DroneWatch: Kamikaze-Drohnen von Renault
Angesichts der Probleme der europäischen Autoindustrie gibt es schon länger Überlegungen, ob ihre Produktionsstätten nicht für Rüstungsgüter genutzt werden können – aber das kommt dann doch ein bisschen überraschend: Der Fahrzeughersteller Renault wolle in zweien seiner französischen Werke, so berichten mehrere französische Medien, demnächst weitreichende Kampfdrohnen ähnlich den von Russland in der Ukraine eingesetzten iranischen Shahed-Drohnen produzieren.
Am ausführlichsten (ohne Paywall) ist das am (heutigen) Montag bei BFM Business via MSN nachzulesen:
Renault steigt in die Rüstungsindustrie ein: Der französische Automobilhersteller hat laut unseren Informationen, die die Angaben von L’Usine Nouvelle bestätigen, einen Vertrag mit der französischen Rüstungsbehörde DGA (Direction Générale de l’Armement) über die Herstellung von Militärdrohnen in seinen Werken in Le Mans (Sarthe) und Cléon (Seine-Maritime) unterzeichnet. (…)
Renault wird in seinem Werk in Le Mans, wo derzeit Fahrgestelle und Gussteile hergestellt werden, Militärdrohnen produzieren. Das Werk in Cléon in der Normandie wird nach unseren Informationen die Motoren für die Drohnen herstellen.
(übersetzt mit deepl.com)
Geplant ist nach diesen Angaben die Entwicklung und der Bau von fernsteuerbarer Langstreckenmunition (une munition téléopérée à longue portée), also Loitering Munition für lange Reichweiten. Dabei sei die Produktion von 600 Stück im Monat vorgesehen.
Wenn ich nichts übersehen habe, ist es die erste offizielle Mitteilung zum Bau von Waffensystemen durch einen europäischen Autohersteller. Aber vermutlich wird es nicht die letzte bleiben – und die Details der von Renault gefertigen Drohnen werden auch interessant.
Nach dem, was man in Usine Nouvelle lesen kann (bevor die Paywall zuschlägt), handelt es sich bei dem System um eine Langstreckendrohne, die für mehrere Zwecke gedacht ist (u.a. Aufklärung).
Dabei arbeitet Renault wohl mit einem Start-Up (Turgis & Gaillard) zusammen. Könnte funktionieren … mit Automobilwerken kenne ich mich aus. Ein Karosseriewerk kann auch andere Gebilde aus Metall produzieren als Fahrzeugkarosserien, und die Motoren sind anscheinend keine Strahltriebwerke, da sie im Renault-Motorenwerk Cléon hergestellt werden sollen.
Das Start-Up Turgis & Gaillard hat vor 3 Jahren eine Konkurrenz zum Reaper vorgestellt und kürzlich ein Langstrecken-Artillerieraketensystem. Beides dürfte aber mit dem nun bekanntgegebenen Renault-System nicht direkt zu tun haben (Aarok vom Turgis & Gaillard hat einen Turbinenantrieb, würde mich wundern wenn Renault den produzieren kann, ist ausserdem zu groß für den Zweck).
Bonne nouvelle.
CLIO mit Fernsteuerung und dem Kofferaum voller Sprengstoff…..
Hatte ich noch nicht überlegt, könnte aber klappen. ;-)
(SCNR)
Die Franzosen machen es uns vor. Zeitenwende vom Auto zur Drohne.
Stellt sich mir die Frage, ob wir in Deutschland ähnliche Projekte starten wollen. Und eine weitaus wichtigere, ob die Bundeswehr endlich auch mit solchen Systemen ausgerüstet werden soll.
Kleine Milchmädchenrechnung:
Laut ACEA haben wir in Europa 298 Fabriken der Automobilindustrie, 51 davon in Deutschland.
VDA gibt an, dass diese (zumindest in Deutschland) insgesamt etwa zu 2/3 ausgenutzt sind; da wird es in den anderen europäischen Ländern nicht grob anders aussehen.
Wenn man jetzt also in einem Werk im Mittel etwa 600 Drohnen fertigen würde und 1/3 der Kapazität der Autohersteller dafür eingesetzt wird, landet man monatlich bei 10 200 Drohnen in Deutschland bzw. 59 600 Drohnen für Europa.
Damit könnte man gegenüber Russland mit 5000+ Drohnen/Monat (gem. ISW) doch schon eine vernünftige Drohkulisse erzeugen und die Automobilhersteller könnten ihre Werke wieder vernünftig auslasten…
Besonders die hoch-automatisierten Werke für E-Autos, die ohnehin schwach ausgelastet sind, könnten da sicherlich einen großen Beitrag leisten.
@JabG35, ich fürchte ein ähnliches Projekt in D wird daran scheitern das es für die Drohne keine fertigen Pläne in der Schublade gibt die allen Befindlichkeiten gerecht werden.
@JabG35 @Oliver
Wir haben ausreichend deutsche Hersteller von Drohnen: Donaustahl, Helsing (hat gerade ein paar Herausforderungen in der KR), und einige andere kleinere. Auch bei UGV (landbasierte Systeme) sind wir ganz gut mit dabei.
Schließlich steigen auch Automobilhersteller ins Rüstungsgeschäft ein, bleiben aber regelmäßig in ihrem ihnen vertrauten Produktbereich bzw. erwägen auch, Werke abzugeben.
Beim Einstieg der Automobilindustrie geht es um zwei Dinge, erstens den Modellzyklus von 9 Monaten, also die Fähigkeit alle 9 Monate ein neues Modell auf den Markt zu bringen und zweitens um Massenproduktion. Man will zeigen, das auf einer Linie in einem Presswerk, mit einem Werkzeugsatz die Massenproduktion von MTO (=LMS) möglich ist. Mit jedem weiteren Werkzeugsatz kann die Produktion auf weiteren Linien nahezu unbegrenzt ausgeweitet werden. Was wir hier sehen ist eine Kleinserie. In Deutschland ließe man das bei einem spezialisierten Zulieferer machen. Pressen sind auch in Deutschland ausreichend vorhanden. Mit den entsprechenden Formen ist auch in Deutschland eine Massenproduktion möglich.
Spannender ist die angestrebte hohe Reichweite. Das dürfte dann so was wie die Geran 5 sein. Ein Airframe, der sich komplett unterscheidet von der klassischen DAR Form. Vermutlich dann auch mit einem Schubtriebwerk statt billigen Kolbenmotoren. Ich wüsste jetzt nicht, wer in Frankreich in der Lage ist massenhaft kleine günstige Kolbenmotoren zu bauen
Wenn man will, geht vieles. Das Problem in Deutschland ist der fehlende Entschluss. Im Ansprechen sind wir früher mal gut gewesen. Im Beurteilen sind wir Weltmeister, besonders an den Gerät*innen zu Hause. Aber das Folgern und Entschließen…
Oder wie ein weitestgehend aus Thunfisch bestehender südhessischer Bodybuilder sagen würde: „Des bedarfs!“
@Metallkopf
Es geht um Skalierbarkeit, d.h. bei Bedarf der schnelle Übergang zur Massenproduktion, ggf. dezentral organisiert. Derzeit besteht für eine große Anzahl dieser Drohnen bei der Bw schlicht kein Bedarf, die dann wohl nur auf Halde liegen und dann schnell veralten würden.
Wichtig ist die Sicherstellung der Lieferketten im und für den Fall der Fälle, insbesondere im Bereich Elektronik und Sensorik.
@Thomas Melber:
Wieso denn Bundeswehr? Wir schicken die Dinger der Ukraine. Die kann sie unmittelbar viel besser brauchen.
Wir könnten ganz wunderbar leichte Marschflugkörper produzieren, zu zigtausenden jeden Monat.
Destinus hat vor 2 Wochen den Ruta Block2 vorgestellt.
Reichweite von über 450 km und maximal 250 kg Nutzlast.
Angetrieben wird das Ding vom hauseigenen T150 Turbojet-Triebwerk mit 1,5 kN.
Das ist ein europäisches Produkt.
Wenn man will, kann man davon halt tausende pro Monat als Abnahmemenge festlegen und dann kommt die Industrie auch mal in die Gänge.
Dann werden statt Turboladern für Dieselmotoren halt mal Turbojet-Triebwerke gebaut.
Beim Navigationssystem wird dann halt regelmäßig aufgefrischt.
Ändert man das Design so ab, dass der Gefechtskopf erst vor dem Start eingesetzt wird, ist die Produktion in jedem Automobilwerk möglich.
Stattdessen liest man, das Rheinmetall, eventuell, möglicherweise, irgendwann, irgendwie, Barracuda-M von Anduril aus den USA in Lizenz bauen will.