ISAF-Kommandeur: Noch fünf Jahre Hilfe für afghanische Sicherheitskräfte

Die afghanischen Sicherheitskräfte werden nach Einschätzung des Kommandeurs der ISAF-Truppe, des US-Generals Joseph Dunford, noch für weitere fünf Jahre die Unterstützung der internationalen Soldaten brauchen. Das Hauptproblem sei derzeit die hohe Zahl von Gefallenen auf Seiten der afghanischen Armee und vor allem Polizei, die derzeit bei mehr als 100 Toten pro Woche (!) liege, sagte Dunford in einem Interview des britischen Guardian. Außerdem sei absehbar, dass die internationalen Truppen auch in einer Nachfolgemission nach Auslaufen von ISAF Ende 2014 mit Kampfunterstützung für die Afghanen gefragt seien – vor allem bei der Luftunterstützung mit Flugzeugen und (Kampf)Hubschraubern.

Afghanistan’s police and army are losing too many men in battle, and may need up to five more years of western support before they can fight independently, the top US and Nato commander in the country has told the Guardian.
General Joseph Dunford also said in an interview that it was too early to judge whether Nato had been right to end combat operations in Afghanistan this spring. Western forces have officially offered only training and support to the Afghan army and police during the brutal fighting season of the summer months.
Dunford admitted that Nato and Afghan commanders are concerned about Afghan casualty rates, which have regularly topped more than 100 dead a week. „I view it as serious, and so do all the commanders,“ Dunford said. „I’m not assuming that those casualties are sustainable.“

Die ganze Geschichte der Kollegin Emma Graham-Harrison aus Kabul hier – ein Interview, das vielen Politikern im Westen nicht so recht passen dürfte. Stellt es doch die Aussagen keine Kampftruppen nach 2014 oder genauer keine Truppen mit Kampfauftrag nach 2014 ein wenig infrage: was ist zum Beispiel mit den deutschen Tiger-Helikoptern in Nordafghanistan? Werden die ab 2015 nicht erst recht gebraucht?

(Foto: Afghan Commandos from 1st Company, 7th Special Operations Kandak watch carefully for insurgents while clearing a room during close quarters combat training in Washer district, Helmand province, Afghanistan, May 8, 2013 – U.S. Army photo by Sgt. Benjamin Tuck via ISAFmedia auf Flickr unter CC-BY-Lizenz)

19 Gedanken zu „ISAF-Kommandeur: Noch fünf Jahre Hilfe für afghanische Sicherheitskräfte

  1. Vom Grundsatz her gilt bei JEDEM Einsatz:

    Je dislozierter und „kleiner“ die Truppen im Land sind, desto höher ist der Bedarf an Lufttransportkapazität-selbst dann, wenn die Straßen in einem Land einigermassen benutzbar sind, benötigt ein Hubschrauber für die gleiche Strecke weniger als 1/4 der Zeit eines Kraftfahrzeuges…

    Im Falle Afghanistans sind Fahrzeuge teilweise tagelang zu den verschiedenen OP´s unterwegs, während die Helis diese Strecke in weniger als 1-2 Stunden abdecken…

  2. Wenn man sich vor Augen hält, dass die Spitzenkandidaten im Bundestagswahlkampf eine 90-minütige Debatte führen können, ohne dabei ein einziges mal das Wort „Afghanistan“ zu gebrauchen, sehe ich nicht, dass wir uns dort nach 2014 noch nennenswert weiter engagieren werden.

  3. Der Zeitgeist | 03. September 2013 – 10:44
    Andere Krisengebiete wurden ja auch nicht genannt. Außen- und Sicherheitspolitik hat in deutschen Wahlkämpfen noch nie eine sonderlich große Rolle gespielt.

  4. …weil in ihr so viele ungeliebte Wahrheiten stecken, dass man als ernsthafter Überbringer derselben eigentlich nur geschlachtet werden kann, sei es als Politiker, unter Kollegen oder nur im Freundeskreis.

  5. Heiko Kamann | 03. September 2013 – 13:07
    „Außen- und Sicherheitspolitik hat in deutschen Wahlkämpfen noch nie eine sonderlich große Rolle gespielt.“

    Nun ja, 2002 war die Rolle nicht zu unterschätzen.

    Siehe dazu z.B. http://www.uni-bamberg.de/fileadmin/uni/fakultaeten/sowi_lehrstuehle/politikwissenschaften_2/MANUSKRIPTE_FEB/Schoen_2004_Der_Kanzler__zwei_Sommerthemen_und_ein_Foto-Finish.pdf

    Ich denke das ist auch mit ein Grund, warum die CDU seitdem bei sicherheitspolitischen Themen den Kopf in den Sand steckt, weil sie gemerkt hat, dass sie dabei gegen den pazifistischen Mainstream in Deutschland nur verlieren kann.

    Und genau das wird meiner Einschätzung nach dazu führen, dass die Merkel-geführte Regierung 2014 einen Teufel tun wird, auch nur einen Tag länger in Afghanistan zu bleiben als nötig. Da können militärische Führer in Afghanistan oder in der NATO fordern was sie wollen, das ist eine rein politische Frage.

  6. Aber, aber wir gewinnen doch?!?
    Ende des Jahres verfügt die Bw an scheeten Waffen nur noch über UHT im Einsatz, die wiederum nur bis Herbst 2014 personell durchhaltefähig sind.
    Wobei die Lage im Süden und Osten weitaus gravierender ist.

    Train, advise, assist ist eben mehr als Beratung auf Korpsebene und aufwärts.

    Und selbst wenn genug Feuerkraft hätte hat man das strategische ISAF-Grundproblem: „never outgunned, but outgoverned“.

    Die CONOPS von resolute support sind noch nicht genehmigt, oder?
    Will COMISAF hier etwa Brunssum Brüssel und den NAC wachrütteln?

  7. Weshalb die CDU keine Themen der Sicherheitspolitik im Wahlkampf bringt, hat Der Zeitgeist schon gesagt. Bei der SPD wird es einfach daran liegen, dass unter denen 2001 der Afghanistan-Einsatz der BW überhaupt begonnen hat.
    Beide wollen nicht riskieren, sich im kritischen Moment ins eigene Bein zu schießen.

  8. Viel erschreckender als die Innenpolitische Argumenentation bzw. das Verschweigen ist doch aber die Tatsache und der Umstand, dass sich die afg. Sicherheitskräfte, bedingt durch die Ausbildungsdauer der Sicherheitskräfte sich diesen Verlust (wenn es diesen in dieser Zahl auch so gibt) überhaupt nicht leisten können. Qualitativ und Quantitativ bluten sie aus, das könnte eine Abwärtsspirale in Kraft setzen die dem Land und seiner Stabilität nicht zugute kommen wird. Zum Zweiten ist dies auch keine Werbung für einen „attraktiven“ Arbeitsplatz, was wiederum weder Armee noch Polizei dienlich sein kann. Diese Meldung sollte, wenn sie denn so stimmt was die Anzahl der Opfer angeht unsere Polotiker zum Nachdenken anregen. Ein Staat kann nur auf Dauer existieren wenn er dauerhaft hoheit über sein Staatsgebiet hat, in welchem sein Staatsvolk lebt. Diese Gebietshoheit gibt es in Afghanistan nicht flächendeckend, deswegen existieren Parallelstrukturen wie Stammesführer, die die „Staatsgewalt“ verbildlichen. Erst wenn alle Afghanen den Vorteil einer solchen Zentralregierung erkennen kann dieser Staat langfristig existieren. Und einen echten Vorteil sehen wohl gerade eher die Familienmitglieder des Präsidenten.

  9. @P. Rombach:
    Von selbst erkennen Menschen äußerst selten, dass sie Macht zum Wohle der Allgemeinheit abtreten sollten.

    Einen asymmetrischen Krieg gegen militärisch nicht gekennzeichnete Feinde zu gewinnen, die sich an keine Regeln zum Schutz von Zivilisten halten, ist als Armee wohl nahezu unmöglich. Alles was die NATO-Streitkräfte – also das Militär des mächtigsten Militärbündnisses der Welt – ausrichten konnten, war eine regionale Stabilisierung und eine Vertreibung der Taliban in der Untergrund. Sicher, die Lebensqualität der Menschen dort hat es verbessert, doch kann so etwas nur bestehen bleiben, solange der Druck aufrecht erhalten wird.
    Die NATO zieht sich zurück und die afghanischen Sicherheitskräfte haben keine Chance sie zu ersetzen. Das sind doch dieselben, die in dem Gefecht ihre Waffen haben fallen lassen und geflohen sind, das einem KSK-Soldaten das Leben gekostet hat.
    Die Taliban werden uns beim Abzug hinterher feuern und danach solange nachtreten, bis alle Streitkräfte und humanitären Organisationen ihnen das Land zur Terrorherrschaft überlassen. Alle gebauten Schulen, Brücken, Brunnen, Straßen, Lager usw. sind dann in deren Händen.

  10. P. Rombach | 03. September 2013 – 15:01
    „Diese Meldung sollte, wenn sie denn so stimmt was die Anzahl der Opfer angeht unsere Polotiker zum Nachdenken anregen.“

    Glaubt irgendjemand ernsthaft, dass sich die Politik im Jahr 2013 noch ernsthaft interessiert, was in Afghanistan passiert?

  11. Die Angaben decken sich auch mit den Ansichten der Bw, die die Lage in RC N zunehmend kritisch einschätzt.

    Die lokalen Kräfte sind nicht mal annähernd in der Lage den Raum zu kontrollieren. Da wird sich zentralisiert um zumindest die größeren Städte abzudecken. Dann allerdings auch nur reaktiv. Die Afghanische Polizei und ANSF wird zunehmend Ziel der Angriffe und ohne Luftunterstützung hat diese den INS auch nichts entgegen zu setzen.

    Man geht ja sogar schon davon aus, dass sich die Aufständischen logistisch auf 2014 vorbereiten und Waffenlager entsprechend vorbereiten.

    Zu glauben, dass die Afghanen in der nächsten Zukunft selbst für Sicherheit sorgen können, ist einfach nur lächerlich. Die haben jetzt schon wahnsinnig hohe Verluste, man mag sich gar nicht vorstellen, wie das ohne ISAF und Luftnahunterstützung aussieht. Es soll zwar keine „kämpfende Truppe“ mehr geben, aber in der Haut der Schutzkompanieangehörigen möchte ich nach 2014 sicher nicht stecken.

  12. Nicht so recht. Aber was ist denn mit der Nachmission, da war DLand doch schon vorgeprescht und es wird die Politik wohl schon interessieren müssen, also so ab Oktober versteht sich.

  13. o.g. | 03. September 2013 – 18:14
    „Es soll zwar keine “kämpfende Truppe” mehr geben, aber in der Haut der Schutzkompanieangehörigen möchte ich nach 2014 sicher nicht stecken.“

    Die wird es nach 2014 nicht mehr geben. Da würde ich sogar drauf wetten.

    Man könnte da eigentlich ein Tippspiel draus machen, „Wann verlässt der letzte Bundeswehrsoldat afghanischen Boden?“
    Hauptgewinn ist eine Kajaktour für zwei Personen auf dem Kunduz-Fluss. :-)

  14. Stehen denn der Zahl von 100 pro Woche ähnliche Zahlen auf der gegnerischen Seite (wer auch immer das ist) gegenüber? Diese, für mein Empfinden, hohe Zahl lässt mich noch rat- und hoffnungsloser zurück in Bezug auf die Lage in Afghanistan.

  15. @P. Rombach

    Es wird kolportiert daß die hohen Verluste primär bei frischen Rekruten auflaufen und oftmals wegen grober Fahrlässigkeit. Da gabs mal ein Youtube-Video in dem ein afghanischer Rekrut einen Gegenstand auf Sprengfallen überprüfte indem er mit dem Gewehrkolben draufgehauen hat – es war keine Sprengfalle aber praktisch jeder in seiner Nähe ist erstmal in Deckung gesprungen.. Das geht nicht lange gut, erinnert mich an das alte Sprichwort „jedes Schiff kann Minen räumen, mindestens einmal“, aber die die etwas pragmatischer an die Alltagsprobleme rangehen halten sich dann doch recht passabel.

    Oder anders gesagt, in Afghanistan muß man zehn Rekruten ausbilden um drei gute Soldaten zu bekommen.

  16. Mal ein wenig zur Praxis… ca 45 min westl von MeS liegt das afgh CampShaheen (Heimat des 209.ANAKorps und der ANA-PiSchule) Darin integriert liegt noch das Camp MikeSpann,geführt durch US und MN besetzt. Hier ist der Hauptaufkommensort des Mentorings von Briigade-Level aufwärts im RC N. Hier liegt,wenn ich die Pläne richtig verstehe auch weiterhin der Fokus der milBeratung/Mentoring. Das US Camp wird Ende des Jahres geschlossen,somit fehlt die nötige Infrastruktur zur Unterbringung etc.
    Nimmt man mal an,dass nun die Mentoren jeden Tag von Camp Marmal rüber nach Shaheen fahren (die ANA wird nicht zu den Mentoren kommen) so bedeutet dies permanente Bewegung im Raum, für den die Afghanen die Sicherheitsverantwortung tragen. Betrachtet man die aktuelle Sicherheitslage und schaut auf die recht übersichtlichen Vorfälle in DIESEM Bereich … ist das amachbar. Betrachtet man das nur ein wenig pessimistischer sind die erforderlichen Unterstützer (JOC,Medivac,QRF etc) unabdingbar. Natürlich kann auch ein Log oder San Mentor „mitkämpfen“ aber seine Hauptaufgabe bleibt Mentoring. somit wären wir dann bei den benötigten „Profis“ …SchutzKp,SichKr, UstgKr …egal wie man diese dann nennt. Nimmt man dann noch den Gefechtsfeldtourismus hinzu, benötigt man schon ein paar mehr. Falls der ANA auf Korps-Level einfallen sollte, mal einen GefStd in Operation noch draussen zu bringen wird das Ganze noch komplizierter oder peinlicher (sorry lieber Afghane, unsere Einsatzvorschriften bedingen eine Rundumversorgung …mit zeitlichem Vorlauf ….ich kann nicht mit!) –> Gesicht verloren
    Ergo –> die Fragestellung lautet: Was wollen wir? und was benötige ich dazu? Daraus ergeben sich reelle Zahlen. Ich befürchte die angebotenen Zahlen entstammen aus der grossen Glaskugel. 800 Soldaten= San,Log,Kpf,Mentoren, Fliegerei,FüPers,BAWV etc
    Vielleicht gibt es ja noch Steigerungen zu double/tripple Headed?

  17. Nachtrag zur Zahl der Verluste bei der ANA
    Bei der Betrachtung muss man sich zwingend von unseren(viel gescholtenen) Standards
    der Ausbildung lösen. Der Afghane „übt“ im scharfen Schuss!!! Nach der Grundausbildung geht es ins InfKdK und die erste ClearingOperation wartet. Nix Vorüben, der Sandkastenraum ist da etwas größer und real. Übungsauswertung: 5 Gefallene …2 besser als das letzte Mal ist dailyRoutine.

  18. Toll war auch eine Formulierung, die ich heute gelesen habe. Ging darum, dass die Bw zukünftig vermehrt Mentoring Einsätze betreiben wird und was das nun zur Folge haben muss. Ein guter Punkt für solche Einsätze sei: „zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung“ seien diese weitestgehend ungefährlich.

    Wen man damit wohl veräppeln will? Ich bin jedenfalls gespannt, wie „RESOLUTION SUPPORT“ – oder wie das Ding dann auch heißen wird – letztlich aussieht. Ich persönlich befürchte aber eine stark dezimierte Truppe in weitaus schlechterer Sicherheitslage als jetzt und die entsprechenden Folgen …

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