Mehr Zivilschutz wagen: Szenario zu möglichem Chemiewaffenangriff – mit düsteren Aussichten
Ganz offiziell hat die Bundesregierung dem Bundestag eine Risikoanalyse Einsatz chemischer Kampfstoffe vorgelegt, die zu ernüchternden Ergebnissen kommt. Bei einem gezielten Einsatz mit Chemiewaffen auf wichtige Logistiknoten in Deutschland, so das trockene Ergebnis, wären Zehntausende Menschen betroffen, mehrere Tausend würden sterben – auch wenn die Versorgung der Bevölkerung großflächig nicht betroffen wäre. Um dafür vorzusorgen, sei ein Umdenken in der Vorplanung für den Bevölkerungsschutz nötig.
Die Untersuchung wurde als Bundestagsdrucksache (21/3600) veröffentlicht. Aus der Zusammenfassung:
In diesem Szenario kommt es zu einem militärischen Aufmarsch eines Aggressors an den östlichen Grenzen des NATO-Bündnisgebietes und als Reaktion darauf zu einem Aufmarsch von NATO-Kräften. In dieser Phase verübt der Aggressor drei Anschläge mit chemischen Kampfstoffen auf militärisch bedeutsame Logistikknotenpunkte in Deutschland. Angenommene Anschlagsorte sind ein Seehafen, ein Rangierbahnhof und ein Materialdepot der Bundeswehr. Ziel der Anschläge ist es, die Drehscheibenfunktion Deutschlands und somit den Aufmarsch alliierter Truppen an der Bündnisgrenze zu behindern. Zum Einsatz kommen der Nervenkampfstoff VX sowie der Hautkampfstoff Schwefellost. (…)
Der Anschlag auf dem Hafengelände verursacht durch die Art der Ausbringung und die zum Einsatz kommende Menge des Nervenkampfstoffes VX den weitaus größten Teil der verletzten und verstorbenen Personen. Insgesamt versterben in Folge der Anschläge innerhalb der ersten 15 Stunden mehr als 8.500 Personen. Mehr als 33.500 weitere Personen werden zum Teil schwer verletzt, so dass in der Folge mehrere tausend Personen intensivmedizinisch behandelt werden müssen. Es kommt über Tage und Wochen zu mehreren hundert weiteren Todesfällen. Zudem reichen die bestehenden Betten- und Behandlungskapazitäten in deutschen Krankenhäusern bei Weitem nicht aus, um die hohe Anzahl verletzter Personen intensivmedizinisch zu versorgen.
Am Rangierbahnhof kommt es nach der Ausbringung des Hautkampfstoffes Schwefellost zu vier Toten und etwa 400 Verletzten. Da die Symptome zeitverzögert auftreten, kommt es zu Kontaminationsverschleppungen bis in weite Teile Deutschlands. Am Materialdepot der Bundeswehr wird die Ausbringung von VX schnell erkannt, so dass sich nur eine geringe Anzahl von Mitarbeitenden kontaminiert.
Viele zehntausend Personen sind unmittelbar oder mittelbar von den Ereignissen betroffen. Für sie müssen Unterkünfte bereitgestellt werden, in denen sie versorgt und psychosozial betreut werden. Das Szenario übersteigt
alle bisherigen Ereignisse bei Weitem, weshalb der Bevölkerungsschutz und insbesondere der präklinische und klinische Medizinische CBRN1-Schutz vor besondere Herausforderungen gestellt werden.
Obwohl bei den Anschlägen zwei bedeutende Logistikknotenpunkte betroffen sind, zeigen Modellierungen der Verkehrsströme, dass trotz des zeitweisen Ausfalls nicht mit relevanten Auswirkungen auf die bundesweite Ver-
sorgung der Bevölkerung und den Host Nation Support zu rechnen ist.
Die Erfahrungen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hätten gezeigt, dass viele Konzepte des Bevölkerungsschutzes für Gefahren im Frieden entwickelt worden seien und in einem Kriegsfall nicht ausreichten, heißt es in der Unterrichtung. Dafür seien unter anderem festgelegte Ziele für den angestrebten Schutz, aber auch hinreichende Finanzierung sowie Aufklärung und Ausbildung der Bevölkerung für solche Fälle nötig.
Die Detailempfehlungen in der Unterrichtung sehen sowohl für den Gesetzgeber als auch für die Verwaltung zahlreiche einzelne Maßnahmen vor. Eine davon fällt auf, weil sie weit über das genannte Chemiewaffen-Beispiel hinausgeht und einen verbreiteten öffentlichen Irrtum zum Ziel hat – nämlich die Einschätzung, die Hilfsdienste in Deutschland seien durch ihre zahlreichen Ehrenamtlichen doch ausreichend gewappnet:
Bundesweite, organisationsübergreifende, regelmäßig aktualisierte
Erhebung der Mehrfachverplanungen und Mehrfachassignationen von
Einsatzkräften in der Gefahrenabwehr, dem Zivil- und Katastrophenschutz,
Polizei, Reserve der Bundeswehr und Mitarbeitenden weiterer KRITIS,
sowie Schaffung der gesetzlichen und technischen Möglichkeiten hierfür
Denn noch immer weiß keiner so recht, ob der ehrenamtliche Rettungssanitäter nicht zugleich zum Beispiel entscheidender Mitarbeiter in einem Energieunternehmen und auch noch Reservist der Bundeswehr ist – und wo er im Kriegs- oder Krisenfall zu finden ist.
@Metallkopf: In der Sache sind Ihre Aussagen weitgehend richtig, setzen aber genügend Personalpotential voraus. Also: Im „Heimatkriegsgebiet“ wird es einfach nicht genügend geeignete bzw. willige Leute geben, jedem nur eine einzige Rolle zuzuweisen. Dann müssen die Briefe für drei Tage liegenbleiben, wenn es brennt. Ich rede ja nicht von dauerhafter „Mehrfachverplanung“, sondern von verschiedenen Rollen und deren unterschiedlicher Ersetzbarkeit. Und Ausbildungszeiten von Personalersatz. Das ist die andere Seite des Problems: Wenn man einen Sachbearbeiter in der Verwaltung, der als ResOffz Kompaniechef ist, nicht für die Truppe freistellt, dann hat man nix verstanden. Denn eigentlich muss die zivile Verwaltung den Ersatz dieses zehn Jahre ausgebildeten ResOffz durch anderes Personal aus der Verwaltung frühzeitig vorbereiten. Mehrfachrollen eben. Priorisierungen. Wenn ich unsere heutige demographische Lage und Wehrwilligkeitslage sehr nüchtern betrachte und mit geschichtlichen Phasen in den letzten zweihundertfünfzig Jahren vergleiche, dann sind wir in Hinblick auf verfügbare personelle Potentiale vergleichbar im vierten Kriegsjahr. Das sieht man jetzt schon an Durchschnittsaltern, Anteilen von Frauen und vakanten Stellen. Ich schlage vor, dass wir die Debatte hier einfrieren und uns in einigen Jahren noch einmal austauschen. Ich setze gerne als Wetteinsatz eine Kiste Riesling von der Mosel.
Ich denke, dass wir alle hier uns auf eine Aussage einigen können. Personalmangel ist das größte Problem für die zivilen Rettungsdienste, Feuerwehr, THW und natürlich auch für die Bundeswehr. Dabei unterscheiden sich die Probleme eines Ballungszentrums wie Berlin, wo die Feuerwehr schon mal eine Leiterwagenbesatzung in den Einsatz zu einem gemeldeten Herzinfarkt geschickt hat, nicht von den Problemen des Flächenlandes Brandenburg, wo in aussterbenden Dörfern, die freiwilligen Wehren ebenfalls Probleme haben. Im Süden Brandenburgs gibt es Regionen wo die Notärtzte so knapp sind, dass Rettungssanitäter, unterstützt mit Telemedizin, deren Rolle übernehmen müssen.
Ich finde, wir brauchen keine fiktiven Szenarien um zu wissen, das die „Hütte brennt“. Ich finde, dass sich unsere Politik um real existierende Probleme kümmern sollte. Ich bin überzeugt davon, dass ein personell gut aufgestelltes ziviles Rettungs- und Katastrophenschutz System die Basis ist, die wir brauchen, um aktuelle und zukünftige Probleme bewältigen zu können.
Es gibt zur Zeit Bemühungen beispielsweise Nachwuchs für die Feuerwehren schon durch kombinierten Unterricht heranzubilden. Das sollte flächendeckend gemacht werden. Davon würde, in Verbindung mit der Wehrpflicht, auch der Sanitätsdienst der Bundeswehr und die ABC-Abwehr profitieren.
Vielleicht nutzt die zitierte Risikoanalyse zumindest einem Drehbuchschreiber als Vorlage für den nächsten Hollywood Blockbuster.
@Schlammstapfer: Sie sprechen die Notfallsanitäter + Telemedizinunterstützung durch den Notarzt in Bereichen von Brandenburg an. Dieses ist in der Offshore Wind-Industrie seit langem gelebte Praxis und funktioniert sehr gut. Hier hilft es natürlich, dass alle Menschen, die offshore beschäftigt werden, regelmäßig eine Ersthelferausbildung durchlaufen müssen.
Grundsätzlich wäre dies Prinzip „Notfallsan + Telemedizin“ für viele Bereiche außerhalb der Ballungszentren ein schnell und einfach umsetzbares Mittel. Gekoppelt mit der Fragestellung, ob das in einigen Regionen praktizierte Konzept der „First Responder“ flächendeckend ausgerollt werden könnte.
Wichtig wäre dann auch, dass wir uns von der Kleinstaaterei bei den Leitstellen verabschieden bis hin zur Einführung eines förderalen, für alle verbindlichen Standards. Damit wird die Redundanz defintiv erhöht.
@Flying Tiger: Netter Versuch des De-Railing. Wir reden hier vom Bevölkrerungsschutz und niicht vom Rettungsdienst im Allgemeinen und dessen vermeintlichen Problemen. Die Probleme liegen nicht (nur) bei ihm, sondern (vor allem) bei der ambulanten und der stationären Versorgung von (Notfall-)Patienten. Dies zu vertiefen, würde wiederum mich des Vorwurfes des De-Railings aussetzen … ;-)
Fakt ist: Mit der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 fielen nicht nur die ZDL-Plätze weg (die weder vom BFD noch vom FSJ aufgefangen werden konnten/können), sondern auch alle nach 8.1 und 8.2 Verpflichteten in den KatS-/ZS-Einheiten. Hier muss der Neue Wehrdienst ansetzen …
@Windlicht:
Sie haben’s doch (hoffentlich) im Kommentar vor Ihrem gelesen: Bummelig 30% fallen aufgrund Mehrfachverwendung im Ernstfall möglicherweise weg!
Das bedeutet nicht, dass ich den Verwaltungsmitarbeiter kategorisch nicht freistellen kann, wohl aber, dass ich ihn nicht für meinen Verwaltungsstab verplanen darf. Oder für Aufgaben, die im Fall der Fälle so eklatant wichtig sind, dass man einen erfahrenen und eingearbeiteten Mitarbeiter braucht, der handelt, statt eine Vertretung, die erstmal anfängt, das Handbuch zu lesen, nach dem Motto: „Wie ging denn das noch gleich?“.
Ganz gelinde gesprochen: Wenn ein Antragsteller in einem solchen Fall länger auf seine Baugenehmigung warten muss, weil der zuständige Sachbearbeiter und Reservist per Einberufungsbescheid aktiviert wurde, ist das verschmerzbar. Wenn die Feuerwehr aber im Ernstfall gelähmt ist, weil das passiert, ist das ein vermeidbarer, weil vorher erkenn- und auflösbarer Interessenskonflikt.
Nichts gegen das freiwillige Engagement. Aber es ist wohl nicht zu vermessen, von den Leuten zu erwarten, dass sie sich vielleicht auch auf eine Sache konzentrieren und nicht auf jeder Hochzeit mittanzen können. Genau, wie eine Gewinnung und Aktivierung von neuen Freiwilligen aus der bräsigen Masse wohl nur dann funktioniert, wenn nicht die paar 150% Engagierten alle Stellen besetzt halten.
Abgesehen davon ist das ja nur eine Baustelle. Die teils kafkaesken bürokratischen Prozesse innerhalb des Reservistenwesens kommen ja noch dazu!
Bei all der Kritik an den Mehrfachassignationen: Ohne die Leute dahinter, also diese Tausendsassas mit einem gewissem Helfersyndrom, würden uns wichtige Multiplikatoren und Schnittstellen verloren gehen.
Wenn man dieses Engagement verliert, könnte das auf mittlere Sicht schlimmere Lücken reißen, als ein paar im Ernstfall schwierige Priorisierungen.
@Jörn Fries: Mir ist nicht klar, woher das De-Railing kommen soll, können Sie dies bitte erläutern? Im Ernstfall wird primär die 110 & 112 gewählt werden und die Priorisierung der zivilen Verwundetenversorgung durch den Rettungsdienst vorgenommen werden müssen. Es wäre mir neu, dass wir im V-Fall hier eine komplett neue Struktur aufzuziehen werden (und können), Katastrophenschutz hin- oder her.
Natürlich ist das nur eine Facette – Krankenhäuser, Transport- bzw. Verlegekapazitäten allgemein etc. – aber eben die in erster Linie handelnde. Daher halte ich ein auf „modern und flexibel“ getrimmten Rettungsdienst wie oben geschrieben für den größten, am schnellsten und auch kostengünstigsten umzusetzenden Hebel in der Verbesserung des Zivilschutzes. Und einer, der auch in Friedenszeiten positive Effekte bringt.
@Flying Tiger vom 03.02.2026 um 13:49 Uhr:
Siehe aktuell hier: https://www.johanniter.de/juh/lv-nrw/aktuelles-aus-nrw/nachricht-detail/johanniter-stellen-der-bundeswehr-100-fahrzeuge-fuer-den-verwundetentransport-bereit-17811/, https://www.presseportal.de/pm/14240/6202628 sowie https://www.presseportal.de/pm/14240/6198834
Das erklärt hoffentlich Einiges. :-)