Deutsche Bergsteiger in Afghanistan vermisst

Es hat nichts mit dem ISAF-Einsatz in Afghanistan zu tun, dennoch horcht man auf bei solchen Meldungen:

KABUL — Two German men who set off to climb snow-capped mountains in war-torn Afghanistan have been missing for several days, Afghan officials said on Tuesday.

„We are aware that two Germans have gone missing somewhere between Baghlan and Parwan provinces (north of the capital Kabul). We are investigating the incident,“ said interior ministry spokesman Siddiq Siddiqui.

berichtet AFP. Die Details sind noch völlig unklar, und auch erste Meldungen über eine Entführung durch Aufständische sind bislang nicht belegt oder bestätigt.

(Und ja, die Frage stellt sich auch: wer geht in Afghanistan bergsteigen?!)

19 Gedanken zu „Deutsche Bergsteiger in Afghanistan vermisst

  1. Es gibt in der Provinz Badakhshan wieder erste Versuche, die Bergsteiger in den Wakhan Zipfel zu locken, da hier ja auch der höchste Berg Afghanistans wartet.
    Die Sicherheitslage ist in dem abgelegenen Gebiet recht sicher (lebt ja auch kaum jemand dort). Auf die schnelle kann ich einen Bericht der BBC dazu nicht mehr finden.
    Das Bergesteiger-Nationalteam Afghanistans wurde 2009 medial bei der Erstbesteigung nach dem Krieg begleitet.

  2. Die Gegend nördlich von Kabul ist vergleichsweise sicher. Aufständische sind dort für Reisende das kleinste Problem, und Bergsteiger haben ja auch in den Alpen Unfälle. Vereinzelt gibt es in der Gegend tatsächlich bereits wieder internationale Touristen, aber die meisten westlichen Ausländer, die dort in ihrer Freizeit unterwegs sind, arbeiten zivil in Kabul.
    Hier ein bekannter Reiseanbieter:
    http://www.afghanlogisticstours.com/Section.html

  3. Laut FAZ und SPON handelt es sich um Entwicklungshelfer ääääh -zusammenarbeiter (Entwicklungshilfe ist ja ein verpönntes Wort in deren Kreisen). Da dürfte in der zuständigen PMC jetzt die Drähte heiß laufen – es sei denn die GIZ hat auf PMCs verzichtet, weil „das ja erst recht zum Ziel macht“.

  4. Wer unter den in AFG herrschenden Umständen den besonderen Kick sucht, hat selber die Verantwortung (und ggf. die Rettungskosten!) dafür zu tragen. Bin mal gespannt was sich daraus entwickelt.

  5. Bei allem Verständnis dafür, dass der wirtschaftliche Aufbau in AFG eine sehr wichtige Sache ist – Tourismus scheint mir dafür nach dem aktuellen Informationsstand keine Branche mit Priorität zu sein. – Womit ich mich ja aber auch täuschen könnte. Offenbar gibt es da (ein herzlicher Dank an Orontes) doch mehr zu wissen, als man bei der Tagesschau erfahren kann. Daher die Frage an die Sach- und Ortskundigen hier: Gibt es in AFG tatsächlich soviele stabile Inseln/Flecken der Normalität, in denen Krieg soweit weg ist, dass man da auch einfach nur an Urlaub, Klettern und Abenteuer denken und einen 16-Tage-Roundtrip AFG veranstalten kann? ich bin ein bißchen sprachlos.

  6. @ Zivi a.D. – ja gibt es. Der Wakhan wurde schon genannt. Die gesamte Provinz Bamyan (http://www.bamyantourism.org/) ist so sicher wie irgendein anderes Dritte Welt Land und landschaftlich reizvoller. Die Gegend um den Salangpass ist auch ein beliebtes Ausflugsziel und Freitags rammelvoll. Das ist je gerade das interessante an diesem Krieg, die Lage sieht von Region zu Region und manchmal von Tal zu Tal und Ortschaft zu Ortschaft anders aus und verändert sich schleichend, aber spürbar. Wenn man dicht genug dran ist kann man das mitkriegen und sich entsprechend anpassen (Restrisiken bleiben immer). Die zivilen ENtwicklungshelfer (@ Boots on the Ground, das Wort ist durchaus nicht so verpönt) sind da weitaus besser aufgestellt als die BW, die von vornerein mit Worst Case Szenarien und dem Prinzip „Deckung geht vor Wirkung“ arbeitet. Deswegen können erstere auch in dem Land arbeiten, und das mit minimalen Verlusten seit 2001.

    Bin früher oft genug mit schwerbewaffneten Patrouillen in Gebieten gewesen, über die wir viel zu wenig Informationen hatten, weswegen man uns nicht dort im Raum lassen konnte und wir nur kurze Stippvisiten (lächerlich im afghanischen Kontext) machen konnten. Und dann fuhren uns ein oder zwei zivile Entwicklungshelfer in Corollas oder 4Runners entgegen, die dort über Monate und zT Jahre tätig waren. Jetzt gehts mir anders rum und ich fahre in zivil an schwergepanzerten Kolonnen vorbei… Und fühle mich dabei sicherer als damals – wenn auch nicht unverwundbar. Aber Wirkung geht nunmal vor Deckung – zumindest bei den Zivilen. Und wenn man gewisse Risiken erstmal eingeht ist man hinterher paradoxerweise oft weitaus sicherer (UND kann überhaupt nur arbeiten), als wenn man diesen Risiken permanent ausgewichen wäre (siehe auch FM 3-24, I-149)…

    Mit 4 x ISAF (außerhalb des Zauns) auf dem Buckel und mittlerweile über nem Jahr als Ziviler in AFG (noch mehr draußen unterwegs als jemals zuvor) erdreiste ich mich aber der Bitte, von grundsätzlichen Vorverurteilungen der zivilen Seite als „naiv“ und „uninformiert“ abzusehen. Danke und Glück Ab!

  7. „Spec-Ops“ :) Hehehe, genau.

    Die afghanischen Berge sind durchaus reizvoll für Bergsteiger und man wusste bestimmt um die möglichen Gefahren. Auch wenn nicht gleich was passieren muss, würde ich niemandem dazu raten, für sein Hobby so etwas zu riskieren. Die Personen müssen nun damit klar kommen und können ja hoffen, von der afghanischen Polizei befreit zu werden.
    Sicherheit in einem solchen Land ist immer eine sehr subjektive Sache. Von daher…
    Wer meint, es lohnt sich: Los, aber heul nicht rum.

    Letztenendes ist der Vorgang kaum relevant.

  8. AFG soll einige wunderschöne Gegenden haben und gerade die Nordroute war in den 70ern als Geheimtipp für die Tourer nach Indien gehandelt worden (in alten TOUR-Magazinen nachzulesen).
    Soweit ich mich erinnere, hat Winfried Nachtwei in seinem Vortrag „Afghanistan auf der Kippe?“ kritisiert, dass in den Medien der Blick immer auf die „Kriegsgebiete“ gelegt wird. Es würde ausgeblendet, dass z.B von den 123 Bezirken des RCN gerade einmal 8 zu diesen „bösen Gebieten “ gezählt werden. (Stand 12/2010)
    Er fügte allerdings hinzu, dass in den restlichen Bezirken sehr wohl Schwerstkriminalität verbreitet ist.

  9. Ich kann turan saheb nur zustimmen. Auch wenn der Anlass dieser Diskussion eigentlich das Gegenteil zum Anlass hat, sollte immer wieder darauf hingewiesen werden, dass die Lage in Afghanistan eben nicht landesweit von Krieg und Aufstand geprägt ist. In vielen Landesteilen verläuft das Leben relativ normal – so normal wie das in einem Entwicklungsland am unteren Ende der Skala der sich entwicklenden Staaten dieser Erde der Fall ist. Gewalt reicht dort eben von Kleinkriminalität über organisierte Kriminalität bis hin zu bewaffneter Opposition und in einigen Gebieten zu „Insurgency“ – wer und was auch immer das hier in Afghanistan ist.
    Die Situation ist damit viel komplexer als dies allgemein und gern in Deutschland dargestellt und zur Kenntnis genommen wird. Bei bestimmten Medien – so auch bei der Zeitung mit den vier großen Buchstaben – hat man ohnenhin den Eindruck, dass sie die „Kapitulation“ von ISAF gegenüber der „Insugency“ bereits unterschrieben haben und selektiv nur noch das zur Kenntnis nehmen, was ihre so profunde Auffassung bestätigt. Da kommt dann sicherlich auch der Fall der beiden vermissten Deutschen gerade recht, um sich in diesen Überzeugungen bestätigt zu fühlen.

  10. @turan saheb
    Teilweise gebe ich dir natürlich Recht. Nur gibt es da gewisse Unterschiede zwischen Militär und NGO.
    Den Aufständischen (z.B. Taliban) ist die ein oder andere zivile Hilfsorganisation in ihren „Operationsgebieten“ natürlich Recht. Warum? Von der Hand in den Mund wird man so selten satt und eine Decke aus Amerika wärmt auch im afghanischen Winter.
    Nicht wahr? Wenn dann der Aufständische einen Teil dieser Gaben noch an die arme Bevölkerung verteilt steht er doch ganz gut da.
    Mit der Duldung des Militärs im eigenen Bereich wird es da schon schwieriger. Spätestens nach den ersten nächtlichen Hausbesuchen – durch eine der diversen
    Task Forces – hört für den Aufständischen der Spaß auf. Es fehlen halt zu viele Personen am nächsten Tag;-)
    Bei der aktuellen Hauptbedrohung (RC North) – IED- sind geschützte Fahrzeuge nun mal ein Mittel der Wahl. Die Zahlen sprechen hier eine deutliche Sprache. IED Angriffe gegen Ziv oder NGO sind verschwindend gering. Oder? Von der Zufallsprinzip-Pressure-Plate mal abgesehen. Aber, wo gibt´s die denn noch? Meistens haben wir es doch mit CW oder RC Controlled IED zu tun.
    In diesem Sinn. Jeder macht seine Arbeit so gut es eben geht!

    Zum Thema: Bergsteigen ist gefährlich! Und in Afghanistan sind die Steige so schlecht überwacht und die Bergwacht so schwer erreichbar…

  11. Vielleicht als kleine Fußnote zum Thema Reisen an gefährlichen Orten: Auf der letzten Tourismus-Messe ITB in Berlin gab es sogar einen Stand für den Irak (nicht jedoch für Afghanistan).

  12. Warum nicht? Afghanistan hat faszinierende Landschaften.
    Ich war auch schon mal auf dem Weg nach Afghanistan, wurde dann aber leider im Iran aufgehalten und konnte somit nicht wie beabsichtigt nach Herat. Ich hoffe jedoch, dies mal nachholen zu koennen.

    Ich finde es unfair, eine kriminelle Entfuehrung den Opfern vorzuwerfen. Genauso unangebracht ist dieser Vorwurf uebrigens gegenueber den amerikanischen Wanderern in iranischer Gefangenschaft:
    http://andreasmoser.wordpress.com/2011/08/20/us-hikers-sentenced-to-8-years/

  13. Natürlich haben Reisen in solche Gegenden ihren ganz besonderen Reiz. Schon alleine deshalb, weil man nicht ständig irgendwelchen Touris begegnet. Wir hatten in den letzten Jahren aber einige Fälle, in denen sich die halbe Regierung bis zum BmdÄ eingespannt sah. Leider fehlen mir Informationen, was die Rettung der befreiten Motorradtouristen vor Jahren aus der Sahara oder einiger Leute aus den Bergen des Jemen jeweils so kosteten und wer die Aktionen am Ende gezahlt hat.

    @Andreas Moser: Der Vorwurf des unverantwortlichen Leichtsinns in Fällen, in denen die Reisewarnungen des Außenministeriums sträflich mißachtet werden, kann man den Betroffenen selbstverständlich nicht ersparen.

    Wer den Kick sucht, soll bitte nicht hinterher nicht rumjammern. Ich bin nicht dafür, solche Trips zu verbieten, aber es muß unmißverständlich klar gemacht werden daß derjenige, der das Risiko eingeht, die Folgen selbst zu tragen hat.

  14. @ Iltis

    „Der Vorwurf des unverantwortlichen Leichtsinns in Fällen, in denen die Reisewarnungen des Außenministeriums sträflich mißachtet werden, kann man den Betroffenen selbstverständlich nicht ersparen.“

    Das ist wohl schlicht und ergreifend der Punkt (auch wenn es keine typischen Touris waren). Bei aller Sympathie fürs Bergsteigen und so weiter, ist das nicht Südtirol :)

  15. Ich nehme an, daß die Gefahr bei solchen Unternehmungen durchaus einen Teil des Reizes ausmacht. Um beim Beispiel Südtirol zu bleiben – Mit einer Mountainbiketour durch den Nord- Irak lässt sich in geselliger Runde mehr Eindruck machen, als wenn man in der Ortler-Gruppe unterwegs war – als einer von 10.000 in dieser Saison. Das würde ich in aller Gelassenheit zur Kenntnis nehmen, fiele der finanzielle Teil des Risikos nicht dem Steuerzahler anheim. Zudem hat der derzeitige Außenminister schon mehr zu tun, als er sinnvoll geregelt bekommt.

    So sinnvoll die Arbeit vieler NGOs aber auch der offiziellen Entwicklungshilfe in vielen Fällen ist, so hoch ist dennoch das Risiko. Ich habe mir aber noch keine abschließende Meinung gebildet, ob in solchen Fällen der Einsatz eher persönliches Risiko ist oder ob nicht.

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