Apps, toternst.

Ein Lesehinweis für alle, die es – wie ich – vergangene Woche verpasst haben: Die U.S. Marines experimentieren mit Apples iPad als kommunizierende digitale Karte – um bei Luftnahunterstützung (Close Air Support) in Afghanistan auch die richtigen Ziele zu treffen:

On Target with iPads (Defense News)

iPads now helping Marines to unleash hell (DangerRoom, der ursprüngliche Titel ist in der URL noch erkennbar: Death on an iPad)

(So was meinte ich übrigens nicht, als ich neulich auf die iPads an der Front verwies.)

Using an Apple iPad for navigation, U.S. Marine Gunnery Sergeant JASON JOLY, 33, of Russelville, Kentucky (right) of Marine Light Helicopter Attack Squadron 169 shouts at U.S. Marine Corporal ADAM BRAME, 22, of Little Axe, Oklahoma (left) over the noise of the UH1-Y Huey helicopter during a close air support mission over the town of Sangin in Helmand province, Afghanistan, Thursday, May 12, 2011. Foto © Simon Klingert

 

 

15 Gedanken zu „Apps, toternst.

  1. Tja, das ist nichts anderes als der elektronische Teil eines IdZ-Systems der auch funktionieren wird. Aber nicht bei uns.

  2. Beruhigend an der Sache ist, dass man sich trotz des Geredes um Cyberwar militärisch weiterhin auf technisch unterlegene Gegner einstellt.

  3. @ Ops

    Das ist auch richtig so. Denn achso tolles Zukunftsdenken bringt erstmal gar nichts so lange die Ressourcen für irgend etwas ausgegeben werden, was man nicht braucht. Wir haben für fast 1 Milliarde Euro Flugkörper in den Arsenalen liegen und können nichts damit anfangen. Ach sind wir toll und und zukunftsfähig.

  4. Es ist unglaublich, was für einen Siegeszug iPads machen. Gestern meinte im Podcast „This Week in Tech“ einer der Journalisten, dass diese Geräte über kurz oder lang den Desktop vollständig verdrängen würden.

    Vor einigen Monaten machte ein Foto von einem der spektakulärsten Strafprozesse diesen Jahres in den USA (der Prozess gegen Casey Anthony) die Runde: Auf dem Bild konnte man sehen, wie sämtliche Journalisten der schreibenden Zunft ihre Berichte mit einem iPad (bzw. einem Tablet-Computer) absetzten, keiner nutzte mehr einen Laptop.

  5. @chickenhawk
    Ich würde mir das Schreiben längerer Texte nicht auf so einem unbequemen Ding antun wollen. Aber hey, was zählt schon Ergonomie gegenüber Coolness?

    @all
    Wie lange hält das Ding im Einsatz? Was passiert, wenn es herunter- oder jemand oder etwas darauf fällt? Längere Sonneneinstrahlung? Wie lange hält das verspiegelte Display in einer Umgebung mit Staub und Sand? Was passiert, wenn man das GPS künstlich verschlechtert oder Signale verfälscht? (Ein iPad hat wohl eher keinen P-Code.)

  6. Anyway, der Siegeszug der Tablet-Computer ist nicht mehr aufzuhalten.

    Microsoft entwickelt mit Windows 8 ein Betriebssystem, dass primär mit Touchscreen bedient wird, auch Desktop-Systeme sollen lediglich sekundär mit Tastatur und Maus bedient werden. Nur die Altanwendung haben in Windows 8 die altbekannte, typische Windowsoberfläche, der Rest wird eher ausschauen wie Windows Phone 7, so Microsoft in einer kürzlichen Entwicklerkonferenz.

  7. Also bevor das jetzt in dem üblichen Fratzengeballer: „Apple scheiße…“ „Microsoft scheiße…“ ausartet, komme ich mal auf das m.E. eigentlich herausragende an dieser Geschichte:
    Ein Marine(nur exemplarisch, keine Exklusivität) stellt fest, da läuft was falsch. Das geht auch besser und vor allem schneller. Er setzt sich hin und erarbeitet was mit seinen Kameraden. Und dann gelingt es sogar Naval Air Systems Command mit auf die Spur zu bringen. DAS ist das wirklich geniale an der Geschichte. Nicht das Thema iPad an sich. Das war nur das Medium der Stunde weil verfügbar und zugänglich. Ein Bottom Up par excellence.
    Semper Fi

  8. @ MFG

    wenn es kaputt ist, nimm einfach ein neues aus der Tasche hinten links im Fahrzeug, Zugangsdaten eingeben, Daten herunterladen und weiter gehts. SSM dann bei Rückkehr in die Basis oder noch besser, einfach tauschen beim VU/NDF und der trägt es dann in den entsprechenden Listen ein und aus. In der Basis wird auch die Displayschutzfolie regelmäßig getausch. so dass das Display eigentlich lange genug ganz bleiben sollte.

    Also ich habe es bislang nicht erlebt, dass das GPS künstlich verschlechtert worden ist. Solange es gegen Low-Tech Gegner geht, ist das wohl auch nicht nötig.

    Tastatur, Maus etc. kann sicher per Bluetooth eingebunden werden, für die meisten Sachen reicht aber sicherlich der Touchscreenstift.

    @ NMWC

    Ob Apple, Windows etc. scheiße sind sollte man nach klarer Abwägung entscheiden, also SIcherheitsgrad, Einführungs und Lizenzkosten, Zeitbedarf bei der Beschaffung und Implementierung neuer Apps, etc. sowie die Möglichkeiten zur Wartung AN DER BASIS, flexible Software etc. Das spricht meist gegen die o.a. Firmen, der fließende Übergang bei der Benutzung sowie die Verfügbarkeit sicherlich eher dafür. Momentan ist ja die Praxis, das auf einem Linuxrechner Windows 2000 als Emulation betreibt, welche widerum FüInfoSys oder was auch immer noch als Progammoverlay betreibt.

    Ansonsten volle Zustimmung. Diesen kurzen Weg werden wir aber nie erreichen, da der übliche deutsche Stabsoffizier den lokalen Fußsoldaten abgrundtief verachtet. Denn dieser zeigt ihm wie ein Spiegel auf, was er heutzutage ist: ein erbärmlicher Verteidigungsbeamter.

  9. Für alle diejenigen, die der technische Hintergrund interessiert: Anfangs war bei GPS die Selective Availability (SA) aktiv. Alle GPS- Satelliten können das. Es bedeutet, daß man die Genauigkeit der bordeigenen Atomuhren um den Null-Wert herum zittern läßt (dither) Darum schwankte der Standort in der Frühzeit der zivilen Nutzung auch problemlos um +/- 70m und die Höhenangaben waren nicht nutzbar. Lediglich für milit. Nutzer wurde von den Satelliten der geheime P-Code (auch 5. Code genannt) mitgesendet.

    Etwa um das Jahr 2000 wurde die SA deaktiviert, weil die zivile Nutzung und damit die ansehnlichen Lizenzgebühren der Navi- Hersteller nicht liefen wie erhofft. Als die Gefahr bestand, daß das russische Glonass dem Naval Command das Geschäftsmodell kaputt zu machen drohte und die Europäer ihr Gallileo auf Kiel legten, entschlossen sich die USA, der zivilen Nutzung entgegenzukommen.

    ABER: Sie können die SA jederzeit wieder einschalten. Dann haben alle die Augen verbunden und nur sie selbst sehen noch was. Im ersten Irak- Krieg wurde die SA zeitweilig reaktiviert, um die irakischen LSK zu behindern. Heute würden auf einen Schlag 20.000 zivile Autofahrer gegen eine Wand oder in einen Fluß fahren…

    Die Möglichkeit zur Reaktivierung der SA ist auch der Grund dafür, daß in der zivilen Luftfahrt GPS bis zum heutigen Tag nur als Referenz genutzt wird, aber niemand auf die Idee käme, tatsächlich alleine danach zu navigieren

  10. @iltis

    Ist alles richtig, aber…. Nicht zuletzt aus dem Irak-Krieg gab es genügend Berichte über einen Mangel an militärischen GPS-Geräten für die Truppe, so dass etliche Konvoiführer ihre zivilen Geräte aus dem Outdoorladen mitbrachten…

    Und natürlich möchten auch die Amis ihre Autofahrer nicht gegen die Wand fahren lassen…

    Eine Reaktivierung der Selective Availability ist zwar möglich, wird aber allgemein als relativ unwahrscheinlich eingeschätzt.

  11. „Eine Reaktivierung der Selective Availability ist zwar möglich, wird aber allgemein als relativ unwahrscheinlich eingeschätzt.“

    Aber jeder zivile Nutzer muß sich darüber im Klaren sein, daß es passieren kann. Darum ja auch der Warnhinweis beim Booten von ernstzunehmender Hardware. Daß sich die Hersteller heutiger Billiggeräte das sparen, sagt leider nichts über das tatsächliche Risiko aus.

    Wenn eine militärische Lage es erforderlich machen würde, würden die USA keine drei Sekunden zögern, zu diesem Mittel zu greifen – auch wenn es ein bisschen kollateralen Blechschaden gibt.

  12. Tja, man wird sehen. Spätestens wenn die ersten Öltanker im Hafen von New York einen Chemietanker skalpieren, dann wird man das sein lassen. Zumal ja GLONASS nun fast vollständig einsatzbereit ist. Zudem haben die meisten LFK mittlerweile leistungsstarke Rechner an Bord und berechnen den Einschlagspunkt tlw. selbst. Die Ungenauigkeiten in der Wegführung können daher eher unberücksichtigt bleiben. Viel wichtiger in meinen Augen ist aber oftmals das digitale Kartenmaterial, denn wir kennen alle die Zeiten, wo vlt. gerade noch der Zugführer eine Karte von anno dazumal hatte. Und seinen Standort im Gelände ablesen kann man meistens selbst.

    @ TW

    Deswegen ist ja die Verbreitung mit GPS zumindest in den US-Streikräften mit 100% anzugeben. Und zu keiner Zeit hat ein Soldat alles von seinem Dienstherren bekommen, es gibt immer was zu optimieren.

  13. @Roman
    Tja, deswegen gibt es ja so etwas wie Leuchtfeuer, terrestrische Navigationsverfahren und Nachrichten für Seefahrer. Und Lotsen, Schlepperhilfe, etc. Wirklich ernstzunehmende Anwender (DP-Vessels im Offshore-Bereich) nutzen dazu wesentlich mehr Möglichkeiten als nur GPS (und das sowieso auch nur in der DGPS-Variante).

    Inerte Navigationsverfahren hängen übrigens u.a. auch davon ab, dass man zur Startzeit weiß, wo man ist.

    Ich bin kein Anhänger von Goldrand-Lösungen und mag pragmatische Verfahren, aber in einer Umgebung, in der man auf den Worst Case planen sollte, bei kritischem Equipment systembedingt (!) auf Redundanz zu verzichten, finde ich gefährlich. Das trifft die Marines natürlich nicht, aber die BW würde es vermutlich eiskalt erwischen.

    Und es hat definitiv schon BW-Hubschrauber gegeben, die ganz real mehrere NM von der Position entfernt waren, die ein GPS ohne P/Y-Code angegeben hat. Der P/Y-Code ist nicht nur genauer als der C/A, weil er nie der SA ausgesetzt war/ist, sondern auch, weil die Information mit zehnmal höherer Frequenz aufmoduliert wird. Er ist also grundsätzlich technisch-statistisch verlässlicher. Auch wenn das niemand hören will.

  14. @ MFG

    Richtig, ich schrieb ja auch nicht, das er in die Hafenmauer krachen wird, sondern ein anderes Schiff rammt. Mehrere Behörden, soweit ich weiß keine deutschen Ämter, denn die wissen ja nicht was Technik ist, haben Angriffe und Störungen des GPS-Systems auf Schiffe simuliert und durchgeführt. Dabei wurde explizit der Zeitstempel des Signals manipuliert, der auf vielen Zivilschiffen ungefiltert bzw. kontrolliert mit dem Radargerät gekoppelt ist. Solange kein GPS-Abriss erfolgt, wird immer die GPS-Zeit genommen, um die Laufzeiten des Radarsignals zu berechnen. Damit können dann erhebliche Entfernungsdifferenzen erzeugt werden, die durchaus zu einem Unfall führen können. Ob das Militärsysteme betrifft weiss ich nicht.

    Im übrigen besitzen die meisten neuen Heeresfahrzeuge eine inertiale Navigationsanlage und die funktioniert zur Orientierung ausreichend gut. Wobei uns ja auch kein Seitenwind wegpustet.

Kommentare sind geschlossen.