vorbildlich hierfür.

    Wie dem auch sei: Angesichts der Tatsache, daß sich die Bundeswehr zu einer Armee im Gefecht gewandelt hat, muss aber sowohl im Rahmen der hoheitlichen als auch im Rahmen der außerhoheitlichen Reservistenarbeit der Schwerpunkt wieder auf militärischen Inhalten liegen.

    JPW

  • Voodoo   |   15. November 2011 - 17:05

    Das verglault aber die 3S-Veteranen, die lieber ihr Pilsken zischen und von Annodunnemals erzählen, als wir noch ´nen Kaiser hatten. Es bedarf erst einer Auflösung des Verbandes, bevor wir einmal ein sinnvolles und durchdachtes Reservistenkonzept haben werden.

  • Mister Blake   |   15. November 2011 - 22:15

    @ Boots on the Ground, richtig, das TA Konzept der British Army ist aus Sicht eines hiesigen Reservisten beneidenswert.
    Es wird vor allem nicht zwischen aktiven und TA Einheiten strikt getrennt. Liegt aber auch an dem in England noch vorhandenen „Regimentssystem“, vor allem in der Infanterie. Field Army und TA Btl. gehören zu einem „gewachsenen“ Regiment, fühlen sich schon dadurch verbunden. In einem Infanterieregiment (einem reinen administrativen), befinden sich i.d.R. 3 -5 Field Army und 1 – 2 TA Btl. unter einem Dach, das Regiment ist historisch und/oder örtlich tief verwurzelt.
    Eben andere Verhältnisse in GB und hier aus verschiedensten Gründen niemals vorstellbar.

    Das ganze zieht sich bis auf die Divisionsebene fort. Die British Army hat auch „nur“ zwei aktive Div. (+ 1 DivStab), aber nicht mehr gebrauchte Einheiten aller Ebenen werden nicht, wie hier, stumpf aufgelöst, sondern so gut es geht anderen Aufgaben zugeführt. Die drei territorialen Divisionen mit ihren regionalen Brigaden sind alt gedient, werden aber einer neuen Funktion zugeführt, können ihre Tradition fortführen, also ihre Bezeichnung, battle honors etc.

    Ok, genug davon, bin eben Englandfan und finde deren Ansatz einfach nur gut!
    Hier wird ständig aufgelöst, umgegliedert, neu aufgestellt, Parallelstrukturen geschaffen, Reserve und aktive Truppe auseinander gehalten. Auch werden nach der neuen KDR wiedermal die Reservisten getrennt in diejenigen, die „Heimatschutz“ spielen dürfen in der SKB und solchen, die in aktiven Posten beordert sind oder in den na-Einheiten der TSK. Da kann nix wachsen und aufwachsen… In welche Strukturen denn?

    Einzelne Ansätze der KDR sind gut, die BVK/KVK sind schon teilweise bewährt, bilden eine richtige Schnittstelle. Aber die Idee, den komplett aufgelösten Heimatschutz neu aufzustellen und dort neben Feuerwehr, THW, HiOrgs ein viertes Element nichtpolizeilicher Gefahrenabwehr zu schaffen, auch wenn sich dort viele Reservisten wieder betätigen können, muss man, gerade wegen der Nachwuchssorgen der primär zuständigen (FF, THW, HiOrg) kritisch sehen. Auch hat das null militärischen Nutzen.

    Insgesamt nix halbes und nicht ansatzweise Ganzes, Stückwert mit guten Ansätzen, auf keinen Fall sehe ich hier eine Reserve entstehen, welche die aktive Truppe effektiv entlasten könnte. Falls das je gewollt war oder ist.

  • Boots on the Ground   |   15. November 2011 - 23:53

    @Voodoo: Den Reservistenverband trifft hier nur einen Teil der Schuld. Ganz grundsätzlich resultiert die derzeitige Nicht-Konzeption (Konzept kann man das aus meiner Sicht kaum nennen) aus Deutschlands Geschichte: Abgesehen von kleinen Strafexpeditionen und unbedeutenden Kämpfen in den Kolonien 1914 bis 1918 hat Deutschland nie Krieg in Übersee geführt und die Bundeswehr und jede Armee vor ihr hat keine Tradition als Expeditionsstreitmacht. Stattdessen führte Deutschland Krieg unmittelbar an seinen Grenzen, die Armee dazu wurde mit Hilfe der Wehrpflicht rekrutiert und immer Reservisten mobilisiert. Diese Trias Landesgrenze-Wehrpflicht-Reserve wurde im Kalten Krieg erneut bestätigt und bestimmt bis heute das Denken aller Verantwortlichen.
    Nach Ende des Kalten Krieges konnte diese Trias nicht mehr aufrecht erhalten werden: Deutschland war zum ersten Mal in seiner Geschichte von Freunden umgeben, die Bundeswehr schrumpfte und bekam neue Aufgaben (und die Begründung für die Wehrpflicht konnte nicht aufrecht erhalten werden) und auch die Reserve stand plötzlich ohne konkreten Auftrag da. In diese Lücke stieß dann der Reservistenverband mit Katastrophenschutz, Heimatschutz und dem Einsatz der Bundeswehr (d.h. Reservisten) im Rahmen der inneren Sicherheit. Die Bundeswehr reagiert mit dem Einsatz von Reservisten zur Unterstützung der aktiven Truppe. Letzteres ist aus Sicht der Bundeswehr zwar zweckmäßig, aber für den Reservisten nicht sehr attraktiv und lässt die große Mehrheit des Reservistenpotentials ungenutzt. Eine derartige Unterstützung der aktiven Truppe im Inland ist meines Wissens international unüblich, stattdessen steht die Unterstützung der aktiven Truppe im Einsatz im Vordergrund, entweder mit Einzelpersonal oder geschlossenen (Teil-) Einheiten.
    Zum Vergleich die Territorial Army: Schon deren Vorgängerorganisationen (Yeomanry und Volunteer Force) sandten mehrere 10.000 Freiwilliger für den Einsatz im Burenkrieg und die Territorial Army setzt diese Tradition bis heute fort.