HighTech für die Sicherheit: Gemeinsame Agentur von Innen- und Verteidigungsministerium (Update: O-Ton)

Das große, leuchtende Vorbild ist die DARPA, die Defense Advanced Research Projects Agency des US-Militärs: So ähnlich wie die bereits vor 60 Jahren gegründete Hochtechnologie-Agentur in den USA soll künftig auch in Deutschland HighTech bereits in der Grundlagenforschung für die Cybersicherheit identifiziert und genutzt werden können. Eine gemeinsame Agentur für Innovation in der Cybersicherheit, ungefähr je zur Hälfte vom Verteidigungs- und vom Bundesinnenministerium betrieben, hat das Bundeskabinett am (heutigen) Mittwoch gebilligt. Zugleich beschloss das Kabinett auch eine parallele Agentur zur Förderung von Sprunginnovationen in der Verantwortung von Wirtschafts- und Forschungsministerium.

Verglichen mit den Milliardenbudgets in den USA, sowohl bei der staatlichen DARPA als auch bei Privatunternehmen, nimmt sich die neue deutsche Cybersicherheitsagentur bescheiden aus: 200 Millionen Euro stehen der Gesellschaft mit beschränkter Haftung in den kommenden fünf Jahren zur Verfügung, davon sollen 80 Prozent in Forschungs- und Innovationsvorhaben investiert werden, 20 Prozent gehen in den Overhead, also nicht zuletzt in die Personalkosten.

Die mit Blick auf die DARPA genannten bahnbrechenden Entwicklungen – das Internet, Satellitennavigation, Spracherkennung, autonomes Fahren – wecken Erwartungen, die im Verteidigungsministerium aber vorsichtig gedämpft werden: Zunächst soll es vor allem darum gehen, Innovationen in der Hochtechnologie nicht abzuwarten, sondern aktiv zu fördern – eben auch finanziell. Die neue Agentur soll dafür dem Beispiel der Wirtschaft folgen und Wagniskapital in neue Entwicklungen stecken können. Auch dann, wenn noch völlig offen ist, ob dieser Forschungsansatz zu einem Erfolg führen wird.

Mit der Konzentration auf Grundlagenforschung will vor allem das Verteidigungsministerium einem Vorwurf begegnen: Dass die Entwicklung neuer Systeme in der Cybersicherheit direkt in die Entwicklung neuer Cyberwaffen münde. Schon die Identifizierung und dann mögliche Nutzung von Sicherheitslücken in Computersystemen sei keine Aufgabe der Grundlagenforschung – und stehe auch nicht im Fokus der Agentur.

Als Beispiele werden im Wehrressort deshalb zwei Projekte als wichtige Vorhaben angeführt: Zum einen die Entwicklung bei den Quantencomputern, die droht, bisherige Verschlüsselungssysteme nutzlos zu machen. Das könnte vor allem für das Militär weit reichende Konsequenzen haben – allein daraus leitet die Bundeswehr die Notwendigkeit ab, da sehr schnell auf dem aktuellen Stand zu sein.

Ein weiteres Leuchtturmprojekt für die Verteidiger, und das ist mit Blick auf die NATO schon eine interessante Aussage, ist die Entwicklung von Internet-Systemen, bei denen die Daten nicht wie derzeit auf dem technisch günstigsten Weg verschickt werden, sondern im eigenen Einflussbereich bleiben. Das Projekt ETRI (European Trusted & Resilient Internet) soll dafür sorgen, dass bei Bedarf Daten über Übertragungswege und Router ausschließlich in Europa laufen – nicht, so heißt es, über China. Aber eben auch nicht über die USA: Da soll Deutschland, in Zusammenarbeit mit anderen europäischen Ländern, den Zugriff von US-Behörden auf seine Daten schon verhindern können.

Bei der Suche nach Wissenschaftlern, Instituten und Projekten setzen die beiden Ministerien darauf, das langwierige Projektierungsverfahren der Verwaltung durch deutlich schnelleres Vorgehen der privatwirtschaftlich organisierten Agentur abzulösen. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hatte das bereits in der NDR-Sendung Streitkräfte&Strategien Ende Juli  erläutert:

Weil sich diese neuen Technologien so wahnsinnig schnell entwickeln und wenn wir nach der alten Technik vorgehen, dass wir gewartet haben, bis große, behäbige Unternehmen uns angeboten haben, was sie für richtig halten, dann fallen wir aus der Zeit. Nein, wir müssen viel schneller sein, wir müssen rausgehen, wir müssen die StartUps suchen, die spannende Technologien entwickeln, von denen wir noch nicht wissen, ob sie erfolgreich sein werden und dann werden wir die, die wir interessant finden fördern, wissend, dass ein Großteil vielleicht nicht funktioniert und dann in den Sand gesetzt wird, aber es braucht nur ein goldenes Ei, also eine Technologie, die dann wirklich bahnbrechend ist, dann hat man schon die Investition wieder raus.

Verteidigungs- und Innenministerium haben dabei zunächst vor allem deutsche Forschungseinrichtungen im Blick – auch das, neben dem bescheideneren Budget, ein deutlicher Unterschied zur DARPA in den USA. Die lädt zu ihren Wettbewerben Wissenschaftler aus aller Welt ein; bei den Robotic Challenge Finals vor drei Jahren zum Beispiel waren unter etlichen Universitäten aus aller Welt auch zwei deutsche dabei.

Etliche Details der neuen Agentur sind noch offen, zum Beispiel die genaue Kostenaufteilung zwischen Innen- und Verteidigungsministerium, der Standort und nicht zuletzt die Leitung der neuen Institution. Aber ehe die Agentur Realität wird, muss sie noch eine Hürde nehmen: Wie jedes Projekt im Verteidigungshaushalt mit einem Volumen von mehr als 25 Millionen Euro muss auch dieses noch den Haushaltsauschuss des Bundestages passieren.

Update: Nach der Kabinettssitzung haben die Verteidigungsministerin und Innenminister Horst Seehofer öffentlich was dazu erzählt, hier zum Nachhören (zwangsläufig gab es dabei auch Fragen an den Innenminister zum Thema Neonazi-Aktivitäten in Chemnitz; ich lasse den Teil drin, bitte aber, diesen OT nicht hier zu thematisieren):

vdL_Seehofer_cyberagentur_29aug2018     

 

 

… und da anscheinend auch drauf Wert gelegt wird, die beiden Minister dabei zu sehen:

(Archivbild: Demonstration von Online-Computersystemen bei der DARPA in den 1960-er Jahren – Foto DARPA)

An der Heimatfront,Cyberwar · 10:46h ·  

27 Kommentare zu „HighTech für die Sicherheit: Gemeinsame Agentur von Innen- und Verteidigungsministerium (Update: O-Ton)“

  • Thomas Reinhold   |   29. August 2018 - 13:11

    Laut Koalitionsvertrag sollte die Agentur ja ADIC heißen (Agentur für Disruptive Innovationen in der Cybersicherheit und Schlüsseltechnologien) und selbst vor kurzem in Postdam wurde von Hendrik Hoppenstedt, Staatsminister im Bundeskanzleramt, noch diese Bezeichnung benutzt. Mich würde interessieren ob sich mit dem Namen auch die Zielrichtung geändert hat. Immerhin impliziert ADIC da deutlich stärker die Suche nach Werkzeugen und Möglichkeiten für ein offensives Wirken im Cyberspace. Gibt es dazu Erkenntnisse?

  • T.Wiegold   |   29. August 2018 - 13:20

    @Thomas Reinhold

    Zu der Frage hieß es aus dem BMVg, der Name sei noch nicht endgültig entschieden…

  • T.Wiegold   |   29. August 2018 - 13:38

    @all

    O-Ton der Statements von der Leyen und Seehofer habe ich oben nachgetragen.

  • JPW   |   29. August 2018 - 13:50

    Und das 21 Jahre nach dem Judgement Day ;-)

    [Weil sich die Anspielung nicht allen erschließen dürfte:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Terminator_2_%E2%80%93_Tag_der_Abrechnung

    T.W.]

  • L.P.   |   29. August 2018 - 14:00

    Na dann heisst es Mal wieder Antraege schreiben..

    Hat eigentlich irgendjemand nochmal was zu der Deutsch-Franzoesischen „JEDI“-Initiative gehoert?

  • Thomas Reinhold   |   29. August 2018 - 14:35

    @T. Wiegold

    Danke für die Info. Da bleib ich gespannt wie es letztlich heißen wird, würde aber mal mutmaßen dass auch der aktuelle Name nichts groß an dem Namen wie er im Koalitionsvertrag durchscheint ändert.

  • Alex   |   29. August 2018 - 15:24

    Also zusammengefasst: Es besteht ein Rückstand aus mehreren Jahren, man ist technologisch abhängig, benutzt wenig vertrauenwürdiges Equipment, doch man hat sich das ambitionierte Ziel gesetzt, zumindest eine Spitzenposition einzunehmen.
    Um also konkrete Cybersicherheit zu erzielen und seine Schutzfunktion wahrzunehmen, will man Grundlagenforschung hinsichtlich Sprunginnovationen (disruptive Technologien) betreiben.
    Man müsse mindestens so gut ausgerüstet sein wie die Angreifer. Soll das implizieren, dass man Hinweise hat, dass Angreifer mittels Grundlagenforschung disruptive Angriffstechnologien erworben haben bzw. Hintertüren in die geförderten Produkte eingebaut haben?

  • Felix   |   29. August 2018 - 16:23

    Wichtig wäre dann auch dass der Laden in seinen Förderentscheidungen unabhängig ist und eine schlanke Entscheidungsstruktur hat, also nicht immer langsam ein Kompromiss aus 1000 Partikularinteressen gefunden werden muss. Die DARPA ist schnell und unabhängig, teils auch gegen die Interessen mancher Sicherheitsbehörden, das sind neben der Größe wichtige Faktoren.

    Und: Es gibt in D vergleichbare Einrichtungen, die auch Wagniskapital geben (der High tech Gründerfonds zum Beispiel), die aber trotz allem nicht sonderlich erfolgreich darin sind, Innovationen zum Durchbruch zu verhelfen. Weil es dann beim letztendlichen Sprung in den Markt doch fehlt, finanziell und an mangelndem Interesse der Akteure (die oft in Gestalt deutscher Konzerne im Aufsichtsrat sitzen und wenig Interesse an einer Technologie haben, die ihr Geschäftsmodell kaputt macht). Ergo führt kein Weg daran vorbei, dass auch an den Anwendungsfeldern selbst Hand angelegt wird, sei es in der Gesundheitspolitik, der Energiepolitik oder eben der Bundeswehr. Man muss die Cybersicherheit auch wollen, und man muss sich zu einer Philosophie bekennen (z.B. Schlupflöcher ja nein).

  • hag   |   29. August 2018 - 20:54

    Wieviele AI Winter wird es wohl geben?
    Na gut, das Budget wirf wohl immer zu gering für solche Auswirkungen bleiben

  • L.P.   |   29. August 2018 - 21:42

    @hag Eine offene Frage ist ja auch noch wie viele ForscherInnen bereit sind mit Geld von einem militärnahen Vehikel gefördert zu werden. Dies ist effektiv der Hauptgrund warum Kanada jahrelang die absolute Spitze in der KI-Forschung innehatte. Geoffrey Hinton und andere wollten partout kein Geld von der DARPA und dem Militär akzeptieren. Denn machen wir uns nichts vor. In vielen dieser in Frage kommenden Förderbereiche können sie die in Frage kommenden Institute an einer Hand abzählen..

  • Ben85   |   30. August 2018 - 9:53

    Das finde ich gut. Ich hoffe das BSI profitiert von deren Arbeit. Verbesserte Handhabe-Empfehlungen für die IT-Branche und Bevölkerung kann nur gut sein.

  • Dante   |   30. August 2018 - 15:06

    Ist sicher auch eine Frage des Marketing. Sicher wird es schwierig sein Informatiker von der UNI für die BW abzuwerben. Wenn ich aber sage es geht um die Sicherung von Kommunikationswegen für die allgemeine deutsche Infrastruktur. Dann geht es eben doch. Es ist bei vielen eben doch ein Unterschied ob sie für die BW oder für das Innenmenisterium, dass sich Zivil gibt arbeiten.

  • tt.kreischwurst   |   30. August 2018 - 18:18

    Ich bin da mal ganz vorsichtig ob so etwas funktionieren kann. Zum einen kommt es auf die Unabhängigkeit der Einrichtung an. Wie schon angeführt hat DARPA z.B. in der Vergangenheit durchaus Entscheidungen getroffen die den (Teil-)Streitkräften sauer aufgestossen sind. Das muss möglich sein. Ich zweifele aber eher daran dass es mit solcher Unabhängigkeit ausgestattet wird.

    Dazu gehört dann auch dass da wirklich Grundlagenforschung betrieben wird. Es wurde ja schon darauf verwiesen dass die ganze Geschichte in jüngster Vergangenheit, zumindest was den Namen angeht, mit dem guten alten Cyber vermengt worden ist. In den Stellungnahmen kommt der Cyber ja dann wieder groß vor. Man sollte aber weitestgehend selbst entscheiden wo man genau hinforschen möchte. Ein ähnliches Problem klang auch in den Stellungnahmen mit an. Da sagt die IBUK dass man das Institut haben möchte um schnellere Forschung durchzuführen als anderswo. Es kann sein dass sie sich ungünstig ausgedrückt hat. Falls sie meinte ohne die Ablenkungen im ‚herkömmlichen‘ Forschungsbetrieb, dann geht das in Ordnung. Falls man aber glaubt man kann echte Grundlagenforschung schneller betreiben ist sie auf dem Holzweg.

    Zuletzt, und das wurde auch schon erwähnt, habe ich bedenken was die Gewinnung von Wissenschaftlern angeht. Man hat ja zuletzt gesehen was z.B. bei Google hinsichtlich automatisierter Drohnen passiert ist. Und in den USA sind solche Tendenzen ja im Vergleich zu Deutschland eher wenig ausgeprägt. Davon kann man halten was man will, aber es wird u.U. durchaus ein Problem sein Spitzenforscher in bestimmten Feldern zu gewinnen wenn das Geld vom Verteidigungsministerium kommt und die Grundlagenforschung ja auch explizit mit einem Auge auf eine spätere militärische bzw. Sicherheitsverwendung durchgeführt wird.

    Man darf gespannt sein. Große Hoffnungen mach ich mir da aber ehrlich gesagt nicht.

  • Sommebiwak   |   30. August 2018 - 21:09

    Aha. Also effektiv eine Tarnagentur für den Einkauf und dann Geheimhaltung von 0day exploits. Den jahrzehntelangen Rückstand und totale Vernachlässigung der Informatik holt man nicht so mal eben auf. Und „disruptive Innovationen“ wird eine Bundesagentur bestimmt nicht hervorbringen. Das sind Beamte. Kreativität ist ncht Teil der Stellenbeschreibung und Bürokratie ist sehr gut darin Kreativität zu töten. Also bleibt nur das Einkaufen von Lücken. Toll. Geld für Hacker und weniger Sicherheit für uns alle. Danke sehr.

    Wundert Mich, daß die nicht auch noch „cloud“ und „blockchain“ untergebracht haben.

  • Sommerbiwak   |   30. August 2018 - 21:11

    JPW|29. August 2018-13:50

    „Und das 21 Jahre nach dem Judgement Day ;-)
    [Weil sich die Anspielung nicht allen erschließen dürfte:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Terminator_2_%E2%80%93_Tag_der_Abrechnung
    T.W.]“

    Warum ist heute nichts passiert? Skynet ist ein Regierungsprogramm…

  • T.Wiegold   |   30. August 2018 - 21:37

    @sommerbiwak

    Kritik immer gerne, buzzwords absondern nicht so sehr. Woher wissen Sie, dass es Beamte sind? (Es sollen nach bisherigem Stand keine werden; was ist Ihre Quelle?) Einkauf von 0day exploits: wofür der Aufwand mit der Agentur, können die Dienste auch so schon?

    Mit anderen Worten: Ihre Kritik mag ja berechtigt sein, aber jetzt einfach die üblichen bullshit bingo buzzwords hier reinschreiben ist keine Debatte.

  • Walter Eucken   |   31. August 2018 - 8:51

    Viele deutsche Universitäten und Fachhochschulen haben sog. Zivilklauseln in ihren Satzungen, also Selbstverpflichtungen, ausschließlich für zivile Zwecke zu forschen. Hier mal die Liste: http://www.zivilklausel.de/index.php/bestehende-zivilklauseln. Darunter sind z.B. 7 der 11 deutschen Exzellenz-Universitäten (außer Dresden, 2x München und Heidelberg).

    Die Beteiligung des BMVg an der neuen Agentur wird zweifelsohne dazu führen, dass deren Aktivitäten als Förderung militärischer Forschung aufgefasst werden – zumindest sind da viele Diskussionen in diese Richtung zu erwarten, die viele Universitäten gar nicht erst werden führen wollen. Grundsätzlich könnte man die Agentur ja formal nur beim Innenministerium ansiedeln, und dann projektbezogen kooperieren. Aber so scheiden wahrscheinlich mit der BMVg-Beteiligung viele exzellente wissenschaftliche Partner aus. Wenn man solide Grundlagenforschung betreiben will, ist das schon problematisch.

    Hoffe, dass das hat man gut durchdacht…

  • Aspelund   |   31. August 2018 - 9:37

    Gutes und richtiges Vorhaben.
    Nun ist es nicht so, dass regierungsseitige Forschungsanstalten (WTD’en etc) nicht auch hervorragende Technologien hervorgebracht haben. Oftmals „im Dunkeln“ haben Wissenschaftler über Jahre und teilweise Jahrzehnte auch unter der Federführung des BAAINBw bzw. BWB bahnbrechende Ergebnisse erzielt, die dann ganz selbstverständlich und ohne viel Applaus in Rüstungsprojekte übernommen wurden. Solide und sogar zielführende Grundlagenforschung im Rüstungsbereich in Regierungsverantwortung hat es also immer gegeben. Nicht zuletzt damit wurde der Wahrschauer Pakt zu Tode gerüstet.

    Aber neue Technologien haben eben – wie beschrieben – äußerst kurze Innovationszyklen. Auch hier könnten amtsseitige Strukturen durchaus noch mithalten – aber eben der Haushalt nicht. Vorhaben (also alles was Geld kostet) müssen in der Regel drei Jahre vorher angemeldet werden und fließen dann (mit Glück) in die Haushaltsplanung ein. Ein kurzfristiges „Umplanen“ von finanziellen Mitteln ist nicht ohne weiteres möglich, hier liegt also das grds. Problem bei amtsseitiger Forschung und Entwicklung. Ein reaktionsschnelles Umlenken von Geldern entlang gewonnener Erkenntnisse ist haushalterisch eben unterbunden, insbesondere im militärischen Bereich. Dies ist durchaus gewollt (gewesen), da über die Finanzierung die Kontrolle über die Streitkräfte sichergestellt wird (bzw. werden sollte).

    Hieran wird von Seiten Haushaltspolitikern auch heute noch festgehalten. So wurde Beispielsweise die Grenze für vorlagepflichtige Vorhaben („25Mio-Vorlage“) seit einer Ewigkeit nicht angehoben – Eben weil es sich um ein Kontrollsystem handelt, das man nicht aus der Hand geben möchte. Beschleunigend wirkt dieses System nicht gerade, wie wir alle wissen.

    Somit ist die Idee folgerichtig, einfach einer GmbH einen bestimmten Betrag zu überweisen und diese dann machen zu lassen – salopp gesagt.

    Die Krux aus meiner Sicht: Das richtige Personal zu finden.
    Oft genug wurden ehemalige erfolgreiche Offiziere oder Beamte in der Führung solcher In-House-Unternehmen „untergebracht“ und sind gescheitert. Beispiele gibt es zuhauf. Hier kommt es darauf an, dass ehemalige Offiziere oder Beamte nicht gleich wieder Amts-ähnliche Strukturen schaffen, sondern die Dynamik eines kleinen Unternehmens erhalten werden kann.

  • L.P.   |   31. August 2018 - 10:26

    @Walter Eucken
    Die Zivilklauseln sind nicht das einzige Problem. Die meiste heutige Forschung erfordert Simulationen auf Supercomputern. In Computational Fluid Dynamics (wie fliegt die Rakete, Stroemungen um ein neues Flugzeug etc.) benoetigt man Simulation im Petaskalenbereich und damit betreibt man noch keine Optimisierung. Die drei Deutschen Supercomputing Zentren (Stuttgart, Juelich und Muenchen) haben aber strikte Zivilklauseln in ihren Nutzungvertraegen. Um dies zu umgehen braeuchte man eigene Supercomputer (ca. 100 Millionen alle 5 Jahre fuer eine Maschine).

    @Aspelund
    DARPA Projektmanager und Direktoren sind in der Regel angesehene Wissenschaftler, was auf Grund des anderen Verhaeltnis zum Militaer in den USA einigermassen gut funktioniert. Das solch ein Modell jemals in Deutschland an Traktion gewinnen koennte sehe ich (leider) nicht..

  • Auriga   |   31. August 2018 - 10:53

    Wesentliches Element der DARPA ist das Konkurrenzprinzip. Es wird mit mehreren begonnen aber nur mit dem Besten weiter gemacht. Das sichert exzellente Ergebnisse. Hochschulen wollen 3-Jahresverträge, damit eine Promotion rausspringt und wollen die Ergebnisse veröffentlichen. Vielleicht deshalb sind sie ohnehin nicht die idealen Partner Die US haben eigene Forschungseinrichtungen z.B. AFRL und NAVAIR im Verteidigungsbereich neben den bestehenden Ressortforschungseinrichtungen könnte das auch eine Alternative sein zu den Uni mit Zivilklausel (hatte man schon mal in den 80ern vor). Der wesentliche Vorteil einer GmbH ist die sichere Finanzierung von Projekten. Wer möchte schon mit jemanden arbeiten, der wegen eines fehlenden Haushalts den Vertrag erst im Oktober schließt und im November die Rechnung haben will und dann noch vier Wochen zum effektiven Arbeiten bleiben.

  • Chris   |   31. August 2018 - 13:03

    Alles schön und gut und auch sinnvoll, mit ADIC (oder auch Agentur für Strategische Projekte in Innovationen und Forschung), aber: Leider fehlt mir der Gesamtansatz bzw. die Strategie dahinter:

    1.Am gleichen Tag verkündet BWMI die Agentur zur Förderung von Sprunginnovationen – Warum nicht gemeinsam?
    2.ZITIS (Zentrale Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich): 2017 neu gegründet – wäre diese Behörde nicht eher geeignet bzw. sind Ihre Aufgaben nicht in Teilen deckungsgleich?
    3.Wie sieht die Abgrenzung zum Cyber Innovation Hub der BW aus?
    4. Wer koordiniert und vernetzt mit denen – digital-hub-initiative?
    https://www.de.digital/DIGITAL/Redaktion/DE/Dossier/digital-hub-initiative.html
    5. Was macht Frau Bär (Staatsministerin für Digitalisierung) mit Ihrer neuen Abteilung – außer über Flugtaxis reden?

    –> Das sind leider alles Parallelstrukturen.

    –> Das Beste aber ist der Hinweis auf DARPA: DARPA wurde 1958 gegründet und Deutschland sagt jetzt, also 2018 – 60 Jahre später: Wir sind innovativ (!), wir gründen eine eigene DARPA? Gehts noch?

  • Alex   |   31. August 2018 - 13:07

    Was ich darunter verstehe:
    a) Ein Institut wie https://heilbronn.ac.uk/ , das vom GCHQ finanziert wird und sich fragen bzgl. der Datenanalyse widmet und regelmäßig Forschungsseminare mit Analysten veranstaltet.
    b) IBM InfoSphere Streams wurde in Zusammenarbeit mit der NSA und dem GCHQ entwickelt und getestet, bevor es allgemein marktverfügbar war.

  • Milliway   |   02. September 2018 - 18:45

    @ Aspelund | 31. August 2018 – 9:37

    Zitat:

    „Nun ist es nicht so, dass regierungsseitige Forschungsanstalten (WTD’en etc) nicht auch hervorragende Technologien hervorgebracht haben. Oftmals „im Dunkeln“ haben Wissenschaftler über Jahre und teilweise Jahrzehnte auch unter der Federführung des BAAINBw bzw. BWB bahnbrechende Ergebnisse erzielt…“

    Frage

    Können Sie mal ein paar Beispiele geben, mir ist keine Technologie bekannt die Forschungsanstalten wie die WTD’en etc. erfolgreich am Start gebracht haben.

    Schon bei einem flüchtigen Blick auf die bahnbrechenden Entwicklungen der DARPA sind mir ein Paar Punkte aufgefallen die nicht den Ursprung bei der DARPA haben.

    – Das erste Phased-Array-Radar der Welt war die Fernsuchanlage FuMG 41/42 Mammut.

    – Nur das Konzept der modernen Stealth Technologie hat den Ursprung bei der DARPA.

    – Das erste Stealth Flugzeug war nicht wie angegeben die Have Blue / F-117 sondern die Horten / Gotha Go-229 ( Ho-229 ). Ich würde auch die Entwicklung der F-117 eher den „Skunk Works“ zuordnen.

    Genaugenomen sind durch Sponsoring von Zivilen Institute seitens der DARPA viele Dinge, wie die angeführte Computer Maus, die von Douglas Carl Engelbart von SRI Stanford Research Institute erfunden wurde.

  • Klauspeterkaikowsky   |   02. September 2018 - 19:46

    @ Aspelund | Milliway
    Wann jemals hatte eine WTD den Ruf einer Forschungsanstalt?
    Es sind Dienststellen für Erprobung und Test neu einzuführenden Materials, meist in Zusammenhang mit Truppenversuchen unmittelbar vor Beginn einer „Nullserie“. Die Bezeichnung von ehedem, nämlich Erprobungsstelle (E-Stelle), zeigt den eigentlichen Kernauftrag und unterstreicht den Schraubercharakter dieser Stellen.
    Mit Forschung, gar mit wissenschaftlichem Anspruch, hat das Aufgabenfeld einer WTD rein gar nichts gemein, sie sind die besser befähigten Handwerker in der MatErprob, mehr nicht.
    In den WTD treffen die Partner Industrie, Truppe und BAIINBw zusammen. Forschungsbeiträge werden, soweit erforderlich, seitens Industrie/BAIIN – unter Beauftragung externer Forschungseinrichtungen – eingekauft.

  • klabautermann   |   03. September 2018 - 7:52

    Die deutschen WTD mit der DARPA zu vergleichen ist wirklich „schräg“.
    Die WTD waren/sind letztendlich eine Art Fortschreibung der TSK-teiligen Rüstungs-F&E der Wehrmacht im WK II.
    DARPA ist das Enkelkind des Office of Scientific Research and Development und im Zentrum des OSRD-Konzeptes steht Vannevar Bush, der übrigens auch Douglas Carl Engelbart beeinflußt hat in Sachen PC und Hypertext.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Vannevar_Bush
    https://de.wikipedia.org/wiki/National_Defense_Research_Committee

    Auch hier sind die USA letztendlich dem Rest der Welt so ca, 70 Jahre in Theorie und Praxis wehrtechnischer F&E inkl. „Neuland“- F&E voraus.

  • Aspelund   |   03. September 2018 - 20:58

    Ich wüsste nicht, dass ich WTD’en mit der DARPA verglichen habe. Ich wollte lediglich zum Ausdruck bringen dass es in D. auch bisher schon verwertbare Forschung, auch in den Grundlagen gab. Einschränkend muss ich aber dazu sagen, dass die Erfolge seit den 90ern nachließen oder gar ausblieben, was möglicherweise mit der reduzierten Alimentierung zusammenhängt.
    In den 90ern wurde dann ja auch das internet bekannter und die Forschung stürzte sich auf die neuen Möglichkeiten – Das ergänze ich gerne für die, die sich schon von der Erfindung der Computermaus begeistert zeigen.
    Also hat die Ressortforschung seit dem auch nix grosses mehr hervorgebracht – Da stimme ich gerne zu. Aber ich glaube schon, dass es im Geschäftsbereich BMVg noch Einige gegeben hätte, die auf die absolut bewundernswerte Idee der Vernetzung von zwei Computern gekommen wären. Falls es die DARPA nicht geschafft hätte.

    Und, ja, ganz im Ernst: Mir sind einige technische Errungenschaften bekannt, die es durchaus mit der Spracherkennung aufnehmen können. Die werde ich aber nicht nennen, da sie vermutlich unters Dienstgeheimnis fallen.

    Ansonsten: Lassen Sie sich nicht zu sehr beeindrucken von den jungen Leuten mit ihren Computern und apps! Die kochen auch nur mit Wasser!

  • Auriga   |   04. September 2018 - 12:49

    Um zu den Fakten zurück zukehren: Natürlich wird in den WTDen und WWDen Forschung betrieben. Als eigene Forschung, mit anderen zusammen(Industrie, Institute und Truppe) oder auch in Form von Auftragsforschung bzw. grundfinanzierter Forschung. Das fängt bei vermeintlich banalen Dingen, wie der Suche nach Ersatzstoffen für durch REACH verbotene Stoffe an bis hin zu Forschung für neue Waffensysteme.
    Das ist aber nicht der Punkt.
    Da wurde der Hyperschallantrieb erforscht. Damals wie heute eine disruptive Technologie. Eine Technologie, bei der man weltweit führend war. Dann stellte jemand fest, dafür gibt es keinen militärischen Bedarf. Heute werden werden wir von dieser Technologie bedroht.
    Was hilft die beste Agentur, wenn es am Ende nicht gelingt, diese dann auch in ein Produkt umzusetzen. Neben NATO, EDA, Bund und nun auch EU ist das eine weitere Stelle die Forschung betreibt, d.h. finanziert. Wie soll das alles koordiniert werden? Der Verteidigungsfonds der EU will auch disruptive Technologien fördern.