Neue Grundausbildung: „Der Soldat soll Sport als Spaß empfinden“

Hochbetrieb in der Sporthalle des Panzergrenadierbataillons 401 in Hagenow, südlich von Schwerin: Überall Soldaten im hellblauen Sportdress, die durch die Halle sprinten oder am Reck hängen. Draußen auf der Tartanbahn ziehen kleine Gruppen ihre Runde für den 1000-Meter-Lauf. Sie alle absolvieren den so genannten Basis Fitness Test (BFT) der Bundeswehr, mit dem die körperliche Leistungsfähigkeit überprüft wird.

Der BFT ist Standard in der Bundeswehr, das Trainingsgeschehen in Hagenow ist es nicht – darauf deutet schon der Container mit Fitnessgerät hin, der neben der Laufbahn steht. Soldaten hüpfen über Hindernisse, heben zu zweit schwere Trecker-Reifen oder ziehen Gewichte an einem Seil: Bei den Panzergrenadieren in diesem mecklenburgischen Standort erprobt die Truppe eine neue Form der Grundausbildung für ihre Rekruten. Fitness steht dabei in den ersten sechs Wochen für die neuen Soldaten an erster Stelle.

Das Pilotprojekt beim Panzergrenadierbataillon 401 soll ein Problem angehen, dass die Bundeswehr belastet:

Unter den Freiwilligen, die sich zum Dienst melden, gibt es inzwischen zu viele, die den Anforderungen des militärischen Dienstes körperlich (noch) nicht gewachsen sind. Und sei es nur, weil sie in ihrem bisherigen Leben wenig Wert auf Sport gelegt haben und lieber vor dem Computer saßen.

Das hatte auch schon drastische Folgen: Im vergangenen Jahr starb ein Offizieranwärter bei einem Marsch in Munster, mehrere seiner Kameraden klappten zusammen, weil die körperliche Anstrengung bei sommerlichen Temperaturen einfach zu viel war. Die Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen gegen zwei Ausbilder.

Im März kündigte Heeresinspekteur Jörg Vollmer Konsequenzen für die gesamte Truppe an: Die gesamte Grundausbildung der neuen Soldaten wird umgestellt – zunächst in einem Pilotversuch in Hagenow, der bei Erfolg aufs ganze Heer und später vielleicht auch auf die ganze Bundeswehr übertragen werden soll. Die ersten sechs Wochen der Grundausbildung dienen nur der Fitness, Sport bestimmt den Alltag der Soldaten – auch wenn dafür die Schieß- und die Gefechtsausbildung gekürzt und zunächst zurückgestellt werden müssen.

Von bisher 70 Stunden Sport stieg im Pilotprojekt der Anteil der körperlichen Ausbildung auf 110. Die Gefechtsausbildung wurde von zuvor rund 120 Stunden auf 88 Stunden reduziert, unter anderem durch den Wegfall der Ausbildung an der Pistole P8. Defizite für die Soldaten befürchtet der Heeresinspekteur nicht: Die Verpflichtungszeit der Mannschaftssoldaten betrage inzwischen durchschnittlich zehn Jahre, da bleibe noch genügend Zeit nach der Grundausbildung.

Die Umstellung folgt einem ausgeklügelten System: Es ist nicht einfach mehr vom gleichen. Neben die Klassiker Laufen und Liegestütz treten Übungen an Geräten, die eher ans Fitnesstudio als an die Kaserne erinnern. Bewegungsabläufe sollen eingeübt, Muskelpartien gezielt gestärkt werden. Und vor allem: Der dienstliche Sport soll nicht als stumpfe Notwendigkeit angesehen werden.

Der Soldat soll Sport als Spaß empfinden, sagt Oberstleutnant Alexander Radzko. Und ein bisschen stolz verweist der Kommandeur des Hagenower Bataillons auf die Erfolge nach den ersten sechs Wochen dieses Pilotversuchs: Im Basic Fitness Test steigerten die 46 Rekruten, die für diesen Versuch ausgewählt wurden, in dieser Zeit ihre Leistung um zehn bis 20 Prozent. Die schwächsten Soldaten bei der ersten Prüfung schnitten nach der gezielten Sportausbildung besser ab als diejenigen, die anfangs im Mittelfeld gelegen hatten.

Die Erwartungen, sagt Radzko, wurden auch noch in anderen Punkten übertroffen: Einen so niedrigen Krankenstand habe die Truppenärztin des Bataillons noch nie bei Rekruten in der Grundausbildung erlebt. Und außer zwei Abbrechern, die bereits in den ersten 48 Stunden wieder ihren Abschied von der Bundeswehr nahmen, habe von den jungen Soldatinnen und Soldaten niemand in den bisher eineinhalb Monaten Grundausbildung die Absicht geäußert, wieder auszusteigen – im Gegenteil: Alle würden inzwischen über eine längere Verpflichtungszeit nachdenken.

Aber warum stellt die Bundeswehr nicht an ihre Bewerber den Anspruch, gleich mit entsprechender Fitness zum Dienst anzutreten? Die Truppe brauche den Einser-Abiturienten genauso wie den Leistungssportler und den Schulabgänger mit Spitzennoten in Mathematik oder Naturwissenschaften auch dann, wenn er nicht gleich mit der nötigen körperlichen Leistungsfähigkeit komme, sagt Heeresinspekteur Vollmer . Und die könne man nicht nach verpatztem Eingangstest mit einem Trainingsplan nach Hause schicken: Wen wir einmal verloren haben, der kommt nicht wieder.

Der Heereschef zeigte sich bei seinem Besuch in Hagenow am (gestrigen) Mittwoch begeistert von den bisherigen Ergebnissen des Pilotversuchs – und will, eine positive wissenschaftliche Auswertung im Herbst vorausgesetzt, die neue Form der Grundausbildung im gesamten Heer einführen. Und natürlich werde er auch bei Generalinspekteur Eberhard Zorn dafür werben, dass das neue Fitness-First-Konzept in der ganzen Bundeswehr Bestandteil der Grundausbildung werde.

Vollmers Aussagen zum Nachhören:

Vollmer_Hagenow_18jul2018     

 

Der zivile Bundeswehr-Sportlehrer Reiner Butz, ein begeisterter Unterstützer des Projekts, erläutert, warum das Konzept mit Sport als Spaßfaktor sich auf die Soldaten so positiv auswirkt:

Butz_Hagenow_18jul2018     

 

Auch wenn die Vorfälle in Munster und Pfullendorf, wo Soldaten wegen körperlicher Überforderung zusammenbrachen, von Vollmer wie den Projektverantwortlichen in Hagenow nicht direkt angesprochen werden: Sie wirken sich auf die Truppe aus, nicht nur bei der Betonung des Sports zur Leistungsförderung. Bestandteil der Übungsbegleitung ist auch immer ein merkwürdig anmutendes Messgerät:

Das Hitzestress-Messgerät TC1000 erfasst neben der Lufttemperatur die Luftfeuchte, die Windgeschwindigkeit und die Wärmestrahlung und errechnet daraus ein Klimasummemaß, nach dem englischen Begriff Wet Bulb Globe Temperature Index abgekürzt als WBGT. Und diese Kenngröße bestimmt, wie lange unter welchen Bedingungen mit welcher Ausrüstung in der Sonne gearbeitet werden soll – für Helm oder Schutzweste gibt es jeweils Zuschläge. Die Arbeits- und Pausenzeiten abhängig von dem ermittelten Klimasummenmaß sollen in einer Taschenkarte Hitzenotfälle zusammengefasst werden, deren Entwurf das Heer in Hagenow zeigte:

Und noch etwas könnte künftig zum Standard werden: Ein Leistungstest, der nicht wie der BFT unter recht unmilitärischen Bedingungen wie Sporthalle und Sportkleidung abläuft. Das Soldaten Grundfitness Tool  (SGT) übersetzt die körperlichen Anforderungen in typisch militärische Bewegungen.

Dafür müssen die Soldaten zunächst im Gefechtsanzug mit Schutzweste und Helm einen kurzen Laufparcours absolvieren, anschließend einen 50 Kilogramm schweren Sack über eine festgelegte Entfernung hinter sich herschleifen, mit zwei vollen Kraftstoffkanistern erneut auf den Laufparcours und zum Schluss diese Kanister mehrfach auf eine simulierte Ladefläche hieven. Noch ist dieses SGT nicht Bestandteil der Sportausbildung im Heer. Könnte es aber bald werden.

Natürlich zog sich durch die Gespräche in Hagenow immer wieder die Frage: Sind die jungen Frauen und Männer der heutigen Generation körperlich weniger fit als die früherer Generationen – und vor allem weniger leistungsfähig als zu Zeiten der Wehrpflicht? Oberfeldwebel Jens Pommerehnke, der als Ausbilder mit den Rekruten im Panzergrenadierbataillon 401 arbeitet, will das so nicht gelten lassen. Die Lebensweise gerade in Städten habe sich verändert, und zunehmend sei er auch mit Rekruten konfrontiert, die in ihren letzten Schuljahren kaum noch oder gar keinen Sportunterricht hatten. Der eigentliche Unterschied sei aber ein ganz anderer:

Pommerehnke_Hagenow_18jul2018     

 

(Mehr Fotos, nicht zuletzt von der Hindernisbahn, hier.)

 

66 Kommentare zu „Neue Grundausbildung: „Der Soldat soll Sport als Spaß empfinden““

  • Wa-Ge   |   20. Juli 2018 - 10:58

    @Zimdarsen | 20. Juli 2018 – 10:06

    Es geht hier nicht nur um Sport in der AGA. Dies ist eben nur der erste Baustein, wenn es nur darum gehen sollte, dann wäre es von Anfang an obsolet, da die AGA kein Selbstzweck ist sondern den ersten Baustein der soldatischen Prägung darstellt.

    Es muss auch keiner auf das Niveau eines Kommandosoldaten gebracht werden, das verlang auch keiner. Es ist aber sicherlich auch nicht zu viel verlangt, dass Soldaten mit mehren Jahren Dienstzeit in der Lage sein sollten mehrere IGM Märsche im Jahr erfolgreich meistern zu können. Und ich rede hier nicht von 6km sondern 12km, dies ist keine Kunst und auch für einen Nichtinfanteristen keine unmögliche Leistung. Es ist sogar eine geradezu lächerliche Anforderung für die Infanterie aber so ist es nun mal. Ich persönlich habe an keiner Übung ohne Fahrzeuge teilgenommen wo diese Anforderung in Punkto Gewicht um das vielfache überschritten wurde. Die 12 Km lagen da auch eher am unteren Limit.

    Von daher gilt es den sportlichen Elan aus der AGA in den Regelbetrieb mitzunehmen. Genau hier tuen sich aber bereits infrastrukturelle Abgründe auf, selbst beim Heer. Man brauche dafür nur die zur Verfügung stehenden Duschen im Amt für Heeresentwicklung oder Kommando Heer bzw. Ausbildungskommando anschauen. Wie Soldaten unter solchen Bedingungen effektiv und vor allem effizient Sport machen sollen weiß ich beim besten Willen nicht. Wenn die Sportnachbereitung ein Vielfaches der tatsächlichen Sportzeit darstellt darf man sich nicht wundern, dass kaum Sport getrieben wird.

    Aber das kennen wir ja bei der Bundeswehr, die einen erlassen Vorschriften und Konzepte und die anderen beschaffen keine Ausrüstung bzw. stellen die dafür notwendige Infrastuktur nicht bereit.

    @ T.W. sie können ja bei Interesse gerne mal beim BMVg nachfragen was aus dem Leuchtturmprojekt „Nahkampf“ geworden ist. Explizit wie viele Verbände mit Ausbildungsmitteln (einfache Schutzaustattung (Pratzen, Handschuhe,….) ausgestattet wurden. Sie werden sich neukrank lachen…

  • Voodoo   |   20. Juli 2018 - 11:05

    Es geht hier um die AGA und es sollte nicht vergessen werden, dass wir:

    2. Aus eine Absolventen der AGA keine Soldaten fürs Gefecht ausbilden.
    3. Die Ausbildung zur Befähigung zum Gefecht in den Fachlehrgängen und Übungen erfolgt.

    Mindestens diese beiden Punkte sind aus meiner Sicht (als ehem. KpChef AGA Kp Ende der 2000er Jahre) inhaltlich falsch:

    Bereits dIe AGA befähigt (stark) eingeschränkt zur Teilnahme am Gefecht, bzw. wohl eher dem Einsatz, legt vor allem aber wertvolle Grundlagen (z.B. Bewegung im Gelände, Grundlagen der Schießausbildung, Verbindung halten usw. – eben vieles, was die ehem. ZDv 3/11 abbildete).

    Alle nachfolgenden Lehrgänge bauen unmittelbar auf dieses Wissen auf, weswegen sich eine Verschleppung verbietet. Ganz ehrlich und aus der Realität: Außerhalb der AGA ist wenig Zeit für Grundlagen, u.a. weil Lehrgangsplätze bisweilen rar und teuer sind – ganz zu schweigen von den wenigen Übungen.

  • PiPo   |   20. Juli 2018 - 11:57

    Ungeachtet der Sinnhaftigkeit der Erhöhung der körperlichen Leistungsfähigkeit bin ich erschüttert, welcher Missbrauch heutzutage mit dem Begriff „Sport“ betrieben wird.
    Es gipfelt in der Aussage, das Soldaten Grundfitness Tool (SGT) als Bestandteil in die Sportausbildung aufzunehmen. Schade, dass es die alte ZDv 3/10 von 1988 nicht mehr gibt.

  • Muermel   |   20. Juli 2018 - 13:36

    Ich frage mich manchmal angesichts der vielen Ewiggestriger hier, die ihre Geschichten vom großen Kartoffelkrieg Anno Achtzehnhundertdosenkohl zum Besten geben, ob eigentlich denjenigen klar ist, was es heutzutage heisst, in Führungsverantwortung zu stehen. Die Rahmenbedingungen sind denkbar fordernd, da ist nix mit mal eben Dienst am Wochenende… daher begrüße ich die eingeleiteten Schritte sehr und hoffe auf baldige Implementierung in allen OrgBer, auch die anstehende Entfrachtung GA wird dann hoffentlich Im Zuge dessen umgesetzt.

  • Muermel   |   20. Juli 2018 - 13:44

    Angesichts der vielen Ewiggestrigen hier, die es nicht müde werden, ihre Geschichten vom großen Kartoffelkrieg Anno Achtzehnhundertdosenkohl runterzubeten, Frage ich mich, ob denjenigen auch nur ansatzweise klar ist, was es heisst, heute in Führungsverantwortung zu stehen. Die Rahmenbedingungen sind denkbar fordernd, Dienst am Wochenende ist nicht mal eben so zu realisieren…. daher bin ich froh, dass es nun zügig (hoffentlich) losgeht mit den genannten Maßnahmen und hoffe noch mehr, dass das gemeinsam mit einer weiteren Entfrachtung der GA in allen OrgBer umgesetzt werden wird. Und all die notorischen Meckerer, die offensichtlich ihren Dienst in den SK verrichten und sehr darunter leiden, die können sich ja alle einen Arbeitsplatz draußen suchen, da soll es ja bekanntlich sehr viel besser sein. In diesem Sinne, Happy Weekend.

  • Zimdarsen   |   20. Juli 2018 - 13:53

    @Voodoo

    Sie schreiben es ja selbst, es baut auf das -Wissen- auf und die Ausbilder der Bw können zwischen -Wissen- und -Beherrschen- unterscheiden. Ich möchte mit keinem in ein Gefecht welcher sein Handwerk nicht beherrscht und dazu zählen in jedem Fall Soldaten nach der AGA.

    Aber so ist es -möchte- und -beherrscht- ist nicht ganz ohne Einschätzung und Wertung.

  • Sachlicher   |   20. Juli 2018 - 14:26

    @
    @ Insider | 19. Juli 2018 – 11:05
    „Schöne neue Welt…“

    Ich verstehe die Punkte, die Sie umtreiben und ich verstehe, dass diese Sie beschäftigen. Solche Threads sind ja auch immer ein wenig „Nähkästchen“. Ich möchte Ihnen gerne ein, zwei Erfahrungswerte daraus darstellen:

    Gibt es hier jemanden, der was zu diesem Hitzestress Meßgerät sagen kann?

    Ich kann Ihnen dazu nichts ausführen. Aber: Aus diversen Wetterdaten hat man auch „früher“ schon, Erkenntnisse gezogen und in seinen Entschluss einbezogen, ggf. diesen dann nochmals korrigiert.

    Wenn dieses Messgerät dabei hilft, dann ist das grds eine gute Sache. Insbesondere dann, wenn der verantwortliche Audbildungsleiter einen Plan B vorbereitet hat und umgesetzt bekommt.

    Muss ich demnächst bei jeder Art von Außendienst ein solches Gerät mitnehmen, im Vorfeld den Wetterbericht auswerten und während der Übung stündlich kontrollieren und protokollieren?

    Wie geschrieben: Wetterdaten waren stets auszuwerten im Vorfeld. Änderungen beim Wetter bedingten schon immer Anpassungen. Vorschriften setzten schon immer zuweilen enge Grenzen.

    Z.b. Gewitter auf dem Übungsplatz: kommt es, kommt es nicht? Man machte sich eben im Vorfeld Gedanken über beide Szenare.

    Was war der Unterschied zu heute? Ganz einfach: ich hatte als junger Zugführer einen erfahrenen Oberfeldwebel, ich hatte einen Chef, der in Kauf nahm, dass ich zwei, drei Minuten länger benötigte, um von Variante A auf B umzuschalten als mein erfahrener Hauptfeldwebel-zugführer nebenan, ich hatte die Ressourcen für Variante B und

    Bekomme ich die kalkulierten Getränke schon vor Beginn der Übungen auch wenn es dann noch nicht warm ist?

    Auch ein Punkt, der gerne verklärt wird.

    Seit jeher muss (musste) Zusatzverpflegung begründet, beantragt und genehmigt werden. Was entspannter war: die Küche wusste, dass ich dafür gerade stehe, wenn, z. B. durch Wetteränderungen -und die können in den Alpen zum Teil umgänglich sein- ich noch „schnell“ die berühmte Therme Tee brauchte. In der Regel bekam man das nachträglich geheilt, wenn nicht machte man eine Schadensbearbeitung und fertig war die Laube.

    „Ich könnte darauf wetten, das dieses Gerät im Nachgang von Hitzeunfällen zur Auswertung herangezogen wird um ggf. jemanden in der Verantwortung zu haben…“

    Auch die Verantwortung gab es schon immer. Ich habe selbst erlebt, dass ein Divisionskommandeur, selbst Fallschirmjäger, eingeleitet hat, weil ein Zugführer in einem Fallschirmjägerbataillon verbotswidrig und trotz bestehender Alternative seine ihm anvertrauten Rekruten in der Mittagssonne bei sehr hohen Ozonwerten einen auf dem Dienstplan stehenden Geländelauf zur Durchführung befohlen hatte. Einige Kameraden überstanden diese Ausbildung nicht schadlos. Der Zugführer war Oberleutnant und in seiner ersten Stehzeit nach dem erfolgreichen Studium.

    Was ich Ihnen, kurz ausgedrückt, sagen wollte: die zu beachtenden Normen gab es meist schon. Die Tendenz aus falschem Ehrgeizig bei jungen Menschen zu viel zu wollen auch. Die Tendenz, Personen in die Rekruten-ausbildung „abzuschieben“ gab es ebenfalls.

    Aber wir hatten es einfacher als die Ausbilder heute:
    – Menschen mit Erfahrung um uns herum, die auf uns aufpassen konnten (und wollten),
    – mehr materielle Ressourcen,
    – mehr Flexibilität.

    P.S.: versuchen Sie heute eine Sportausbildung aufgrund der Hitze/Ozonwertüberschreitung „spontan“ vom Sportplatz in das Schwimmbad zu verlegen (Schwimmbad deshalb, weil für eine selbstorganisierte Schwimmausbildung zuviel Aufwand dahinter stand, um es spontan zu können: Stichworte Rettungsorganisation. ggf Übungsanmeldung, etc.) und Sie wissen was ich meine an Hand eines Beispiels.

    Es gab Zeiten, da saß man auf den Bus des Verbandes auf, fuhr kostenfrei ins Schwimmbad und machte dort Ausbildung, wie man es während der Rettungsschwimmerausbildung und/oder dem Sportleiterlehrgang gelernt hatte. Und wenn das Bad etwas an Eintritt kostete? Unkritisch. Kurz mit der Truppenverwaltung/S 3 Abteilung den Papierkram erledigt und los ging es – Haushaltsmittel waren für solche Zwecke schließlich geplant.

    Ich denke, jetzt wissen Sie worauf ich hinaus will: kostenfreies Schwimmbad? spontane Verfügbarkeit von Transportraum, Ausbilder für die Schwimmausbildung, usw?

    Und deshalb soll sich die heutige Generation bitte auch nichts einreden lassen.

    , @D. Luecking: OA aus Sachsen und Thüringen kamen und kommen seit 1991 nach 12 Jahren Schule zur Bundeswehr. Entsprechend jung kamen und kommen diese in Führungsverwendungen. Dass dieser Personenkreis trotz ihres Alters auffällig wäre im Bereich der Verstöße gegen die zeitgemäße Menschenführung, lässt sich nicht belegen.

    Überhaupt ist die Verknüpfung Alter-gut/schlecht oftmals versucht worden (Die Berichte der Wehrbeauftragten Claire Marienfeld sind so ein Beispiel.), ließ und lässt sich aber nicht valide belegen.

    Das sind die Fakten zur Aussage. Eine Aussage, die schwer erträglich ist. Und die ablenkt von den eigentlichen Problemkreisen. Vielleicht haben Sie das nicht beabsichtigt.

    Und ein junger Zugführer war nicht der, der mit 21 Leutnant wurde, weil er 21 war, sondern weil er noch nie vorher Zugführer war. Vielleicht bedenken Sie das bitte in Zukunft etwas. Ich würde mich freuen und Danke.

  • Koffer   |   20. Juli 2018 - 17:31

    @Daniel Lücking | 20. Juli 2018 – 10:08
    „4 Monate Ausland – 20 Monate Dienst im Inland muss zur Regel werden.“

    Ich glaube das ist hier OT. Aber nur fürs Protokoll: ich halte das für sowohl einsatzschädlich, als auch ineffizient und soldatenunfreundlich… Sie sollten mal darüber nachdenken, warum die meisten anderen Nationen bei 6+ Monaten liegen…

  • 0815   |   20. Juli 2018 - 18:20

    @Muermel | 20. Juli 2018 – 13:44
    Als „ewiggestriger“( seit mehr als 3 Jahrzehnten)
    und in Führungsverantwortung, ist mit der tägliche Kampf sehr wohl bekannt.

    Der Kampf gliedert sich in folgende Abschnitte:
    – strikte Umsetzung der EUAZR , auf Teufel komm raus
    – zu wenig Personal für allerhand „Nebenkriegsschauplätze“
    – Material heillos veraltet oder gar nicht vorhanden weil „flexibel Verwaltet“
    – Vorgesetzte ab A14/15/16 die sich vor lauter Karriereängste kaum mehr getrauen
    „eine“ Entscheidung zu treffen bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist
    – ausufernde Bürokratie für „Firlefanz“ und „Schönheit des schriftlichen Befehls“ anstelle
    von Sinnhaftigkeit/Zweckmässigkeit des Inhaltes und zuletzt der tägliche Kampf mit
    sich selbst um (zumindest äusserlich) Loyalität und Vertrauen in die oberste Führung
    zu zeigen
    Im übrigen muss man hierzu nicht von Anno-Tobak sein. Vorgestern reicht auch…und Zeit zum mehr als ausgiebigen Sport auch! Man(n) muss nur wollen ;-)

  • Daniel Lücking   |   20. Juli 2018 - 18:40

    @Sachlicher

    Ich glaube, wir liegen in unseren Sichtweisen nicht weit auseinander. Mein Punkt beim Alter bzw. dem Aspekt der Verkürzung von 13 auf 12 Jahre Schulzeit sprachen sich einzig dahin aus, dass der Druck auf die Schüler zugenommen hat. Meist wird nämlich im Lehrplan der selbe Stoff untergebracht, wie zuvor in 13 Jahren. Und gerne auch mal ein paar Neuerungen. Dadurch verkopft Schule noch mehr und die Zeit dafür eine „Reife“ zu erlangen, schwindet.

    Auch beim Blick ins Handwerk zeigt sich, dass die Schulabsolventen von heute in ihren praktischen Fähigkeiten nicht mehr mit denen zu vergleichen sind, die in den 70er/80er-Jahren kamen. Das mag alles nur als gefühlte Wahrheit gelten, weil es sich kaum wissenschaftlich belegen, geschweige denn messen lässt. Doch irgendwo her muss die Einschätzung ja kommen.

    @Koffer

    Der Aspekt „Einsatz“ war hier in zahlreichen Kommentaren immer wieder direkt oder indirekt ein Thema. Insofern leben sie damit, wenn ich auch das manchem wohl verhasste, aber meines Wissens nach immer noch angestrebte 4/20-Modell anführe.
    Das die Bundeswehr sehr gerne auf 6 Monate plus erhöhen will, ist sicherlich wieder eines dieser kostengetriebenen Bedürfnisse.
    Ich kann aus eigener Anschauung berichten, dass ein 4 Monatseinsatz ohnehin schnell bei 5 Monaten landet und das – ebenfalls eigenes Erleben – ein 6 Monatseinsatz selbst mit Urlaub problematischer ist.

    Da über dem gesamten Thema der Aspekt „Fürsorge“ schwebt, gehört auch der Blick auf den Einsatz dazu für den es – so klingt es bei vielen hier ja an – angeblich unerlässlich ist, Rekruten schon in den ersten Wochen am besten im Wüstenklima auszubilden. Ad absurdum führt sich diese Argumentation von selbst, denn schließlich sind die Winter in Afghanistan auch übelst kalt. Und wer trainiert das in einem Sommerdurchgang? Richtig. Wegtreten, Herr Koffer.

  • Koffer   |   20. Juli 2018 - 20:21

    @Daniel Lücking | 20. Juli 2018 – 18:40
    „Das die Bundeswehr sehr gerne auf 6 Monate plus erhöhen will, ist sicherlich wieder eines dieser kostengetriebenen Bedürfnisse.“

    Einsatzeffizienz und Fürsorgen für die Soldaten (denn beides wird mit 6 Monaten viel besser erreicht als mit 4) hat nichts mit „kostengetriebenen Bedürfnissen“ zu tun.

    „angeblich unerlässlich ist, Rekruten schon in den ersten Wochen am besten im Wüstenklima auszubilden.“

    Hat hier niemand verlangt. Wäre ja auch quatsch. Wollen Sie vielleicht nur billig provozieren?

    „Ad absurdum führt sich diese Argumentation von selbst, denn schließlich sind die Winter in Afghanistan auch übelst kalt. Und wer trainiert das in einem Sommerdurchgang? Richtig. Wegtreten, Herr Koffer.“

    Naja, da die Winter aber in AFG sehr kurz sind, die „fighting season“ im Sommer liegt und nebenbei Soldaten auf für den Winterkampf körperlich fit sein müssen, sind die Argumente, die für eine hohe Fitness unserer Soldaten sprechen sowohl die gleichen für einen Sommer- wie für einen Wintereinsatz.

    Und nebenbei auch für LV/BV.

    Alles zusammen: Eine Erhöhung der durchschnittlichen körperlichen Leistungsfähigkeit ist notwendig.

    Sowohl aus Fürsorgegründen für die Soldaten, als auch aus Gründen der Pflichterfüllung für den Dienstherren.

  • Sachlicher   |   20. Juli 2018 - 20:29

    @ Daniel Lücking | 20. Juli 2018 – 18:40

    Vielen Dank für Ihre Antwort und die darin enthaltene Einordnung.

  • Zimdarsen   |   20. Juli 2018 - 21:03

    @Koffer

    „Einsatzeffizienz und Fürsorgen für die Soldaten (denn beides wird mit 6 Monaten viel besser erreicht als mit 4) hat nichts mit „kostengetriebenen Bedürfnissen“ zu tun“

    Leider OT aber wichtig, weil gerade in Veränderungsplanung. Wie kommen Sie auf diese Aussage? Alle Studien sagen, dass bei den gegebenen Rahmenbedingungen die Probleme im Schnitt nach 4 überproportional Zunehmen, Ausnahmen bestätigen die Regel. Das Problem ist doch, dass wir bei 4/20 Planungsgrundlage es schon nicht geregelt bekommen, im Besonderen die 20Monate Pause. Was geschieht wenn die Planungsgrundlage erhöht wird? Glauben Sie im Ernst, dass man die dann festgelegten Zeiträume einhält?

    Fitness ist eben nicht nur eine Frage der muskulären Ausdauer, sondern auch eine der Psyche und der sozialen Aufstellung.

  • gast   |   20. Juli 2018 - 21:43

    @ koffer

    (sorry OT)

    wieviel Einsatztage haben Sie denn sammeln dürfen?

    In meinem Umfeld hat kein Stabsoffizier den ich kenne in meiner Altersklasse (40) unter 500.
    Und Sie wissen sicherlich auch, dass weit über 1000 ET im Sanitätsdienst nicht mehr die absolute Ausnahme sind. Und wo sollen denn jetzt schon die 20 Monate Pause eingehalten werden? Und wie ist dann bitte die Vorstellung für 6+ ….

    Das ist Diskussion am grünen Tisch ….

    Und auslöffeln dürfen die Suppe dann die Soldaten – selbstverständlich familienfreundlich.

    Aber wie sagte mal ein Personaler nach dem 3. 2,5 Monatseinsatz (innerhalb eines Jahres) zu mir: Sie müssen nur treu dienen. Wir sie allimentieren – aber für ihre persönliche zufriedenheit sind wir nicht verantwortlich.

  • gast   |   20. Juli 2018 - 21:47

    @ zimdarsen

    Zustimmung.
    Mir fällt leider kein Stabsoffizier in meinem persönlichen Umfeld ein, der irgendwann mal zwischen 2 Einsätzen 20 Monate Pause hatte.

  • Koffer   |   20. Juli 2018 - 22:17

    @Zimdarsen | 20. Juli 2018 – 21:03
    „Alle Studien sagen, dass bei den gegebenen Rahmenbedingungen die Probleme im Schnitt nach 4 überproportional Zunehmen“

    Welche Studien?

    Ich kenne keine Studien, ich kenne nur meine eigene Einsatzerfahrung und die von Kameraden und da waren die Einsätze frühestens effizient ab dem 2. Monate und nicht mehr im letzten Monat.

    Durch die Vorausbildung und den In-/Out-Stress ist es auch für die Familien besser länger, aber dafür seltener als kürzer aber dafür häufiger zu gehen. Spezialisten und Sanis/Ärzte jetzt mal ausgenommen, die gehen ja so häufig und häufig jeweils auch so kurz, dass für die eh andere Regeln gelten.

    „Fitness ist eben nicht nur eine Frage der muskulären Ausdauer, sondern auch eine der Psyche und der sozialen Aufstellung.“

    Absolut. Genau das. 100% Zustimmung.

    Können wir jetzt (den von mir nicht begonnen) OT beenden?