ZDF verschiebt Kundus-„Dokufiction“ auf September

Nun kann man drüber streiten, ob der Medien-Infodienst DWDL glücklich liegt mit der Überschrift ZDF nimmt seine Dokufiction aus der Schusslinie. Aber es dürfte hier einige interessieren, dass der Sender die für kommenden Dienstag (2. August) geplante Ausstrahlung des Dokudramas Ein Tag in Kundus gestoppt hat. Der Film, der sich mit dem folgenschweren Luftschlag bei Kundus am 4. September 2009 befasst, soll jetzt Anfang September ausgestrahlt werden, voraussichtlich am 7. September um 22.45 Uhr.

Hintergrund ist natürlich, dass das ZDF mit zwei anderen Dokudramen in der Zuschauergunst abgestürzt ist – und das will der Sender mit dem Kundus-Stück offensichtlich vermeiden. Allerdings kommt eine geplante Ausstrahlung Anfang September nicht nur in die Nähe des Jahrestages des Luftangriffes. Sondern auch in die Zeit nach der parlamentarischen Sommerpause, wenn der Streit um die Bewertung der Ergebnisses des Kundus-Untersuchungsausschusses wieder an Fahrt aufnimmt…

29 Gedanken zu „ZDF verschiebt Kundus-„Dokufiction“ auf September

  1. Nur so aus interesse, was waren diese dokudramen mit denen das ZDF zuschauer irritiert hat? Seit ich nicht mehr in D lebe, bekomme ich solche sachen nicht mehr mit.

    Ganz abgesehen davon, ist das schon ein ganzschoen heisses eisen fuer ein dokudrama. Bin sehr erstaunt, dass sich das ZDF an so etwas heranwagt. Normalerweise wartet man doch eher ab bis es ein gegenstand der zeitgeschichte ist, und auch entsprechend durch historiker aufgearbeitet wurde.

  2. Jetzt ohne die Dokufiction-Formate gesehen zu haben, ermittelt das ZDF die Quote aus dem Schnitt von Altersheimen?

  3. Die Zuschauer scheinen wesentlich schlauer zu sein, als die verantwortlichen ZDF-Redakteure. Denn diese toppen selbst einschlägige ZDF- Terrorismusexperten. Schön, dass dieses Format per Quote abgestraft wird.

    Diese „Dokufictions“ gehören meiner Meinung zu den blödesten Ideen, die das TV in den letzten Jahren hatte. Fakten und wirkliche Information werden weitgehend durch Effekthascherei ersetzt.
    Meist grottenschlecht gemacht, oft voller gutmenschlicher pädagogischer Zeigefinger, immer auf Tränendrüse und Betroffenheit heucheln aber letztendlich auf den Voyeurismus des Coutschpotatos abzielen. Im Vergleich zu diesen Formaten kommt einem ja die Bild wie Weltliteratur vor …

  4. Jetzt ohne die Dokufiction-Formate gesehen zu haben, ermittelt das ZDF die Quote aus dem Schnitt von Altersheimen?

    Wenn man sich die beim ZDF laufende Reklame so anschaut, so ist festzustellen, dass da auffällig oft Hersteller von Treppenliften, Reinigungsmitteln für dritte Zähne und Tinkturen zur Erhaltung der Geisteskraft vertreten sind.

    Das wird schon seinen Grund haben.

  5. Ich habe das Format auch noch nicht gesehen, allerdings ordne ich es so in einer Liga mit „Niedrig und Kuhnt“ ein.

    Nur eben Bundeswehr anstatt Polizei.

    Liege ich da ungefähr richtig?

  6. @sd: zu nennen wär da “kongo“. Grottenschlecht und ein völlig falsches und verwerfliches über die bw und die einätze erzeugend
    Den 2. weiß ich nicht mehr.

  7. Dokudramen. Ein Produkt von Redaktionen, die für echte Dokus zu feige geworden sind (alle Namen sind frei erfunden…) und/oder nicht mehr ordentlich recherchieren wollen oder können (Ist doch nur ein Film vor dem Hintergrund einer wahren Begebenheit – was macht das, wenn da nicht alle Fakten stimmen…).
    Kann mich Sun Tzu et. al. nur anschließen: Das braucht kein Mensch. Schlimm genug dass dies Guidoknoppisierung ( von dessen „history“-Reihe stammt meines Wissens das Konzept…) die Geschichtsformate des ZDF heimsucht – zu Fällen wie Kundus oder dem Loveparade-Unglück muss das doch nicht sein.

  8. Und dabei hat gerade das ZDF des öfteren bewiesen, dass es sehr gut in der Lage ist qualitativ hochwertige und objektive Reportagen zu erstellen. Ich erinnere nur an „Der Krieg bleibt“. Doch an der Sendezeit damals hatte sich ja auch gezeigt, dass die Verantwortlichen keine „Cochones“ haben….
    Na ja, man will ja im Rahmen der Volksverdummung mit den Privaten auf Augenhöhe bleiben…

  9. Werte Fernsehkritiker,

    genauso wenig wie Sie habe ich die bisherigen zwei Sendungen dieser Dokufiction-Reihe gesehen. Und ich hab‘ keine Ahnung, ob dem Sender damit etwas Vernünftiges gelungen ist oder nicht.

    Deshalb überrascht mich ein wenig die vernichtende Kritik an einem Film, den keiner von uns kennt, ja offensichtlich kennt keiner von uns andere Filme der hier angekündigten Machart.

    Sollte man nicht, nun ja, so etwas wie eine etwas solidere Faktenbasis abwarten, ehe man es in Bausch und Bogen verdammt?

  10. @T. Wiegold:
    Nun ja, ihr obiger Tenor zur Erföffnung des Threads hat sicherlich ein wenig zu dieser Tirade hier beigetragen. Hinzu kommen auch die medialen Debatten der letzten Zeit, wenn es um das Thema Bundeswehr, Auslandseinsätze und so weiter gegangen ist. Die Qualität (räusper…gefährliches Halbwissen gepaart mit Faktenignoranz…Bsp. Saudi…tschuldigung) hat auch bei den hier Beitragenden mit Sicherheit zu einer gewissen Dünnhäutigkeit geführt. Bei mir ist es nicht anders, das gebe ich ehrlich zu.
    Wie bereits heute morgen schon einmal gesagt, das ZDF kann gute Sendungen bringen. Ich würde mich ja gerne positiv überraschen lassen. Jedoch fehlt mir der Glaube bei dem Thema Luftangriff….

  11. Da, eine Dokufiktion eine spekulative oder fiktive Dokumentation ist, kann Sie gar keine Wahrheit beinhalten.
    Die 2. Dokufiction vom ZDF war übrigens „An einem Tag in Duisburg – Todesfalle Loveparade“ Hier der Trailer: http://www.youtube.com/watch?v=4J06omjh2No&feature=feedu
    Auf Youtube kann man, glaube ich auch sich das ganze auch als Gesamtheit anschauen. Da ich kein TV mehr konsumiere kann ich dazu nichts sagen. Der Trailer ist für mich schon mal unterste Schublade = Privatfernseh-Niveau.
    Hier noch ein Kommentar, den ich auf Fernsehkritik.tv gefunden habe: „Stattdessen bekommt man ne Dokusoap über ein reales Ereignis mit realen Zeugenaussagen und dazwischen fi(c)ktionaler Scheißdreck der so überladen und so trivial wirkt das man jeglichen Respekt vor dem schlimmen Ereignis verliert. “

    Empfehlung einer wirklich sehr schönen informativen Dokumentation: http://www.amazon.de/Wildes-Skandinavien-Blu-Ray-Blu-ray/dp/B0053KL8PI/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1311932113&sr=8-1

  12. Nur der Vollständigkeit halber:

    „An einem Tag in Duisburg“ zum ersten Jahrestag des Loveparade-Dramas – 1,53 Millionen Zuschauer – 5,6 Prozent
    „An einem Tag in Chile“ – die Rettung der 33 verschütteten chilenischen Bergleute – 810 000 Interessierte – 2,9 Prozent

  13. Man könnte grundsätzlich fragen, wie seriös es ist, durch Nachstellung von vermuteter Realität (eine objektiv bestätigte Version des Geschehens ohne offene Fragen gibt es nicht) bestimmte Vermutungen zu verabsolutieren. Eine solche Verabsolutierung bewirken gestellte Bilder nämlich.

    Da ich praktisch alle fiktionalen Bundeswehrdarstellungen der staatlichen Medienorgane zur Bundeswehr kenne, zweifele ich auch daran, dass die fiktionalen Darstellungen schon bei oberflächlichen Details viel mit der Realität zu tun haben werden. Die meisten dieser Filme waren durchgängig oberflächlich recherchiert, realitätsfern dargestellt und voller populärer Klischees und Projektionen über traumatisierte Soldaten etc. Natürlich kenne ich diesen geplanten Infotainment-Film noch nicht, aber wenn in der Vergangenheit zu 90% Minderwertiges gezeigt wurde, baut sich eben eine bestimmte Erwartungshaltung auf.

    Da ist man bei Dokumentationen auch beim ZDF schon viel weiter (siehe u.a. http://augengeradeaus.net/2010/11/tv-tipp-neue-zdf-doku-mit-bildern-des-karfreitag-gefechts/, m.E. das Beste, was im deutschen Fernsehen jemals zu dem Thema zu sehen war).

  14. Die Tatsache, dass es keinen Qualitaetssicherungsstandard „Dokumentation“ bei den Oeffentlich Rechtlichen gibt ist eben so in dem Mediengewerbe (strukturelle QS ist einfach zu teuer)…………und die TV-Produktionsfirmen leisten sich eben auch keine Experten fuer bestimmte, sehr spezifische Dokumentations-Auftraege bei den knappen budgets.
    Ausserdem ist das Zuschauerinteresse an bestimmten Themen grundsaetzlich sehr begrenzt und rechtfertigt eben nur knappe Budgetierung. Auch bei ARD und ZDF gelten die betriebswirtschaftlichen Zwaenge des Marktes….denn sie sind ja nicht staatlich, sondern nur oeffentlich/rechtlich

  15. Deswegen beschäftigen sie ja auch einen drittklassigen Historiker, der, wenn er jemals wieder ein halbwegs renomiertes Historisches Institut an einer deutschen Hochschule beträte, mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt werden würde…

    Ich kann ihnen nicht sagen, wie oft bei uns dieser Herr als Warnung vor unterster wissenschaftlicher Arbeit von den Professoren und Dozenten genutzt wurde und wird – und da ist kein bisschen Neid oder Missgunst dabei… Warum sollten also andere Formate auf diesem Kanal besser sein.

  16. @ klabautermann

    Wo leben Sie denn?? Das Budget der öffentlich rechtlichen beträgt jährlich mal eben so ca. 7,5 Milliarden €! Ab 2013 dann über 8 Milliarden Euronen!

  17. @Berufssoldat

    Das rechnen sie mal um auf all die ö/r TV/Radio-analog, digital, streaming Sendeanstalten in Deutschland und deren Verwaltungsatrukturen und dann sehen sie schon wie viel da für QS und Doku übrig bleibt, denn der Verteilerschlüssel ist primär quotenabhängig…

  18. Dazu kommen dann noch die Kosten für die Lizenzen großer Sportereignisse wie Bundesliga, EM / WM, etc. etc. und schon sind von 8 Mrd Euro nicht mehr viel übrig…

  19. @Voodoo
    „Deswegen beschäftigen sie ja auch einen drittklassigen Historiker, der, wenn er jemals wieder ein halbwegs renomiertes Historisches Institut an einer deutschen Hochschule beträte, mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt werden würde… “

    Der Verknoppisierung breitet sich leider aus. Die Konsumenten wollen eben in erster Linie Stories voller Sensationen, Schurken und Helden, naivem Moralismus, Klischees und Emotionen.

    Die Hochschulwissenschaft ist jedoch manchmal nicht besser, wie der Historiker Egon Flaig vor kurzem in einem vielbeachteten Beitrag anlässlich des Jahrestages des „Hysterikerstreits“ beschrieb:
    http://www.faz.net/artikel/C31315/historikerstreit-die-habermas-methode-30462111.html

    Damals gestaltete sich zum ersten Mal ein Disput um historische Themen und um Wissenschaftler gemäß massenmedialen Gepflogenheiten. Im massenmedialen Feld gilt das Gesetz, ein Maximum an Aufmerksamkeit zu erringen; darum stehen alle Massenmedien unter dem Zwang zur Produktion von Sensationen.

  20. Also sooo schlimm fand ichs jetzt nicht.
    Es ist natürlich kein klassisches schwarz-weißes Dokumentarspiel des ZDF aus den 60ern (wo gibt es diese Schätze im Internet?) aber es ist recht seriös gemacht, für heutige Verhältnisse.

  21. Ich finde es schon erstaunlich und bedauerlich, daß sich öffentlich rechtliche Sender von der Quote leiten lassen und nicht ihrem Auftrag der Informationsvermittlung nachkommen . Man muß auch den Mut und die Gelassenheit haben gegen den mainstream anzugehen.

  22. @Udo
    „Ich finde es schon erstaunlich und bedauerlich, daß sich öffentlich rechtliche Sender von der Quote leiten lassen und nicht ihrem Auftrag der Informationsvermittlung nachkommen.“

    Bedauerlich ja, aber erstaunlich? Solches Verhalten stellt doch seit Jahren die Norm dar. Die Orientierung an Quoten und daraus folgende Fokussierung auf flacher Unterhaltung finde ich dabei weniger problematisch als die Nutzung von Zwangsgebühren für politische Manipulation. Die dabei angewandten Methoden werden ja immer extremer, wenn ich noch einmal meine Lieblingszeitung zitieren darf: http://www.faz.net/artikel/C30673/die-affaere-guener-balci-eine-falle-namens-thilo-sarrazin-30474476.html

  23. @ Orontes | 29. Juli 2011 – 14:49

    “Audacter calumniare, semper aliquid haeret.”

    Stimmt, schon, diese Methode ist heute sehr dominant – wobei die Erfindung des Internets dem mehr und mehr gegensteuert.

    Ich bin mal gespannt, wie Habermas und seine akademischen Kinder in Zukunft bewertet werden. Mehr und mehr setzt sich ja die Auffassung durch, dass diese Periode akademischen Vandalismus per moralinsaurer Denkverbote ihren Zenit überschritten hat. Man denkt hier spontan an Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“.

    Die Generation Habermas kämpfte gegen den Muff unter den Talaren – von über tausend Jahren.
    Langsam wird offenbar, dass der Gestank von 43 Jahren unter den Talaren den Muff der vorhergehenden 1000 Jahre weit überstrahlt.

    Wie so oft in Deutschland: Das Kind wurde mit dem Bade ausgeschüttet.

  24. Hm, das wird ja zu einer medienpolitischen Diskussion, für die es einschlägige Fachseiten gibt ;-)

  25. Nun, da das Ministerium die begleitende Dokumentation bislang gezielt verhindert, bzw. eine vereinbarte Zusammenarbeit in letzter Minute absagt, bleibt den Sendern die Dokufiction quasi als letzter Ausweg. Darüber hinaus: Die Bw-eigenen Produktionen über fahrende Korvetten, fliegende Kampfhubschrauber und gelingende Einsätze haben ja auch einen erheblichen fiktionalen Anteil ;-)

  26. Die zuvor gesendeten Dokufictions über Duisburg und die Bergleute aus Chile habe ich nicht gesehen und kann daher auch keinen Kommentar abgeben. Aber hier geht es um den Luftangriff in Kunduz, bei dem mehr als 100 Menschen ums Leben gekommen snd, die meisten davon unschuldige Zivilisten. Wie so oft, wenn die NATO in Gestalt der US Airforce Freudenfeuer bei Hochzeiten für Gefechte hält und diese dabei aus großer Höhe bombardiert werden.
    Das Thema Afganistan ist für das ZDF ein viel zu heisses Eisen und aus Gründen der Staatsräson wurde der Sendetermin verschoben, vielleicht wird dieser sogar ganz abgeblasen. Man darf nicht vergessen, dass der ZDF-Verwaltungsrat von unseren „Volksvertretern“ durchsetzt ist, die meisten sind CDU Ministerpräsidenten und die folgen der Linie der Bundesregierung. Es gibt von daher kein unabhängiges Zweites Deutsches Fernsehen. Der ehemalige Nahost Korrestpondent Ulrich Tilgner kann da ein Liedchen von singen. Bis zum Jahr 2008 versorgte er das ZDF mit Infomationen aus dem Irak und Afghanistan. Danach wechselte er zum Schweizer Fernsehen, warum? Ganz einfach. Weil seine Beiträge über die Realität konterkariert wurden, er nicht mehr unabhängig berichten durfte und er vom ZDF beeinflusst wurde. Ferner sind die Bündnistreue zur NATO ein Hindernis gewesen, dass er nicht mehr wahrheitsgemäß seine Fernsehbeiträge rüber bringen konnte. Alles nachzulesen auf seiner Homepage von Ulrich Tilgner. Er kritisiert auch weiterhin die momentanen Korrespondenten, die sich allzu leichtfertig von der Bundeswehr in ihrer Berichterstattung einwickeln lassen.

    Eigentlich gibt es schon gute Sendungen, die informativ sind, wie z. B. die Beiträge von Terra X. Aber eine Sendung vom Zweiten, die versucht, die Abläufe von Kunduz aufzuarbeiten, wobei noch nicht restlos alle Ungereimtheiten aufgeklärt worden sind, kann gar nicht gelingen, wie ich oben schon beschrieben habe. Ich war sehr erstaunt, dass die überhaupt eine solche Materie bringen wollten. Aber dann sollen die mal einen Bericht von Peter Scholl-Latour zeigen, der die Lügen vom Hindukusch zum Besten gibt. Danach müssten dann alle Bundestagsabgeordnete, die stets für eine Verlängerung des Bundeswehrmandets zugestimmt hatten, Harakiri begehen, wenn Sie noch ein Fünkchen Ehre besitzen würden. Seit 10 Jahren wird das Volk diesbezüglich belogen und das ZDF trägt seinen Teil zur Volksverdummung bei. Die sind aus Gründen der Staatsräson nicht in der Lage, ihren eigentlichen Auftrag zur korrrekten Berichterstattung wahr zu nehmen.

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