Afghanistan: Mehr Tote als in Syrien befürchtet

Der (Bürger)Krieg in Syrien wird hierzulande – und vermutlich generell im Westen – als der derzeit größte Konflikt mit den meisten Opfern wahrgenommen. Dabei gerät völlig aus dem Blickfeld, dass in Afghanistan unvermindert ein bewaffneter Konflikt tobt, der in diesem Jahr mehr Menschen das Leben kosten könnte als die Auseinandersetzungen in Syrien.

Die Kollegen der Nachrichtenagentur AFP haben das mal zusammengestellt:

The Afghan conflict could overtake Syria as the deadliest conflict in the world this year, analysts say, as violence surges 17 years after the US-led invasion.

The grim assessment contrasts sharply with the consistently upbeat public view of the conflict from NATO’s Resolute Support mission in Kabul, and underscores the growing sense of hopelessness in the war-torn country.

Die Zahl der Getöteten in Syrien wird für dieses Jahr auf bis zu 15.000 geschätzt – eine ohnehin grausige Zahl. Aber für Afghanistan, sagte ein Experte der International Crisis Group der Agentur, sei sogar mit bis zu 20.000 Toten bis zum Jahresende zu rechnen. Im vergangenen Jahr blieb die Zahl nur knapp darunter.

In die Zahlen fließt die Statistik der getöteten Zivilisten – nach Angaben der UN im ersten Halbjahr die Rekordzahl von fast 1.700 – ebenso ein wie die offizielle Aussage der afghanischen Regierung, jede Woche würden 300 bis 400 Aufständische getötet. Die Zahlen der gefallenen afghanischen Sicherheitskräfte sind seit einiger Zeit nicht mehr öffentlich verfügbar:

Data for casualties suffered by Afghan security forces are not available to the public after Washington last year agreed to Kabul’s request to classify the numbers.
Before the blackout, according to figures published by the US Special Inspector General for Afghanistan Reconstruction (SIGAR), there were more than 5,000 each year.
Most analysts believe that number understates the reality on the ground. This year’s death toll for government forces could be „horrific“, Smith said.

In beiden Ländern ist eines gleich: Exakte Zahlen werden vermutlich nie verfügbar sein, zumal – bei allen Unterschieden – die jeweiligen Regierungen kein Interesse daran haben, diese Zahlen öffentlich zu machen.

Nachtrag zur Illustration – eine zufällig herausgegriffene Meldung aus Afghanistan vom heutigen Freitag:

7 ALP personnel killed in Taliban attack

und ein Tweet des afghanischen Kollegen Bilal Sarwary (der übrigens jetzt fürs Parlament kandidiert):

(Foto: U.S. Army UH-60 Black Hawk helicopters arrive at a mission support site in Nangarhar Province, Afghanistan, June 13, 2018 – U.S. Air Force photo by Tech. Sgt. Sharida Jackson)

21 Kommentare zu „Afghanistan: Mehr Tote als in Syrien befürchtet“

  • Pio-Fritz   |   14. September 2018 - 10:57

    Es ist erschreckend, das nahezu alle Fortschritte, die man in den 17Jahren des Einsatzes erzielt hat mittlerweile wieder dahin sind. Das wieder erstarken der Taliban seit der Beendigung von ISAF ist bezeichnend.

    Militärisch ist der Konflikt nicht zu lösen, und die Chance, alle Parteien an den Verhandlungstisch zu bringen gering. Die Nachbarn, allen voran PAK und IRN, scheinen auch gar kein Interesse an einem befriedeten, stabilen AFG zu haben.

    Vielleicht ergibt sich nach Abflauen der Sommeroffensive eine Möglichkeit, in Gespräche einzutreten.

  • Dante   |   14. September 2018 - 11:26

    Obwohl es Zynisch ist. Afg hat laut wiki auch fasst ein Drittel mehr Einwohner. 34 zu 20 Mio.
    Aber wie gesagt. Mit solchen vergleichen wäre ich vorsichtig. Im Mexiko sollen in 2017 allein durch Bandenkriege ca 20000 Menschen umgekommen sein. Und trotzdem redet keiner offiziell von Bürgerkrieg. (deutschlandfunk.de)

  • Charly Bravo   |   14. September 2018 - 11:43

    @pio-fritz: So lange der Gegner glaubt diesen Konflikt militärisch lösen zu können, sind Gespräche illusorisch.

  • ini   |   14. September 2018 - 11:48

    @Dante – an Mexiko habe ich auch gerade gedacht. Auch in den USA wurden letztes Jahr rund 15500 Menschen durch Schusswaffen getötet (ohne Selbstmorde) und über 35000 verletzt.

    Beides Länder in die man auch gerne in der Urlaub fährt.

    Der Trend für AFG ist leider deutlich, vermehrte Opferzahlen sprechen für eine Verschlechterung der Lage. Es wird deutlich, dass der internationale Einsatz dort entweder ewig weiter läuft oder als gescheitert angesehen werden muss.

  • Escrimador   |   14. September 2018 - 11:48

    Nur so als Beispiel für kritisches Lesen:

    Dem Bericht zufolge gab es in diesem Jahr in Syrien BIS JETZT 15.000 Tote. In Afghanistan werden über 20.000 (wieviel darüber, nehmen wir an 25.000) Tote erwartet.
    Der Angriff auf Idlib dürfte dann nicht mehr als 10.000 Tote fordern, damit der Artikel recht behält.

    Auffallend ist auch die Bewertung der US Maßnahme der Verstärkung/Intensivierung in Afghanistan als weitgehend wirkungslos, weil die Aufständischen nicht weiter zurückgedrängt wurden. Dass sie sich ohne diese Maßnahme wahrscheinlich ausgebreitet hätten sieht man nicht. Trump machts auch nie richtig.

  • Tim K.   |   14. September 2018 - 12:28

    @ Pio-Fritz

    Pakistan ist nicht nur nicht an Stabilität in AFG interessiert, sondern betreibt aus Eigeninteresse eine massive Unterstützung der Taliban (s. a. Anm. 63 des Wiki-Artikels über AFG), geriert sich andererseits als NATO-Verbündeter. Das das noch keinem aufgefallen ist bzw das es seitens der NATO einfach so hingenommen wird, verstehe ich nicht.

    Ein Wahnsinn auch, wieviel Ressourcen seit dem Jahr 1979 in AFG verheizt worden sind, wieviel Menschen ihr Leben gelassen haben, mit dem Ergebnis, daß es nicht besser ist als vorher! Eine große Chance für den selbsternannten Dealmaker tut sich hier auf. Schade nur, daß die Taliban nicht auf ihn hören und einfach nicht mitspielen wollen.

  • Holger Schön   |   14. September 2018 - 18:32

    General McCrystal hatte seinerzeit die Strategie „Win Hearts&Minds“ Luftangriffe minimieren…Eroberte Gebiete halten mit Präsenz in der Fläche verfolgt.
    Das setzt aber große Truppenkontingente…Boots on the Ground voraus…mit vielen Verlusten! Es ist eine Chance das Land zu stabilisieren, aber keine Garantie!
    Auf Dauer sind aber täglich gefallene Soldaten, als Preis für eine Chance, in den Ländern der Allianz nicht vermittelbar!
    Also was bleibt?
    Abzug!

  • Jochen   |   14. September 2018 - 19:41

    Ziel ist gem. BuReg: kein Terror (Terrorzellen / -Lager) ausgehend von AFG. Dazu muss man dort bleiben. Oder gibt es eine Alternative?

  • Kay   |   14. September 2018 - 21:23

    @Jochen

    Von Afghanistan gehen kaum noch Terroranschläge für die westliche Welt aus.
    Der Terror bezieht sich zur Zeit eher auf Afghanistan selber.
    Lässt man locker, wird es jedoch wieder diese Gefahr für uns geben, deswegen ist man weiterhin da.

  • Holger Schön   |   14. September 2018 - 21:47

    @Jochen
    Was die Bundeswehr angeht bilden wir da ja die Afghanischen Truppen aus, mit der Gefahr von den Auszubildenden niedergeschossen zu werden…Bekämpfung von Terroristen schon lange nicht mehr.
    Nach einem Abzug wird das Land wohl in diverse Herschaftsgebiete ohne Zentralgewalt zerfallen…Warlords…Clans…Taliban…IS etc.
    werden (wieder um die Vormacht Krieg führen.

  • Zimdarsen   |   14. September 2018 - 21:55

    @Jochen

    Klar gibt es eine Alternative. Die Terroristen die uns gefährlich werden könnten und könnten (kleine Gruppe) und deren Unterstützer sind nur mit Geheimdiensten und Spezialtruppen zu bekämpfen und deren. Ein Land zu Bombardieren und eine neue Regierung einsetzen war und ist schon immer der falsche Weg. Das was seit Jahrzehnten in AFG gemacht wird ist Terroristen züchten.

  • Holger Schön   |   14. September 2018 - 22:55

    Wir stehen am Hindukush um uns in der Heimat vor Terroristen zu schützen, vor denen wir uns nur schützen müssen weil wir am Hindukush stehen?

  • Thomas Melber   |   14. September 2018 - 22:59

    Die TB waren schon 2001 nur auf AFG fixiert und hätten auch UBL ausgeliefert, wenn Beweise für seine Verstrickung in 9/11 vorgelegen hätten (Gastrecht, und so).

  • Aufklärer 19   |   14. September 2018 - 23:07

    Solange die IC sich nicht im Klaren ist, was man in AFG erreichen will (was ist der End State, und Dieser ist seit Beginn der Mission nicht definiert), und man sich nicht in die Situation der AFG vor Ort hineindenken will, ist alle Mühe und jedes weitere Menschenleben vergebens.
    Die AFG Gesellschaft tickt nun mal anders und kann mit dem Denkansatz westlicher Demokratie Nichts anfangen.
    Ist Nichts Neues, hat uns die Geschichte immer wieder gelehrt, aber Wir wollen es nicht lernen, noch verstehen.

  • Holger Schön   |   14. September 2018 - 23:39

    Für was haben unsere Soldaten dort gekämpft und sind gefallen?! Sie haben unserem Land treu gedient…waren tapfer! Aber haben sie dort unser Recht und unsere Freiheit verteidigt?

  • hammer.it   |   14. September 2018 - 23:55

    gabs nicht die tage eine analyse, dass in der 17 jährigen okkupation zuviel geld in falsche hände „gepresst“ wurde?

    warlords, drogen, pakistan/us-interessen samt jihadisten brachten chaos, kein yota fortschritt, das einzige erklärbare motiv war/ist iran in schach zu halten.

    für 9/11 haben 1000er GIs sich freiwillig zum einsatz gemeldet haben, hat irgendeiner eine erkennbare strategie für AFG wahrgenommen?

  • Couthon   |   15. September 2018 - 15:38

    Salve,

    das 9/11 – AFG Problem und das Serbien Probem 1914 (Ermordung des O-U Thronfolgers – Julikriese und WWI) heben in der Entstehung irgenwie massve Parallelen. Nur, daß sich die zuerst nbeteiligten Staaten, seinerzeit für die Nation aussprachen aus der der Terrorismus stammte. Mysteriös.

    @ Holger Schön: leider ist das so. Die Menschen sind, wie in allen Kriegen, immer, von der herrschenden Klasse für ihre eigenen Interessen, verheizt worden.

    Es gibt nicht die Ausrede einen Krieg zu beginnen, um menschliches Leid zu Lindern, sondern es geht immer um die Interessen von Gruppierungen (Einzelddiktatoren, Parteien, Staaten, Großfirmen, Glaubensgemeinschaften etc.).
    Diese Interessen werden auf dem Rücken der einfachen Menschen ausgetragen.

    @ Escrimador | 14. September 2018 – 11:48

    Gut erkannt.

    Allerdings ist es letztlich unerheblich, ob in Mali oder Afghanistan mehr Menschen sterben. Zusammen kommt man dann auf mind. 40.000 Tote und mehr. Und da haben wir vermutlich, Libyen, Sudan, Myanmar (Burma), Ukraine uam. noch gar nicht addiert. Zudem die nicht die Getöteten aus Mexiko, Venezuela, Kolumbien etc.

    Um irgendwie überhaupt einzugreifen, muß man sich immer klar sein, was man überhaupt erreichen will und sofort danach, ob die Ziele überhaupt mit den vorhanden Mitteln zu erreichen sind.

    In AFG stellt sich nun die Frage ein Ende mit Schrecken, oder ein Schrecken ohne Ende. Die Regierungen haben sich und uns mit Schuld beladen. Zudem hat sich das westliche System auf der Welt als völlig ubrauschbar erwiesen. Frei nach dem Motto „…und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag ich Dir den Schädel ein…“

    Afghanen deren Freunde oder Familienangehörige durch westliche Soldaten, oder deren willige Ausführenden der ANA getötet wurden, werden sich danach lieber den örtlichen Warlords anschließen. Denn wenn diese Personen von einem Warlord getötet wurden, kann man sich einem anderen anschließen und bekommt Rache und Vergeltung. Was also will man dort?

    Wenn es um Terrorismus geht, stellt sich die Frage: Welcher Terroanschlag der hier dann zur Ausführung kommt, wurde geplant weil wir nicht dort sind und wieviel Terroranschläge werden durchgeführt weil wir dort sind.

    Sehr schwierig.

  • Zimdarsen   |   15. September 2018 - 17:03

    @Holger Schön

    „Aber haben sie dort unser Recht und unsere Freiheit verteidigt?“

    Nein, denn da hätte ein Angriff oder eine Bedrohung von der Regierung oder Staat AFG ausgehen müssen. Dagegen haben einige Kriminelle das Land als Schlupfloch genutzt und die größten Geheimdienste und besten Spezialtruppen waren nicht in der Lage die paar ausfindig und unschädlich zu machen. Es ist eben einfacher Bomben auf Dörfer zu werfen, in der Hoffnung, dass es schon ein paar Schuldige treffen wird.

    Die deutschen Soldaten müssten nach GG24(2) nach AFG und die heutige Auslegung rechtfertigt im Prinzip damit alles.

  • Holger Schön   |   15. September 2018 - 21:03

    Resolute Support zielt ja darauf ab, dass die Afghanischen Kräfte selbst für Sicherheit in ihrem Land sorgen können.
    Ist dieser Zustand „Sicherheit“ irgendwie definiert, ab wann das dann so ist?
    Besteht die Gefahr wirklich, dass wenn RS scheitert und Afghanistan damit als Staat mit Zentralgewalt scheitert und damit die Tertoristen/Gegner/Aufständischen, nicht mehr durch den Kampf in AFG gebunden sind, diese den Krieg durch Terroranschläge zu uns tragen?

  • Zimdarsen   |   16. September 2018 - 11:00

    Eines der Grundübel ist ja gerade die europäische Übertragung eines Staatsverständnis im Sinn eines Zentralstaates.

    Kabul hat keine wirkliche Tradition in AFG.

  • Klaus-Peter Kaikowsky   |   19. September 2018 - 22:10

    Irgendwelche Zahlen können einfach nicht stimmen, oder sind sämtliche Antiterroreinsätze letztlich doch von Erfolg gekrönt?
    https://www.state.gov/j/ct/rls/crt/2017/index.htm
    Anschlagszahlen dem U.S.-Bericht des state department zufolge um 23% gesunken. Aktuell wieder auf dem Stand von 2013!
    Der Schwerpunkt der Erkenntnisse konzentriert sich auf Boko Haram, Daesh und al-Kaida. Afghanistan, Indien, der Irak, Pakistan und die Philippinen stehen im Fokus. Aber, auch Großbritannien wird im Bericht genannt.

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