‚Ein Soldat ist kein Schraubstock‘: Im Gefecht war das G36 ok. Und im Ministerium herrscht Chaos

Operation Orpheus - Nawabad, Northern Afghanistan

Vor Monaten hatte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen gleich mehrere Kommissionen – extern wie intern – beauftragt, dem Debakel mit dem Sturmgewehr G36, der Standardwaffe der Bundeswehr, nachzugehen. Am (heutigen) Mittwoch gab es mehrere Berichte für die Ministerin, und nach Gesprächen mit den Experten und Leuten aus dem Ministerium scheint nun folgender Sachstand zu gelten:

  • Die bereits vor Monaten als letzte Erkenntnis des Ministeriums festgestellten technischen Probleme des Sturmgewehrs gelten weiterhin als gesetzt: Im heißgeschossenen Zustand oder bei heftigen Schwankungen der Umgebungstemperatur trifft die Waffe nicht mehr genau genug. Deshalb gilt auch unverändert: Langfristig soll das G36 durch ein neues Sturmgewehr ersetzt werden, dessen technische Voraussetzungen zurzeit definiert werden – die Beschaffung der neuen Waffe kann sich aber über ein Jahrzehnt hinziehen.
  • Die im Labor festgestellten Präzisionsprobleme hatten in den Einsätzen der Bundeswehr keine Auswirkungen. Kein deutscher Soldat wurde aufgrund dieser technischen Defizite gefährdet oder gar getötet.
    Zu diesem recht eindeutigen Ergebnis kam eine externe Kommission unter Leitung des früheren Grünen-Bundestagsabgeordneten Winfried Nachtwei, die dafür nicht nur die Akten mit Gefechtsberichten wälzte, sondern auch rund 150 einsatzerfahrene Soldaten befragte. Für den Unterschied zwischen den technischen Tests und den Gefechtserfahrungen gab es eine recht lakonische Erklärung: Ein Soldat ist kein Schraubstock. Und im Gefecht spielen äußere Bedingungen wie Staub, Hitzeflimmern, Seitenwind oder selbst die Haltung des Soldaten eine größere Rolle als die festgestellen Präzisions-Abweichungen.
  • Ein verheerendes Zeugnis stellte eine Organisation zur Überprüfung der Organisationsstruktur und -kultur anhand des Falles G36 dem Ministeriums- und Behördenapparat aus. Es gebe zwar keinen Hauptverantwortlichen für das jahrelange Durcheinander (das Gewehr trifft nicht, das Gewehr trifft, die Munition ist Schuld, das Gewehr trifft doch nicht), aber sehr wohl eine pulverisierte Verantwortung. Niemand hatte den Überblick über den Stand des – eigentlich nicht gar so komplexen – Waffensystems Sturmgewehr. Auch hatte niemand auf dem Schirm, dass bei Einführung des G36 im Jahr 1997 eine Nutzungsdauer von 20 Jahren angepeilt wurde: Das hätte bereits vor ein paar Jahren automatisch zur Überprüfung führen müssen, ob das Gewehr aktuellen Anforderungen noch gerecht wird, oder ob über die Beschaffung eines neuen Systems nachgedacht werden müsste. Außerdem scheint selbst nach Bekanntwerden der technischen Probleme ziemliches Chaos geherrscht zu haben: Gleich zwei Gutachten zur Überprüfung dieser Vorwürfe vergab ein Abteilungsleiter kurzerhand telefonisch, schriftliche Belege dafür gibt es offensichtlich nicht. Eines dieser so an das – eigentlich angesehene – Ernst-Mach-Institut der Fraunhofer-Gesellschaft vergebenen Gutachten kam dann zu dem Schluss, dass die Munition Grund der Treffprobleme sei. Das musste dann später revidiert werden.
  • Die Herstellerfirma des G36, das Oberndorfer Unternehmen Heckler&Koch, ist der Lieferant fast aller Handwaffen der Bundeswehr – das führte zu einer Nähe zwischen dem Lieferanten und den Bundeswehr-Behörden, die die Qualität der Ware überprüfen sollen, die in die Nähe des Bedenklichen geht. Ein unangemessenes Dominanzverhältnis, hieß es aus dem Ministerium. Vor allem die Unterbringung der so genannten Güteprüfstelle, also der technischen Abnahme der Waffen, in der Firma selbst sei schon für das Rollenverständnis von Auftraggeber und Auftragnehmer ein Problem. Diese Güteprüfstelle, so eine Entscheidung am heutigen Mittwoch, wird deshalb auch aus dem Firmengelände herausgenommen. Für Korruption in den Geschäftsbeziehungen zwischen Heckler&Koch und Bundeswehr gebe es allerdings keine Hinweise.

Gekürzte Fassungen der Berichte hat das Verteidigungsministerium veröffentlicht:

Die öffentlichen Statements zur Vorlage der Berichte stehen hier zum Nachhören.

Und was bleibt nach diesen ganzen Berichten? Zum einen ist klar, dass die Verteidigungsministerin diese Untersuchungen für ihren weiteren Umgang mit dem G36 nicht gebraucht hat – ihr Urteil steht schon lange fest, sie hatte es bereits im Frühjahr in die Worte gekleidet: Das G36 hat in seinem gegenwärtigen Konstruktionsstand keine Zukunft in der Bundeswehr.

Zum anderen ist die Entscheidung, das G36 nach mehr als zwei Jahrzehnten durch ein neues Modell abzulösen, unterm Strich nicht wirklich sensationell: Zu diesem Ergebnis hätten Bundeswehr und Ministerium auch kommen können, wenn sie dem notwendigen Plan gefolgt wären und rechtzeitig, also bereits vor ein paar Jahren, über die Zukunft der Standardwaffe der Truppe nachgedacht hätten. Das Chaos, das in den vergangenen Jahren herrschte, wäre vermeidbar gewesen, und vor allem hätte es ein zusätzliches Problem nicht gegeben: die Verunsicherung der Soldaten, ob ihre Waffe noch was taugt. Denn von oben zu hören, dass ein Gewehr nicht trifft, während man im Einsatz ganz andere Erfahrungen macht – das muss man erst mal wegstecken.

Vor allem aber hat die Organisationsstudie des ehemaligen Commerzbank-Chefs Klaus Peter Müller (wieder einmal) belegt, wie standhaft der Apparat gegen Veränderungen ist, egal wer unter ihm Minister oder Ministerin ist. Denn den Vorwurf, Ministerium, Bundeswehr-Behörden und Bundeswehr hätten selbst über ihre eigenen Akten keinen richtigen Überblick, habe ich vor ein paar Jahren ziemlich wortgleich schon mal gehört: Im EuroHawk-Untersuchungsausschuss 2013 beklagte eine Vertreterin des Bundesrechnungshofs fehlendes Fachcontrolling und mangelhaftes Dokumentenmanagement. Das Management by Kraut&Rüben scheint sich seitdem kaum geändert zu haben. Und gegen eine hemdsärmelige Gutachten-Vergabe am Telefon, ohne (nachträglichen) schriftlichen Beleg, hilft auch die von Müller verlangte bessere Ausstattung mit Informationstechnik wenig.

(Archivbild 2011: Bundeswehrpatrouille mit G36 in Nawabad bei Kundus in Afghanistan – Timo Vogt/randbild.de)

Ausrüstung und so · 16:51h ·  

37 Kommentare zu „‚Ein Soldat ist kein Schraubstock‘: Im Gefecht war das G36 ok. Und im Ministerium herrscht Chaos“

  • Uwe   |   14. Oktober 2015 - 17:15

    Schön zusammengefasst, T.W.! Jetzt gibt’s eigentlich nichts mehr zu kommentieren.
    Was uns nicht vom Kommentieren abhalten dürfte …
    Ob „Kraut&Rüben“ eine sölitäre Eigenschaft des Managements zum G36 ist?

  • klabautermann   |   14. Oktober 2015 - 17:33

    Tja, ja…..Kompetenzmanagement ist ja auch so eine Geheimwissenschaft ;-)

    http://www.competence-site.de/topic/kompetenzmanagement/

  • Sehenden Auges   |   14. Oktober 2015 - 17:41

    Die Frage ist, an wen sich jetzt der Vorwurf richtet. Niemand hat ein ernsthaftes Interesse daran, mühsam zwischen Kraut und Rüben permanent nach den richtigen Informationen zu suchen. Die Beamten und Soldaten im Ministerium wohl am allerwenigsten – denn eine solche Tätigkeit ist nicht vergnügungssteuerpflichtig. Die Partikularinteressen der Damen und Herren Abgeordneten lassen sich aber zwischen Kraut und Rüben weitaus unauffälliger einbetten, als in ein wohlgeordnetes System aus Zahlen, Daten und Fakten. Forderungen nach einem Dokumentenmanagement und einem stringenten Controlling sind ja nun wirklich alles andere als neu – aber wer setzt diese denn nun mal endlich um?

    Wo beginnt nochmal der Fisch das Stinken?

  • Werferfehler   |   14. Oktober 2015 - 17:55

    Zum Bericht „Zu den Beziehungen zu Heckler&Koch“:
    Wenn ich mich nicht verzählt habe haben 13 Mitarbeiter in 6 Monaten über 60 Interviews geführt: Also ungefähr zwischen 4 und 5 pro Mitarbeiter, klingt jetzt nicht so prickelnd.
    Dazu kommen „zahlreiche“ relevante Unterlagen, macht also ca. hmmm pro Mitarbeiter.
    Ergebnis: Alles ist gut, nur die Güteprüfstelle sollte verlegt werden.
    Entschuldigung, aber irgendwie kann ich diesen Bericht nicht ernst nehmen,
    Werferfehler
    P. S.: Habe ich beinahe vergessen, es kamen ja auch noch mehrtägige Dienstreisen hinzu, dann ist ja alles in Ordnung,
    WF

  • Hans Schommer   |   14. Oktober 2015 - 17:56

    Gute Zusammenfassung, Herr Wiegold, find ich auch.
    Auf das gern aufgegriffene Ministerinnen-Statement, das G36 habe in der Bw keine Zukunft, sollte man aber nichts geben. Ich prognostiziere dem Gewehr noch mindestens zehn Jahre DEU Truppenverwendung. Und das geht m.E. auch klar, ohne dass die Sicherheit der Republik oder die ihrer Infanteristen gefährdet werden.
    Was mich aber mal interessieren würde, nachdem nun festgestellt wurde, dass dem Gewehr G36 weder Gefährdungen noch Schädigungen DEU Soldaten an Leib und Leben anzulasten sind:
    Wie stand es denn um Gefährdung, Verwundung und Tod deutscher Soldaten als Folge des Verwehrens einer begleitenden Steilfeuerkomponente (Artillerie, insbesondere jedoch Mörser) in den Einsatzgebieten? Da lag (und liegt) doch „der Hase im Pfeffer“. Denn neben dem Zerschlagen ist auch das Niederhalten eines Gegners eine Kernaufgabe des Steilfeuers (Wozu ja wohl bislang das G36 herhalten musste). Hier bedarf es m.E. dringend eines Paradigmenwechsels, welcher der Feuerüberlegenheit unserer Infanterie klaren Vorrang gegenüber politisch motivierten „Low-profile“ Überlegungen einräumt.

  • Werferfehler   |   14. Oktober 2015 - 18:05

    Zum Bericht „Zwischenbericht zu den Vorwürfen eines Whistleblowers zu anderen H&K-Waffen“

    Wurde der Name von Herrn Jungbluth vorher schon mal öffentlich genannt?

    Mündungsfeuerdämpfer: „Bei der Nutzung von Kurzbahnmunition wird mit Blick auf die festgestellten Schadensbilder beim Mündungsfeuerdämpfer in der Bundeswehr eine Schutzbrille getragen. Außerdem hat die Anweisung zum verstärkten Waffenreinigen zu einem Rückgang der festgestellten Schadensbilder um ca. 80 % geführt“
    Also, erst mal muss die Truppe die Waffen richtig reinigen (gut dass man ihr das endlich mal sagt) und dann geben wir ihr noch eine Brille (weil wir ja vom Problem wissen) und alles ist gut?
    Werferfehler

  • Stephan L.   |   14. Oktober 2015 - 18:14

    Ich habe von Winfried Nachtwei eigentlich immer eine hohe Meinung gehabt, sowohl während seiner Zeit als MdB als auch danach. Dieses Bild hat sich hier in meinen Augen wieder bestätigt: Seine Kommission scheint ziemlich saubere Arbeit geleistet zu haben, vor allem da sie nicht nur die reinen technischen Fakten betrachtet hat, sondern auch einsatzerfahrene Soldaten befragt hat.

  • Klaus-Peter Kaikowsky   |   14. Oktober 2015 - 18:24

    @Hans Schommer
    Absolut richtige Forderung zur Nutzung der Steilfeuerkomponente. Nur bedarf es dazu militärischer Ratgeber im Hause UvdL, die keine Gefälligkeits-BdL-LVE verfassen, sondern das taktisch Erforderliche der/dem IBuK glasklar servieren.
    Zweitens, der/dem IBuK ist folgerichtig bei Anerkennung der durchaus möglichen Forderung nach Steilfeuer das Rückgrat abzuverlangen, dies auch öffentlich durchzustehen.
    Eine(n) solche(n) politisch starken Charakter sehe ich nirgends. Übrigens hatten die NLD bei ihrer Task Force Uruzgan (TFU) Mrs 120 mm bzw 81 mm je nach TrGtg im Einsatz!
    Gleicher Unwille die Truppe aktiv durch Verwendung von Großgerät zu schützen, gilt übrigens für die Panzerei. Die militärische Großmacht Canada hatte permanent eine vstkPzKp mit Leo 2 A6 CAN im Einsatz. Den ersten (CAN) PzChef hatte ich in 2006 dazu befragen können, meinen Bericht der PzTrS und HA II pflichtschuldigst gemeldet. Der Dank ereilte mich, Maßnahmen keine, zumindest wurden mir keine bekannt.

  • Stefan   |   14. Oktober 2015 - 18:29

    Mal ne Frage, die sich gerade auftut. Sitzen nicht die Prüfer für Fluggerät der Bundeswehr auch direkt in Donauwörth beim Hersteller?

  • T.Wiegold   |   14. Oktober 2015 - 18:33

    Leute, jetzt anhand des Themas G36 über Mörser, Panzer (und was weiß ich noch) zu reden, führt doch ziemlich in den OT… Wäre nett, wenn wir in diesem Thread beim Sturmgewehr bleiben könnten.

  • Klaus-Peter Kaikowsky   |   14. Oktober 2015 - 18:41

    Hatte nichts Anderes erwartet, vllt äußert sich ja jemand im Bällebad.

    G-36: Norbert Nachtweih (!) sich im Interview, n-tv/n24, „die Soldaten haben nichts Negatives zum Gewehr gesagt …, kann bleiben …“;

  • Hans Schommer   |   14. Oktober 2015 - 18:41

    T.Wiegold | 14. Oktober 2015 – 18:33:
    „Leute, jetzt anhand des Themas G36 über Mörser, Panzer (und was weiß ich noch) zu reden, führt doch ziemlich in den OT… Wäre nett, wenn wir in diesem Thread beim Sturmgewehr bleiben könnten.“
    Werter Herr Wiegold, versuchen Sie doch einfach mal die Zusammenhänge zu erkennen. Dann führt Sie das auch im Kernthema weiter.

  • wacaffe   |   14. Oktober 2015 - 18:44

    wichtig wäre jetzt das man die produktverbesserungen g36a4 endlich zügig umsetzt.

    DA liegen nämlcich die tatsächlichen defizite des g36 und nicht bei irgendwelchen esoterischen mgmitscharfschützenpräzisionimdauerfeuer fantasien.

    ob man dann irgendwann einen nachfolger einführt ist erstmal sekundär.

    man muss die realen probleme im hier und jetzt lösen statt permanent affektive medienkampagnen zu fahren wie es vdl seit amtsantritt tut

  • Koffer   |   14. Oktober 2015 - 19:38

    @wacaffe
    +1

    Dieser ganze Quatsch in den letzten Jahren um das G36 (und vor allem in diesem Jahr), DAS gefährdet die Sicherheit unserer Soldaten und verhindert eine deutliche Steigerung Kampfkraft!

    Wenn man die tatsächlichen Probleme endlich lösen würde (und die Lösungsvorschläge liegen ja auf dem Tisch), dann könnte man sich dann in aller Ruhe über einen Nachfolger in 5-10 Jahren Gedanken machen.

    Aber nein, die Ministerin zeigt ja (wieder einmal) leider Aktionismus, als strukturiertes Handeln im Sinne der Bundeswehr :(

  • Klaus-Peter Kaikowsky   |   14. Oktober 2015 - 19:45

    @Koffer
    Stimmt.
    Dann werden hoffentlich keine threads zum Thema mehr erwünscht sein, und dieser hier kann getrost geschlossen werden. Die Waffe wird auch in 10 Jahren noch die Einsätze ableisten. Amen!

  • Koffer   |   14. Oktober 2015 - 19:55

    @Klaus-Peter Kaikowsky
    Wenn sie es in der Variante G36A4 macht (oder bis dahin hoffentlich in einer Version A5 oder A6), wäre das auch kein Beinbruch. Nicht meine Option A, aber sicherlich eine solide Option B

    Besser als der blinde Aktionismus, der jetzt läuft!

  • Ex-Soldat   |   14. Oktober 2015 - 20:02

    Die „Aufarbeitung“ auf Basis der Erkenntnisse der beispiellos vielen Arbeitsgruppen erfolgt in einer Art und Weise, die jedem halbwegs informierten Beobachter die Haare zu Berge stehen lassen muss.
    Es gibt zumindest in den hier veröffentlichten Informationen nicht einen konkreten Anhaltspunkt dafür, dass in der zuständigen GPS etwas nachhaltig schief gelaufen ist. Dennoch ist die erste konkrete Maßnahme die angekündigt wird, dass man kopflos entscheidet die GPS müsse vom Firmengelände. Ich kann mich derzeit nicht daran erinnern, mit einer GPS zu tun gehabt haben, die nicht auf dem Gelände der Firma gesessen hätte. Natürlich sind Aussagen wie „Wir hier bei XYZ…“ [XYZ=überprüftes Unternehmen] ,wie ich sie erlebt habe, aus dem Munde eines GPS-Mitarbeiters befremdlich. Dennoch ist es unzulässig, ehrenrührig und demotivierend die Mehrheit aller GPS-Mitarbeiter in dieser Weise unter Generalverdacht zu stellen.
    In dem Bericht oben wird andeutungsweise klar wo der Hase im Pfeffer liegt, in mangelnder Übersicht und Struktur bei den in die Problemlösung eingebundenen Ämtern und Dienststellen. Die Tatsache, dass es sich dabei um Beamte und Soldaten handelt, ist aber ganz sicher nicht der Hauptgrund für das Chaos. Der Hauptgrund ist, das in den letzten zwei Jahrzehnten ständig die Strukturen und Prozesse im Rüstungsbereich umgestellt wurden (selbstverständlich immer verbunden mit Personalreduzierung). Was dabei völlig vergessen wurde ist in die wichtigste Ressource zu investieren, nämlich das Personal und dessen Professionalisierung. In jedem (von uns bis zu 100% finanzierten) Industrieunternehmen werden zweckmäßige Tools zur DV-Unterstützung eingeführt UND das Personal adäquat geschult. Das passiert in der Bw nicht, genausowenig wie im Bereich der Beamten eine wirkliche Führungs- und Managementausbildung des entsprechenden Personals erfolgt. Deswegen und weil das Haushaltsrecht sehr häufig zu einer „kreativen“ Auslegung der darauf basierenden Bestimmungen zwingt, gehen die (zu) häufigen und zudem nicht hinreichend begleiteten Struktur- und Prozessänderungen regelmäßig in Leere.

  • Hans Schommer   |   14. Oktober 2015 - 20:12

    @ Ex-Soldat | 14. Oktober 2015 – 20:02
    Sehe ich ebenso.

  • audio001   |   14. Oktober 2015 - 21:02

    Es mag die „Kraut und Rüben Organisation“ im BMVg gegeben haben (oder auch partiell immer noch geben)!?

    Meiner Meinung nach ist aber die Schlussfolgerung im Zusammenhang mit dem Umgang der “Fähigkeitslücke G36” seitens des BMVg die falsche!

    Denn für den Umstand das man/frau im BMVg (“top down“) nicht im gebotenen Maße zu dem Kenntnisstand „Fähigkeitslücke G36“ tätig geworden ist, ist das Vorschieben von angeblichen “Organisationsmängeln” allenfalls eine “billige” wenn nicht sogar “die billigste“ mögliche Entschuldigung!

    Das entbindet doch lediglich die politische Führung des Hauses davon, den (tatsächlichen) Zusammenhängen nicht weiter nachgehen zu müssen!

    Und hier gilt aus meiner Sicht: “Für Handeln gibt es immer einen Anlass;- für Nicht-Handeln immer einen Grund!“- Letzterer würde mich im Zusammenhang mit den Umgang der “Fähigkeitslücke G36” seitens des BMVg interessieren!

    Denn der liegt – meiner Ansicht nach – noch nicht auf dem Tisch …

  • audio001   |   14. Oktober 2015 - 21:16

    re: Ex-Soldat

    Liegt es im Sinne “der Politik” tatsächlich einen starken Vertragspartner seitens des BMVG gegenüber der Rüstungswirtschaft zu haben!?- Ich denke nicht!

    Die Politik tut sich (mit ihren Partikular-Interessen!) in ihrer Einflussnahme auf (Beschaffungs-) Entscheidungen des BMVg doch wesentlich leichter, wenn das BMVg in seinen Ressourcen (personell und/oder fachlich) etwas rarer ausgestattet ist!

    So wächst zwangsläufig die Abhängigkeit zur (vermeintlichen) Expertise der Rüstungswirtschaft. (Wobei ich persönlich annehme, dass ohnehin PolitikerInnen nicht selten „am Tropf des Informationsflusses der Rüstungswirtschaft“ hängen und sich gezielt als Inhouse-Seller in der politischen Szene zu verbreiten versuchen!) – Verbunden mit der Möglichkeit politische Absichten bei Beschaffungsentscheidungen durchzusetzen, die vermutlich bei einem starken Counterpart im BMVg überhaupt nicht möglich wären! (Weil aus unterschiedlichsten Gründen in der Sache unsinnig!)

  • JPeelen   |   14. Oktober 2015 - 23:29

    Wenn es Probleme mit heißen G36 gibt, dann sind die Güteprüfer in Oberndorf sicherlich nicht die dafür verantwortliche Stelle.
    Nach meiner Erfahrung im Öffentlichen Dienst ist die Arbeitsebene die mit Abstand am wenigsten von sachfremden Erwägungen beeinflusste Ebene.

  • Alarich   |   15. Oktober 2015 - 4:31

    Vielleicht hat man die 200 Gefragt die für G36 wahren und die anderen hat man gelöscht ??

  • SvenS   |   15. Oktober 2015 - 8:00

    Eigentlich eine einfache Sache. Lifecycle-Management und wie es funktioniert lernt jeder Fachinformatiker im 2. Lehrjahr. Vieleicht sollten sich einige Damen und Herren im BMVG mal den Wikipediaartikel darüber durchlesen und das Bild dazu ausdrucken…

    @Alarich:
    Ich habe den wechsel von G3 und G36 bei der Bundeswehr mitgemacht. Wir haben uns alle über das neue Gewehr gefreut. Die Waffe war präzise, leicht, gut zu pflegen und als i-Tüpfelchen sah die Waffe noch gut aus. Wenn man da eine, für diese Zeit, absolut überlegene Visierung dazu packt, hat man die Traumwaffe des damaligen Soldaten. Das Kaliber war damals schon in der Diskussion und 90% von uns hätten gerne ein größeres Kaliber gehabt, allerdings hat auch hier wieder das Gewicht am ende gewonnen, mehr Munition am Mann = besseres Gefühl.

    Bei der Bundeswehr ist es wie im echten leben, nur weil ein paar Leute am lautesten schreien, bedeutete es noch lange nicht das es die Mehrheit ist.

  • lies.das   |   15. Oktober 2015 - 8:17

    Es gab lange Dauerfeuer-Gefechte mit Taliban, bei denen es – trotz großen Munitionsverbrauchs – überraschenderweise keinen oder nur auffallend wenige Treffer gab. Trotz langen Schusswechseln fand man später keine getroffenen Taliban auf dem Gefechtsfeld.

    Woher weiß die Nachtwei-Kommission, dass es dort ALLE G36 technisch korrekt geschossen haben? Oder dass es vielleicht doch in Einzelfall zu einer Streuung mit fehlenden Treffern kam, die für die kämpfenden Soldaten durchaus gefährlich waren? Haben IMMER nur die Bw-Soldaten danebengeschossen, und niemals das Gewehr?

    Das weiß doch niemand, das kann man rückblickend doch gar nicht mit einer Befragung rekonstruieren. Es sei denn, man befragte auch die beschossenen Taliban…das zeigt doch den ganzen Unsinn einer derart unwissenschaftlichen Befragung von Soldaten, die obendrein auch noch subjektiv aus vielerlei Gründen befangen sein können.

    Die subjektive „Erfahrung“ wird ja stimmen, dass das G36 im Normalfall zuverlässig war. Es gibt aber auch leider eine technisch nachweisbare Tendenz, dass es im seltenen Ernstfall unzuverlässig sein kann. Das Eintreten dieses technischen Versagens ist eine Grauzone, die durch nachträgliche Befragungen – viele Jahre später – gar nicht verifizierbar ist. „Nicht ich, sondern nur das dumme Gewehr hat danebengeschossen“ – wer sagt denn so was!

    Es gibt im Kommissionsbericht nur eine Sammlung subjektiven Gefechts-Vermutungen von befragten Soldaten und ihren Vorgesetzten. Die zu verabsolutieren ist politisch motivierte Kaffeesatz-Leserei.

    Glauben (oder nicht glauben) heißt: nicht wissen. Ich bin sehr verwundert über die „Sicherheit“ der G36-Experten in dieser Diskussion hier.

  • Mausschubser   |   15. Oktober 2015 - 8:41

    @lies.das
    Na wenn das Dauerfeuergefechte waren, warum wundern Sie sich, dass nicht getroffen wurde? In manchen Situationen reicht es, wenn der Gegner das Feuer auf die eigene Truppe einstellt.
    In der technischen Beurteilung bringen Sie mit „ALLE“ einen interessanten Gesichtspunkt ins Spiel, dem bislang aus meiner Sicht zu wenig nachgegangen wurde. Es weisen nämlich afaik nicht alle G36 die Treffpunktverlagerung im gleichen Ausmaß auf. Für mich ein Hinweis darauf, dass das System nicht richtig verstanden wird. Bei Systemen aus mehreren Komponenten gibt es die interessantesten Effekte. Mal kompensiert sich etwas, mal verstärkt sich etwas. Und manchmal kreiert man durch die Testmethode den Fehler, der in der Praxis keinen Belang hat.
    Ist wie im Leben. Der erste Verdächtige ist nicht zwangsläufig auch der Täter.

  • Vtg-Amtmann   |   15. Oktober 2015 - 8:49

    Also ich fand und finde die ganzen Gutachten und Arbeitsgruppen sowie das mediale und auch juristische Kasperletheater samt Chaos um das G36 so richtig gut. Es wurden doch ganz klar vier Dinge „bewiesen“:

    1.) Schießt das G36 noch so gut, daß man es bis zum Zulauf seines Nachfolgers in ca. 10 Jahren noch unbedenklich weiter nutzen kann.

    2.) Schießt das G36 schon seit Jahren so schlecht, daß es eines Nachfolgers bedarf.

    3.) Damit erübrigt sich jeglliche weitere fachliche und fundierte Diskussion über diese „Plaste & Elaste Knarre“ und allen wäre geholfen, selbst UvdL und dem BMVg.

    4.) Man hat wunderbar sich selbst darstellen und von heißeren Problemen ablenken können, weil das Landserthema „Die Braut des Soldaten“ – wie man auch bei AG lesen kann – ein schier unerschöpfliches ist..

    Wenn wenigstens als Synergieeffekt das Aha-Erlebnis herausgekommen wäre, daß – wie unter Vielen zuletzt auch @Hans Schommer schrieb – unsere Infantrie u.a. weiterhin leichter Mörser bedarf, hätte das Ganze wenigstens noch etwas an „sittlichen Nährwert“ gehabt.

  • Pippi L.   |   15. Oktober 2015 - 9:46

    @ Vtg-Amtmann

    Und es wurde bewiesen, dass

    5.) Man anscheinend im BMVG ein gestörtes Verhältnis zum deutschen und europäischen Vergaberecht hat.

    Elf externe Berater haben K.P. Müller bei seiner Organisationsstudie über fünf Monate unterstützt, macht sicherlich einen Betrag von über 1.000.000€. Vielleicht wir haben alle die diesbezügliche Ausschreibung des BMVG dazu verpasst. Kann auch sein, dass man das nachträglich ins Rüstungsgutachten vom letzten Jahr „geschoben“ hat, aber das glaube ich nicht, denn das wäre höchst unzulässig.

    Inhaltlich kann ich zur Diskussion um das G36 keinen Beitrag leisten, aber die „Prozesse“ in diesem Ministerium im Bereich Rüstung sind tatsächlich das in der Überschrift von Herrn Wiegold zitierte „Chaos“!

  • J-P-W   |   15. Oktober 2015 - 10:14

    Das G36 ist also doch kein Skandalgewehr, sondern die ganze Tragödie ein Gewehrskandal. Und der wiederum steht symptomatisch für die deutsche Sicherheitspolitik. Die Bundeswehr sollte auf guten statt auf teuren Rat setzen und sich mal wieder auf ihre ursprünglichen Stärken besinnen, statt sich von externen Beratern Dinge aufschwatzen zu lassen, die schon in der freien Wirtschaft den Unternehmergeist zu Grunde gehen ließen und keine Nachhaltigkeit erzeugen.

  • f28   |   15. Oktober 2015 - 11:06

    hochkomprimiertes Fazit all der G36-Threads hier:

    Das Gewehr ist soweit OK, die Beschaffungsorganisation hingegen ein Witz

  • Pippi L.   |   15. Oktober 2015 - 11:19

    @ J-P-W

    Berechtigter Einwand! Allerdings glaube ich, daß nicht alleine die externen Berater das Problem sind.

    Im Rahmen der unzähligen Transformationen der letzten Jahre hat man dem militärischen UND zivilen Personal in der BW immer neue Aufgaben aufgetragen und zusätzliche Prozesse etabliert. Man hat aber leider vergessen, den Kameraden und Kollegen mitzuteilen, was sie fortan NICHT MEHR tun sollen.

    Nun sehen und lesen wir hier vier Berichte über neuerliche Analysen, Ergebnisse und Maßnahmen. Haben diese Berichte die gleiche Qualität wie der aktuelle Bericht aus dem Rüstungsboard von letzter Woche !? Da war zum Eurofighter auch noch fast alles ok und eine Woche später waren die Mängel so gravierend, dass man die weitere Abnahme verweigert hat!?
    Das alles scheint Methode zu haben, interessant wäre allerdings zu wissen, wer hinter der Methode steckt. Aber dazu kann uns vielleicht der Hausherr hier in ein paar Tagen mehr berichten…..

  • Uwe   |   15. Oktober 2015 - 11:20

    @f28: So ist es! Und auch der Laie ahnt: Nicht nur die Beschaffung des G36 ist witzig! Es gibt noch viel zu tun …

  • Morbrecht   |   15. Oktober 2015 - 13:28

    Dieser Satz offenbart ein wesentliches Problem des sicherheitspolitischen Denkens in Deutschland:

    „Die im Labor festgestellten Präzisionsprobleme hatten in den Einsätzen der Bundeswehr keine Auswirkungen. Kein deutscher Soldat wurde aufgrund dieser technischen Defizite gefährdet oder gar getötet.“

    So etwas kann nur sagen, wer im politischen Zweck des Einsatzes in erster die Vermeidung von Risiken für die eigenen Soldaten sieht und nicht militärische WIrkung. Ganz entscheidend wäre in diesem Zusammenhang die Frage, ob diese Wirkung dadurch reduziert wurde, dass ggf. Feind nicht oder wenig gut getroffen wurde.

  • ThoDan   |   15. Oktober 2015 - 18:51

    @Morbrecht

    Seltsam, das seit Vietnam dem M16 der gleiche Vorwurf gemacht wird und sich das M4 immer noch dagegen verteidigen muss.

    Also ehrlich finde ich da nichts falsches dran im Gegensatz zu Kerls, wollt ihr ewig leben.

  • Hans Schommer   |   15. Oktober 2015 - 19:15

    Ich möchte an dieser Stelle der (stagnierenden) Diskussion einen weiteren Aspektwinkel der Feuerkämpfe unserer Infanterie im Einsatz einmal „beleuchten“:
    Feuerart (Einzelfeuer / Feuerstöße / Dauerfeuer) und Schießart (Präzisionsschuss, Schnellschuss, Deutschuss etc) beim Einsatz der Handwaffen werden in der Theorie (der vorschriftenkonformen Lehre) durch die „Gefechtsaufgabe“ bestimmt.
    In den vielschichtigen Einsatzsituationen unserer Soldaten kam und kommt es immer wieder zu „Abweichungen“ von den Grundsätzen der Lehre. Und zwar immer dann, wenn vom Vorgesetzten bis zum Einzelschützen eine zwar selten offen kommunizierte, aber nicht wegzuleugnende und m.E. absolut gerechtfertigte Abwägung greift:
    Entweder den Feind durch Feuer niederhalten und zum Missionsabbruch verleiten, und dabei den Kopf auf den Schultern behalten.
    Oder unter Eingang eines hohen Risikos zu „siegen“ – unter in-Kaufnahme von Verwundung und Tod eigener Soldaten.
    Welcher DEU Soldat will denn in AFG oder sonstwo sterben? Und wofür? Vor diesem Hintergrund könnte auch verständlich werden, warum Schießen mit einem Sturmgewehr nicht gleich Schießen mit einem Sturmgewehr sein muss.
    Und wer meint, ich würde mit den vorstehenden Ausführungen unseren Soldaten(innen) Feigheit unterstellen, hat wirklich nix verstanden.

  • Klaus-Peter Kaikowsky   |   15. Oktober 2015 - 19:32

    @Hans Schommer
    Stimmt.
    Möchte noch Gefechtstress ergänzen, in der selbst die hoffentlich eingedrillte Lehre nicht mehr greift.

  • ThoDan   |   15. Oktober 2015 - 20:24

    @Hans Schommer

    oder die Lehre 6 Schuß 5 Treffer = Schlechter Schütze war schon in WWII falsch, hat sich aber in der BW anscheinend bis heute gehalten. Warum?

    Vor 20 Jahren habe ich das Märchen auch noch geglaubt, als Wehrpflichtiger.

  • Hans Schommer   |   23. Oktober 2015 - 13:03

    @ T. Wiegold
    – …
    „- ein Zwischenbericht zu den Vorwürfen eines Whistleblowers zu anderen H&K-Waffen“
    Warum ist der denn verschwunden? Und ggf. an welcher Stelle denn vielleicht wieder zu finden?