Schwieriger Lesestoff (auch für mich): Die neue Friedensethik der Evangelischen Kirche
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat eine neue Friedensdenkschrift als Leitlinie einer – offenkundig ebenso neuen – Haltung zur Friedensethik vorgelegt. Gerechten Frieden schaffen in unruhigen Zeiten ist das 150 Seiten umfassende Papier überschrieben. Und manche der Aussagen dürften harter Stoff vor allem für die sein, die von den christlichen Kirchen eine Absage an alles Militärische erwarten.
Dem am (heutigen) Montag auf der EKD-Synode in Dresden veröffentlichten Papier ist eine Kurzfassung vorangestellt, sozusagen das executive summary. Und schon das hat es in sich.
So dürfte die Überschrift des ersten Punktes dieser Zusammenfassung im christlichen Umfeld unstrittig sein: Angesichts der Grausamkeit von Tod, Vergewaltigung, Verletzung und Traumatisierung durch bewaffnete Konflikte muss der Schutz vor Gewalt im Zentrum der Bemühungen von Politik, Zivilgesellschaft und Kirche stehen, heißt es zu Beginn. Weiter ausbuchstabiert lässt sich der absehbare Streit über die Bedeutung aber schon ahnen: In Verteidigung muss
investiert werden, denn sie dient dem Schutz von Menschen,
Rechten und öffentlicher Ordnung. So wichtig dieser Schutz-
auftrag ist, so sehr bedarf es des richtigen Augenmaßes beim
Ausbau der militärischen Kapazitäten.
Die Bedeutung Hybrider Kriegführung, differenzierter Präventionsstrategien gegen Terrorismus oder die Forderung Politisches Handeln muss einer Herrschaft des Rechts statt der Macht des Stärkeren dienen dürften wiederum Konsens sein. Doch mit der Aussage Klimagerechtigkeit ist integraler Bestandteil der Friedenspolitik droht bereits wieder Zoff in der deutschen Debatte, denn die Bedeutung der Daseinsvorsorge auch und gerade im Bezug auf den Klimawandel wird längst nicht gesamtgesellschaftlich geteilt.
Extrem gewöhnungsbedürftig für alle, die in der Vergangenheit die Friedensethik der Evangelischen Kirche beobachtet haben, ist die Position zur Atomwaffen:
Ethisch ist die Ächtung von Atomwaffen aufgrund ihres ver-
heerenden Potenzials geboten. Der Besitz von Nuklearwaffen
kann aber angesichts der weltpolitischen Verteilung dieser
Waffen trotzdem politisch notwendig sein, weil der Verzicht
eine schwerwiegende Bedrohungslage für einzelne Staaten
bedeuten könnte. Dies führt in ein Dilemma: Egal welche Op-
tion gewählt wird, die Verantwortlichen machen sich schuldig.
Das wird für viele ein Punkt sein, an der sie ihrer Kirche kaum noch folgen wollen, und vermutlich eine der Aussagen, die am heftigsten diskutiert werden dürfen. Heftige Debatten, wenn auch aus anderen Gründen, wird es bei der Forderung geben
In der Frage einer allgemeinen Dienstpflicht – etwa in Form
eines sozialen, zivilen Friedensdienstes oder eines alternati-
ven Militärdiensts – regt die Denkschrift eine gesellschaftliche
Debatte an. In einer zunehmend individualisierten Gesellschaft
wird neu zu bedenken sein, wie gemeinschaftliche Verantwor-
tung für Schutz, Versorgung und soziale Kohäsion organisiert
werden können.
– denn schon am Begriff alternativer Militärdienst werden sich die Geister scheiden.
Die ganze Denkschrift zum Download und Nachlesen hier – und in den Details muss ich auch erstmal lesen.
(Dringende Bitte, die Diskussion sachlich zu führen. Ich ahne nämlich schon einige absehbare Aussagen. Danke.)
Angesichts der von Ihnen gewählten Überschrift schwante mir schon wieder Übles (ähnlich einiger Aussagen aus der Käßmann-Ära), jedoch bin ich ehrlich überrascht. Es scheint, als habe man wirklich mit sich gerungen und letztlich eine der Zeit angemessenel, ethische Betrachtung gefunden. Völlig ohne Ironie: Respekt!
Erstaunlich differenziert. So schlimm sind die Aussagen nicht, eher realistisch, hätte ich nicht erwartet.
Ich glaube das es ohne eine Wehrpflicht oder Dienstpflicht nicht gehen wird. Anders wird die benötigte Manpower nicht zusammenkommen.
Auf den ersten Blick ist das Dokument weit besser geworden als erwartet. Noch besser wäre es gewesen, wenn die Autoren u.a. Augustinus und Reinhold Niebuhr als Vordenker des christlichen Realismus auch namentlich erwähnt hätten, da sie ja offensichtlich an deren Gedanken anknüpfen.
Während die Positionen der Kirchen zu sicherheitspolitischen und militärischen Fragen für die breitere Gesellschaft irrelevant geworden sind, sollten sich christliche Soldaten bereits tiefer mit der Ethik ihres Standes befasst haben, so dass sie im Dokument wenig Neues finden werden. Positiv ist aber in jedem Fall, dass die Perspektive der Amtskirche nun auch den erwähnten christlichen Realismus wieder mit einschließt, der zumindest in Deutschland lange nur im Untergrund wirkte, und dass manche gesinnungsethische Verirrung der Vergangenheit nun überwunden zu sein scheint.
Allerdings sieht man, dass die Autoren mit der Berufung des Soldaten fremdeln, da sie diese ausschließlich aus der Außenperspektive betrachten. Aus der Innenperspektive müsste ein solches Dokument die Frage beantworten, wie das christliche Idealbild des kriegstauglichen Soldaten aussieht. Hier findet man bei kriegserfahrenen Vätern der Inneren Führung wie Wolf Graf von Baudissin mehr tragfähige Impulse als in der Schrift der EKD.
Kurz gesagt: Die Lutherische Kirche kehrt zu Lutherischer Ethik zurück.
Überraschend aber begrüßenswert.
Ich schließe mich an – Respekt! Christliche Werte bedeuten eben nicht, Untaten hinzunehmen und Täter gewähren zu lassen. Der Schutz des Opfers und die Abwendung eines Krieges fällt ebenso in die Pflicht eines Christen wie das Hinterfragen von Macht(missbrauch) und Ungerechtigkeit.
Die allermeisten anderen Christen in meinem Bekanntenkreis sehen das ebenfalls so. Und nur weil sie es sich nicht immer leicht machen, sollte man die Kirchen bitte nicht pauschal in die Ecke der Naivität stellen.
Christen verteidigen Werte, Freiheit, Opfer von Aggression – und insbesondere unser Land. Und Abschreckung ist allemal besser als Krieg.
Wo bekomme ich die neue Friedens-Ethik? Download? EBook opensource?
[Wie wäre es, einfach den Link oben im Text zu benutzen? T.W.]
Hoffen wir, dass das Pendel einigermaßen mittig bleibt. Kirchenmänner, die Waffen einsegnen oder irgendwelche politischen Ansprüche übernatürlich begründen, wären mir nämlich genauso suspekt wie weltfremde Prediger, die von der Kanzel verkünden, dass das Lamm beim Löwen liegt.
Insofern, ich hatte weniger erwartet und bin positiv überrascht, diesen durchaus respektablen Positionsansatz zu sehen. Darüber lässt sich auf Augenhöhe diskutieren.
Anscheinend ist auch der Kirche nicht entgangen, was in der Welt so passiert, wenn die letzten Reste regelbasierter Ordnung sich verabschieden.
Die Position der evangelischen Kirche vorher war mir nicht vollständig in Erinnerung.
Der Punkt unten zum Thema Atomwaffen ist meiner Meinung nach völlig nachvollziehbar.
Aus Sicht der Ethiker und auch der Philosophen völlig abzulehnen
Aus politischer Sicht mit Hintergrund der aktuellen Lage kann man das anders sehen.
Auf das Dilemma der Verquickung beider Ansichten wird auch hingewiesen.
Interessant wäre die Position der Kirche zum Thema „Atomwaffen in Büchel“. Da gab es ja öfter Demos vor den Toren.
Wobei der Standort ja derzeit umgebaut wird. Die Tornados sind jetzt in Nörvenich. Ein US-Spezialwachkommando gibt es dort aktuell nicht, also auch keine Atomwaffen. Vermutlich deutschlandweit…
„…Extrem gewöhnungsbedürftig für alle, die in der Vergangenheit die Friedensethik der Evangelischen Kirche beobachtet haben, ist die Position zur Atomwaffen:
***
Ethisch ist die Ächtung von Atomwaffen aufgrund ihres ver-
heerenden Potenzials geboten. Der Besitz von Nuklearwaffen
kann aber angesichts der weltpolitischen Verteilung dieser
Waffen trotzdem politisch notwendig sein, weil der Verzicht
eine schwerwiegende Bedrohungslage für einzelne Staaten
bedeuten könnte. Dies führt in ein Dilemma: Egal welche Op-
tion gewählt wird, die Verantwortlichen machen sich schuldig.
***
Das wird für viele ein Punkt sein, an der sie ihrer Kirche kaum noch folgen wollen, und vermutlich eine der Aussagen, die am heftigsten diskutiert werden dürfen. Heftige Debatten, wenn auch aus anderen Gründen, wird es bei der Forderung geben…“
GOTT MIT UNS… war das alte Preußen Moto und der Schlachtruf der Kreuzritter war GOTT WILL ES.
Kirche ist immer der Fahne gefolgt. Vielleicht hat man auch in den Kirchenkreisen mittlerweile erkannt das Russland einen Kulturkampf führt und die Orthodoxe Kirche da ein elementarer Teil von ist… wo Putin siegt gibt es nur noch Platz für eine einzige Kirche und deren Patriarch sitzt in Moskau.
Die Kirche hat also auch erkannt das die Bundeswehr auch ihre Freiheit und Existenz verteidigt… schließlich beenden nicht wenige Soldaten ihren Eid mit den Worten… SO WAHR MIR GOTT HELFE.
tl;dr
Also das ev. Fazit zur Dienstpflicht: „Schön isses nicht, aber wohl notwendig.“
Die Feinschmecker dürfen das jetzt noch dreimal ethisch in Moralin-Marinade wälzen, damit sich alle „mitgenommen“ fühlen, es ändert indessen nichts an den Realitäten.
In der Volltextsuche war direkt nichts mehr unter dem Begriff des „alternativen Militärdienstes“ zu finden. Außer, es ist hiermit missverständlich eine weitere Alternative _zum_ Militärdienst gemeint.
Auch einen Blick wert:
„GOTT MIT UNS… war das alte Preußen Moto und der Schlachtruf der Kreuzritter war GOTT WILL ES.“
Aber gerade auf die sollte sich bitte nicht mehr bezogen werden, denn da ging es nicht um Verteidigung, sondern ANGRIFF und Eroberung.
Der wahre Glauben siegt und so. Glaube an Gott und Glaube an Imperium und Gottgesalbten Herrscher sind dann eins. Trump (und Putin) würde sich sicher gerne salben lassen, aber deswegen müssen wir das ja nicht mitspielen. Ich bin kein Christ (mehr), aber der Jesus aus der Bibel hatte soweit ich weiß jedenfalls mit Imperien nichts am Hut. „Mein Königreich ist nicht von dieser Welt“.
Insofern begrüße ich den pragmatismus des Dokuments. Und Waffensegnungen würden mich auch nicht stören – wenn das gemeinsame Ziel bleibt, die Pluralität unserer Demokratie zu verteidigen.
@Küstengang01
Der Satz „Kirche ist immer der Fahne gefolgt“ ist nicht korrekt. Die Erinnerung daran ist vielfach verloren gegangen, aber mehr als tausend Jahre lang spielte entlang des Rheins die Verehrung der Märtyrer der nur in Legenden überlieferten Thebäischen Legion eine wichtige Rolle, die eben nicht der Fahne folgten, als Unrecht von ihnen verlangt wurde. Fast alle Soldatenheiligen der katholischen Kirchengeschichte (im Protestantismus gibt es ja keine Heiligenverehrung) werden deshalb als solche verehrt, weil sie im entscheidenden Moment dem Staat den Gehorsam verweigerten. Es gibt nur eine einzige Ausnahme: Johanna von Orleans, aber die folgte auch nicht der Fahne, sondern die Fahne folgte ihr.
„…In einer zunehmend individualisierten Gesellschaft wird neu zu bedenken sein, wie gemeinschaftliche Verantwortung für Schutz, Versorgung und soziale Kohäsion organisiert werden können. …“
Notiz: Die Kirche denkt im Zusammenhang mit einem möglichen Dienst die soziale Kohäsion der Gesellschaft von vorneherein mit. Dieser Ansatz würde in diesem Blog, stärker noch anderswo zu deutlich, ja emotional ablehnenden Reaktionen führen.
In einer Welt voller Gewalt wäre auch christlicher Pazifismus glatter Selbstmord.
Der Russe steht vor der Tür…
„In der Frage einer allgemeinen Dienstpflicht – etwa in Form eines sozialen, zivilen Friedensdienstes oder eines (alternativen) Militärdiensts (..)“
Ich finde den Satz insofern interessant, dass sich (ich habe alternativ mal geklammert, und dadurch die Optionalität) die Kirche für ein Dienstjahr ausspricht, und in dieser/meinen Lesart einen „Friedensdienst“ als Ziel darstellt. Alternativ, „wenn es denn sein muss“, auch die Option eines Militärdienstes.
Die Formulierung ist natürlich vielfach interpretierbar, so das man sich fragen kann, was ein „Alternativer Militärdienst“ im Unterschied zum Militärdienst sei, statt der Alternative zum Friedensdienst.
Ich begrüße den Text sehr.
Ein paar allgemeine Bemerkungen für die historisch/systematisch Interessierten.
Das Christentum ist unter Okkupation in einer Weltgegend entstanden, die sich gegen Rom gewehrt hat. Diese sollte dann zur Strafe in die Assimilation gezwungen werden (am Ende wird das ganze Land Palästina genannt).
Entsprechend sind die Passagen der Heiligen Schrift zu lesen, die gern für pazifistisch, weltfremd oder politikunfähig erklärt werden. Was mit solchen Urteilen dann gänzlich nicht erklärlich ist: dass diese Religion jenes Imperium letztlich umgedreht hat.
Solche Passagen (andere Wange) gehen von einer strukturellen Machtasymmetrie aus und spielen lieber das long game. Darum ist das Christentum auch so „ertragreich“ in Unterdrückungssituationen und dann, wenn man langfristig Frieden in einem Land haben will. Die Entfeindungsstrategien sind sozusagen das Proprium der linke Seite des Protestantismus. In gegenwärtigeEthik transformiert ergibt sich daraus die Kritik der Kirchen am Imperialismus, die natürlich gerade im kalten Krieg angebracht war. Darin hatte dieser Teil des Protestantismus eine wichtige Rolle.
Letztlich geht Jesus aber als Nachfahre der wahren Könige des Landes nach Jerusalem, um sich mit seinem Körper zwischen sein Volk und und dessen Gegner zu stellen. Er geht den Sturm nicht aus dem Weg.
Darin liegt eine theologische Dimension, die das Rittertum möglich und den Soldatenberuf zugänglich macht. Insofern würde ich die christlichen Kirchen und ihre Theologien in beiden Spielarten nicht unterschätzen. Beides hat seinen Platz und seine Zeit.
Ps.
Böckenförde hat mal gesagt, der Staat ruht auf Bedingungen, die er nicht schaffen kann. Damit meinte er die Kirchen. Dass die Demokratie und die Kirchen gerade gleichzeitig in Schwierigkeiten sind, sollte einem zu denken geben.
Es geht um die evangelische Kirche in Deutschland. Die ja ihre heutige purpurne Kreuzfahne in den 20ern einführte um nicht den „republikanischen Fetzen“ Schwarz Rot Gold hissen zu müssen.
Bis dahin wehten vor den Kirchen die Fahnen der Landesherren des jeweiligen Bundeslandes des deutschen Reiches, deren Herrscher Schirmherr der evangelischen Kirche war, auch wenn er selbst katholischen Glaubens war.
Die evangelische Kirche zeichnete sich mit löblichen Ausnahmen wie Bonhoeffer oder Niemöller immer durch arge Systemtreue aus. Ein Grund für den „Atheismus“ in den östlichen Bundesländern ist auch die Tatsache, dass die EKD immer treu zur SED stand.
Ein erfreulich realitätsnahes Dokument, wenn sich dies so fortsetzt. Ich kann schwer sagen, welchen Effekt das haben wird, schon allein weil ich Atheist bin, aber wenn es selbst nur einen einzigen überzeugt, der vorher anders gedacht hätte, dann ist das bereits ein wertvoller Erfolg.
Man kann da an sich nichts erstaunliches dran finden.
Im Grunde hat jeder Wähler auch die Kernwaffen seiner Regierung oder des mit seiner Regierung verbundenen Bündnissystems IMMER mit abgsegnet.
Außerdem dürfte ein glaubensstarker Mensch keine größeren Probleme damit haben, auch an die „Nukleare Abschreckung“ zu glauben. Nachdem das Vertrauen an deren Wirksamkeit ebenfalls eine reine Glaubensfrage ist. Wissen könnte man was andres – nämlich dass die Nukleare Abschreckung eine Todsichere Sache ist.
„Ich glaub, sie funktioniert, und falls sie versagt, dann wird es wohl auch Gottes Wille gewesen sein“.
Ein wirklich gläubiger Mensch kann eigentlich sowieso keine unliebsamen Ueberrraschungen mehr „erleben“.
Ein feste Burg etc., und wenn gar der Rrusse vor der Thür steht, wie ein Vorredner ebenfalls glaubt ? Was solls.
@JCR: Der letzte Satz verkürzt die geschichtliche Realität sehr stark.
Im Sinne des Hausherren möchte ich keine Abhandlung schreiben, nur drei Stichpunkte:
1. Säkularisierung ist in Mitteleuropa seit etwa 1920 zu beobachten
2. Kontinuierliche atheistische Diktaturen über 55 Jahre (1933-1945 =2 Generationen) zeigen Ergebnisse.
3. Die Kirchen waren 1989 (mit Vorlauf ab 1979) Kristallisationspunkte für die Wende.
Also Kirche sollte doch eher eine Utopie von Pazifismus propagieren anstatt Realpolitik zu verfassen. Dafür ist Sie doch da!? Oder hat Jesus sich anstatt kreuzigen zu lassen mit Atomwaffen gedroht!?
@McPotter
Politische Utopien haben in der Geschichte mehr als genug Schaden angerichtet. Die Kirche soll weder solche politische Ideologien verbreiten noch Politik machen, sondern ist eine Gemeinschaft von Menschen, die christliche Glaubensvorstellungen für wahr halten, und die diese u.a. durch Dienst am Nächsten gemäß ihrer individuellen Berufung in ihrem Leben verwirklichen wollen. Wo Staaten auf Angriffskriege verzichten und militärische Gewaltanwendung an das Naturrecht (zu dem die Menschenrechte gehören) binden, kann der Dienst als Soldat eine solche Berufung sein. Diese ist aber immer mit besonderen seelischen Risiken verbunden, weshalb hier besondere Vorsicht geboten ist, denn wer hier nicht aufpasst, kann zum Mörder werden. Wer in dieser Berufung aber richtig handelt, wird zum Beschützer seiner Mitmenschen. Das ist kurz gefasst sowohl die katholische als auch die protestantische Position zum Dienst als Soldat, die in der Kirche immer wieder gegen politische Einflussnahme und das Wirken verschiedenster Ideologien verteidigt werden musste. Dem EKD-Text gelingt das m.E. besser als z.B. Papst Franziskus, der in seinem Denken (etwa in seinem Text „Fratelli Tutti“) in den pazifistischen Utopien der 60er und 70er Jahr verharrte und auch deshalb sichtbar Schwierigkeiten damit hatte, die damalige und die heutige sicherheitspolitische Lage zu verstehen.
Ist bekannt, ob die Veröffentlichung auf den 70. Geburtstag der Bundeswehr hin koordiniert war? Seit 2022 ist mir in etlichen Gesprächen in der Evangelischen Kirche der sich langsam anbahnende Richtungswechsel aufgefallen. Plötzlich ernsthafte Gespräche mit Theologen und Laien in der Kirche, für die früher jeder Soldat entweder „Narr oder Nazi“ sein musste. Man hörte dieses „Zugehen auf die Realitiät“ aus verschiedenen Gemeinden und Gremien. Und gleichzeitig eine Art trotziger Rückzug des linken und sehr pazifistischen Flügels in der EKD auf die öffentlichen Höhepunkte wie Kirchentage oder Veranstaltungen zur reinen Selbstvergewisserung, z.B. Auftritte von Margot Käßmann, die ja noch 2023 Waffenlieferung an die Ukraine lautstark ablehnte. Und von ihren Fans dafür bei einer öffentlichen Veranstaltung bejubelt wurde – während der Rest des Saals betroffen schwieg, wie ich miterleben durfte. Es wird sich zeigen, ob mit dem nun offiziellen (teilweisen) Richtungswechsel die Diskussion voll ausbricht. Ich werde mir die Denkschrift am Wochenende mal komplett gönnen…
„alternativer Militärdienst“ weckt bei mir als ostdeutsch-sozialisierten unweigerlich Assoziationen zu den Bausoldaten in der DDR.
Das wäre mMn sogar ein halbwegs realistischer Ansatz als Alternative zum Dienst an der Waffe. Unsere Infrastruktur hätte es dringend nötig. Das Bild, dass Männer in Flecktarn dann beispielsweise mit Kaltasphalt Schlaglöcher flicken wäre allerdings vermutlich für viele Menschen befremdlich.
Mc Potter Monotheistisch ist in Gott selbst ist keine Gewalt denkbar. Pagan ist das natürlich so (Zeus und Konsorten). Das Christentum hat natürlich in gewisser Weise eine Utopie zu vertreten: das Leben wechselseitiger Vergebung aus der Liturgie heraus. Und manche müssen dieses Leben in Gott auch spiegeln, sonst gibt es die Kirche nicht wirklich. Sonst ragt die Ewigkeit sozusagen nicht in die Zeit hinein. Insofern good point.
Was ihnen aber vor schwebt, ist diesen Aspekt auch auf das Christentum an sich zu übertragen, Diese „Monastifizierung des Alltags“ ist oben auch schon angeklungen im Berufsverständnis, das evangelisch auf Berufung zielt. Bei Dostojewski ist das in gewisser Hinsicht auch schön zu sehen. Aber der pazifistische Wunsch, sich nicht mit Krieg beschäftigen zu müssen, ist klerikal. Er vermag eigentlich nicht wirklich außerhalb der Klostermauern zu denken, vermag letztlich nicht wirklich zu verstehen, wie man als „Laie“ Christ sein kann. Die Theologie der Ritterlichkeit weiß das: wenn klerikaler Pazifismus letztlich das höchste Gut sein sollte, dann wäre ein gerechter Krieg eine Gefährdung der eigenen Erlösung. Wenn es aber so etwas wie gerechte Kriege gibt, sind sie auch innerhalb der Vorsehung denkbar. Sie nicht zu denken würde dann bedeuten, der Gerechtigkeit und Gnade Gottes nicht recht nachzudenken. So insinuiert das Eschenbach mehr oder minder schon in seinem Parzival. Zudem ist das bloße Zuschauen in sich gewaltvoll, wie wir im Moment deutlich merken, wenn wir ehrlich sind. Genau das lässt uns ja vor solchen Positionen wie Käßmanns zurückscheuen. Mann kommt also als Pazifist nicht raus aus den Schwierigkeiten. Einfach zu sagen, ich wehre mich nicht, begreift nicht, dass alles Gute auf dieser Erde endlich und damit auch gefährdet ist.
Ich werde es mal in Ruhe lesen, Beste Grüße
@ Eli
> Monotheistisch ist in Gott selbst keine Gewalt denkbar.
Diese gesetzte Prämisse beruht auf einer übernommenen Doktrin, nicht aber auf denkbarem Denken. Daraus resultieren in der Folge Fehlschlüsse. Letztlich schaffen Kirchen Konstrukt-Angebote zum Zweck der eigenen Daseinsrechtfertigung und zur Ausweitung von Macht über intellektuell Unterlegene, die Mängel im Denken nicht erkennen oder bereitwillig darüber hinwegsehen.
Ein Staat ist nur so lange bereit, eine mentale Bewirtschaftung seiner Bürger durch Kirchen zuzulassen, solange es in seinem Interesse ist. Das Patriarchat von Moskau und der ganzen Rus (Russisch-Orthodoxe Kirche) bewirtschaftet im Übrigen seine „Gläubigen“ völlig anders, obwohl sie das monotheistische Konstrukt auch mit der Evangelischen Kirche teilt, und deren Ewigkeit mit unserer Zeit.
„Ein Staat ist nur so lange bereit, eine mentale Bewirtschaftung seiner Bürger durch Kirchen zuzulassen, solange es in seinem Interesse ist.“ Alle Daumen hoch.
In Deutschland blieb dann am 31. Mai 1934 nur noch die Barmer Theologische Erklärung übrig,.
Das Volk sollte zu „Deutschen Christen“ mutieren.
Du folgst einem jüdischen Rabbi
sage ich ganz gerne den Mitchristen und
„Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“
Das Reich der EKD aber ist elend verweltlicht worden.