Ausbau der NATO-Infrastruktur: Nicht nur neue Kommandostäbe

Die NATO-Verteidigungsminister haben bei ihrem Treffen in Brüssel, wie erwartet, einen (Wieder)Ausbau der Kommandostruktur des Bündnisses beschlossen: Zwei neue Kommandostäbe sollen die Logistik innerhalb Europas sowie einen möglichen Nachschub über den Atlantik organisieren. Das war absehbar; die Details fehlen noch, unter anderem ist Deutschland als Standort für das Logistikkommando im Gespräch.

Ein wenig unbeachtet bleibt in der bisherigen Wahrnehmung, dass es ja nicht nur darum geht, neue Büroarbeitsplätze mit neuen Dienstposten zu schaffen. Die beiden geplanten neuen NATO-Hauptquartiere sind ja nur der bislang sichtbare Teil einer grundsätzlichen Umorientierung: Die Infrastruktur in den europäischen NATO-Staaten soll – wieder – für den reibungslosen Transport von Truppen und vor allem Gerät fit gemacht werden.

Worum es dabei geht, machte NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg am (gestrigen) Mittwochabend in seiner Pressekonferenz deutlich:

The adaptation of the NATO Command Structure will further strengthen our ability to reinforce Allies quickly and effectively. But military mobility is not only about new commands. It’s also about the ability to move forces and equipment quickly, with the right transport means and the right infrastructure. Since 2014, we have made good progress in improving national legislation. Removing many bureaucratic hurdles to allow us to move forces across Allied territory. But much more needs to be done. We need to ensure that national legislation facilitating border crossing is fully implemented. We need enough transport capacity at our disposal, which largely comes from the private sector. And we need to improve infrastructure, such as roads, bridges, railways, runways and ports. So NATO is now updating the military requirements for civilian infrastructure.

Of course, military mobility is not just about the military. It requires a whole-of-government approach. So it’s important that our defence ministers make our interior, finance and transport ministers aware of military requirements. (…)

This is about updating, modernizing the military requirements to infrastructure, taking into account the fact that we are now much more focused on the importance of moving heavy equipment across Europe, because after the end of the Cold War we didn’t pay so much attention to that. The main issue was how to move lighter forces into expeditionary operations outside NATO territory, for instance to Afghanistan. But now it is about how to move forces across the Atlantic and how to move them across Europe, and we speak also about much heavier equipment, battle tanks, armoured vehicles, and that kind of equipment.
To be able to do that we need infrastructure and we know that at least in many parts of Europe we don’t have the standards, we don’t have the strength of the bridges, of the roads, or the different types of infrastructure which can carry the heavy equipment we need to move, at least not enough, and it’s about making sure that we have the means of transportation, the ships, the trucks, the planes, and to a large extent these means of transportation will be privately-owned so we need to make arrangements with the private companies on how to make these tools available if needed.
It’s about legislation, and of course it’s about making sure that NATO allies implement those standards and those requirements. We formulate the requirements and the standards, but of course it’s nations that have to implement them when they invest in infrastructure, when they make arrangements with for instance private providers of transportation. The European Union is important and I welcome the very close cooperation with the European Union on this, and I know that this is also something which the European Union has been focused on because this is partly about also European Union financing some of these investments.
So we have the ability to move forces today, but we would like to move more forces more quickly across Europe and then we have to invest more in infrastructure and to meet modern NATO standards.

Da steht dann eben nicht der vergleichsweise geringe Aufwand, zwei neue Kommandostäbe zu schaffen, im Vordergrund, sondern die Investitionen in Infrastruktur. Diese Infrastruktur gab es im Westen Europas, in der NATO vor 1990, ziemlich umfangreich – bis hin zur Planung von Brücken mit der Überlegung, welches militärische Gerät denn darüber rollen könnte.

Nach dem Ende des Kalten Krieges schien das nicht mehr erforderlich. Und noch etwas kam hinzu: Neue NATO-Mitglieder im Osten Europas, die diese Infrastruktur in dieser Form natürlich nicht hatten und auch nach dem Beitritt zur Allianz nicht aufbauen mussten.

Das Bündnis will also zwei Dinge angehen mit dem geplanten Kommando- und Infrastrukturausbau: Den Abbau des vergangenen Vierteljahrhunderts im Westen, den neuen Aufbau im Osten des Bündnisgebiets. Das wird auch für Deutschland ganz praktisch ein Problem. Schon bei den Transportkapazitäten für schwere Militärfahrzeuge wie Panzer. Die Deutsche Bahn hat nämlich die meisten ihrer Flachbettwagen für diese Transporte schlicht nicht mehr.

Die Probleme sind ja nicht ganz neu; für Deutschland habe ich das vor zwei Jahren schon mal beschrieben.  Ambitioniert ist das Ganze aus zwei Gründen: Da müssen Infrastrukturen aus- und aufgebaut werden – aber, das wird vermutlich mindestens genau so schwierig, Gesetze angepasst oder gar erst neu beschlossen werden.

Hintergrund ist natürlich, im NATO-Sprech, das veränderte Sicherheitsumfeld. Genauer: Die Wahrnehmung seit der russischen Annexion der Krim und der Lage in der Ost-Ukraine, dass Russland als potenzieller Gegner angesehen werden muss. Das bestimmt zunehmend die Planungen der Allianz.

(Foto: Funkelnagelneue Infrastruktur, auch unter militärischen Gesichtspunkten – allerdings nur zu Übungszwecken: Brücke über den künstlichen Flusslauf Eiser in der Bundeswehr-Übungsstadt Schnöggersburg auf dem Truppenübungsplatz Altmark)

 

 

53 Kommentare zu „Ausbau der NATO-Infrastruktur: Nicht nur neue Kommandostäbe“

  • MikeMolto   |   14. November 2017 - 13:20

    @ Hans-Joachim Zierke | 12. November 2017 – 23:37

    In der materiellen Analyse Russlands stimme ich Ihnen weitgehend zu.

    Allerdings zeigen und zeigten vergangene und heutige ‚Kriege‘ dass ein materiell unterlegener Gegner mit ‚besserem‘ Personal dennoch gewinnen kann. Vergleichen Sie das russische Heer mit den sich selbst ueberschaetzenden Polen oder den wasserkopferten Deutschen oder den ……
    Ein weiteres ‚Krim‘ Scenario mit allen politischen Moeglichkeiten ist nicht auszuschliessen. (Ich lehne die Vokabeln ‚undenkbar‘ /nicht undenkbar ab.)

  • SvD   |   15. November 2017 - 17:06

    @Pio-Fritz | 14. November 2017 – 9:34

    Ich weiß ja nicht in welcher Welt sie leben aber in meiner Welt ist Russland für seine Nachbarn eine Bedrohung.
    Da war die von Russland unterstütze Abspaltung zweier Provinzen in Georgien, die schon in den angrenzenden russischen Militärsektor eingegliedert wurden.
    Da war die Krim, auch die Ostukraine kann man abschreiben. Da gab es Äußerungen sich die russische Erde im Baltikum zurück zu holen. Drohungen mit Atomschlägen gegen Dänemark im Kriegsfall, sollte Dänemark seine Luftabwehrfregatten zur Abwehr ballistischer Raketen ertüchtigen. Manöver mit um die 100.000 Soldaten, nachdem man selbst andere Länder angriff, weil die Nato so aggressiv sei.

    Das ist halt die Realität und die russischen Streitkräfte sollte man nicht unterschätzen.
    Da gibt es enorm viele amphibische Systeme, 60.000+ Mann Luftlandetruppen und wesentlich mehr Artillerie als z.B. bei uns. Dazu sind die Russen wesentlich besser bei elektronischer Kriegssführung.

    Entweder hat man eine Armee die kämpfen kann und ihren Beitrag gemäß EU Vertrag und Nato Mitgliedschaft leistet oder eben nicht.
    Man kann es sich weder leisten mit der kümmerlichen und obsoleten Bewaffnung umher zu fahren, noch kann man es sich leisten für einen Aufmarsch 4, 5 oder mehr Tage einzuplanen.
    In der Zeit ist das Baltikum eingenommen.

    Sich zu fragen wie entsprechende Feuerkraft zu Unterstützung gen Osten verlegt werden kann, hat wenig mit 3. Weltkriegsphantasien zu tun.
    Von Kettenfahrzeugen auf Radfahrzeuge umzusteigen taugt auch in Russland wenig um Propaganda zu betreiben. Kettenfahrzeuge wirken halt eher bedrohlich.
    Den Boxer zu bewaffnen ist auch kein Problem, Russland plant seinen Bumerang ja auch mit 30mm in Dienst zu stellen. Finnland fährt mit dem von mir genannten Mörserturm rum, Italien mit dem Jagdpanzerturm. Beides kriegslüsternde Nationen, weiß jeder.

    Auch der Ausbau des Pipelinenetzes ist für mich nur Pille Palle, da die Pipeslines ja auch jetzt im Moment zivil genutzt werden und Kerosin z.B. zum Flughafen Frankfurt Main transportieren.
    Die haben so oder so einen Sinn.

    Die B61-12 Modernisierung und die F-35 als Trägerflugzeug ist da weitaus problematischer.

  • Klaus-Peter Kaikowsky   |   15. November 2017 - 18:00

    Ganz im Stillen funktioniert NATO an der Ostflanke, mit bisherigen Stäben und bisheriger Infa, alles in U.S. Hand.
    Tanks, bradleys and APCs: About 40 pieces of equipment to support @DaggerBDE’s Vanguard Battalion will arrive in Romania Nov. 20.
    #AtlanticResolve
    #PersistentPresence
    #ReadyForces
    #StrongEuropeOriginal

    http://pbs.twimg.com/media/DOr7s7vXcAAAbVO.jpg
    Das 1st battalion, 18th InfRgt, 2nd ABCT stellt ein
    gemischtes Kamptruppenbataillon dar.
    Eine Besonderheit bei mechTr, die im Heer zzt HStru 4 in z.B. Btl mit Endnummer „1“ auch gegeben war: gemPzBtl 211, Augustdorf.

    Durch den (historischen) Begriff „Infantry Regiment“ darf man sich nicht täuschen lassen.
    Das Btl nutzt Abrams, Bradley und APC ab 20. November bei „Atlantic Resolve“ in Rumänien. Die Truppe war bereits im Oktober eingetroffen, das Großgerät ist nunmehr in Zuführung begriffen.
    Von Transporthemmnissen -hindernissen zu Land, in der Luft, auf See ist nichts zu hören!