Sicherheitspolitik und die Kommunikation im Web 2.0

Mit der sicherheitspolitischen Kommunikation im so genannten Web 2.0, dem dialog-basierten Internet mit den sozialen Netzwerken, tun sich gerade die Deutschen ein bisschen schwer – das ist jedenfalls mein ganz subjektiver Eindruck. Um so löblicher, dass sich die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) mit dem Initativkreis Zukunft der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik und den Young Leaders des Förderkreises Deutsches Heer zusammengetan hat, um mal dieses Thema zu beleuchten.

Die ganze Veranstaltung am heutigen Abend mag ich nicht widergeben, das wäre bei so einem Abend mit viel Diskussion auch nicht so recht möglich. Deshalb beschränke ich mich auf drei Hinweise und eine Dokumentation:

Den Vortrag von Stefanie Babst, als Deputy Assistant Secretary General für die Public Diplomacy Division im NATO-Hauptquartier zuständig, hänge ich mit ihrer freundlichen Genehmigung unten an – sie hat ihn im Wesentlichen so gehalten.

Die Position des zweiten Redners, Bendler-Blogger Sascha Stoltenow, findet man am besten, genau, in seinem Bendler-Blog.

Und: Es ist bedauerlich, dass das Bundesministerium der Verteidigung an dieser Diskussion offensichtlich nicht teilnehmen wollte und nach Veranstalterangaben abgesagt hat…

Allerdings ist mir aus der Diskussion auch klar geworden: Die so genannte sicherheitspolitische Community in Deutschland fremdelt doch arg mit diesem Web 2.0. Die Angst vor Kontrollverlust, die Furcht, die Debatte nicht bestimmen zu können, hat daran offensichtlich einen großen Anteil. Aber auch zu einem nicht unerheblichen Teil die Unkenntnis dessen, was diese sozialen Netzwerke im Internet eigentlich ausmacht und treibt. Vielleicht, das ebenfalls eine sehr persönliche Ansicht, ist das auch eine Generationenfrage.

Der Vortrag von Stefanie Babst:

„Sicherheitspolitik 2.0. – welchen Einfluss haben Facebook & co darauf?“

Meine Antwort darauf ist, kurz gesagt: einen wachsenden. Nun behaupten die zahlreichen Skeptiker sozialer Medien ja gerne, dass die Vernetzung und Kommunikation durch soziale online Foren lediglich oberflächlich bleibt und kaum nachhaltige Wirkungen auf politische Prozesse hat. Diese Behauptung lässt sich jedoch relativ leicht widerlegen.

Da ist zunächst die rein qualitative Dimension. Schätzungsweise sind heute zwei Milliarden Menschen online aktiv – das ist fast ein Drittel der gesamten Weltbevölkerung. Facebook kann mit Stolz auf gegenwärtig 750 Millionen registrierte Nutzer verweisen, nachwievor mit steigender Tendenz. Menschen rund um den Erdball nutzen es in 70 Sprachen. In jedem Monat werden 700 Milliarden Minuten allein in und mit Facebook verbracht.

Die mikro-blogging Plattform Twitter vermeldet 200 Millionen Nutzer und gilt mittlerweile als einer der wichtigsten Produzenten globaler Nachrichten. Wer einer der letzten öffentlichen Auftritte von Oberst Gadaffi in Tripolis anschauen will, geht zu YouTube und findet in sekundenschnelle die jüngsten 20 Aufnahmen. Es gibt kaum einen schnelleren und effektiveren Weg, um aktuelle Entwicklungen zu verfolgen.

Obwohl niemand genau weiss, wie viele websites and blogs es in der Cyber-Welt überhaupt gibt, kann man das Internet zu Recht als globalen Marktplatz im 21. Jahrhundert bezeichnen: einen Ort, wo Ideen und Familienphotos ausgetauscht werden, wo sich Menschen nach Jobs und gebrauchter Kleidung umsehen, wo Nachrichten im Sekundentakt weitergegeben werden und neueste Entwicklungen, auch und gerade im politischen Raum, Millionen Menschen erreichen können, ungeachtet nahezu jeglicher geographischer Grenzen

An etlichen Schauplätzen dieser Welt haben Facebook & co mittlerweile bewiesen, dass sie erheblichen internationalen medialen Druck erzeugen können, der wiederum internationales und nationales Handeln motivieren kann; dass sie blitzschnell eine beträchtliche Anzahl von Menschen mobilisieren können; sie die Bildung von grassroot-Aktivitäten und gesellschaftspolitischen Interessengruppen beförden und ganz allgemein eine Plattform für den Dialog von Menschen bilden, die sonst nicht miteinander kommunizieren würde.

Der vielfältige Einfluss von Facebook, Twitter and YouTube lässt sich an etlichen Beispielen festmachen, von denen ich nur einige wenige aufzählen möchte.

Da wäre zum einen der Wahlkampf Barak Obamas 2008, in dem vor allem Facebook und YouTube zum ersten Mal als Wahlkampfinstrument erfolgreich eingesetzt wurden. Seitdem ist diese Taktik von vielen Wahlkämpfern kopiert worden – mehr oder weniger erfolgreich.

Aussenpolitisch bieten sich die Proteste im Iran 2009 als anschauliches Beispiel an. Ohne die 250.000 tweets pro Tag würde die Welt wohl wenig von den Demonstrationen und ihrer brutalen Niederknüppelung erfahren haben; und ohne Facebook wäre es für die iranischen Studenten sehr viel schwieirger gewesen, ihren Widerstand zu organisieren.

Der sogenannte „Arabische Frühling“ hat die Bedeutung von Facebook & co noch deutlicher gemacht. Am 28. Januar 2011 hatte die Facebook-Seite „We are all Khaled Said“ 43.000 Nutzer. Drei Wochen später hatte sie 1.5 Millionen ‚likes’. Nachweislich hat diese Seite, zusammen mit anderen, massgeblich zur Mobilisierung der Protestierenden am Tahir Platz und anderswo in Ägypten beigetragen. Allein in den Golfstaaten ist die Anzahl der Facebook-Nutzer im letzten Jahr auf 21 Millionen angestiegen, bei denen es sich überwiegend um gut gebildete, oftmals englischsprachige Nachwuchseliten handelt.

Bekannte twitteratis wie @Sandmonkey, der arbeitslose Sohn eines einflussreichen ägyptischen Parlamentariers, oder @zeinobia, eine weibliche Bloggerin, haben zig-tausend followers und sind Beispiele für eine lebhafte politische online-Debatte in Nordafrika und der arabischen Welt. In Bahrain bilden Menschenrechtsaktivisten, Angehörige der königlichen Familie, unter denen sich eine „@certified princess“ befindet, zusammen mit dem Regimetreuen eine eigene, sehr spezielle Twittergemeinde, in den der Konflikt über die Säkularisierung des Landes offen ausgetragen wird. In Libyen sind es Gruppen wie @feb17libya, die ihre twitter-news im Minutentakt in die Welt schicken. Und in der U.S. Administration gibt es wohl kaum jemanden, der nicht die Andy Carvins tweets von über die Entwicklungen im Nahen Osten verfolgt.

Diese Liste liesse sich mühelos verlängern. Selbst in dieser Kurzversion macht sie jedoch bereits deutlich, dass sich Menschen über soziale Netzwerke nicht nur zusammenschliessen, um Urlaubsphotos auszutauschen.

Generell ist die Wirkung sozialer Netzwerke auf das Ökosystem Nachrichten sehr vielfältig. Längst nicht mehr wird nur in den Redaktionsräumen darüber entschieden, was nachrichtenwürdig ist, sondern zunehmend von individuellen Bügern und Gruppen, was wiederum erhebliche Folgen für die traditionelle Massenmedien und das gesamte journalistische Gewerbe hat.

Internationale Fernsehsender wie BBC oder CNN sind vermehrt dazu übergegangen, Amateurvideos und –photos über YouTube und Flickr für ihre aktuelle Berichterstattung zu nutzen und diese über soziale Netzwerke zu verbreiten.

Auch die Anzahl von nicht-professionellen, quasi privaten Berichterstattern ist gewaltig angestiegen. Nicht-professionelle Journalisten und Reporter sind zunehmend zu direkten Quellen der Berichterstattung geworden. Ihre Berichte, Videos und Bilder über den Tsunami in Japan oder die Proteste in Syrien sind direkt oder indirekt in den news cycle eingeflossen.

CNN hat mittlerweile 750.000 I-reporter, die ihre Reports aus aller Welt posten. Al-Jazeera hat diesen Weg ebenfalls beschritten und eine Vielzahl von I-Reportern, auch genannt field correspondents, angeheuert, um über die Entwicklungen in Ägypten, Tunesien, Libyen und Syrien zu berichten.

Das US online-Blatt Huffington Post stellt seine Nachrichten, Interviews und Hintergrundberichte grundsätzlich mit Hilfe einer Mischung von professionalen und nicht-professionellen Journalisten zusammen.

Und was macht die NATO?

Das Bündnis hat in den vergangenen Jahren etliche radikale Schritte zugunsten digitaler Medien und sozialer Netzwerke unternommen. Ich bin froh, dass ich diese Entwicklung massgeblich initieren und mitgestalten konnte.

NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen ist bekenndender social media activitist. Seit Beginn seiner Amtszeit und trotz des spöttischen Lächelns mancher Botschafter beschäftigt er ein kleines Team, das seine Facebook und Twitter-Seiten aktiv und interaktiv füllt, u.a. mit politischen Botschaften, videos, aber auch persönlichen Informationen. Er hat etwas mehr als 69.000 followers auf Facebook und 30.000 auf Twitter. Seine regelmässigen Videobotschaften, insbesonders von Reisen, werden sehr gut angenommen.

Rasmussens digitale Aktivitäten sind wiederum mit der der NATO als Organisation verknüpft, sodass Pressemeldungen, offizielle Reden und stories von NATO TV gleichzeitig über traditionelle und digitale Medienträger verteilt werden. Die Facebook-Seite der NATO hat allein in den vergangenen 12 Monaten einen Zuwachs von 104 Prozent verzeichnet und hat mehr als 42.000 followers. Verglichen mit der von Barack Obama (22.6 Millionen) ist das natürlich nicht viel, aber mittlerweile erreichen wir über Facebook, Twitter und YouTube weitaus mehr Menschen als jemals zuvor.

Darüber hinaus haben wir weitere Initiativen gestartet. Dazu gehören regelmässige Einladungen für blogger in das NATO-Hauptquartier, die systematische Plazierung von Op Eds (Meinungsartikel) und Interviews in internationalen online Foren wie Huffington Post, Global Voice oder politico und die gezielte finanzielle Unterstützung für transatlantischen online communities (z.B. www.atlantic-community.org), die inbesondere Studenten, Journalisten und Wissenschaftler ansprechen, zu bestimmten NATO-Themen (Afghanistan oder die VN Resolution 1325 „Frauen, Frieden und Sicherheit“) Beiträge zu posten und darüber zu diskutieren. Der jüngste Neuzugang in unserem digitalen Werkzeugkasten ist die arabische Version von Videos auf YouTube.

Wichtige offizielle NATO-Veranstaltungen und Konferenzen sollen in Zukunft noch stärker mit Hilfe sozialer Medien vorbereitet, begleitet und nachbereitet werden. Auch das neue Strategische Konzept der Allianz wurde mit Hilfe sozialer Medien diskutiert. Bevor die Verbündeten es auf ihrem Lissabonner Gipfel im November letzten Jahres verabschiedeten, haben wir eine Reihe von online Diskussionen organisiert, zum Teil auch live. Mit Blick auf den nächsten NATO-Gipfel in Chicago im Mai 2012 ist bereits klar, dass wir ähnliches erneut anbieten werden.

Mit der Frage, wer darf ausser dem Generalsekretär in Facebook und Twitter posten, hat sich die NATO-Führung etwas schwerer getan. Immerhin liess sie sich das Zugeständnis abringen, dass drei vertrauenswürdige und langjährige Mitarbeiter des Internationalen Stabes aktiv auf Facebook posten dürfen – ohne jedes Mal um formale Authorisierung zu bitten.

Auch in den Partnerstaaten versucht das Bündnis, den digitalen Meinungsaustausch zu befördern. In Afghanistan hat sie zusammen mit der U.S. Mission bereits einige Millionen Euro für die Ausstattung von Universitäten mit Internettechnologie ausgegeben. Ingesamt sind 8 Universitäten in 7 Provinzen damit augestattet worden, inklusive Ausbildungsprogramme. Das Projekt soll im nächsten Jahr auf weitere Univeritäten ausgeweitet werden.

Für laufende NATO-Operationen spielen Twitter & co ebenfalls zunehmend eine Rolle. Zu einem werden sie, wenn auch in sehr geringem Umfang, im Rahmen der allgemeinen militärischen Nachrichtengewinnung ausgewertet. Für konkrete militärische Zielerfassungen, so wie jüngst in den Medien behauptet, können sie natürlich nicht als Quelle verwendet werden.
Wie verhalten sich die Regierungen dazu?

Was machen die Regierungen?

Die U.S. Aussenministerin Hilary Clinton hat die Bedeutung digitaler Medien mit der Atomenergie verglichen: im positiven Sinne könne mit atomarer Energie eine ganze Stadt mit Energie versorgt werden; im negativen Sinne könne sie atomar zerstört werden. Die Rede Clintons zur „21st Century Statecraft Policy“ (2010) ist in vielerlei Hinsicht richtungsweisend. Sie argumentiert, dass die Freiheit, sich im Internet zu versammeln, auszutauschen und sich frei zu äussern, als universelles Grundrecht verstanden und notfalls auch verteidigt werden muss.

Alec Ross, Clintons Berater für Innovation und Kommunikationstechnologien, und Jared Cohen, ehemaliger Mitarbeiter in ihrem Plannungsstab, haben an der Formulierung des „21st century statecraft“ Politik einen erheblichen Anteil. Cohen ist mitterweile zu Google gewechselt und leitet dort den neuen Bereich von Google Ideas.

Nach Ross’ Angaben hat das State Department allein im letzten Jahr 28 Millionen Dollar für digitale Technik und Programme ausgegeben. Mehrheitlich flossen diese Summen in die Verbesserung der amerikanischen digitalen Öffentlichkeitsarbeit und Ausrüstung von politischen Oppositionsgruppen, NGOs und Universitäten im Nahen Osten, Südamerika, Afghanistan und anderswo.

Im Gegensatz zu den Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes hat Frau Clinton alle ihre Botschafter und höheren Mitarbeiter im State Department formell angewiesen, soziale Netzwerke pro-aktiv zu nutzen, sich im Rahmen bestimmer Grundregeln zu vernetzen und systematisch amerikanische Politikinhalte zu verbreiten. Gleiches gilt für die amerikanischen Streitkräfte, für die bereits vor 2 Jahren eine Reihe verbindlicher „social media guidelines“ verabschiedet wurden. Diese sind übrigens nicht geheim, sondern wurden bezeichnender Weise auf Facebook gepostet.

Natürlich haben nicht alle NATO-Mitglieder eine so ausgefeilte und finanziell untermauerte digitale Kommunikationsstrategie wie die Vereinigten Staaten. Aber mehr und mehr Regierungen unternehmen zumindestens erste vorsichtige Schritte in dieser Richtung. Wollte man beispielsweise in Deutschland das weit verbreitete und langjährige Klagelied über eine zu begrenzte Diskussion innerhalb einer überalterten sicherheitspolitischec community beenden, könnten Facebook und Co sicherlich dabei behilflich sein. Immerhin ist auch hier die Anzahl der Nutzer auf 8.5 Millionen gestiegen, von Twitter immerhin 1.6 Millionen.

Um eine jüngere und breitere Öffenlichkeit in Deutschland und anderswo für aussen-, sicherheits- und verteidigungspolitische Themen zu interessieren, sollte man dort ansetzen, wo diese Menschen tatsächlich Zeit verbinden und offen für neue Informationen und Diskussionen sind – beispielsweise auf Facebook.

16 Kommentare zu „Sicherheitspolitik und die Kommunikation im Web 2.0“

  • Felix Seidler   |   31. August 2011 - 22:29

    Mit deinem Eindruck, dass sich die Deutschen da ein bischen schwer tun, liegst du absolut richtig. Nichtsdestotrotz war das eine sehr gute Veranstaltung.

    Dass sich das BMVg immer noch nicht an diese Sachen herantraut, wie AA und andere überigens auch nicht, ist in meinen Augen ganz klar ein Generationenproblem.

    Vielen der Leute, die ihre sicherheitspolitische Sozialisation noch im Kalten Krieg erlebt haben, fehlt in meinen Augen im Bereich neue soziale Medien das Verständnis für die Materie bzw. oft allein das Wissen um die technischen Möglichkeiten. Das habe ich als relativ junger Blogger selber in Diskussionen mit älteren Persönlichkeiten oft genug erlebt.

    Aus der Bundeswehr hört immer wieder den Ruf nach der Verankerung in der Gesellschaft. Im Web 2.0. liegt doch bereits ein riesiger Anker (BW FB Profil mit 40.000 Fans, usw., usw.). Die Bundeswehr müsste nur noch die Kette dran legen. Wer das nicht tut, darf sich auch über die mangelnde Verankerung nicht beschweren.

    Außerdem hört man immer wieder aus den einschlägigen Institutionen, die Bevölkerung habe ein zu geringes Interesse an Außen- und Sicherheitspolitik und es bedürfe dringend einer grundlegenden und breiten gesellschaftlichen Debatte darüber. Gleichzeitig wird aber von dieser Seite aus wenig dafür getan, um Interesse zu wecken und Debatten anzustoßen. Jeder Leser hier weiß doch, dass das Web 2.0. dafür doch genau das richtige Instrument ist. Insbesondere nach der Libyen-Sache wäre es jetzt doch der richtige Zeitpunkt, so eine breite gesellschaftliche Diskussion mal zu initiieren.

  • T.Wiegold   |   31. August 2011 - 22:47

    Das Auswärtige Amt twittert immerhin (kein Bot!):

    http://twitter.com/AuswaertigesAmt

  • Sebastian Bruns   |   31. August 2011 - 22:56

    Ich bin immer etwas hin- und hergerissen bei dieser Frage: Kann die übersichtliche sicherheitspolitische Community in D’land tatsächlich etwas mit Web 2.0 anfangen – oder fehlt da eh die kritische Masse? Der Vergleich mit den USA hinkt, aber hier hat man fast ein „Zuviel“ an Menschen und Institutionen, die sich über Facebook, Twitter etc. einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen – aber vielleicht fehlt mir da auch schon ein Stückchen Medienkomptenz, die Spreu vom Weizen zu trennen. Zumindest kommt es mir so vor, dass die zwangsläufige Spezialsierung auf die wirklich themenrelevanten Blogs und Profile dazu führt, dass man Gefahr läuft, einseitig und eindimensional zu lesen…

  • Felix Seidler   |   31. August 2011 - 22:58

    Seit 3. Mai, ich weiß. Das ist doch schon mal ein guter Anfang.

  • Felix Seidler   |   31. August 2011 - 23:06

    Sebastian, natürlich kann die übersichtliche SiPo Community etwas mit Web 2.0 anfangen. Das ist doch der einzig erfolgversprechende Weg, diese Themen weit über die informierten Eliten hinaus zu kommunizieren. Die große Landschaft der nicht-offiziellen oder privaten FB Seiten mit Bezug zu Bundeswehr oder Außen-/Sicherheitspolitik kennst du doch. Der Bedarf wäre da, die Zielgruppe auch. Die SWP hat auch ohne eigenes FB Profil einfach so 228 Fans dort…

  • Sascha Stoltenow   |   31. August 2011 - 23:07

    @Sebastian Bruns: Die Frage, ob die Community etwas damit anfangen kann, ist zweitrangig bzw. wir müssen sie umdrehen: Welche Community findet sich, wenn wir die sozialen Medien nutzen? Relevanz und Aufmerksamkeit mendeln sich da schon irgendwie aus.

  • Christian Mölling   |   01. September 2011 - 8:40

    @ alle
    Sie sind nun alle mit Ihren Blogs im Internet aktiv -deswegen an Sie die Frage, die mich wirklich interessiert – über die ich lernen möchte und die die NATO gestern nicht beantworten konnte:
    FB – so what? Was ist der Impact- was ist Ihr Impact auf Sicherheitspolitik hier bei uns.
    Das ist meine Unkenntnis dessen, was diese sozialen Netzwerke im Internet eigentlich ausmacht und treibt. Das soziale Netzwerke Dinge bewegen etc glaube ich/ ( haben sie auch schon vor 10.000 Jahren getan) sehe ich- Aber was ist der Kausalzusammenhang mit einem spezifischen (?) Thema (Welche Community findet sich, wenn wir die sozialen Medien nutzen -bei der Frage spielt der Inhalt ja keine Rolle – ist das ein Charakteristikum des Web 2.0? und was wäre der impact auf Sicherheitspolitik? Oder ist eine COmmunity schon dann eine Community wenn sie sich nur für ein Thema interessiert und darüber austauscht -aber keinen Einfluss auf den Politikprozess hat?)
    – und wie viele andere Variablen muss ich zur Hilfe nehmen, um einen Impact zu erklären – Sozialer Protest und Revolution braucht einen sozialen Misstand (Arbeitslosigkeit/Hunger/Unterdrückung)und eine soziale Institution (FB/Twitter/ etc. ) die Austausch und „Soziales“ erlaubt, + X +Y+Z +N, um stattfinden zu können.
    Und noch eine Frage die mich seit gestern umtreibt: Was kann ein Akteur überaupt steuern und wo sind die Grenzen der Kontrolle?
    ich freue mich auf eine Fortsetzung – am liebsten in der physischen Sozialwelt :)
    ( und deshalb noch mal Dank and DGAP & Co für den Abend)
    beste Grüsse
    CM

  • Orontes   |   01. September 2011 - 9:03

    Mir erschließt sich nicht, was für eine Relevanz es hätte, wenn Behörden ihre übliche Kommunikation über Twitter oder Blogs verbreiten würden. Die allgemeine Diskussion würde durch alten Wein in neuen Schläuchen doch nicht besser.
    Woran es m.E. in Deutschland wirklich fehlt sind militärisch qualifizierte, aber sowohl von Regierung als auch Streitkräften unabhängige Stimmen, die sich sachgerecht und ohne Furcht vor der Kontroverse zu aktuellen Sachverhalten äußern. Die Medien können dies m.E. (von zwei oder drei Einzeljournalisten abgesehen) kaum leisten, weil sie entweder unter Druck stehen aus jeder Banalität ein Sensatiönchen zu produzieren oder ihnen schlicht die Zeit für Recherche oder der fachliche Hintergrund fehlt.
    Ich hörte von Dritten, dass in Deutschland ein Web 2.0-Auftritt wie der oben beschriebene schon einmal versucht worden sei. Die Erfahrungen sollen eher negativ gewesen sein. Geld kann man damit nicht verdienen, Förderer haben Angst vor allem was irgendwie als kontrovers wahrgenommen werden könnte, die Bundeswehr sieht so etwas als Bedrohung an, und wenn man noch persönlich in Erscheinung tritt, muss man mit Hausbesuchen von Aktivisten rechnen. Sicherheitspolitische Diskussion im Web 2.0, die den Namen verdient, wird m.E. eine Nische für zähe Enthusiasten bleiben, die es irgendwie schaffen, sich die Freiheit zum Schreiben zu verschaffen, eine unkontroverse Nische finden oder dazu bereit sind, enorme persönliche Nachteile in Kauf zu nehmen. Die von Frau Babst angeführten Beispiele für relevante Blogger sind nicht umsonst anonyme Dissidenten.

  • Felix Seidler   |   01. September 2011 - 9:57

    @Christian Mölling:
    Auf ihre letzte Frage: „Was kann ein Akteur steuern und wo sind die Grenzen der Kontrolle?“ Ein Akteur kann nur sehr wenig steuern und Kontrolle, wenn das überhaupt möglich ist, funktioniert nur sehr begrenzt. Was Leute mit Presseerklärungen, Blogartikel oder anderem Inhalt im Internet machen, lässt sich nicht kontrollieren. Wer im Internet aktiv ist, muss diesen Umstand einfach akzeptieren. Der Kontrollverlust muss dabei nicht notwendigerweise negativ sein, da man über die unkontrollierte Weiterverbreitung von Inhalten auch durchaus positive Resonanz auf einen zurückkommen kann. Habe ich selber schon so erlebt. Was an technischer Kontrolle denkbar ist, aber wohl nur Staaten oder sehr potenten Akteure zur Verfügung steht, ist eine maschinelle Kontrolle bzw. Verfolgung und Auswertung der Verbreitung eigener Inhalte. Das manuelle Monitoring, wie es Frau Dr. Babst ja gestern für die NATO auch beschrieben hat, erfordert sehr viel Aufwand und kann bei weitem nicht alles abdecken.

    Was ist der Impact auf Sicherheitspolitik? Ein Beispiel. Die NATO hat während des Libyen-Einsatzes im März quasi Echtzeitkommunikation im Internet und den sozialen Netzwerken gemacht. Bevor die Pressemeldungen auf Spiegel Online erschienen, war Rasmussen bereits mit einem Video bei Facebook online. Die Folge war, dass die NATO viel an Deutungs- und Informationshoheit gewann und es (abseits der politischen Gründe wie dem UN-Mandat) eine massive ideologisierte und verzerrte Anti-Kriegs- bzw. Anti-NATO-Debatte im Internet, anders als in Sachen Afghanistan, meinem Eindruck nach nicht gab. Salopp gesagt, gelang der NATO hier in wahrnehmbaren Ausmaß „winning hearts & minds“ an der Heimatfront.

    Fortsetzung der Diskussion „in der physischen Sozialwelt“ gerne. Bei Interesse bitte Kontaktaufnahme via Email (felix@seidlers-sicherheitspolitik.net).

    @Orentes: Es geht ja nicht darum, dass Behörden ihre übliche, oft dröge Kommunikation einfach über neue Wege verbreiten, sondern auch durchaus neue Inhalte kommuniziert werden. Vor allem geht es um Partizipation. Wer Facebook-Profile von ausländischen Behörden, Journals, Militärs usw. verfolgt, wird feststellen, dass die immer wieder fragen: „was denkt ihr davon“. Inwieweit die das tatsächlich interessiert ist natürlich eine andere Frage.

    Es gab früher einen webblog-sicherheitspolitik mit großer Resonanz. Leider haben die drei Autoren das Blog, soweit ich weiß aus privaten Gründen bzw. wegen des erheblichen Zeitaufwandes, eingestellt. Wer einen Web 2.0 auftritt startet, egal ob Regierung, Organisation, Think Tank oder Blogger, muss auch damit leben, dass es eine Weile dauert, bis sich so ein Profil Ansehen, Authenzität und Glaubwürdigkeit erarbeitet hat.

  • Kevo   |   01. September 2011 - 9:58

    So wie ich Frau Babst gestern verstanden habe ist ihr Ziel, über FB etc. zwei Dinge zu erreichen:
    + über die bestehenden Kanäle weitergehende (pseudo-)demokratische Legitimität für das eigene Vorgehen zu erlangen – in dem ich drüber rede und diskutieren lasse (v.a. moderiert), wandelt sich das Bild und erleichtert die eigenen Einsätze; und
    + wie sie sagte, auch denen, die nicht auf der Münchener Sicherheitskonferenz eine Rede halten dürfen, ein Forum für ihre teils guten Ideen zu geben – also Feedback und Verbesserungsvorschläge im weitesten Sinne zu bekommen (auch von Leuten, die nicht im Bereich SiPo aktiv sind).

    @Orontes: Im Grunde wird es ein weiteres Instrument sein, dass man nicht zu sehr überhöhen sollte; einen Leitartikel in der FAZ oder SZ wird eine Twitter-Meldung nicht ersetzen. Aber es ist auch für NATO& Co. ein weiteres und direkteres Kommunikationsinstrument.

    Edit:
    @Felix Seidler: Ich bezweifle, dass die positivere Wahrnehmung des Libyen-Einsatzes aufgrund eines Youtube-Videos des Generalsekretärs entstand, sondern denke eher, dass der Eindruck war, hier „das Richtige“ zu tun (in D. auch deswegen, da wir ja keine eigenen Soldaten schicken mussten).

  • Felix Seidler   |   01. September 2011 - 10:11

    @Kevo: Ich habe nicht gesagt, dass die positive Wahrnehmung des Einsatzes allein durch ein Video des Generalsekretärs bzw. die Public Diplomacy der NATO entstanden ist. Der Eindurck einer humanitären Intervention mit UN-Mandat bzw. „das Richtige zu tun“ war sicher ein wichtiger Faktor, nichtsdestotrotz bleibt für eine Institution immer noch die Frage, ob man diese Message selbst, unmittelbar und direkt kommuniziert und mit Leuten diskutiert oder dies dem Filter der Medien überlässt. Unabhängig vom Entstehen positiver Wahrnehmung kann, und das war in meinen Augen in Sachen Libyen auch der Fall, diese Art von Öffentlichkeitsarbeit im Internet auch negative Reaktionen verhindern, wenn die (interessierte) Öffentlichkeit direkt aus erster Hand und nicht über den „Filter“ Presse informiert wird.

  • Orontes   |   01. September 2011 - 10:28

    @Felix Seidler
    „Vor allem geht es um Partizipation. Wer Facebook-Profile von ausländischen Behörden, Journals, Militärs usw. verfolgt, wird feststellen, dass die immer wieder fragen: “was denkt ihr davon”. Inwieweit die das tatsächlich interessiert ist natürlich eine andere Frage. “

    Es dürfte bei solchem Austausch weniger um Diskussion gehen als um Anpassung der Kommunikation an die Zielgruppe. Ein Ministerium wird seine Entscheidungen wohl kaum von den Rückmeldungen auf seinem Blog abhängig machen. Eine Kommunikationsabteilung kann auf diesem Weg aber lernen, wo die Bedürfnisse der Internet-Zielgruppe liegen, und sich besser darauf einstellen. Das halte ich für völlig legitim, aber man sollte es nicht mit Diskussion oder inhaltlicher Partizipation verwechseln.

    @Kevo
    „Ich bezweifle, dass die positivere Wahrnehmung des Libyen-Einsatzes aufgrund eines Youtube-Videos des Generalsekretärs entstand, sondern denke eher, dass der Eindruck war, hier “das Richtige” zu tun (in D. auch deswegen, da wir ja keine eigenen Soldaten schicken mussten).“

    Wessen Eindruck war es, dass hier „das Richtige“ getan wurde, bzw. wie kam der Eindruck zustande, dass dies so sei? Die Diskussion über strategische Kommunikation hängt sich m.E. zu sehr an technischen Details auf und ignoriert die übergeordnete Ebene. Hier zeigt sich erneut, dass Kommunikation (d.h. Einflussnahme) und Diskussion zwei sehr unterschiedliche Dinge sind. YouTube-Videos oder Twitter-Feeds dürften von amerikanischer Seite tatsächlich eine wesentlich geringere Rolle bei der Vermittlung des Libyenkrieges gespielt haben als die gezielte Ansprache massenpsychologischer Schwächen der deutschen Öffentlichkeit über „transatlantische“ Politiker und Medien. Dass amerikanische Behörden so etwas tun ist kein Geheimnis: http://mirror.wikileaks.info/leak/cia-afghanistan.pdf

  • Felix Seidler   |   01. September 2011 - 10:54

    Die Fragen „was bringt das überhaupt“ und „was sind die Risiken“ sind typisch deutsch. Aber man muss den Spieß mal umdrehen. Was sind die Folgen, wenn man etwas nicht macht.

    Wer im Web 2.0 nicht präsent ist, muss damit leben, dass die eigene Message dort dann eben nicht stattfindet. Das heißt, man überlässt die Deutungs- und Informationshoheit einfach anderen. Das mag im Alltagsgeschäft für den einen oder anderen in der Sicherheitspolitik nicht besonders schlimm sein. Wenn aber, wie etwa in Sachen Libyen, „etwa los ist“, fangen größere Teile der Öffentlichkeit über die übliche Community hinaus an nach Infos zu suchen. Wer dann nicht präsent ist, hat Pech habt, da sich die Leute ihre Infos bei anderen holen und damit Meinungsbildung ohne eigenen Einfluss stattfindet.

    Noch ein Beispiel: Wir haben gestern gehört, dass das US State Department massiv in diversen Sprachen Web 2.0 Kommunikation vorantreibt. Jedem muss klar sein, wenn wir Deutschen/Europäer dort nicht oder wenig aktiv sind, ist es eben weitestgehend die amerikanische und eben nicht die deutsche/europäische Message, die die Köpfe dort erreicht.

  • Kevo   |   01. September 2011 - 11:03

    @Felix Seidler: Agree – Stichwort public diplomacy!
    @Orontes: Agree – eine Meinung entsteht nicht aus dem Nichts!

    Web 2.0 ist nicht die Lösung aller Probleme, aber ein nicht zu vernachlässigendes Instrument für Zwecke, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen können, da die Nachricht das Ziel ist, nicht der Inhalt der Nachricht.

  • b   |   01. September 2011 - 11:33

    (Warum läßt mich eine Veranstaltung an der young leaders beteiligt sind an Nordkorea denken?)

    Web 2.0 ist zweischneidig.

    Die NATO kann ja gerne im Web behaupten das sie in Libyen aus „humanitären Gründen“ im Einsatz ist. Das erleichtert es dann Bloggern die Lügen der NATO zu kritisieren. Man kann leicht darauf verlinken und dem die Berichte über zivile Opfer, den Einsatz von NATO Special Forces und FAC zu Gunsten der Rebellen gegenüberstellen.

  • Martin Huhn   |   02. September 2011 - 11:52

    @ Seidler:

    „Außerdem hört man immer wieder aus den einschlägigen Institutionen, die Bevölkerung habe ein zu geringes Interesse an Außen- und Sicherheitspolitik …“

    Interessanterweise hat dieses Blog hier – was Wiegold so ab und an drüber berichtet – recht hohe Zugriffszahlen. Für ein einzelnes Blog, das zudem noch relativ jung ist, ist das wirklich ordentlich.