Schnelle Beschaffung von Loitering Munition: Bundeswehr steigt in den Drohnenkrieg ein (Neufassung)

Die Bundeswehr will nach jahrelanger Verzögerung jetzt möglichst schnell in die Drohnenkriegführung einsteigen. Bereits in den nächsten Tagen sollen Verträge mit zwei deutschen Herstellern von Einweg-Kampfdrohnen, so genannter Loitering Munition, geschlossen werden. Der Umgang mit Drohnen, sowohl beim Einsatz als auch bei der Abwehr, soll Teil der Ausbildung für alle Soldaten und Soldatinnen werden.

In den vergangenen Jahren war das Thema Drohnen, insbesondere unbemannte Flugsysteme, für die deutschen Streitkräfte vor allem von der Debatte über die Bewaffung der flugzeuggroßen Heron TP-Drohnen geprägt, von denen fünf Stück beschafft wurden. Der Krieg in der Ukraine, bei dem von beiden Seiten zehntausende von Drohnen eingesetzt wurden und werden, führte allerdings zu einem Umdenken – nicht zuletzt vor der Erkenntnis, dass die Bundeswehr an Kampfdrohnen im Sinne des Kriegs zwischen Russland und der Ukraine keine einzige besitzt. Der Einsatz solcher Systeme, so die Ansicht führender deutscher Generale, sei für das Gefechtsfeld eine ähnliche grundlegende Veränderung wie die Einführung des Maschinengewehrs oder des Panzers vor gut 100 Jahren.

Der Einstieg in die Beschaffung der Loitering Munition, hieß es am (heutigen) Donnerstag aus dem Verteidigungsministerium, sei für die nötige Wende im Umgang mit unbemannten Systemen ein wesentlicher erster Schritt. Die Entscheidung dafür sei mit der Absicht verbunden, eben nicht wie sonst bei Waffensystemen größere Mengen zu bestellen und für einen Einsatz im Depot bereitzuhalten. Zunächst solle eine kleinere Zahl beschafft und direkt von der Truppe getestet werden, einschließlich der dafür nötigen Verfahren. Wenn sich die Erwartungen an diese Waffe und die Ankündigungen der Industrie bestätigten, könnten zum Jahresende größere Mengen bestellt werden.

Allerdings sei geplant, immer nach Bedarf modernste Versionen zu ordern und sie innerhalb kurzer Zeit produzieren und von der Bundeswehr abrufen zu lassen. Auf diesem Wege seien ständige schnelle Nachbesserungen bei der Software, aber auch an der Hardware der Systeme möglich. Vorbild dafür sind Innovationszyklen wie in der Ukraine, die bisweilen nur wenige Wochen bis zu einem Update der Software dauern.

Ein wesentlicher Punkt des Vorgehens für diese Einweg-Drohnen, die im Ziel explodieren, ist die Klassifizierung als Munition und eben nicht als Fluggerät. Damit fallen weitgehende Vorgaben für Zertifizierung und Einsatz weg, die bei einer Einstufung als Drohne erforderlich wären.

Nach Angaben aus dem Ministerium wird diese neue Art von Munition auch auf Künstliche Intelligenz für die Zielerfassung angewiesen sein. Dabei gehe es bereits um die Orientierung bei der erwartbaren Störung der Satellitennavigation, vor allem um die Unterstützung menschlicher Bediener bei der Auswahl der Ziele. Der Mensch werde aber immer in die Entscheidung über den Waffeneinsatz eingebunden sein.

Der Neuansatz, den das Verteidigungsministerium jetzt verfolgt, geht weit über die Loitering Munition als Kamikaze-Drohnen hinaus. Generell müssten Drohnen als ein Mengenverbrauchsgut angeschafft werden, heißt es aus dem Ministerium. Das ist auch eine grundlegende mentale Abkehr von einer Bundeswehr, in der das folgenreiche Karfreitagsgefecht in Nordafghanistan vor 15 Jahren durch die Suche nach einer abgestürzten Kleindrohne ausgelöst wurde.

Die Erprobung von unbemannten Systemen geht dabei weit über fliegende Drohnen hinaus. Das Heer erprobte bereits im vergangenen Jahr in seiner Experimentalserie Land verschiedene Typen und setzt auch auf Bodenroboter, also Land-Drohnen, auch mit Bewaffnung:

Grundsätzlich ist der Einsatz von Unmanned Ground Systems (UGS) in allen Domänen und damit auch bewaffnet vorgesehen. Der Einstieg in den Bereich UGS wird zunächst über Transport/Aufklärungs-UGS erreicht, um dann in einem nächsten Schritt diese zu bewaffnenden UGS – sog. Combat-UGS – für den infanteristischen Kampf, anfänglich remote controlled, weiterzuentwickeln. Für die Integration in hoch beweglich und dynamisch geführten Landoperationen ist es zwingende Voraussetzung, dass bewaffnete UGS über vergleichbare Leistungsparameter (z.B. Geschwindigkeit, Geländegängigkeit) wie die jeweiligen bemannten Hauptwaffensysteme (Kampfpanzer, Schützenpanzer Rad/Kette) verfügen. Zur Umsetzung dieser Forderungen ist zukünftig ein hoher Grad an Vernetzung und Automatisierung unter Nutzung KI notwendig.

Eine Überlegung ist dabei – über die Nutzung von Loitering Munition und künftig auch Kleindrohnen hinaus – der Aufbau von, wie es das Heer nennt, Aufklärungs- und Wirkungsverbünden. Die sollen größere Räume überwachen und Ziele bekämpfen. Den Einstieg in solche Einsatzmöglichkeiten plant das Verteidigungsministerium zum Jahresende. Dann wird, wer auch immer dann Minister:in ist, der Bundestag eingebunden werden müssen, weil die dafür anfallenden Kosten deutlich über den 25 Millionen Euro liegen dürften, ab denen der Bundestags-Haushaltsausschuss zustimmen muss.

(Foto: Loitering Munition „One Way Effector Vertical (OWE V)“ von Stark Defense – Foto Stark Defense)