Der Irrtum beim G36: Es geht nicht auf den Wertstoffhof (Nachtrag: Interview H&K-Chef)

Nachdem Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen vor gut einer Woche verkündete, das Sturmgewehr G36 habe in der Bundeswehr keine Zukunft, jedenfalls nicht im derzeitigen Konstruktionsstand, scheint sich in der Öffentlichkeit und auch in der Politik eine irrige Vorstellung breit zu machen: Die Vorstellung, an jedem Bundeswehrstandort werde jetzt ein Wertstoffhof eingerichtet, an dem die Soldaten ihr G36 zur Verschrottung abgeben können, am besten noch nach Werkstoff geordnet (Plastik in die gelbe Tonne, Metall bitte in die Gitterbox links).

Dem ist natürlich nicht so. Allein schon deswegen, weil die Truppe nicht über Nacht ihre mehr als 170.000 Waffen dieses Typs ausmustern könnte. Ein Austausch, so schätzte das Beschaffungsamt der Bundeswehr, könnte bis zu zehn Jahren dauern. Und auch allein schon deswegen, weil das G36 zwar Präzisionsprobleme hat, aber nicht dem Soldaten in der Hand explodiert. Ein Gewehr, das nicht so genau trifft, ist kein Hubschrauber, der wegen kritischer Defekte an Rotor, Zelle oder Turbine abstürzen und Leib und Leben gefährden könnte und deswegen für die Nutzung gesperrt wird.

Das muss man vorausschicken, wenn man auf die jüngste Meldung zum Thema G36 guckt: Noch an dem Tage, an dem die Ministerin das – langfristige – Aus für das Sturmgewehr verkündete, bestellte die Bundeswehr Zubehör für das Gewehr. Und zwar einige hundert Zieloptiken von Cassidian Optronics, dem ehemaligen Zeiss-Betriebsteil, der an Airbus verkauft wurde.

Wenn die Truppe über eines beim G36 geklagt hat, dann war es die Zieloptik (neben der mangelnden Durchschlagskraft des kleinen Kalibers). Und jetzt wird da, lange geplant, was neues gekauft. Für eine Waffe, die die Truppe ungeachtet aller Ausmusterungsbemühungen noch einige Zeit in Gebrauch haben wird. Hm, vielleicht ist da die Logik: wenn die Waffe schon nicht so genau ist, braucht’s auch kein neues Zielfernrohr?

Wie auch immer: Der politische Streit hat die Sachebene doch schon ein wenig verlassen. Mal schauen, was an diesem langen Wochenende noch kommt: Das Verteidigungsministerium will eine detaillierte Beschaffungs-Historie, zusammengestellt unter Führung von Staatssekretär Gerd Hofe, an die Abgeordneten liefern. Auf Papier, in die Abgeordentenbüros im Bundestag, wie schon die technischen Untersuchungsbericht . Am Nachmittag vor dem 1. Mai. Die Parlamentarier sollen das halt nicht vor Montag lesen.

Nachtrag: Leider ist das Verteidigungsministerium auch nicht bereit offenzulegen, wie viel Steuergelder bisher für die Beschaffung von G36 und Zubehör ausgegeben wurden. Auf die entsprechende Frage des Linken-Abgeordeten Jan van Aken antwortete das Ministerium lapidar (Bundestagsdrucksache 18/4730, Frage 23):

Das Bundesministerium der Verteidigung hat die Antwort des Parlamentarischen Staatssekretärs Markus Grübel vom 17. April 2015 als „VS – Nur für den Dienstgebrauch“ eingestuft. Von der Veröffentlichung in einer Bundestagsdrucksache wird abgesehen. Die Teilantwort ist im Parlamentssekretariat des Deutschen Bundestages hinterlegt und kann dort von Berechtigten eingesehen werden.

Nachtrag 2: Der ARD-Kollege Christian Thiels hat für die NDR-Sendung Streitkräfte und Strategien eines der seltenen Interviews mit dem Heckler&Koch-Geschäftsführer und Mehrheitseigentümer Andreas Heeschen geführt. Die Sendung selbst gibt es am Samstag; das Interview als Audio ist bereits online:

 

AU-20150430-1615-1242.mp3     

 

(Direktlink:

http://media.ndr.de/progressive/2015/0430/AU-20150430-1615-1242.mp3     
)

 

 

Ausrüstung und so · 17:08h ·  

56 Kommentare zu „Der Irrtum beim G36: Es geht nicht auf den Wertstoffhof (Nachtrag: Interview H&K-Chef)“

  • audio001   |   03. Mai 2015 - 8:37

    Manchmal ergeben sich interessante Einblicke, fern von einem Sachthema aber doch irgendwie bezeichnend dafür wie mit „kritischen Stimmen zu Sachthemen“ umgegangen wird!

    Ich darf in diesem Zusammenhang auf einen Welt-Online Artikel vom 02.05.2015 „Ministerium entfernt Von-der-Leyen-Kritiker“ (der link hierzu: ) verweisen.

    Zusammenfassung aus meiner Sicht:

    Professor Markus C. Kerber lehrt in Berlin an der TU „öffentliche Finanzwirtschaft und Wirtschaftspolitik“ und in Paris am Science Po „Verteidigungsökonomie“, und stellt auf Bitte des Planungsamt der Bw seine wissenschaftliche Expertise im Rahmen einer Wehrübung zur Verfügung.

    Professor wird einberufen; äußert sich in einem Welt-Interview zu der Rüstungskooperation zur „Entwicklung eines optischen Spionagesatelliten“ von Deutschland und Frankreich kritisch über vdL und wird zeitnah nach Erscheinen des Interviews (der link hierzu: ) „aus truppendienstlichen Gründen ausgeplant“! (Zitat aus dem o.a. Artikel vom 02.05.2015: „Telefonisch wurde er ergänzend informiert, das Planungsamt sei „zur Loyalität gegenüber der politischen Spitze des Ministeriums“ verpflichtet und müsse vor „Unruhe“ geschützt werden.)

    Nun könnte man/frau fast auf die Idee kommen, dass der vor dem Verwaltungsgericht in Koblenz verhandelte Fall und die Ausplanung des Professors Kerber irgendwie mit dem Begriff „Unruhe“ zusammenhängen könnte?

    „Als wichtigste Aufgabe sieht von der Leyen aber eine Veränderung in der Kultur des Ministeriums: Es müsse sich im Umgang mit Fehlern und Risiken einiges tun. „In so großen Projekten gehen Dinge schief, man muss nur frühzeitig darauf hinweisen“, sagte sie. (Zitat aus Zeit-Online vom 6. Oktober 2014 „Von der Leyens Kulturkampf“)

    Vor dem Hintergrund des „Falls Professor Markus C. Kerber“ kann ich der Frau Ministerin nur zurufen: „Packen Sie es endlich an!“

    [Manchen scheint es schlicht nicht vermittelbar, dass hier deutsche Verlagswebseiten i.d.R. nicht verlinkt werden. T.W.]

  • Memoria   |   03. Mai 2015 - 10:21

    BamS-Interview mit vdL („G36-Zukunft klärt sich bis Herbst“):
    Bis Herbst 2015 soll entschieden werden, ob das G36 modifiziert oder ersetzt wird.
    Entsprechende Untersuchungen sollen in den nächsten Wochen beginnen.

  • weispit   |   03. Mai 2015 - 15:37

    bitte auch die Darlegungen auf http://augengeradeaus.net/2015/04/g36-der-aerger-der-abgeordneten-seit-2012/comment-page-4/#comment-194544 beachten.

    Anlässlich der hier nun geführten Diskussion möchte ich zu bedenken geben, dass bisher keine Untersuchungsergebnisse veröffentlicht wurden, die dem G36 Untauglichkeit wegen mangelnder Präzision im heiß geschossenen Zustand nachweisen. Im Gegenteil konnte das Ernst Mach Institut gerade keine Fehler sehen und ein Test von H&K ergab diesbezüglich ebenfalls keine Hinweise.
    Vor diesem Hintergrund halte ich Spekulationen über Material-Eigenschaften und Sinn von Patentschriften für übereilt, gleichwohl für interessant und wichtig.
    Um eine deutliche Abgrenzung vorzunehmen: es geht bei den erwähnten Tests ohne Befund alleine um die Erwärmung beim Schießen, also die intrinsische Erwärmung der Waffen.

    Auf folgende Umstände möchte ich gerne noch hinweisen und mir von der Seele reden:
    Als wir noch mit G3 an der Schulter durchs Gelände robbten, hatten andere Nato-Partner und allen voran natürlich die USA bereits einige Erfahrung mit den sehr viel leichteren Waffen im Kaliber 5,6mm. Unsere Ausbilder tönten voller Überzeugung, dass aber unser G3 doch eine sehr viel robustere Waffe sei, dass man mit den Plastik-gewehren der anderen nicht sicher sei, dass die kleinen Patronen nicht zuverlässig wären und so weiter. Das heißt, es wurde uns einfach das sehr schwere und unhandliche Gewehr mit seiner manchmal niederschmetternd schlechten Präzision schön geredet und solche Reden entfalten durchaus Wirkung und schüren Vorurteile, die sich lange halten können.
    Es täte mich nicht wundern, wenn so manche Kritik am G36 hier ihren Ursprung nimmt und das bedeutet nichts anderes, als dass sie dann eben aus einem Bereich der Mythen kommt und im Grunde genommen nicht ernst genommen werden kann.
    Eine ähnliche Verherrlichung angeblich althergebrachter Werte ließ mich ich in meiner Dienstzeit häufiger erschaudern.
    Deshalb bin ich grundsätzlich sehr vorsichtig bei allen schnellen Urteilen, vor allem, wenn die Tatsachen gar nicht hinreichend bekannt gemacht werden.
    Was wir bisher wissen, langt nach meiner Einschätzung nicht, das G36 als untauglich einzustufen, weil es nicht ausreichend präzise schießt.

    Schon alleine deshalb sehe ich keinen Grund für irgendwelche übereilten Sofortmaßnahmen.
    Worum geht es denn?
    http://de.wikipedia.org/wiki/HK_G3 erklärt: „…Trotzdem befinden sich in den Depots der Bundeswehr auch weiterhin mehrere hunderttausend G3-Gewehre für den Fall der Landesverteidigung, die auch weiterhin gewartet werden, …. Außerdem sind auch in den Waffenkammern vieler Bundeswehreinheiten immer noch G3-Gewehre vorhanden und einsatzbereit….“
    Den insgesamt angeschafften etwa 180.000 G36 stehen also noch mehrere Hunderttausend G3 gegenüber, die sofort vorhanden und Einsatzbereit wären. Die Landesverteidigung ist also nicht gefährdet, selbst dann, wenn G36 gar nicht mehr zu gebrauchen wären. (Sofern diese Verteidigungsbereitschaft überhaupt an funktionsfähigen Handfeuerwaffen festgemacht werden kann.) Laut einer Angabe von H&K ( http://www.heckler-koch.com/de/presse/detail.html?tx_z7protecteddownloads_pi1%5Bfile%5D=G36-HK-PM-Nr_4-10-04-2015.pdf ) waren insgesamt ca 2 Mio G3 von der ehemaligen Bw gekauft worden, also etwa das Vierfache der ehemaligen Mannstärke, für jeden Soldaten damals drei in Reserve, wären für jeden Soldaten heute ca 10 Waffen (von denen einige allerdings im Laufe der Zeit vernichtet wurden).
    Ein ehemaliger Zeitsoldat erklärte mir neulich mit seinen eigenen Zahlen, die ich gerundet wiedergebe: „mit G3 hatten wir ca 1/3 der neuen Rekruten, die auf Anhieb die Schießübung bestehen konnten, bei G36 mehr als 2/3“. Hier hat sicher das stärkere Kaliber und die wesentlich schlechtere Ziel-Optik des G3 (so man sie so nennen darf) die Haupt-Schuld.
    Weiter: http://de.wikipedia.org/wiki/HK_G3 :“… Das G3 DMR wird von den Scharfschützentrupps der Bundeswehr wieder verwendet, um Ziele auf Entfernungen bis zu 600 m zu bekämpfen oder um Unterdrückungsfeuer auf bis zu 800 m zu leisten. Die Änderungen an der Waffe umfassen ein Schmidt & Bender 3–12 × 50PMII auf STANAG-Spannmontage, Handschutz mit Picatinny-Schiene für LLM01, Harris-Zweibein und Sturmgriff sowie auf Einzelfeuer gesperrtem Griffstück. Die G3 DMR dienen bei der Bundeswehr als Lückenschluss zwischen G36 und G22….“ Diese Bemerkung steht im Abschnitt „G3 in Afghanistan“ und ich las an verschiedenen Stellen, dass damit, sowie mit der Einführung von G22 und G82 sofort reagiert wurde, als die mangelhafte Ausrüstung für einen dementsprechenden Einsatz mit G36 (und 5,6mm Nato als Patrone) als einziger Handwaffe erkannt wurde.
    Für mich steht deshalb fest, dass wir hier keinerlei Grund zu übereiltem Handeln haben.
    Die Landesverteidigung ist gewährleistet, Die Truppen im Einsatz können auf weitere Ausrüstung bauen und dem G36 wurde bisher nicht nachweislich seine Unbrauchbarkeit durch schlechte Präzision nachgewiesen. Da denke ich, dass man in Ruhe und sachlich an das Thema herangehen kann und vor Neubestellung irgendwelcher Waffen die Zukunft der Bw grundsätzlich überdenkt und neu bestimmt.

    Für mich gilt der Satz aus den zwei plus vier Verträgen, wo sinngemäß steht, dass von Deutschem Boden nie mehr Krieg ausgehen darf, sondern immer nur Frieden. Und deshalb sehe ich jeden Einsatz, ganz besonders jeden Kampfeinsatz außerhalb der Landesgrenzen, als problematisch. Andere sehen das nicht so und es kann nicht sein, dass die Sehweise des jeweiligen Verteidigungsministers hier neu über Einsätze der Bw entscheidet. Meiner Meinung nach muss eine fraktionsübergreifende Diskussion die Ausrichtung und damit den Aufgabenbereich der Bw bestimmen, aus dem dann erst die notwendige (neue) Bewaffnung und taktische Ausrichtung abgeleitet werden kann.

    Ob wir überhaupt eine Bewaffnung der Bw brauchen oder ob es nicht eher Zeit wird, eine „Europäische Bewaffnung“ einzuführen, ist für mich dann ein weiteres Thema.
    Ein Blick auf H&K, aber auch auf andere Rüstungs-Unternehmen, die nicht mit den Großen mithalten können, die da Panzer und Düsenjäger bauen, macht mich eher nachdenklich. Diese kleinen Firmen können ganz gut leben, wenn sie Aufträge bekommen und wenn sie weitere Länder beliefern können. Doch bei „Liebesentzug“ sind solche Firmen auch ganz schnell Bankrott. Ohne den Herrn Andreas Heeschen und andere Investoren, denen es vermutlich am ehesten um Sicherung von Gewinnen geht und nicht um Handfeuerwaffen, bräuchten wir heute nicht über H&K und ein G36 zu diskutieren! Die Firma war nach dem Aus für das G11 doch schon am Ende. Solch eine Konstellation und der damit verbundene Druck ist nicht gut, für keine Firma. Aus einer Europäischen Lösung könnten da neue und bessere Vorgaben festgelegt werden.

    Was sich da gerade abspielt, kann ich nicht durchblicken. Aber der Umgang mit H&K und deren Reaktion darauf zeigt mir, dass Präzisionsprobleme einer Waffe hier nicht die Ursache für eine vorliegende Verstimmung sind. Hier laufen Spielchen ab, schmutzige Spielchen, wie ich befürchte.

  • audio001   |   04. Mai 2015 - 9:54

    re: weispit

    Wer mit dem G3 und mit dem G36 geschossenen hat, der weiß, dass das G36 die einfacher zu handhabende Waffe ist!

    Und es wäre sicherlich auch falsch dem Hersteller der Waffe einen Vorwurf zu machen!

    Der Hersteller hat, nach allem was bisher bekannt wurde, eine Waffe geliefert wie nach den „technischen Lieferbedingungen“ des Bundesamts für Wehrtechnik und Beschaffung dereinst vorgegeben war! (Warum die Anforderungen so und nicht anders oder diffenzierter waren, ist sicherlich jetzt müßig zu diskutieren!)

    Faßt man jedoch mal alle Informationen und Erkenntnisse bis zum heutigen Tage zusammen, dann zeichnet sich jedoch ein Bild dazu ab, was als Ursache für „die durch den Beschaffer festgestellte Fähigkeitslücke“ der Waffe vermutet werden kann! (Wobei ich annehme, dass sowohl Hersteller wie auch die Fachabteilungen im BMVg sich der Ursache(n) sehr wohl bewußt sind!)

    Entscheidend ist jetzt ausschließlich, welche Konsequenzen die Politik aus der „durch den Beschaffer festgestellte Fähigkeitslücke“ der Waffe zieht,- und nicht nur eine halbherzige (politische) Lösung gesucht wird!

    PS: im Zusammenhang mit den Tests, darf ich Sie auf die von Christian Thiels unter der Überschrift „Munition, Waffe, Wetter – kurze Zusammenfassung der Untersuchung zu Problemen bei Bundeswehr-Sturmgewehr G36“ auf Twitter verbreitete „Zusammenfassung des Audit-Reports“ von EMI/WTD 91 verweisen (siehe unter https://twitter.com/ThielsChristian/status/589142970517041152 ).

  • weispit   |   04. Mai 2015 - 12:17

    @audio001
    vielen Dank auch für diesen Link und die darin enthaltene Information. Aus Gründen, die nicht hierher gehören, nutze ich weder twitter noch facebook & co, so dass ich ohne den Link kaum eine Chance auf diese Information gehabt hätte.

    Es handelt sich um die Zusammenfassung, die interpretierten Ergebnisse eines Tests.
    Es stört mich dabei, dass wiederholt von den „Anforderungen des Nutzers“ gesprochen wird, ohne diese näher zu betrachten, denn, aus allem, was ich da lesen kann, geht eindeutig hervor, dass es an dieser Stelle nun präziser um „Neue Anforderungen“ geht.
    Dies nicht deutlich zu machen, ist jedenfalls wenigstens unfair.

    Dazu will ich ein Beispiel entwerfen:
    Angenommen, das G36 ist, wie es nun mal ist, in irgendein Land ausgeliefert und H&K hat sämtliche Auflagen erfüllt. Im praktischen Einsatz stellt sich aber heraus, dass die Bewohner und damit auch die Soldaten des Landes eine geringere Körpergröße aufweisen. Deshalb passt der Schaft des G36 der Mehrheit dieser Soldaten nicht und sie haben entsprechende Probleme in der Handhabung und erreichbaren Präzision.
    Der „natürliche“ Weg ist es doch, beim Hersteller zu fragen, was man da nun machen kann und H&K wird mit seiner geballten Kompetenz an entsprechenden Ansätzen arbeiten. Es könnte eine „Nachbesserung“ der ausgelieferten Produkte geben oder für neue Lieferung eine Modifikation vereinbart werden oder wie auch immer.
    In solch einem einfachen Beispiel ist das auch dem unbedarften Betrachter vollkommen klar und niemand wird eine derartige Vorgehensweise anzweifeln.
    Es könnte aber auch sein, dass es nicht so einfach abgeht, weil ja die Frage der Kosten bleibt.
    Es würde vielleicht gefragt werden, welcher Idiot im Beschaffungsamt des fiktiven Landes denn diesen Mist überhaupt bestellt hat. Schließlich muss doch bekannt sein, wie die Durchschnittsgröße der Soldaten im Lande ist und dann kann doch niemand ein Gewehr kaufen, dass den meisten einfach nicht passt. Politische Konsequenzen und Neubesetzung verschiedener Posten kämen da sicher bald ins Gespräch. (Eine politisch gern genommene Lösung ist, nur noch Soldaten ab einer bestimmten Körpergröße einzuziehen…)
    Ein noch schlimmeres Szenario könnte man entwerfen, indem aus politischen Gründen eine Neuausrichtung der Truppe in diesem Land durchgeführt wurde. Es könnte etwa beschlossen werden, plötzlich auch kleinere Menschen zum Wehrdienst zuzulassen und damit die Durchschnittsgröße erst zu senken. Etwa die Einberufung von Mitgliedern einer bestimmten ethnischen Gruppe des Landes oder das Zulassen von durchschnittlich kleiner gewachsenen Frauen zum Wehrdienst. Durch eine politische Entscheidung passt plötzlich das G36 vielen Soldaten nicht mehr, während zuvor doch alles gut gelaufen war.
    Es drängt sich einem auf, dass natürlich derjenige, der für eine neue Situation verantwortlich ist, auch die Lasten seiner Entscheidung trägt. Unser fiktives Land braucht neue Waffen mit anderen Abmessungen und muss diese dann kaufen.

    Das Beispiel ist, denke ich, ziemlich klar.
    Es beschreibt meiner Ansicht nach, was sich zumindest nach meinen Eindrücken auch in Deutschland beim G36 abspielt, allerdings mit einer klitzekleinen Änderung:
    es wird verschwiegen, dass die Rahmenbedingungen durch politische Entscheidungen nun andere sind oder, dass man schon zu Anfang einen Fehler bei der Bestellung machte und unzureichende Forderungen stellte.
    Statt dessen werden die Anforderungen unter der Hand einfach umgeschrieben. Aus fünf Schuss innerhalb 200mm in 100m (die tatsächliche Forderung ist komplexer und wird etwa hier http://augengeradeaus.net/2015/04/g36-der-aerger-der-abgeordneten-seit-2012/comment-page-4/#comment-194544 in einigen Beiträgen zitiert) werden nun plötzlich 150 Schuss und im warmen Zustand muss auf 300m ein Ziel (welches, ist in der Zusammenfassung des Tests nicht erklärt) wenigstens 90% Trefferquote zeigen. Der Unterschied in den Forderungen ist überdeutlich und doch wird immer nur von den „Forderungen des Nutzers“ gesprochen.
    Also, ganz ohne den Test im Detail bewerten zu können, scheint mir bereits in diesem Ansatz eine Unstimmigkeit zu Tage zu treten, die unbedingt angemahnt werden müsste.
    Mann kann nicht plötzlich vollkommen neue Anforderungen als „Forderung des Nutzers“ bezeichnen und in der Konsequenz eine Waffe als untauglich bezeichnen. Das ist wenigstens unfair und ich gebe zu, dass ich persönlich die Gedanken von H&K da gut verstehen kann, auf Rufschädigung zu klagen.
    Der Tenor in meinem Beispiel wäre entsprechend, dass Untersuchungen gezeigt haben, bei einem großen Teil der Soldaten passt die Schaftlänge nicht und also baut H&K doch Mist.
    Das Fahrzeug, das vor 20 Jahren gekauft wurde, um damit maximal 100km/h zu fahren, schafft keine 300 und ist deshalb Murx.

    Davon abgesehen misstraue ich dem erwähnten Test durchaus, bereits aus den einfachen Formulierungen der Zusammenfassung abgeleitet. Es wird immer wieder darauf verwiesen, dass andere Waffen durchaus zeigen, dass die Probleme gelöst werden können. Ohne weitere Kommentierung entsteht hierdurch bereits eine Schieflage beim unbedarften Leser. Er muss den Eindruck gewinnen, dass bei H&K in der Produktion des G36 unsauber gearbeitet worden ist. Das wird mit keinem Wort erwähnt, aber der Eindruck wird erweckt. Dabei ist genau dieser Umstand aber gegenteilig zu bewerten, wenn man sich mit der Materie befasst hat und die Unterschiede in den Anforderungen bewusst sind. Es gibt eine Lösung, H&K kann eine Lösung finden, so what? Verunglimpfen wir die mal, weil sie nicht freiwillig und kostenlos alles direkt einbauen, was unsere Waffen irgendwie besser macht? Ist doch klar, dass H&K auch andere Waffen bauen kann.

    Was den Umgang mit Streukreisen und Zahlen dazu angeht, verweise ich nochmal auf meinen letzten Beitrag aus http://augengeradeaus.net/2015/04/g36-der-aerger-der-abgeordneten-seit-2012/comment-page-4/#comment-194544 , in dem ich aus dem H&K Test von 2012/13 zitiere. Es ist da Vorsicht angebracht.

    Weil ich selbst das Thema für mich als vorläufig beendet ansehe und meine offenen Fragen hier (soweit möglich) beantwortet werden konnten (nochmals Dank an alle Beteiligten), möchte ich meine ganz persönliche Meinung auch äußern:
    H&K und dem G36 geschieht Unrecht. Vielleicht (das denke ich) durch den oben verlinkten Test, ganz sicher durch Medien und ganz sicher in der Behandlung durch die Verteidigungsministerin und ihr unterstellter Instanzen.
    Trotzdem möchte ich persönlich kein G36 als Sturmgewehr haben. Es ist vielleicht besser, als manche andere am Markt, aber es ist nicht das Beste, das man heute bauen kann. Dabei gilt mir aber insbesondere ein kluger Mix aus Waffen und Kalibern als sinnvoll und erst im Zusammenspiel mit anderen Waffen ergibt sich dann die günstigste Anforderung für ein Sturmgewehr.
    Besonders untauglich empfinde ich das Kaliber 5,6mm Nato und den Feuerstoß mit Dauerfeuer in hoher Schusskadenz. So etwas hat nur psychologischen Nutzen und kommt in Action-Filmen gut rüber (wenn Magazine nicht leer werden). Ich möchte noch nicht mal die Möglichkeit dazu an einer Waffe haben. Was das Kaliber angeht, kann ich es nicht genug kritisieren: es ist in meinen Augen vollkommen untauglich und jeder Bericht über erfolgreiche Einsätze wundert mich immer wieder aufs Neue. Es gibt bereits einige Patronen als Reaktion auf die 5,6mm Nato und aus meiner eigenen Erfahrung favorisiere ich ein Kaliber .257 (6,53mm) mit 6,5g schweren Geschossen auf der gleichen Hülse. Kaliber .257 macht sinnvolle Geschossgewichte zwischen 5,0 und 8,0g möglich und in der kleinen Hülse sind die Ergebnisse beeindruckend gut, ohne großen Rückstoß und andere Nebeneffekte. Damit wird solch ein Sturmgewehr immer noch nicht zu einem Man-Killer auf die 300m Distanz, aber es rückt ein großes Stück näher in die Richtung.
    Was die Präzision angeht, ist diese unbedingt auch von der Munition beeinflusst. Hier verlange ich von meiner Waffe einen Streukreis von 60mm auf 100m und zwar auch, wenn sie warm ist. Was dazu nötig ist, muss in Kauf genommen werden, also Waffen-seitig an Gewicht, Munitions-seitig durch präzise Fertigung und einfache Geschosse mit gleichmäßigem Aufbau (kein Doppelkern, keinen Heckverschluss durch irgendwelche Blättchen).
    Die Visiereinrichtung sollte Variabel sein von 1x bis 8x mit feinen Absehen, die einfach verstellt werden können. Ohne sie zu kennen, scheinen mir Schmidt und Bender Produkte mit ihrem CC (Close Combat?)-Mudus wegweisend.
    Aber genug dazu, das ist ja wieder ein anderes Thema und viele Leute haben sicher viele Meinungen dazu, was das Beste ist.

    Wichtig bleibt: es muss eine Abstimmung einer Neubewaffnung erfolgen und es ist falsch, einfach nur auf dem G36 herum zu hacken, weil es angeblich Präzisionsprobleme aufweist.

  • Sukram   |   06. Mai 2015 - 20:02

    Der Hausherr hier wollte sich, so wie ihn verstanden habe, nicht mehr so sehr mit dem G36 beschäftigen – ich vermute aber, andere hätten sich deswegen mit ihm beschäftigen sollen ;-)

    SpOn: Problemgewehr G36: Geheimdienst MAD sollte kritische Journalisten ausspähen

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/g36-geheimdienst-mad-sollte-journalisten-ausspaehen-a-1032454.html