Blue Flag in Israel: Jenseits der Bilder (nue: Video)

Die deutsche Luftwaffe hat zum zweiten Mal an der internationalen Luftwaffenübung Blue Flag in Israel teilgenommen – und im Unterschied zum Debüt vor zwei Jahren diesmal ordentlich getrommelt: An Bildern und Geschichten über die Technik war kein Mangel. Ein bisschen in den Hintergrund geriet dabei, was eigentlich genau geübt wurde. Spoiler: Die Bekämpfung gegnerischer Luftabwehr, vor allem die mit russischer Technik.

(Vertreter der teilnehmenden Nationen. 4.v.r. der deutsche Kontingentführer Oberstleutnant Manuel Last, 5.v.r. Oberstleutnant Gordon Schnitger, bisher stellv. Kommodore des Richthofen-Geschwaders – U.S. Air Force photo by Airman 1st Class Kyle Cope)

Zu der gemeinsamen Übung von Kampfjets aus Israel, den USA, Deutschland, Italien und Griechenland entsandte die Luftwaffe sechs Eurofighter und rund 140 Soldatinnen und Soldaten aus dem Taktischen Luftwaffengeschwader 71 Richthofen in Wittmund. Ein wesentlicher Aspekt für alle beteiligten Verbündeten, mit Ausnahme Israels alle NATO-Mitglieder: Die Zusammenarbeit von Kampfflugzeugen der vierten und der fünften Generation, also konkret: Die F-35 im Zusammenspiel unter anderem mit dem Eurofighter.

(Eine israelische F-35-Adir und vier deutsche Eurofighter – Foto Jane Schmidt/Bundeswehr)

Das Szenario, das Blue Flag zu Grunde lag, schilderte die Luftwaffe auf ihrer Webseite* so:

Im Gegensatz zu vielen anderen militärischen Kommandos ist die Ausgangslage bei Blue Flag kein rein politischer Konflikt. Die Gefahr latenter Auseinandersetzungen im Kampf um Bodenschätze und natürliche Ressourcen wird in Zeiten des Klimawandels immer realer. Wasserknappheit ist heute vielerorts schon traurige Realität.
Konkret bei Blue Flag wird die befreundete Nation „Falcon State“ durch aggressive militärische Aktivitäten des Nachbarlandes „Nowhereland“ bedroht. Ein Großteil der Wasservorkommnisse und Bodenschätze liegt im Hoheitsgebiet von „Falcon State“.
Feindliche Handlungen „Nowherelands“ zwingen schließlich „Falcon State“ zur Aufstellung einer internationalen Luftstreitmacht. Die verbündeten Nationen Israel, Deutschland, USA, Italien und Griechenland eilen zur Hilfe und stellen sich an die Seite von „Falcon State“, um gemeinsam den Aggressionen „Nowherelands“ entgegenzutreten.
Es gilt, einen Gegner mit modernsten Waffensystemen zu bekämpfen und durch gut koordinierte Luftoperationen zur Aufgabe zu zwingen.

Das ist die Ausgangslage. Aber dahinter steckt im Detail weit mehr, wie die israelische Luftwaffe erläuterte:

The storyline guiding the exercise was based on two fictional neighboring countries, one blue and the other red. The scenarios included large aircraft formations, including fighter jets, RPAVs (Remotely Piloted Aerial Vehicles), transport aircraft and helicopters.
The blue force’s mission during the first week of the exercise was protecting Israel’s skies against various enemy threats. „Sky defense isn’t common in NATO countries“, explained Lt. Col. M‘, Commander of the 133rd („Knights of the Twin Tail“) Squadron. „We teach the international forces how to protect the country’s skies, just like we see it in our operational day-to-day activity in Israel.“

Die Aussage Sky defense isn’t common in NATO countries ist da natürlich interessant – und hinterfragbar. Etwas klarer ist vielleicht, was das US-Fachportal Breaking Defense in einer Analyse der Übung feststellt:

Meanwhile, the Blue Flag wargames involved dozens of Israeli aircraft, from aging F-15Is to the IAF’s new F-35I “Adir” variant, and at least 34 foreign fighters: a dozen F-16s from the US and four more from Greece, six German Eurofighters and six Italian ones, and six of Italy’s own F-35s. Also participating were Israeli Patriot missile batteries – manned, like Iron Dome, by Air Force troops – that were modified to simulate the advanced Russia S-400 air and missile defense systems that Moscow is now exporting to Turkey and offering to other Mideastern nations.
While the Israeli Air Force hasn’t faced the S-400 in combat yet, the simulated battles are good practice for real wars to come.

Zu einem ähnlichen Fazit kommen die Defense News nach einem Besuch der Übung:

Additionally, the use of American Patriot systems to represent enemy air defense threats was new this year, and combining drills against electronic warfare, low-altitude threats and surface-to-air missiles has real implications.

(Ein deutscher und ein israelischer Pilot bei Blue Flag – Foto Jane Schmidt/Bundeswehr)

Faktisch also das Zusammenspiel von F-35 und anderen Kampfjets im Vorgehen gegen russische Luftverteidigung vor allem des modernen Typs S-400. Das dürfte nicht nur für die Israelis in ihrer Region von Bedeutung sein, sondern ebenso auch für die NATO-Luftstreitkräfte – die natürlich über der dünn besiedelten Negev-Wüste im Süden Israels ganz andere Trainingsmöglichkeiten vorfinden als über Europa. Oder, wie die Israelis in einem Video auf Twitter erklärten:

(Randbemerkung: Dass Israel parallel zu der Übung, und offensichtlich ohne Einfluss auf Blue Flag, Einsätze gegen Ziele im Gaza-Streifen flog und die Auseinandersetzungen an dieser Stelle erneut eskalierten, sagt nichts über die Übung selbst, aber einiges über die Fähigkeiten der israelischen Luftwaffe und Luftverteidigung. Gehört an dieser Stelle aber nicht zum Thema, und ich bitte darum, diesen OT hier nicht reinzuzwingen.)

(Eurofighter der Luftwaffe beim Start – Foto Francis Hildemann/Bundeswehr)

Die deutsche Luftwaffe konzentrierte sich in ihrer, diesmal sehr ausführlichen, Darstellung von Blue Flag und der deutschen Beteiligung auf die Technik und das menschliche Drumrum. Auf Facebook, Twitter, Instagram und auf der eigenen Webseite wurden die Maschinen, die Techniker, die ganzen Beteiligten ausführlich gewürdigt. Ein Timelapse-Video vom Boxenstopp des Eurofighter oder ein 360-Grad-Video aus dem Cockpit rundeten diese Vorstellung ab, verbreitet – als neuer Kanal – über die App Notify. Bis hin zum klassischen Quartett…

Nachtrag: Die Bundeswehr hat am 18. November ein – zusammenfassendes – Video veröffentlicht:

*Angesichts des bevorstehenden Relaunchs der Bundeswehr-Webseiten die Beiträge von der Luftwaffen-Seite fürs Archiv als pdf:

20191009_Letzte Vorbereitungen
20191028_Blaue Flagge ueber der Negev-Wueste 20191103_Der Kampf um Ressourcen beginnt
20191104_Die Unsichtbaren
20191107_Die Kreditkarten fuer die ganze Welt in der Handtasche
20191107_Planen mit Weitblick
20191110_Im Red Baron Inn die Seele baumeln lassen
20191110_Inspekteur hilft per Rucksacklogistik aus
20191112_Die stabile Verbindung nach Hause
20191112_Digitale Meisterleistung in der Negev-Wueste
20191113_Die Krause-Crew

(Aufmacherfoto: Eurofighter-Pilot und Bodencrew im Tetris-Challenge-Stil, der im Herbst 2019 sehr beliebt war – Jane Schmidt/Bundeswehr)

18 Gedanken zu „Blue Flag in Israel: Jenseits der Bilder (nue: Video)

  1. Ähm. Wie kann man mit Patriot-Systemen S-400 simulieren? Erstmal rein technisch, und müsste man dazu auch nicht viel mehr über S-400 wissen?

    Unabhängig davon ist so eine Übung an diesem Ort sicherlich extrem sinnvoll und erkenntnisreich.

  2. Die Übung ist wirklich sehr interessant und ich bin mir sicher, dass ein Erfahrungsaustausch mit den Israelis eine sinnvolle Sache ist. Die haben ja auch deutlich mehr Praxis als die Luftwaffe.

    Bekämpfung feindlicher Luftabwehr ist zudem eine Fähigkeit, die für die Bündnisverteidigung unerlässlich ist und wohl auch deshalb wieder etwas in den Fokus rückt.

    Mich würde auch mal interessieren wie der Eurofighter sich, was Bekämpfen der gegnerischen Luftverteidigung angeht, gegen die F35 schlägt.

  3. Gleichzeitig liefert man den Palästinensern eine anscheinend intakte Rakete vom Iron Dome sowie den Syrern/Russen eine von David’s Sling.

  4. @ Alex 2.0 sagt: 16.11.2019 um 13:21 Uhr
    „Gleichzeitig liefert man den Palästinensern eine anscheinend intakte Rakete vom Iron Dome sowie den Syrern/Russen eine von David’s Sling.“

    Wer ist „man“ und was hat das mit d Blogeintrag zu tun?

    [Das darf Alex 2.0 noch erklären, und dann greift das, was ich oben zu dem Thema gesagt habe. T.W.]

  5. „The blue force’s mission during the first week of the exercise was protecting Israel’s skies against various enemy threats.“

    Das politische Signal hier ist dann auch interessant, und erinnert an die – etwas nervöse – Öffnung Schwedens seiner Geographie zur NATO hin während des Mauerfalls. Die Sicherheit Israels ist in Deutschland Staatsräson, aber dennoch ist Isreal nicht Teil eines kollektiven Sicherheitssystems dem D angehört. Wie sieht das verfassungsrechtlich aus?

  6. Die Fähigkeiten der israelischen Luftwaffe waren schon immer überproportional hoch. Schließlich musste die IAF historisch die relativ geringe Artillerieausstattung der IDF kompensieren, und in sehr kurzer Zeit eine hohe Einsatzdichte erreichen.

    Und außerdem – die IAF muss jederzeit in der Lage sein, an mehreren Schauplätzen gleichzeitig effektiv zu sein. Das bringen Geographie und Nachbarschaft in der Ecke der Welt so mit sich. Und ein Zweifrontenkrieg ist dort quasi normal. :(

  7. Ich bin hocherfreut, dass die Bundeswehr endlich Öffentlichkeitsarbeit gelernt hat. Diese alten, mutmaßlich mit Windows Movie Maker gedrechselten Videos waren furchtbar.

    Aber, nur mal so nebenbei… Österreichs Bundesheer verwendet dasselbe Polygonmuster in seinem Öffentlichkeitsauftritt. Wer hat da bei wem abgekupfert? Oder hat hier dieselbe Agentur geholfen?

  8. „Inspekteur hilft per Rucksacklogistik aus“ / „Über den kommerziellen Lufttransport würde das Gerät nicht rechtzeitig in Israel eintreffen…“

    Dazu möchte ich festhalten: Täglich gehen zig kommerzielle von Deutschland nach Flüge nach Tel Aviv. Nur weil der Inspekteur zufällig gerade da runter flog, ist das eine nette Story, aber mehr nicht. „Commercial“ wäre das Ersatzteil an jedem anderen Tag quasi genauso schnell angekommen. Von Ramon Eilat sinds 50 Minuten Autofahrt, von Ben Gurion 3 Stunden. Halt gut getrommelt.

    Übrigens würde mich interessieren, ob und wie die SASPF Buchung geklappt hat ;-)

    Aber Respekt für die Akteure da unten! Sie verdienen, dass auch mal was funktioniert!

  9. @Ottone

    Das ist doch nur das Szenario. Nehmen Sie Blauland und Rotland wenn das unverfänglicher ist.

  10. @Ottone :
    16.11.2019 um 14:39 Uhr

    „The blue force’s mission during the first week of the exercise was protecting Israel’s skies against various enemy threats.“

    Das politische Signal hier ist dann auch interessant, und erinnert an die – etwas nervöse – Öffnung Schwedens seiner Geographie zur NATO hin während des Mauerfalls. Die Sicherheit Israels ist in Deutschland Staatsräson, aber dennoch ist Isreal nicht Teil eines kollektiven Sicherheitssystems dem D angehört. Wie sieht das verfassungsrechtlich aus?“

    —————————

    Ich vermute unkritisch, da das ganze eine „exercise“ ist, und die Üb-Lage nicht verfassungsrechtlich abgeklopft bzw. gewürdigt werden muss.

  11. @Thomas Melber und Fussgaenger

    Die Textschere ist in diesem Satz in der Tat bemerkenswert. Ich arbeite in der Kommunikation und es würde mich sehr wundern, wenn Statements wie dieses nicht von X Personen gegengelesenen würde. Wenn ich die Meldung vor einem reinen Übungshintergrund formuliert hätte, würde der Satz so lauten:

    „The blue force’s mission during the first week of the exercise was protecting Falconland’s skies against various enemy threats.“

    Dass da jetzt explizit Israel und dann auch noch in dieser Satzstruktur erwähnt wird, kann natürlich ein Zufall sein, oder eine missverständliche Idiosynkrasie des vermutlich auf Hebräisch denkenden Autors in der englischen Pressemitteilung (analog zu „übten die Beteiligten über Israel die Verteidigung des Luftraums“ vs. „übten die Beteiligten die Verteidigung des Luftraums über Israel“), aber interessant ist es schon.

  12. Wie kann ich mir die Unterdrückung der Luftabwehr mit Eurofighter vorstellen? ECR Fähigkeiten hat bisher nur Tornado.

  13. Für die Israelis ist es natürlich ihr eigener Luftraum, dessen Verteidigung sie selbstverständlich beüben. Deshalb benennen sie das auch ganz natürlich so. Die anderen Nationen haben im Rahmen der Übung natürlich faktisch dasselbe getan, man kann ja nicht in einem anderen Luftraum fliegen, als dem tatsächlich vorhandenen. Aber da es sich um eine Üb-Lage gehandelt hat, haben deutsche Eurofighter natürlich nicht Israels Luftraum tatsächlich verteidigt, sondern den von Üb-Platzhalter „Falconland“, gegen Üb-Ziele und Üb-Aggressoren aus „Nowhereland“.

    Bei einer vergleichbaren Übung in Deutschland würde ich vermuten, dass deutsche Stellen ganz regulär auch vom „deutschen Luftraum“ sprechen würden, in dem das Ganze schließlich stattfindet, und dessen Verteidigung man aus Bundeswehrsicht beübt. Unabhängig davon, welche Formulierung andere Übungsteilnehmer (weshalb auch immer) wählen.

  14. @all

    Oben als Nachtrag am 18. November ein zusammenfassendes Video der Bundeswehr eingefügt.

  15. @ Volki

    Das ist ein Stickstoff-Flaschenwagen. Mehrere Stickstoffflaschen sind als Batterie zusammengeschaltet und geben den Stickstoff über einen Druckminderer ab. Der Stickstoff wird u.a. benutzt um mit den Reifenfüllgeräten (Manometer mit Sicherheits-Überdruckventil) die Reifen aufzupumpen.

  16. Es ist unschwer erkennbar, dass (mind.) einer der EF ein Trainer (Doppelsitzer) ist.

    Dazu mal ein paar Lernfragen (ich hoffe nicht zu sehr OT):

    Sie diese eigentlich uneingeschränkt auch für „normale“ (nicht Trainings-) Einsätze geeignet?

    Ist ein „normaler“ Einsatz der Trainer regulär vorgesehen oder ist die Teilnahme an der Übung eher als Notlösung aufgrund der mat. Einsatzbereitschaft einzuordnen?

    Bleibt der zweite Platz dann unbesetzt oder bietet er irgendeinen operativen Mehrwert?

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