Verteidigungsministerium nimmt weitere Standortschließungen zurück (m. Nachtrag)

Verteidigungsministerium und Bundeswehr rücken weiter von den im Stationierungskonzept 2011 verkündeten Schließungen von Bundeswehr-Standorten und -Liegenschaften ab. Das Ministerium nannte erneut Standorte und Einrichtungen, die dauerhaft oder vorerst erhalten bleiben sollen – am prominesten: Der Flugplatz Hohn in Schleswig-Holstein, der nun auch offiziell nicht geschlossen werden soll.

Der damalige Verteidigungsminister Thomas de Maizière hatte im Oktober 2011 ein neues Stationierungskonzept mit umfangreichen Schließungen gebilligt. Offiziell gilt das immer noch und wird, so die Sprachregelung, nur überprüft und angepasst – tatsächlich sind in mehreren Runden etliche der damals beschlossenen Stationierungsentscheidungen zurückgenommen worden; teilweise wurden sie zur weiteren Überprüfung zurückgestellt.

Die Rahmenbedingungen haben sich geändert, begründete das Ministerium die weiteren Neuentscheidungen. Zudem wachse die Bundeswehr weiter. Deshalb war bereits im Mai 2018 die Liste mit den zur Schließung anstehenden Standorten überarbeitet worden; im Januar 2019 kündigte das Ministerium an, teilweise bereits aufgegebene Depots für Material und Munition zu reaktivieren.

Die zwei auffälligsten Veränderungen gab es nach den am (heutigen) Dienstag bekannt gegebenen Entscheidungen im nördlichsten Bundesland: Der Flugplatz Hohn war in der Liste im Mai 2018 noch zur Ausphasung voraussichtlich 2022, abhängig von Ausphasung Transall vorgemerkt. Jetzt soll diese Einrichtung dauerhaft erhalten bleiben: So wird die Liegenschaft „Flugplatz Hohn“ in Schleswig-Holstein dauerhaft für die Zwecke der Bundeswehr weitergenutzt, heißt es in der Mitteilung des Ministeriums. Das hatte sich schon Anfang dieses Jahres abgezeichnet; allerdings ist nach derzeitigem stand nicht beabsichtigt, dort nach dem Abschied von der Transall neue Flugzeuge zu stationieren. Der Standort soll als Ausweichflughafen zum Beispiel während Bauarbeiten auf anderen Flugplätzen dienen.

Bereits laufende Baumaßnahmen wirken sich  auf die andere Neu-Entscheidung für Schleswig Holstein aus: Die Meierwik-Kaserne in Glücksburg bei Flensburg, also vor allem das das verbunkerte Maritime Operations Center der Marine, bleibt vorläufig in Betrieb. 2018 war dieser Standort noch für eine Schließung spätestens 2022, abhängig von Fertigstellungen der Baumaßnahmen in Rostock vorgesehen – inzwischen heißt es: Verschieben des Schließungszeitpunktes auf voraussichtlich 2025 in Abhängigkeit des Fortschritts eines Rüstungsprojekts der Bundeswehr in Rostock. Bei der Fertigstellung der neuen Operationszentrale am Standort des Marinekommandos gibt es ganz offensichtlich technische Probleme.

Weitere Entscheidungen zu Stationierungen und Standortschließungen aus der aktuellen Mitteilung im Überblick:

• Die in Rostock stationierten Tender Elbe und Donau werden nach Kiel verlegt – damit sollen in Kiel ab voraussichtlich 2021 Synergieeffekte durch die Zusammenziehung des Unterstützungsgeschwaders erreicht werden. Und in Rostock gibt es langfristig mehr Platz für die im Bau befindlichen weiteren fünf Korvetten.

• Am Standort Burg bei Magdeburg, bereits Stationierungsort des Logistikbataillons 171, wird der Stab des neuen Logistikregiments 1 mit Stabskompanie aufgestellt. Damit soll die Streitkräftebasis ein bislang nicht vorhandenes, logistisches Führungselement auf Regimentsebene erhalten, um einsatzgleiche Verpflichtungen der Bundeswehr ab 2023 besser erfüllen zu können.  Die Logistikbataillone 161 und 163 in Delmenhorst, das Logistikbataillon 171 in Burg und das Logistikbataillon 172 in Beelitz  werden dem neuen Regiment unterstellt.

• In Strausberg östlich von Berlin, bereits Sitz unter anderem des Kommandos Heer, wird in der Barnim-Kaserne das neue teilaktive ABC-Abwehrregiment 1 aufgestellt. Die Streitkräftebasis könne damit  die ABC-Abwehrfähigkeit im östlichen Teil Deutschlands erhöhen.

• Natürlich wirkt sich auch der Dauerbrenner neuer Berliner Hauptstadtflughafen weiterhin auf die Bundeswehrplanungen aus: Aufgrund der Abhängigkeit der vollständigen Verlegung der Flugbereitschaft BMVg von den Hauptbaumaßnahmen am neuen Regierungsflughafen BER wird der Schließungszeitpunkt auf voraussichtlich 2029 verschoben. Gemäß derzeitiger Planungen verbleibt die Hubschrauberstaffel der Flugbereitschaft BMVg zunächst im militärischen Teil des „Flughafen Tegel“. (Das könnte der ja der Teil sein, der noch am häufigsten überarbeitet werden muss…)

Die gesamte Übersicht, wie oben verlinkt, auf der Webseite des Verteidigungsministeriums. Und vorsorglich auch noch mal hier:
20191210_Bundeswehr_Stationierungsentscheidungen

Nachtrag: Eine aktualisierte Liste der Schließungsentscheidungen, nach Bundesländern geordnet, gibt es jetzt hier auf der Bundeswehr-Webseite und vorsorglich hier:
20190620_Schliessung_Liegenschaften_Bundeswehr

(Archivbild Juni 2016: Transall C-160 startet am Tag der Bundeswehr 2016 in Hohn – Stefan Petersen/Bundeswehr)

19 Gedanken zu „Verteidigungsministerium nimmt weitere Standortschließungen zurück (m. Nachtrag)

  1. Der weitere Betrieb von hohn ist eine gute Nachricht, auch wenn Flugzeugstationierungen wünschenswert wären.

    Es hat ja lange gedauert bis die Bw gemerkt hat, dass sie keine ABC-Truppen in Ostdeutschland hat und damit auch keine zum Schutz der Hauptstadt. Ist denn bekannt, wie viele aktive Kompanien das teilaktive Regiment bekommen soll?

  2. Interessant…im Intranet-Tagesbefehl kommt das Wort „teilaktiv“ nicht vor. In der Pressemitteilung hingegen schon. Da hat sich wohl irgendwo der Fehlerteufel eingeschlichen.

    [Ich habe mal nachgeforscht: Teilaktiv stimmt, hat wohl was mit einer geplanten Umstrukturierung der ABC-Abwehrtruppe zu tun, und warum es im Tagesbefehl nicht steht, ist derzeit nicht so recht zu klären… T.W.]

  3. … das verbunkerte „Maritime Operations Center“ bleibt, vorläufig.
    Späte Einsicht?
    Bedrohungsfremde oberirdische Neubauten in Rostock/Warnemünde/Hohe Düne, spätestens seit 2014 doch hoffentlich als solche erkannt, besonders wenn geschützte Bauten bestehen, wenn auch Glücksburg in SH liegt.

  4. Das das MOC in Glücksburg noch länger in Dienst bleiben wird, ist ja ein offenes Geheimnis. Als sogenannter Fleet-Entry-Point ist es eben auch die Kommunikations-Schnittstelle von der Flotte (weltweit) in See an Land. Das ist eben nicht trivial und für die Marine von elementarer Bedeutung. Und solange dieses nicht in Rostock verlässlich abgebildet werden kann, wird es eben das MOC in Glücksburg weiter geben.
    Durchaus denkbar dieses bewährte MOC auch dauerhaft zu halten, wenn man bedenkt, dass DEU der NATO ein Martime Componet Command als martime Führungsstelle angeboten hat. In Rostock liegt zwar das Marinekommando, aber operative Führung kann auch weiterhin aus Glücksburg kommen.
    Ein verbunkertes MOC ist sicherlich nicht mehr zwingend notwendig, wenn man es aber hat, wäre es sehr wertvoll.

  5. @Closius:
    Zum Thema Dislozierung der ABC-Abwehr hatte ich im August einen kurzen Austausch mit @StillerMitleser.
    Ab hier: https://augengeradeaus.net/2019/08/weiter-abschied-vom-stationierungskonzept-bundeswehr-behaelt-weitere-liegenschaften/#comment-318859

    Kurz zusammengefasst: Hauptstadt- und Frontnähe schön und gut. Aber bezüglich Attraktivität ist die geplante Dislozierung der ABC-Abwehr genau des Gegenteil der Großstandorte, die der DBwV favorisiert. Ich sehe es kritisch, ob man damit die Leistungsfähigkeit im gleichen Maß wie die Kopfzahl erhöhen kann.

  6. @alka
    „Ein verbunkertes MOC ist sicherlich nicht mehr zwingend notwendig“, … – Weil?

  7. @KPK & alka: Die mit Stationierungskonzept 2011 verkündete Schließung von Glücksburg entsprang wohl dem damaligen Wunschdenken im BMVg und scheint außerhalb nie auf Machbarkeit und Konsequenzen geprüft worden zu sein. Betroffene hätten das sicher mitbekommen. Die Realitätsferne, das unbedingte Wollen einer unausgereiften Lösung hat das Unterfangen mit so vielen anderen gemein.
    Rein technisch hätte die dortige Aufgabe binnen weniger Jahre an jeden anderen Ort verlagert werden können. Organisatorisch hat man es wohl nachhaltig vergeigt.
    LV/BV kam erst später auf und kann nun vielleicht (!) helfen, den Mantel des Schweigens über die Fehlplanung zu werfen.

  8. Auf lange Sicht soll in Hohn wieder ein Geschwader entstehen – so Herr Wadephuhl von der CDU im NDR.
    Weiß jemand, was es mit dieser kryptischen ANmerkung auf sich hat?

  9. Schon komisch – Erst löst man die Logistikbrigade 1 auf und baut sich nun ein Logistikregiment 1 mit einigen derselben Bataillone. Das wird ein ganz schön großes Regiment mit nur knapp weniger Personal als die Brigade. Da spart man sich die Verlegung einer B6 Stelle (und zus. A16 und A15 verglichen mit dem Regimentsstab) aus einer Behörde und verzichtet dabei auf die Möglichkeit wieder einen „großen“ operativen Logistikstab aufzubauen wie man ihn z.B. für die Verlegung und Versorgung im Rahmen des Baltikum Szenars gut gebrauchen könnte. Nun gut, behält halt der Kommandeur LogSBw mit seinen Fachlehrern und InspChefs seine operative Rolle…

    Komisch auch dass man jetzt „durchmischt“ anstelle die alten Regimentsnummern (das hat historische Gründe mit dem 16X und 17X in den Bataillonsnummern) zu verwenden.

  10. @Hans Dampf

    Mal als Gedankenspiel: ggf. böte sich an, die mit dem Vorhaben Luftgestützte Wirkung im Elektromagnetischen Spektrum (luWES) aufzubauenden Kapazitäten (Standoff- und Escort-Jammer) zumindest teilweise in Hohn zu stationieren. Sollten beim TaktLwG 52 im nahen Jagel Super Hornet oder Growler als Nachfolger Tornado IDS/ECR einziehen, hätte man im Verbund mit Hohn im Grunde ein „Kompetenzzentrum“ EloKa/SEAD/DEAD gebildet. SIGINT durch PeGASuS (Ersatz EuroHawk) findet voraussichtlich ja auch in Jagel statt. Über Norddeutschland, Nord- und Ostsee hat man Platz und ist nah an Baltikum und Kaliningrad.

  11. @ppqrst:
    Gute Idee, aber zunächst müssten luWES und PEGASUS erstmal finanziert sein. Besonders bei letzterem empfehle ich den letzten Rüstungsbericht.

    Bei ersterem beteiligt sich Deutschland auch nicht an entsprechenden europäischen Vorhaben im Rahmen von PESCO.

    Es ist also erstmal keine Frage der Stationierung, sondern der Realisierung. Parallel sollte dann natürlich eine vernünftige Stationierung geplant werden – mit dem notwendigen zeitlichen Vorlauf (große Baumaßnahmen).

    Solange aber die Koalition keine Entscheidungen über den konkreten Aufwuchs des EPl. 14 bis zu 1,5% getroffen hat, gibt es auch keine Bewegung in einer Vielzahl der Beschaffungsvorhaben. Auch da empfehle ich einen Blick in den allgemeinen Teil des Rüstungsberichtes: Es gibt weniger – nicht mehr – Geld für MatInvest.

  12. @ppqrst: Ungünstig für das angedachte „Kompetenzzentrum“, dass das Zentrum Elektronischer Kampf Fliegende Waffensysteme in Kleinaitingen (Lechfeld) stationiert ist…

    Aber unabhängig davon, wie es mit EloKa weitergeht, kann man perspektivisch schon an eine Trennung der Standorte für Tornado (oder Nachfolger), PEGASUS und MALE-Drohnen denken.

  13. @K.B.
    Nun, vor der Verlegung nach Lechfeld saß das Zentr EK FlgWaSys in Trier und damit geographisch deutlich abgesetzt vom JaboG 32. Jetzt sitzt es in Lechfeld und das TaktLwG 51 in Jagel.
    Mir ging es um die räumliche Nähe der Verbände, wenn man sie schon nicht an einem Standort zusammenfasst, mit dem Hintergrund des gemeinsamen Übens und ggf. Synergien im Betrieb. Eine abgesetzte Halbstaffel Growler in Hohn könnte man problemlos von Jagel aus mitbetreuen, wenn die von IDS/ECR auf Super Hornet/Hybrid/Growler umstellen.

  14. Und immer wieder die Growler-Sackgasse, weshalb?
    Dazu
    @WachterBDI
    „#Growler wird in #EU & #NATO nur von #USNavy geflogen. Beschaffung wäre 🇩🇪 Sonderweg, Insellösung & würde #Flickenteppich in 🇪🇺 weiter vergrößern, d.h. keine #Interoperabilität, keine Synergieeffekte bei Kauf, Ausbildung & Betrieb. Nicht NT zertifiziert. https://bit.ly/2rE2Gv6
    Lw könnte somit „Off-the-Shelf“ Tornado durch neue EF ersetzen & mit Übernahme UK Programm Centurion umfassende Luft-Boden-Bewaffnung (Brimstone etc.) haben.
    Mit neuem AESA-Radar ist zudem Anfangsbefähigung für ECR vorhanden. Man muss es nur beschaffen. … „

  15. @ ppqrst

    Es wurde im Jahre 2001 beschlossen das Zentr EK FlgWaSys in Trier nach Lechfeld zu verlegen. Grund war die räumliche Nähe zum JaboG 32 mit den ECR-Tornados. Der Umzug hat 10 Jahre gedauert, wegen der umfangreichen Baumaßnahmen und deren technische Absicherung aber vor allem weil in Trier sehr viel Zivilpersonal beschäftigt war, das nicht umziehen wollte.
    Wenn man also irgendetwas für die Einsatzfähigkeit der Lw tun will, sollte man an dieser StO-Entscheidung von 2001 bis 2011 nicht mehr rütteln, das ECR-Geschwader in räumlicher Ferne in Jagel lassen und in räumlicher Nähe von Jagel den Flugplatz Hohn als „Alternate-Flugplatz“ für Jagel nutzen.

  16. @aussenstehnder

    Die „16Xer“ Bataillone waren ursprünglich Teil des „alten“ Logistikregiments 16 und wurden dann mit drei weiteren Bataillonen (die afür auch in das 16X Format umbenannt wurden) 2006 zur Logistikbrigade 1 zusammengefasst. Parallel gab es in SKB und Heer weitere Logistikregimenter im analogen Nummernformat.

    Diese gesamte Führungsebene wurde später „eingespart“ und wird jetzt, mit deutlichen Abweichungen, wieder aufgebaut. Allerdings nicht mit operativen Kapazitäten, wie sie der Stab der LogBrigade 1 hatte (haben sollte) sondern als weitere administrative Führungsebene. Dedizierte „echte“ operative Stabsorganisationen sind Mangelware, und diejenigen (z.B. die Heeres-Divisionen) die formal dafür vorgesehen sind ertrinken in Administration (oft selbsterzeugtes Leid aber für die Kameraden nichtsdestotrotz real) und sind für viele Einsatzszenare zu groß und/oder fachfremd. „Spezialstäbe“ wie z.B. für großangelegte logistische Operationen bzw. Operationsvorbereitungen gibt es erst recht nicht mehr. Und das wo die Bundeswehr in 45+ Jahre alten A14+, die bis zur Pensionierung auf Elefantenfriedhöfen abgelegt werden, ertrinkt und gemessen an der Soldatenzahl eine rekordverdächtige Anzahl an GO/FO’s hat.

    Operativer Führungsbedarf verschwindet aber nicht, daher das Unwesen einsatzbezogen Stäbe aus den fachnahen Strukturen zu „schöpfen“. Am einfachsten ist das wenn man diese „Einsatzstäbe“ an bestehende GO/FO („Sterne“) Dienstposten in Schulen, Behörden, Ämtern etc. anhängen kann, von wo dann der Sterneträger „seine“ Truppe zieht. Dann geht eben mal eine Schule mit ihrem Kommandeur und großen Teilen des Führungs- und Ausbildungspersonals in den Einsatz (so geschehen schon vor mehr als einem Jarhzehnt z.B. mit der MSM).

  17. @KPK

    Der Tweet ist doch Dummfug. Erstens steht die Growler u.a. auch in Finnland im Wettbewerb, zweitens ist selbst ein einzelner aber großer Betreiber wie die USN mit gesichertem Lebenszyklus inklusive entsprechendem Elan bei der Weiterentwicklung positiv zu sehen und drittens wäre ein EF ECR erst recht ein deutscher Sonderweg, weil den sonst kaum jemand sonst kaufen würde, viertens ist auch der EF nicht NT-zertifiziert, fünftens handelt es sich um ein fertiges System mit Lieferfähigkeit rechtzeitig zum NDE Tornado und keine Powerpointwolke mit FOC irgendwann in den 30ern.

  18. @KPK.
    Nur weil es aus Ihrer Sicht eine Sackgasse ist muss ja noch lange keine sein.
    Man kauft ein existierendes, funktionierendes Muster, dass seine Fähigkeit nicht in einem Powerpoint nachgewiesen hat sondern in der Rolle tatsächlich fliegt.
    Außerdem ist es ein schönes Flugzeug, aber das Argument ist so stichhaltig wie Ihre Sackgasse.

Kommentare sind geschlossen.