In Walsrode wird künftig wieder Grundstoff für Munition produziert
Unternehmensmitteilungen dieser Größenordnung wären noch vor einiger Zeit im allgemeinen Rauschen untergegangen, jetzt ist es ein Thema: In Bomlitz, heute Teil von Walsrode in Niedersachsen, wird künftig wieder ein Grundstoff für die Herstellung von Munition hergestellt – wie in der an diesem Ort 1815 eröffneten Pulvermühle, die in den 1880-er Jahren als gewachsene Chemiefabrik mit der Produktion von rauchlosem Pulver fürs Militär begann.
Nach einer wechselvollen Geschichte gehört die heutige MSM Walsrode GmbH & Co. KG zur tschechischen Industrie- und Rüstungsholding Czechoslovak Group (CSG), die im Mai dieses Jahres den Industriepark Walsrode und die dort angesiedelte Nitrocelluloseproduktion übernommen hatte. Während allerdings dieser Stoff bislang für zivile Anwendungen wie die Herstellung von Verpackungsdruckfarben und Lacken produziert wurde, soll künftig energetische Nitrocellulose die Produktpalette um militärische Anwendungen erweitern, wie das Unternehmen am (heutigen) Montag mitteilte:
IFF N&H Germany GmbH & Co. KG firmiert ab sofort unter dem Namen MSM Walsrode GmbH& Co. KG. Mit der Umbenennung vollzieht das Unternehmen den Übergang in die Czechoslovak Group (CSG), die im Mai dieses Jahres den Industriepark Walsrode und die dort angesiedelte Nitrocelluloseproduktion übernommen hatte.
Unter der Eigentümerschaft von CSG eröffnet sich für MSM Walsrode ein neues strategisches Kapitel. Neben der etablierten Produktion der Walsroder Nitrocellulose für zivile Anwendungen wird das Unternehmen in Zukunft die Produktion auf energetische Nitrocellulose ausweiten, einem
Rohstoff für die Munitionsherstellung. Damit wird MSM Walsrode einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der strategischen Lieferkette Europas im Verteidigungssektor leisten.
Nun ist diese Firma, gemessen an der Rüstungsindustrie insgesamt, mit 380 Mitarbeitenden nicht besonders groß. Aber die Bedeutung dieses Grundstoffes für die Rüstung erläutert der Rüstungskonzern Rheinmetall, ein Konkurrent von CSG und damit auch des Walroder Unternehmens, so:
Nitrocellulose ist ein wesentlicher Rohstoff für verschiedene Arten von Treibladungspulvern und verbrennbare Hülsenteile und wird auch für die Herstellung von gewerblichem Sprengstoff verwendet. Nitrocellulose ist ein Nitratester der Zellulose, der durch die Reaktion von Säuren (bestehend aus Salpeter- und Schwefelsäure) mit gereinigten Baumwoll-Linters entsteht.
Der Schlüsselbegriff in diesem Zusammenhang ist sicherlich: Stärkung der Strategischen Lieferkette Europas. Wobei eine Abhängigkeit von Zulieferungen aus Asien beim Rohstoff bestehen bleiben dürfte.
(Grafik: Unbekannte Autoren und Grafiker; Scan von Auktionshaus Vladimir Gutowski, Deutsche Pulverfabriken 200 Thaler 1873, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons)
Die Abhängigkeit von Zulieferungen aus Zentralsasien beim Rohstoff ist im Übrigen auch Gegenstand größerer Russischer Sorgen, hat doch Kasachstan, dereinst treuer Vasall und einer der Hauptbaumwolllieferanten für russische Munitionsfabriken inzwischen genug von russischen Drohungen und bemüht sich darum, auch Handelsbeziehungen mit dem Westen zu knüpfen und reduzierte Lieferungen nach Russland. Der Baumwollanbau in Zentralasien war von den Sowjets strategisch implementiert, sowohl zur Versorgung der Bevölkerung mit Kleidung, aber auch natürlich für die Bedürfnisse der Munitionsindustrie.
Hier ein (sicherlich in der (Baum)Wolle gefärbter) Artikel aus Juni: https://euromaidanpress.com/2025/06/17/kazakhstan-cuts-explosives-supply-to-russia-ukraine-war/
Vielleicht führt dies zu einem Wiederaufleben des Leinanbaus in Niedersachsen. Immerhin wurde der Standort in Walsrode wohl nicht wegen der dort vorhanden Baumwolle gewählt….
@Nachhaltig „Vielleicht führt dies zu einem Wiederaufleben des Leinanbaus in Niedersachsen. Immerhin wurde der Standort in Walsrode wohl nicht wegen der dort vorhanden Baumwolle gewählt“
Ich glaube da besteht ein Missverständnis, Baumwolle besteht aus den Samenhaaren der gleichnamigen Pflanze. Das ist fast reine Zellulose {https://de.wikipedia.org/wiki/Baumwolle}. Man verwendet die Abfälle der Spinnereien.
Leinen erfordert einen viel größeren Aufwand, um reine Cellulose zu gewinnen. Man könnte auch Cellulose aus Holz gewinnen, dann wäre der Aufwand noch größer. Die Firma in Walsrode hat mit Schießpulver angefangen.
Die Erwähnung des Rohstoffes „Baumwolle“ gibt einen falschen Eindruck von Abhängigkeiten. Zur Herstellung von Nitrozellulose können auch andere Zellulose-Quellen herangezogen werden.
Da Deutschland im 2. Weltkrieg so gut wie keine Baumwolle hatte, fanden Chemiker Lösungswege. Sie erfordern jedoch eine Umstellung vorhandener Fertigungsanlagen und Prozesse auf andere Rohstoffe.
@Malefiz: Mir ist schon klar, dass Baumwolle derzeit günstiger ist. Da aber die Lieferkette explizit erwähnt wurde, habe ich hier eine lokale jedoch aufwendigere Alternative ins Spiel gebracht. Ich frage mich, welchen Anteil an den Kosten einer Munition die Zellulose trägt. Um wieviel teurer würde prozentual eine Treibladung, wenn man die Zellulose aus Lein gewinnen würde?
@Nachhaltig: Die Pflanzen wachsen (dort, wo sie wachsen) im Wesentlichen von allein, wenn die Bedingungen stimmen. Den Faktor des Ertrags zwischen Flachs und Baumwolle kenne ich persönlich nicht. Auch nicht die nötigen Schritte, um Zellulose aus den Fasern zu extrahieren.
Wo immer aber menschliches Handeln notwendig wird (Bewässerung, Ernte, Verarbeitung) ist es bei uns erheblich teurer als in Zentralasien. Was natürlich nicht ausschließt, dass es künftig in solchen wichtigen Bereichen auch eigene Lieferketten als Backup geben könnte. In der Praxis aber wird ein Rohstoff, der hier hergestellt wird, in der Regel erheblich teurer sein, als einer, der aus Ländern mit geringeren Lohnkosten importiert wird.
Das ist eine Art Gesetzmäßigkeit in der Landwirtschaft.
Der ehemals bedeutsame Tabakanbau in der (Kur-)Pfalz beispielsweise ist jedenfalls seit Wegfall der EU-Subventionen nicht mehr allzu rentabel und findet deshalb nur noch als Kulturpflege oder für einen Nischenmarkt im Biosegment statt.
Ob es einen Markt für ökologisches deutsches Pulver ohne Pestizide gibt, vermag ich nicht zu sagen, aber vielleicht gibt’s ja demnächst eine Initiative: „Wenn schon ballern, dann bitte Bio!“ ;-P