Wir machen Soldaten: Finnlands Reservistenarmee als Abschreckungsinstrument

Keine zehn Kilometer Luftlinie vom Hauptbahnhof Helsinki entfernt sind die harten Schüsse von Sturmgewehren zu hören. Soldaten der finnischen Armee, den dunkelgrünen Kampfanzug mit zusätzlicher Tarnung  ergänzt, robben durch die Küstenlandschaft der kleinen Insel Santahamina nahe der Hauptstadt Finnlands. Dauerhaft tragen die wenigsten von ihnen die Uniform: Wie praktisch keine andere Nation in Europa setzt das – bevölkerungsmäßig kleine – nordische Land auf ein System von Wehrpflicht und Reservisten, das die Streitkräfte im Kriegsfall von 12.300 Berufssoldaten Friedensstärke auf 280.000 Männer und Frauen unter Waffen bringt.

Oberst Rainer Kuosmanen, stellvertretender Kommandeur des auf Santahamina stationierten Garde-Jägerregiments, hat für die Aufgabe seines Regiments deshalb auch eine zunächst merkwürdig klingende Bezeichnung. Troop Production, Soldaten herstellen, nennt der Offizier als wichtigsten Auftrag. Soldaten, die ausschließlich für die Landesverteidigung ausgebildet werden und bereit stehen – und für die Finnen so etwas wie der Garant ihrer Unabhängigkeit sind.

21.000 Wehrpflichtige schleusen die finnischen Streitkräfte jedes Jahr durch ihre Ausbildungseinrichtungen. Hinzu kommen 18.000 Reservisten, die im Rhythmus von drei bis fünf Jahren ihr Training auffrischen. Die Wehrpflicht gilt nur für Männer, und etwa 70 Prozent eines Jahrgangs werden eingezogen. Vor 25 Jahren, erinnert sich Kuosmanen, waren es allerdings noch 90 Prozent.

Zwischen 165 und 347 Tagen, also zwischen einem und einem halben Jahr, dauert der Wehrdienst für die jungen Männer. Fast die Hälfte der Wehrpflichtigen bleibt ein Jahr, ein gutes Drittel ein halbes. Wie lange jemand tatsächlich Dienst leisten muss, hängt von der vorgesehenen späteren Verwendung ab – und wird vom Militär festgelegt. Reserveoffizieranwärter, aber auch Kraftfahrer können schon automatisch damit rechnen, ein Jahr bei der Truppe zu bleiben, ehe sie in den Reservistenstatus wechseln, der bis zu ihrem 60. Lebensjahr dauert.

Auf Nachfrage widerspricht der stellvertretende Regimentskommandeur vehement der Ansicht, eine Wehrdienstdauer sei erst ab einem Jahr sinnvoll. Das sehe ich nicht so, sagt Kuosmanen trocken und verweist auf die Erfolge, die finnische Rekruten bereits nach fünf Monaten im Nachtkampf vorweisen könnten.

Dabei hat sich für das finnische Heer als Reaktion auf die russische Annexion der Krim und die Entwicklung in der Ostukraine einiges geändert. Während Luftwaffe und Marine, technisch bedingt, schon länger auf einem hohen Bereitschaftsstand waren, führten auch die Landstreitkräfte in den vergangenen vier Jahren eine neue Bereitschaftsstruktur ein – unterschieden nach Regionalkräften, Territorialkräften und Einheiten für Offensivoperationen.

Für den gigantischen Aufwuchs der Streitkräfte auf das mehr als zwanzigfache (bezogen auf die Berufssoldaten) oder auch nur das sechsfache (eingerechnet die im Frieden verfügbaren Wehrpflichtigen und übenden Reservisten) hält vor allem das Heer eine Unmenge an Gerät bereit. 200 Leopard-Kampfpanzer, je 100 der Typen 2A6 und 2A4, stehen ebenso in den Depots wie 100 Schützenpanzer des schwedischen Typs CV9030 und 100 russische BMP-2. Von den Hägglunds-Überschneefahrzeugen, wie sie auch die Gebirgsjäger der Bundeswehr nutzen, hat das finnische Heer 1.000 Stück. Hinzu kommt eine Vielzahl an Artillerie, vom Multi Launch Rocket System (MLRS) bis zur 155mm-Haubitze – letztere wie vieles im finnischen Inventar gebraucht gekauft.

Das Garde-Jägerregiment ist in einem Kriegsfall zuständig für die Verteidigung der finnischen Hauptstadt – und stellt sich darauf nicht nur im Training, sondern auch bei der Ausrüstung ein. Leichte, mobile Infanterie mit genügend Feuerkraft sei gefragt, sagt Oberst Kuosmanen. Zum Beispiel die 120mm- und 81mm-Mörser. Allerdings sind die Finnen einem Trend anderer westlicher Streitkräfte auch für ihre leichten Infanteriekräfte nicht gefolgt: Standardwaffe ist das Sturmgewehr 95 im Kaliber 7,62mm. Den Umstieg auf das Kaliber 5,56mm habe das waldreiche Land bewusst nicht mitgemacht: Gerade in der dichten Vegetation werde alle Durchschlagskraft gebraucht, die die Waffe bringen könne.

Die Einstellung des kleinen nordischen Landes auf eine massive Bereitschaft zur Verteidigung ist in der Gesellschaft verankert – und hat viel mit Geschichte und Geographie zu tun. Der Wille, Finnland zu verteidigen, ist sehr stark, sagt Oberst Kuosmanen. Wir kennen das Gelände, wir sind gut ausgebildet und gut ausgestattet. Zu der Festlegung auf die Landesverteidigung gehört auch, dass Auslandseinsätze für die finnischen Streitkräfte praktisch keine Rolle spielen: Rund 400 Soldaten gehen jedes Jahr in Missionen zum Beispiel der Vereinten Nationen, aber in der Regel als einzelne Spezialisten.

Die Präsentation, die der Oberst ausländischen Journalisten gibt, schließt mit der Aussage: Trust to our defence capabilities – recognized also in neighboring countries (Vertrauen in unsere Verteidigungsfähigkeit – auch von unseren Nachbarn anerkannt). Welcher Nachbar gemeint ist, aber in diesem Zusammenhang nicht beim Namen genannt wird, ist klar: Schweden im Westen wohl kaum. Der große Nachbar Russland im Osten, der soll das Signal bekommen: Das kleine Finnland wäre in einem Kriegsfall ein harter Brocken – wie vor Jahrzehnten im Winterkrieg.

Dabei setzt das EU-, aber eben nicht NATO-Mitglied Finnland politisch auf ein gutes Verhältnis zum großen östlichen Nachbarn. Das Land habe bessere Beziehungen zu Moskau als viele andere EU-Staaten, sagt Verteidigungsminister Antti Kaikkonen. Aber das sei doch auch ein Vorteil für die EU. Dass Russland erst seit kurzem eine neue Hubschrauber-Basis auf einer Insel vor der Küste Finnlands plant, möchte der Minister dennoch lieber nicht kommentieren: Es ist russisches Gebiet, also können sie auch selbst entscheiden, was sie damit machen.

Nachtrag – Lesestoff, der thematisch dazu passt, vom polnischen Centre for Eastern Studies:

The northern tandem. The Swedish-Finnish defence cooperation

(Offenlegung: Im Rahmen der finnischen EU-Präsidentschaft wurde ich vom finnischen Außenministerium eingeladen, das die Kosten für Flug, Hotel sowie die CO2-Ausgleichsabgabe für den Flug übernommen hat)

66 Gedanken zu „Wir machen Soldaten: Finnlands Reservistenarmee als Abschreckungsinstrument

  1. @Pete : Guter Gedanke, den ich auch schon hatte.
    Ich sehe leider innerhalb der EU große Unterschiede, was Außenpolitik und Verteidigung angeht.
    D wäre m. M. n. bereit, vertrauensbildende Maßnahmen einzuleiten. Zum Beispiel eine gegenseitige Besichtigung von Raketenabwehrstationen, welche Ruß kritisierte.

    ABER da spielt die USA nicht mit.
    Leider sind in der Vergangenheit Dinge passiert, die man als aggressiv deutet. Der Fall Skripal, Hackerangriffe auf den Bundestag…
    Und das Minsker Abkommen, was zum Teil von D initiiert wurde, ist sehr brüchig.

    Zu Finnland : Die Annäherung zu Rus beinhaltete auch kostenloses Studium dort, was von vielen Menschen der EX-GUS stark genutzt wurde.
    Leider ist das kaum noch möglich, da die Studiengebühren für nicht EU Bürger ca 30.000 € betragen.
    Weiterhin versucht man in Fin zu er hindern, dass Immobilien an Russen verkauft werden, was bis dato Gang und gäbe war (selbst Offiziere der russ Armee hatten Ihre Datscha in Fin).
    Nach der UKR Krise waren fast 50% der Finnen, trotz der guten Nachbarschaft für einen NATO Beitritt.

  2. @Koffer: Warum bildet man nun Reservisten in 4 Wochen aus? Sprich, am Wochenende?
    Der Rest Ihrer Aussage widerspricht der Aussage der Beratungsstelle der BW.

  3. @BG sagt:03.09.2019 um 6:32 Uhr

    „D wäre m. M. n. bereit, vertrauensbildende Maßnahmen einzuleiten. Zum Beispiel eine gegenseitige Besichtigung von Raketenabwehrstationen, welche Ruß kritisierte.“

    Gibt es alles schon, liegt nur auf Eis, weil die Russen die Umsetzung der Verträge „KSE-Konventionelle Streitkräfte in Europa“ und „WD – Wiener Dokument“ momentan blockieren. Auch die Abrüstungskontrolle aus der Luft „Open Skies“ ist nicht über Testmissionen hinaus gekommen und nicht ratifiziert worden. Es muss eben nicht nur einer wollen und es ist eine Frage der Gegenseitigkeit.

    @BG sagt: 03.09.2019 um 6:41 Uhr

    „Warum bildet man nun Reservisten in 4 Wochen aus? Sprich, am Wochenende?“

    Sie sprechen über das Pilotprojekt in Bayern, bei dem Ungediente nicht nur in 4 Wochen (insgesamt sind das mehr Tage) zu Sicherungs- und Unterstützungssoldaten für die RSU-Kompanien (in Bayern soll es jetzt ein Regiment werden) ausgebildet werden. Es mangelt dort an Nachwuchs, nicht nur in Bayern, sondern allgemein an willigen Reservisten, die auch eine Einstellungsuntersuchung 90/5 beim Sani überstehen ohne ausgemustert zu werden. Da können Sie jederzeit mitmachen, vorausgesetzt, Sie schaffen die Einstellungsuntersuchung.
    Die Idee wurde hier lang und breit diskutiert, man sollte mal abwarten, was dabei herauskommt.

  4. @Pio-Fritz sagt: 03.09.2019 um 10:43 Uhr

    „Gibt es alles schon, liegt nur auf Eis, weil die Russen die Umsetzung der Verträge „KSE-Konventionelle Streitkräfte in Europa“ und „WD – Wiener Dokument“ momentan blockieren. Auch die Abrüstungskontrolle aus der Luft „Open Skies“ ist nicht über Testmissionen hinaus gekommen und nicht ratifiziert worden.“

    Da sind Sie nicht auf dem Stand der Dinge. Rußland hat „KSE-Plus“ umgesetzt. Die baltischen NATO-Mitglieder haben aber eine Teilnahme komplett verweigert, dazu hat die NATO den KSE-Prozeß mit politischen Forderungen in Bezug auf Georgien verknüpft, das kein Bestandteil Europas und europäischer Sicherheitssysteme ist. Rußland hat als legitime Antwort auf das Verhalten der NATO dann seinerseits den KSE-Prozeß ausgesetzt. Wie Sie so schön schreiben – Es muss eben nicht nur einer wollen und es ist eine Frage der Gegenseitigkeit. Ja, man könnte im konventionellen Bereich eine funktionierende Rüstungskontrolle in Europa haben – wenn die NATO endlich die vertraglichen Vorgaben in ihrem eigenen Hoheitsbereich umsetzt.

    Open-Skies findet statt. Lediglich 2016 konnte eine russische Mission über der Türkei nicht durchgeführt werden, weil man sich nicht über Modalitäten einigen konnte; und Zypern kann auf türkischen Druck nicht am Programm teilnehmen. Eigentlich sollte die Bundesrepublik dieses Jahr einen entsprechend umgerüsteten Airbus bekommen, um nach dem Verlust der Tu-154 vor 18 Jahren wieder selbst aktiv teilnehmen zu können. Allerdings ist mir aktuell nicht bekannt, ob die Maschine planmäßig in Dienst gestellt worden ist oder wird (Vielleicht hat der Hausherr eine Info dazu?).

    [Die neue Open-Skies-Maschine, ein Airbus A319, wurde im Juni an die Bundeswehr übergeben:

    Übergabe A319 OHOffener Himmel: Starkes Signal für Rüstungskontrolle

    T.W.]

  5. Da ist es wieder, das leidige Thema!
    Ich hätte „damals“ auch „W6“ für gut geeignet gehalten, einen Reservistenpool Grund-auszubilden, aus dem man dann bedarfsweise Personal (uU dann auch „berufsbezogen“) notwendigen Aufwuchs hätte gewinnen können.
    Dafür wären 6 Monate „ausreichend“, es muß da kein „Fachmann“ (in der heutigen „Durchtechnisierung“ mit der entsprechenden Veränderungsgeschwindigkeit der Systeme für nicht ständig „in-Übung-Gehaltene“ sowieso von zweifelhaftem Nutzen) entstehen, aber gerade das, was die deutsche, „durchpazifizierte“ Gesellschaft eben seit Jahren vermeidet/-bietet, kann, MUSS dem „zukünftigen Reservisten“ vermittelt werden:
    Wie „funktioniert“ Militär (Recht, Formales (womit NICHT „Papier“ gemeint ist!), Gelände inkl „Bewegung“, Orientieren) und va WaffenDRILL (an Gewehr, Pistole, MG, ggf noch MPi, Panzerfaust und in „unpädagogischer“ Art, damit das wirklich hängenbleibt).
    Aber solcherlei „Zwangsdienst“ zur NOTWENDIGEN Befähigung zum Eigenschutz ist ja in D nicht mehr vermittelbar.
    Das muß man weder für gut befinden, noch sollte man das einfach so akzeptieren, nur weil es eben gerade „Zeitgeist“ ist…

  6. Kleine Anmerkung zum Zitat „Untergang der UdSSR ist größte SiPo-Katastrophe…“

    Ich empfehle dringed jedem Interessierten mal ein paar Sitzungen der Duma (russisches Parlament) und der Fragestunde des Präsidenten anzuschauen! Gibt es auch in Kurzversion mit englischen Untertiteln.
    Wir können fast schon froh sein, dass Putin Präsident ist und zum Beispiel nicht Gennady Zyuganov oder Vladimir Zhirinovsky. Das sind beides Parteivorsitzende der Kommunisten und Ultra-Rechten. Die Herren und ihre Aussagen darf man gerne mal googeln.
    Ich sag nur „zünden von Atombomben im Atlantik um UK zu fluten“.

    Ein 4 Minuten Ausschnitt aus der Sitzung zur Wiederwahl von Medwedew als Ministerpräsident.
    Sehenswert ab Minute 5:05 (Putin antwortet danach) und Minute 7:00 bis 7:39
    https://www.youtube.com/watch?v=7YLpaftz_N4

    „Größe SiPo Katastrophe“ (ab Minute 1:50)
    https://www.youtube.com/watch?v=nTvswwU5Eco
    Auch hier wieder relativierend, wenn man die Sätze nach dem Spruch hört.

    Zu Finnland:
    Ich bin doch sehr überrascht über die Anzahl an Waffensystemen. 1000 Hägglunds ist mal eine Ansage und 200 Kampfpanzer sind für Finnland eine beeindruckende Zahl. Danke für die Reise und den Bericht, nächstes mal ruhig ausführlicher.

    Viel wichtiger ist aber ein funktionierende Reservistensystem. Also schon die Erfassung von ehemaligen Soldaten.
    Was wer wann wo gemacht hat. Gibt es sowas überhaupt in Deutschland noch?
    Aber man darf auch die Vergangenheit nicht verklären.
    Auch im Kalten Krieg hätten viele Wehrdienstleistende der Bundeswehr die Beine in die Hand genommen und wären nicht mit Stolz und voller Tatendrang an die Front marschiert.
    Gleiches auch bei der NVA.
    Und ich bin mir sicher, auch in Finnland sind nicht alle bereit gegen einen Feind (welchen auch immer) anzutreten.

  7. @T.W.
    Die neue Open-Skies-Maschine, ein Airbus A319, wurde im Juni an die Bundeswehr übergeben:
    Übergabe A319 OHOffener Himmel: Starkes Signal für Rüstungskontrolle
    T.W.

    Danke für die Info!
    Das ist eine Erfolgsgeschichte, für die Ministerin, Industrie und allen Beteiligten aufrichtiges Lob gebührt. Klare Anforderung, rascher Vertragsschluß, zügige Indienststellung, alles pannenfrei abgelaufen und wir haben jetzt (wieder) ein Asset, das eine echte Fähigkeitslücke für Deutschland und die Bundeswehr schließt.
    So etwas möchte man gern viel öfter aus Verteidigungsministerium und Bundeswehr sehen! Weitermachen!

  8. We Finnish people do not be afraid of The big bad bear, Russia. Not at all, never.
    If they, after 70 years even try to assault and invade our Homeland Finnland , we will kill all the invaders To the Last standing man. And then all the rest of them.

    [Ok, understood. However, that’s not the style of debate here. T.W.]

  9. @Pete:
    „– Wenn also Finnland es schafft, eine relativ glaubwürdige Abschreckung („Das kleine Finnland wäre in einem Kriegsfall ein harter Brocken“) mit einem relativ geringen Budget zu realisieren, warum sollte das der großen EU als Ganzes nicht gelingen?
    – Können wir nicht an dem Beispiel Finnland erkennen, dass eine fokusierte Abschreckung/Verteidgungsfähigkeit im Rahmen der EU als Ganzes auch bei überschaubaren Rüstungsausgaben leicht realisierbar wäre? Eine erste „Anschubfinanzierung“ in diese Richtung ist davon unbenommen.“

    Mich würde interessieren welches relativ geringe Budget Sie hier meinen. Relativ gering zu was oder wem?

    Finnland liegt beim Anteil am BIP und den Pro-Kopf-Ausgaben der Verteidigungsausgaben – sie sprechen ja erneut von Rüstungsausgaben – vergleichsweise höher als Deutschland.
    Die Fokussierung auf die Landesverteidigung ist für Finnland deutlich einfacher als für Deutschland, da Finnland nicht nur über eine Vollausstattung verfügt, sondern auch erhebliche Depotbestände erhalten hat (siehe die Angaben im obigen Bericht). Deutschland will gerademal wieder eine Vollaustattung erreichen und gerade dafür ist der bereits mehrfach diskutierte Aufwuchs an Finanzmitteln bis 2024 notwendig, jedoch nicht vom Bundeskabinett beschlossen.

    Gerade im Vergleich zu Finnland wird hoffentlich deutlich, dass die These von der Fokussierung auf die Landes- und Bündnisverteidigung eben nicht Geld einspart, sondern genau diese erhebliche Finanzmittel erfordert. Ich hoffe es wird so langsam verständlicher, dass die Fokussierung auf LV/ BV eben kein wesentliches Sparpotential erbringt, da die Einsätze im Wesentlichen mit dem Material beschickt werden das in den letzten 15 Jahren beschafft wurde.

    Es fehlt für einen glaubwürdigen Beitrag der Bundeswehr zur Abschreckung an Material zur Vollausstattung, an Munition, an Ersatzteilen.
    Die dazugehörigen „Hausaufgaben“ sind – wie ebenfalls mehrfach dargestellt – in der KdB, dem FPBw und der FBA dargestellt.

    Die GroKo hat jedoch andere Prioritäten, somit bewegen sich Auftrag, Kräfte und Mittel immer weiter auseinander, auch wenn die Verteidigungsausgaben nächstes Jahr nochmal steigen,danach jedoch absinken. Besonders stark werden dann übrigens die wirklichen Rüstungsausgaben (FEE, MatInvest, MatErh) absinken.

    Finnland zeigt auch die Grenzen einer tiefen europäischen Integration von Streitkräften auf.
    Soll Finnland arbeitsteilig wesentliche Bereiche aufgeben? Zum Beispiel Flugabwehr, Raketenartillerie? Um sich an Deutschland oder Frankreich anzulehnen? Um nach der nächsten Sparrunde in diesen Ländern dann ohne die Fähigkeit dazustehen? Dies widerspricht elementar dem Grundverständnis der Finnen zur nationalen Verteidigung.

    Bin mal gespannt, ob sie diese Sachargumente – nach dem plastischen Vergleich mit Finnland – künftig in ihrer Argumentation berücksichtigen könnten.

  10. @BG sagt: 03.09.2019 um 6:41 Uhr
    „Warum bildet man nun Reservisten in 4 Wochen aus? Sprich, am Wochenende?“

    Eine Maßnahme um den politisch gewünschten Aufwuchs der RSU-Kp etc. voran zu treiben.

    Militärisch gibt es dafür in der aktuellen Konzeption keinen Bedarf. WENN wir zukünftig wieder eine Konzeption für Territorialverteidigung und Heimatschutzverbände bekommen SOLLTEN, wäre das etwas anderes.

    Aber derzeit benötigen wir militärisch keinen „hilfsangebrüteten Wochenendkrieger“.

    Was wir in der derzeitigen Konzeption benötigen sind die von mir o.a. erwähnten militärisch gut ausgebildeten ehemaligen SaZ und jungpensionierten BS.

    Außerdem bestimmte Spezialisten (da dann tatsächlich wenn notwendig militärisch nur angebrütet).

    „Der Rest Ihrer Aussage widerspricht der Aussage der Beratungsstelle der BW.“

    Welche „Beratungsstelle“? Was wurde Ihnen dort genau und tatsächlich gesagt? Ich kann Ihnen versichern, dass wir beim „nichttechnischen gehobenen Verwaltungsdienst“ keinen erhöhten Bedarf haben.

    Beim „technischen gehobenen Verwaltungsdienst“ ist das ein ganz anderer Schnack, aber die machen weder Finanzen noch „Logistik“.

  11. @Pio-Fritz : Danke für die schnelle Antwort. Ich habe die Voraussetzungen mehr als erfüllt. Mir stößt allerdings die ablehnende Haltung sauer auf, frei nach dem Motto :“Kunde droht mit Abschluss“. Die Fehler bei der Akquise von Personal sind jedem halbwegs denkenden bewusst. Gerade das erzeugt Unmut, aber es hilft nichts. Es werden immer wieder junge, fitte, gut ausgebildete Leute gesucht – wollen die, dann scheitert es an Vorschriften. Siehe dazu das Interview des LW Inspekteurs zum Klarstand EF. Das zieht sich nach unten durch.

    Bewerberinnen mit Abi 1,0 sind 2 cm zu klein, Zivile Abschlüsse werden nicht anerkannt, und Personen, die Polizisten im Nahkampf ausbilden, müssen erst die 90/5 bestehen.

    Das erinnert mich an meine Wehrdienst Zeit, als ein Stuffz mit ca 130 kg Körpergewicht was von „Durchtrainiert“ faselte…

    ABER suchen Sie ruhig weiterhin Bewerber/innen auf den Karrieremessen von Elite-Unis wie Mannheim. Worms mit IT und Aviation ist ja „ein weisser Fleck“ und nicht gut genug.
    Hochmut kommt vor dem F…

  12. Da sich eine Union zwischen Rus und Weißrussland zum Jahresende ankündigt, bin ich mal auf die Reaktionen gespannt.

  13. @BG sagt: 03.09.2019 um 20:42 Uhr
    „Ich habe die Voraussetzungen mehr als erfüllt. Mir stößt allerdings die ablehnende Haltung sauer auf, frei nach dem Motto :“Kunde droht mit Abschluss“.“

    1. Einzelpersonalgespräche gehören wohl eher nicht zum Themenportfolio dieses Blogs.
    2. Inhaltlich passt das mEn wenn überhaupt in den Faden zum Eintrag Personalstärke.
    3. Wie ich bereits sagte: es gibt keinen Bedarf an Personal mit Ihren Qualifikationen.

    WENN wir eine tatsächliche Änderung der Reserve bekommen SOLLTEN (und nicht nur die politischen Aussagen der letzten Zeit) UND WENN wir wieder eine Abstützung auf starke Heimatschutzverbände bekommen, DANN wäre das vielleicht etwas anderes, aber derzeit ist es das eben nicht.

    „Bewerberinnen mit Abi 1,0 sind 2 cm zu klein, Zivile Abschlüsse werden nicht anerkannt, und Personen, die Polizisten im Nahkampf ausbilden, müssen erst die 90/5 bestehen.“

    Punkt 1 und 3 sollte ja wohl selbstverständlich sein. Der Dienstherr kann nicht wegen vermeintlichem Personalbedarf gegen eine verantwortungsbewusste, gesundheitliche Prüfung verzichten. Alles andere würde gegen seine Fürsorgepflicht verstoßen. Man kann nach ausreichender Abwägung von für und wieder medizinische Ausnahmegenehmigungen erteilen, aber auch das kann nur auf der Basis einer qualifizierten Untersuchung und mit Blick auf die Gesamtumstände erfolgen.

    Aber auch hier wieder der Hinweis: was hat das bitte mit der finnischen Konzeption der Reserve zu tun?!?!

  14. @Memoria
    Entschuldigen Sie, dass ich erst jetzt antworte. Ich war unterwegs.

    „Mich würde interessieren welches relativ geringe Budget Sie hier meinen. Relativ gering zu was oder wem?“
    – Ich meinte „relativ gering“ zu Deutschland.

    “ Finnland liegt beim Anteil am BIP und den Pro-Kopf-Ausgaben der Verteidigungsausgaben – sie sprechen ja erneut von Rüstungsausgaben – vergleichsweise höher als Deutschland.“
    – Das ist eine stramme Behauptung, die dem „Faktencheck“ nicht standhält.
    – Finnland gibt seit vielen Jahren etwa 1,3 Prozent seines BIP für Verteidigung aus, obwohl es genau wie Polen und die Baltischen Staaten direkt an Russland grenzt.
    https://www.cia.gov/library/publications/resources/the-world-factbook/geos/fi.html
    – In realen Zahlen, und nur die sind von Bedeutung, alles Andere lenkt nur vom eigentlichen Kern ab, finanziert Finnland mit etwa 2,5 – 3 Milliarden Euro gem. dem Artikel von @ T.W. Streitkräfte, die im Kriegsfall von 12.300 Berufssoldaten Friedensstärke auf 280.000 Männer und Frauen unter Waffen aufwachsen können. Das ist eine beeindruckende Leistung. Das nenne ich finnische Effizenz und Effektivität im Vergleich zu den deutschen Ausgaben für Militär und dem relativ geringen „output“ dafür.

    „Gerade im Vergleich zu Finnland wird hoffentlich deutlich, dass die These von der Fokussierung auf die Landes- und Bündnisverteidigung eben nicht Geld einspart, sondern genau diese erhebliche Finanzmittel erfordert.“
    – Ich denke, ich habe Ihnen mit den obigen Zahlen das Gegenteil bewiesen.

    „Es fehlt für einen glaubwürdigen Beitrag der Bundeswehr zur Abschreckung an Material zur Vollausstattung, an Munition, an Ersatzteilen.“
    – Stimmt! Das liegt aber nicht an zu wenig Ausgaben für Militär, sondern fehlender Orientierung und fehlender konsequenter Planung.
    – Dass Deutschland wenig „Kampfkraft“ bei hohen Ausgaben generiert ist ein deutsches Problem. Die Streitkräfte wurden in Deutschland nicht „kaputtgespart“, sondern „kaputtstrukturiert“.

    „Die dazugehörigen „Hausaufgaben“ sind – wie ebenfalls mehrfach dargestellt – in der KdB, dem FPBw und der FBA dargestellt.“
    – Na dann hoffe ich mal, dass mit 43 Milliarden pro Jahr in den kommenden Jahren endlich was Vernünftiges dabei heraus kommt.

    „Bin mal gespannt, ob sie diese Sachargumente – nach dem plastischen Vergleich mit Finnland – künftig in ihrer Argumentation berücksichtigen könnten.“
    – So leid es mir tut, ihre Argumentation hat den Faktencheck nicht bestanden.

    Lassen Sie mich noch Eines hinzufügen und zwar an Alle, die noch mehr Geld für die Bundeswehr ausgeben wollen:
    – Bei einem Bundeshaushalt von ca. 356 Milliarden Euro in 2019 geben wir mit 43 Milliarden Euro bereits satte 12 Prozent unseres Bundeshaushaltes nur für die Bundeswehr aus. Das muss ausreichen als Beitrag für das bisschen Verteidigung das Europa gegen ein wirtschaftlich erheblich unterlegenes Russland benötigt.
    https://www.bundesfinanzministerium.de/Datenportal/Daten/frei-nutzbare-produkte/Bilder/Infografiken/Ausgaben-Bundeshaushalt-2019.html
    – Wenn wir die berühmten 2 Prozent des BIP erfüllen würden, würden wir bereits 18 Prozent unseres Bundeshaushaltes nur für das Militär ausgeben.
    – Glauben Sie wirklich wir hätten in Deutschland nicht eine Unterfinanzierung in Infrastruktur, Bildung, Gesundheit usw. usw. ?
    – KrankenpflegerInnen, AltenpflegerInnen, FachärztInnen, LehrerInnen, PolizistInnen usw. usw. müssen übrigens auch von unseren Steuern bezahlt werden.
    – Ich kann diese reine Fokusierung auf die Bundeswehr als die quasi einzige unterfinanzierte staatliche Einrichtung nicht mehr ernst nehmen wenn ich mir den Zustand deutscher Schulen, Brücken und Krankenhäuser anschaue.
    – Noch einmal: mit 43 Milliarden für die Bundeswehr werden 12 Cent von jedem Euro des Bundeshaushalts für die Bundeswehr ausgegeben. Und das ohne große Bedrohung. Und um es mal ganz deutlich zu sagen: nicht alle 180 000 SoldatInnen der Bundeswehr sind ständig „an der Front“, jedenfalls nicht mehr als PolizistInnen oder Feuerwehrleute oder Kampfmittelbeseitiger. Viele Soldaten haben einen „Homeofficearbeitsplatz“ wie andere ArbeitnehmerInnen auch.
    – Allerdings, auch das gehört zur Wahrheit: Diejenigen unter den SoldatInnen, die wirklich hart belastet sind, werden im Vergleich mit anderen Staaten nur unzureichend finanziell dafür entlohnt. Das Gebot der Stunde wäre: weniger „Gießkanne“, mehr Wertschätzung für die wirklich (Dauer)Belasteten unter den SoldatInnen und natürliche eine gleichmäßigere Belastung ALLER SoldatInnen. Dann sind 5000 ständige EinsatzsoldatInnen mit einem Personalkörper von 180 000 auch ohne große Belastung des Einzelnmen zu stemmen.

  15. @Pete:
    Deutschland lag in den letzten Jahren bei unter 1,3% des BIP und mit pro-Kopf-Ausgaben waren die Ausgaben pro Einwohner gemeint.
    Da liegt Deutschland unterhalb der Ausgaben von Finnland:
    https://www.sipri.org/sites/default/files/SIPRI-Milex-data-1949-2018_0.xlsx

    Soviel zum Faktencheck.
    Natürlich ist eine Armee mit großem Reserveanteil effizient. Sie haben jedoch den wesentlichen Punkt meiner Argumentation nicht beachtet:

    Finnland hat das dafür notwendige Material noch. Deutschland hat dies nicht mal für die aktiven Verbände.

    Ja und natürlich kann die Bw noch effizienter werden, damit füllt man aber nicht die hohlen Strukturen.

    Das die aktuell geplanten Mittel nicht für das Fähigkeitsprofil ausreichen haben wir schon mehrfach diskutiert.

    Diese Argumente lassen sie nicht gelten, da sie weiter annehmen, dass es halt auch einfach so gehen muss. Ohne verstehen zu wollen, dass die investiven Mittel eben trotzdem zu begrenzt sind für ein NATO-Mitglied das ein breites Spektrum an Fähigkeiten zur Bündnisverteidigung (!) zugesagt hat (z.B. verfügt Finnland im Vergleich nur über eine sehr kleine Marine mit speziellen Fähigkeiten für die Ostsee).

    Ich gebe Ihnen ja bei Kritik an vielen Umstrukturierungen, Defizite in anderen politischen Bereichen usw. Recht, aber diese Diskussionen ändern nichts daran das die quantitativen und qualitativen Fähigkeiten die zugesagt wurden nicht realisierbar sind. Siehe dazu unsere Diskussionen zu FPBw und FBA.

    Also müsste die Bundesregierung ihre Zusagen an die NATO in weiten Teilen zurücknehmen. Das will man aber auch nicht, also versucht man sich weiter „durchzuwurschteln“.

    Das wird sie vermutlich weiter nicht überzeugen, da sie die Situation aus einer abstrakten Perspektive des Gesamthaushaltes betrachten. Ich bedauere dies, da die Diskussionen hier früher davon geprägt waren das jeder von der jeweils anderen Perspektive gelernt hat. Sie sind hingegen zumeist nicht überzeugt, wenn etwas nicht zu ihrer Ausgangsthese der gut finanzierten Bundeswehr passt.

    Kurz gesagt: Abschreckung erfordert Vollaustattung, Vollaustattung kostet viel Geld, das Geld dafür ist nicht ausreichend vorhanden.

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