‚Die den Krieg leugnen, gelten als Pazifisten‘

Gegen die hier übliche Regel (und auch ein wenig abweichend von den hier üblichen Inhalten) verlinke ich einen Text aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung – weil ich finde, dass diese Stimme aus der Ukraine zumindest zur Kenntnis genommen werden muss: Ein verzweifelter Kommentar der in Berlin lebenden ukrainischen Schriftstellerin Katja Petrowskaja. Gegen die in der öffentlichen Debatte herrschende Meinung, es gehe um jeden Preis darum, einen Krieg zu verhindern. Aus Sicht der Ukraine tobt er längst:

Wenn Tausende Menschen in einem Krieg in meinem Land erschossen werden, wenn über eine Million auf der Flucht sind, wenn sich in der Kriegsregion Hunger ausbreitet und Menschen sterben in ihren grauen Kellern, wenn Tausende Kriegswaisen nach Hilfe suchen und es gleichzeitig in Deutschland Demonstrationen und Aufrufe gibt, die vor einem drohenden Krieg in Europa warnen, als herrsche heute noch Frieden, als wäre die Katastrophe, die wir vielleicht verhindern könnten, noch gar nicht da – dann fühle ich mich plötzlich fremd und missachtet in Europa. (…)  Und die, die den Krieg leugnen, gelten nun als „Pazifisten“ par excellence.

(Archivbild November 2014 mit freundlicher Genehmigung von Jeroen Akkermans)

101 Gedanken zu „‚Die den Krieg leugnen, gelten als Pazifisten‘

  1. @JCR: Ich dachte, ich hätte deutlich gemacht, dass ich diese differenzierte Denkweise deutlich gemacht hätte. Mir ging es vor allem darum den Text von Petrowskaja zu verteidigen. Dass aus der Ostukraine keine freie Berichterstattung möglich ist, haben alle beteiligten Parteien zu verantworten.

    @Foxy: Schade, dass Sie Schwierigkeiten mit dem sinnentnehmenden Lesen haben. Überraschend, dass Sie nicht zwischen Personen und Rollen trennen können.

  2. Ich verstehe die Menschen hier im Block, die sich Sorgen über die Zuspitzung mit Russland machen. Was ich dabei allerdings gar nicht verstehe, ist dass diese Menschen bei ihrer Argumentation allzu bereitwillig unsere Werte und rechtliche Basis verlassen bezüglich Meinungsfreiheit, Demokration und Völkerrecht. Auch Russland hat nicht das Recht die Krim zu annektieren, nur weil es sich eingekreist fühlt. Eine Abstimmung auf der Krim unter Gewehrläufen genügt nicht demokratischen Standards. Unsere Qualitätsmedien bieten in ihrer Gesamtheit immer noch Vielfalt ab und unangenehme Journalisten werden hier nicht zusammengeschlagen.

    Was eine sachliche Debatte mit unterschiedlichen Sichtweisen hier auch so stark erschwert, ist die stark polemische Schreibweise einiger Autoren, wie @Foxy oder @Benedikt. Achten Sie mal darauf, wie häufig die ukrainische Regierung als „unfähig“ bezeichnet und dies als geklärter Fakt ausgegeben wird und wie oft herabwürdigend von „Proro“ geschrieben wird.

    Ich wünsche mir eine Debatte auf Basis eines gemeinsamen Wertekanons einer „freiheitlichen demokratischen Grundordnung“ und der Einbindung in das Völkerrecht und internationale Institutionen – ok, das klingt eben ziemlich schwerfällig. Dies ermöglicht meines Erachtens dann eben auch ein, das Verhalten der Amerikaner kritisch zu bewerten. Ihr völkerrechtswidriger Angriffskrieg gegen den Irak 2003, der Drohnenkrieg und NSA machen doch heute gerade im kommunikativen Wettbewerb die Position des Westens so schwierig. Auf der anderen Seite muss ich dann eben die Entwicklung in Russland kritisch sehen und kann das nicht einfach ausblenden und Putin „verstehen“.

  3. Das, was einem Normalbürger sauer aufstößt, ist die Scheinheiligkeit des „Westens“ – wir nehmen uns selbstverständlich Sachen heraus, die wir anderen versagen, und überhöhen uns moralisch.

    Wobei: der Lack ist ab, unsere Überlegenheit kauft uns keiner mehr ab. Gut, vielleicht noch in Bezug auf Daesh & Co., was aber auch keine große moralische Herausforderung ist.

  4. @ StMarc | 30. Dezember 2014 – 17:25

    Dies ermöglicht meines Erachtens dann eben auch ein, das Verhalten der Amerikaner kritisch zu bewerten. Ihr völkerrechtswidriger Angriffskrieg gegen den Irak 2003, der Drohnenkrieg und NSA machen doch heute gerade im kommunikativen Wettbewerb die Position des Westens so schwierig.

    Ich argumentiere jetzt mal rein real- und machtpolitisch.

    Irak, Syrien und auch Libyen waren historisch gewachsene Verbündete Russlands mit sehr leistungsfähigen Armeen. Durch die Vorgänge in der arabischen Welt seit 2003 wurden all diese Verbündeten Putins militärisch neutralisiert.

    In der aktuellen geopolitischen Situation beruhigt mich das doch etwas.

    Man kann sich moralisch erhaben matt setzen lassen oder dem Gegner realpolitisch seine Schwerfiguren abnehmen.

    Nur so als Hypothese!

  5. @Thomas Melber
    Zustimmung zur Rolle der USA. Mal positiv gewendet habe ich den Eindruck, dass unsere deutsche Diplomatie bisher eine sehr ausgleichende Rolle gespielt hat.

    ABER: auch, wenn das so ist und wir unglaubwürdig geworden sind: demokratischen Werte und Menschenrechte sollten wir weiterhin offensiv vertreten – ohne Überheblichkeit und mit einer gewissen realpolitischen Sachlichkeit. Nur, weil Demokratie beispielsweise in einem Land, wie dem Irak nur schwer funktionieren konnte, ist sie trotzdem sachlich und normativ gut und erstrebenswert, weil die schlechteste aller Regierungsformen…

  6. @Freiherr
    Ich schließe mich der realpolitischen Diskussion gerne an und Frage Sie, welche Bedrohung von diesen Ländern 2003 für den Westen ausgegangen ist? Ist es nicht so, dass die Bedrohung mit der Zerschlagung einigermaßen funktionsfähiger staatlicher Gebilde dort erst extrem zugenommen hat? Irak war 2003 nur noch ein Schatten seiner selbst, Syrien stabil und von Israel gut im Griff – und Lybien?

    Mein von Ihnen zitierter Verweiß auf das Thema Irak sollte nur ein Hinweis sein, woher die kommunikativ schwache aktuelle Situation des Westens herkommt – zum Teil aus eigenen Fehlern.

  7. @ StMarc | 30. Dezember 2014 – 18:27

    Wieder nur als Hypothese: Es gibt in bestimmten Kreisen in der arabischen Welt diese Idee von der panarabischen Nation, die nach 9/11 imperiale Gelüste zeigte. Wären diese Bestrebungen Realität geworden, hätten wir ein ausgewachsenes sicherheitspolitisches Problem, wogegen ISIS heute Kindergarten ist.
    Diesen Bestrebungen wurde möglicherweise durch Irakkrieg, arabischer Frühling etc. ein Riegel vorgeschoben.

    Wie gesagt, reines Gedankenspiel.

  8. @Freiherr
    Eine interessante Diskussion, mir ist nur gerade aufgefallen – leider etwas off Topic. Vielleicht Fortsetzung im nächsten IS-Thread?

  9. StMarc | 30. Dezember 2014 – 17:25
    Außnahmsweise möchte ich dies mal in einem Kommentar würdigen;
    Sie sprechen mir aus der Seele.

  10. @StMarc, 18:07h
    Die Interessen der amerikanischen Außenpolitik sind klar definiert und priorisiert:

    1. Sicherheitsinteressen (für die USA, in zweiter Linie für die Verbündeten)
    2. Wirtschaftsinteressen
    3. „Freiheit“, „Demokratie“, u.a.

    Das wird offen zugegeben, bzw. ist für Insider Washingtons überhaupt kein Geheimnis.

  11. @Hohenstaufen | 30. Dezember 2014 – 11:06
    guter Beitrag

    @Thomas Melber | 30. Dezember 2014 – 11:21
    Na und? Innere Angelegenheit der Ukraine. Ohne ausreichenden Rueckhalt in der Bevoelkerung gelingen keine Revolutionen.

    @klabautermann
    „Langsam kommt bei mir persönlich der Eindruck hoch, dass sowohl Moskau als auch Washington mit der Politik in Kiew ganz zufrieden sein können, denn am Ende des Tages gibt es nur einen Verlierer, und das ist……..die EU.“

    Koennen sie das bitte Erlaeutern? Ich kann nicht ganz Nachvollziehen, wo und wie die EU dabei verliert?

    Der Aktionismus bezuegliche Speerspitzen wird sich bestimmt nicht in den Verteidigungshaushalten niederschlagen. Insbesondere, da man ja eh merkt das Russland wirtschaftlich auf so wackeligen Fuessen steht, dass es konventionell nicht gefaehrlich wird.

    Die wirtschaftlichen Verluste durch die Sanktionen scheinen nicht Ernsthaft ins Gewicht zu fallen, und leicht durch bilige Energie kompensiert.

    Aussenpolitisch hat Europa sehr deutlich Staerke gezeigt. Ob die Sanktionen massgeblich zum Einknicken der Russischen Wirtschaft sind, oder der geringe Oelpreis, wird sich schwer ausseinanderhalten lassen. Jedoch wird eines das andere Verstaerken, und das wird vermutlich auch wahrgenommen. Dazu hat man noch ueberraschend einheitlich agiert.

    Wir haben in dieser kurzen Zeit auch noch nicht gesehen, wie sehr Europa als soft power nach Russland wirkt. Vielleicht faengt das erneut an. Vielleicht wird es den Halt der Macht-Elite unterminieren wenn der Unmut waechst, dass die reichen Russen weiter nach Baden-Baden fahren waerhend daheim das Grossmuetterlein sich die Kartoffeln nicht mehr leisten koennen.

    Ich denke, es besteht jedoch Konsens hier, dass die wirklichen Verlierer in kalten Kellern in der Ostukraine warten. Ganz gleichgueltig wer das jetzt angerichtet hat.

  12. Der letztgenannte verlinkte Artikel gibt lediglich die Meinung eines bekannten 9/11-Verschwörungstheoretikers wieder der seit Monaten glaubt sich an den Spekulationen zum Thema MH17 ebenfalls beteiligen zu müssen. Das hilft niemanden weiter und dient wohl nur der eigenen Profilierung.

  13. Der Bürgermeister von Baden Baden hat schon geheult weil ihm die Russischen Gäste ausbleiben. Kaufen tun jetzt nur noch die Russischen Superreichen. Nach Baden Baden kamen wohl nur die Obere Mittelschicht, die es am härtesten erwischt hat. Richtig los mit der Wirtschaftskrise geht das ja erst dieses Jahr. Die Presse träumt immer von reichen Russen, viele von denen dürften ihre Baden Baden oder London Immobilien mit Krediten finanziert haben. Da wird es genug Immobilien geben, wo diese nicht genügend Erträge bringen, um das Darlehen zu tragen. Selbst in London soll es schwer geworden sein, Immobilien zu Höchstpreisen wieder los zu werden. Da wird der Immo Traum für viele in der Pleite enden. Die Merkel Fans in DE Konzernen hoffen auf ein Ende der Ukraine Krise, wie der Bürgermeister von Baden Baden. Das Euromaidan Regime braucht dummerweise den Dauerhaften Konflikt mit Russland ums eigene Politische Überleben. Ums Land geht es schon lange nicht mehr. Die Krim ist weg, und den Donbass will Russland nicht haben. Da geht es nur darum, dass Selbstbedienungsladen (Ukr Staatskasse) für die Ukr Oligarchen zu erhalten. Fass ohne Boden für den Deutschen Steuerzahler.

    In der EU will man die Ukrainischen Zustände nicht wahr haben, und wird dafür sehr teuer bezahlen. Die Russen hatten mit den Dysfunktional funktionierenden DNR auch nicht mehr Glück.

  14. Vieleicht sollte man in einem militäraffinem Blog das Militärische nicht ganz ausblenden:
    http://kosmologelei.wordpress.com/2014/04/13/lagebeurteilung/

    Dieser Post beschrieb sehr eindringlich, detailgetreu und zeitnah die russische verdeckte Invasion. Das war die Grikinabteilung, welche nach wenigen Wochen auch in Donezk die Macht übernahm und die lokalen Akteure verdrängte. Insofern kann nicht von einem Bürgerkieg gesprochen weden, da von Anfang nicht nur russische Truppen beteiligt waren, sondern russische FSB-Agenten bzw. Nazionalbolschewiken (Borodai) auch die politische Führung übernahmen.
    Darüber hinaus möchte ich zu bedenken geben, dass der Kreml noch während der Genfer Verhandlungen, an deren Schluss die Tolerierung (nicht Akzeptanz; ähnlich wie Nordzypern) des derzeitigen Krimstatus stand, Truppen in die Ostukraine einsickern ließ und die lokalen „Matadore“ entmachtete. Dies ist ein doppeltes Spiel, was mich schon fragen lässt, ob ein konstruktiver Dialog mit der jetztigen Kremlführung überhaupt durchführbar ist. Letztendlich hat diese verdeckte Kriegsführung nicht gefruchtet und Russland musste im August eine ziemlich offene Ivansion durchführen, um die Niederlage seines FSB-Agenten zu verhindern. Dies wurde dann auch von der neu installierten Puppe Sachartschenko bestätigt, der in seiner Antrittsrede von 150 gepanzerten Fahrzeugen sprach, die der Donezker Verbrecherrepublik von Russland zur Verfügung gestellt wurden. Das sind mehr als im gestamten Baltikum stehen.Wem diese Argumentation nicht nachvollziehbar ist, könnte hier vielleicht falsch aufgehoben sein. Leben ist kein Ponyhof.
    Wenn man dies einfach so hinnimt und fünfe gerade sein lässt, wird sich dies in Moskau eher als Ermutigung aufgenommen.
    In Estland bzw. allgemein im Baltikum geht das Zündeln weiter, was sich bspw. an der Entführung des estnischen Grenzbeamten zeigt, wobei man beachten sollte, dass die russische Duma bis heute noch nicht den russisch-estnischen Grenzvertrag ratifiziert hat, obschon Estland vollumfänglich die einseitige Grenzziehung der russischen Sowjetrepublik nach dem Ende des II. WK anerkennt.

  15. @ Benedikt | 01. Januar 2015 – 20:47
    Ganz sicher wird die Frau Oberbürgermeisterin der Stadt Baden-Baden ein mögliches Ausbleiben Russischer Gäste bedauern,schließlich lebt diese gastfreundliche Stadt von Besuchern aus aller Welt.

    Dass Frau Oberbürgermeisterin Margret Mergen Fan von Frau Dr. Merkel ist,scheint möglich,ist aber nicht überliefert.

    Eine (Auf)Teilung der Ukraine ist ein solides Gedankenmodell und würde einiges an momentanen Problematiken auflösen helfen. Es scheitert an den Ukrainern selbst,die-egal welchem politischem Spektrum angehörig- genau diese Teilung ihres Landes strikt ablehnten und ablehnen.

    Das gilt es für alle,die sich in dem Konflikt für eine friedliche Lösung engagieren,und da fallen mir neben Deutschland,Frankreich -> EU spontan nur noch Japan und Indien ein,zu respektieren. Und wenn die Menschen in der Ukraine,das Land beieinander halten wollen,ohne dabei ihre Bindungen nach West einerseits und nach Ost andererseits aufgeben zu wollen,dann muss man ihnen die Chance zur Mehrvektorenaußenpolitik geben,die Janokowitsch mit seinen Leuten so leichtfertig verspielte.

    @ someone | 02. Januar 2015 – 6:50
    Sie umschreiben eine Dynamik,die in Gang gesetzt wurde,als Ukrainer den mit Moskau durch den dt. und frz. Außenminister ausgehandelten Kompromiß zur Post-Janukowitsch Zeit auf dem Maidan abschlägig beschieden.

    Darin ist bitte keine Wertung enthalten,sondern lediglich meine Ansicht zum Ausdruck gebracht,dass damit auch die letzte,und wohl auch einzige,Möglichkeit zur friedlichen Transition überholt wurde,aufgrund welcher und wessen Intention auch immer.

    Zur Russischen Minderheit im Baltikum: der Umgang mit der Minderheit entspricht nicht den Standards,den wir uns als EU auferlegen. Anderswo in der EU ist das mit anderen Minderheiten auch so,und die Balten wissen das auch selbst ganz genau und vorrangig in den zentralasiatischen Republiken war/ist der Umgang mit den russischen Minderheiten noch viel katastrophaler,dennoch müssen wir als EU daran arbeiten. Nur mit den geeigneten Integrationsriemen wird es uns gelingen,diese Menschen im Baltikum davon zu überzeugen,dass auch wir als EU für diese Menschen Heimat,Freiheit,Frieden und Gerechtigkeit bedeuten,und sie sich nicht „woanders“ danach umschauen müssen.

    Meiner Meinung auch eine „Ukrainische“ Lehre:gelang dies doch Janukowitsch nicht bei vielen im Westen,gelingt es doch der neuen Administration (noch) nicht bei allen im Osten.

  16. @Frhr (30. Dezember 2014 – 13:42): Widerspruch in einem zentralen Punkt: Wir sind Putins Leuten NICHT unterlegen, nur weil hier offene Diskussion herrscht und die vielen, nicht umstandslos auflösbaren ideologischen Widersprüche auch einfach mal ausgehalten werden. Im Gegenteil: Gerade die Tatsache, dass Leute wie Foxy & Kameraden eben nicht mit handgreiflichen „Hausbesuchen“ der offiziellen Sicherheit zu rechnen haben (wie es in Putins Reich der Fall ist) macht unsere Stärke aus. Vielleicht erinnern Sie sich bitte einfach an den Auslöser des Konfliktes: Die Mehrheit der Ukrainer will nichts mit Putin zu tun haben weil die von seinem Herrschaftssystem gebotenen Lebensmöglichkeiten einfach erbärmlich sind. Daher wollen die meisten halt lieber nach westlichen Regeln leben. Das ist der entscheidende Punkt. Und deshalb sollten wir uns auch gar nicht erst auf diesen Quatsch a la „3. Weltkrieg“ einlassen, weil man sich damit sofort in Putins Rhetorik verfängt. Dieser alberne Weltkriegs-Popanz hat für den schönen Wladimir drei Funktionen: (1) Wichtigtuerei (2) Botschaft nach Innen „Wir Russen sind die Größten“ und (3) nach Außen „Wer uns Russen in die Quere kommt ist schuld am Krieg“ . . . und dass wir auf Letzteres hereinfallen, war ja gerade der Ausgangspunkt dieses Threads. Man sollte ganz offen sagen, dass es ein Bürgerkrieg ist – von einer Art, die wir in Europa schon besser kennen als uns lieb sein kann. Wie immer beim Zerfall eines Staates (etwa UdSSR oder Jugoslawien) bekämpfen die Nutznießer der alten Zustände die Veränderung mit Gewalt. So wie einst Milosevic hat sich Putin als Anführer der Profiteure des alten Systems etabliert. Die alten Potentaten kämpfen um den ungeschmälerten Erhalt ihres Machtsprengels und organisieren die Gemetzel gern entlang ethnischer Linien – was hinreichend zeigt, welch Geistes Kind sie sind.

  17. Zivi a.D. | 02. Januar 2015 – 12:42

    @Frhr (30. Dezember 2014 – 13:42): Widerspruch in einem zentralen Punkt: Wir sind Putins Leuten NICHT unterlegen, nur weil hier offene Diskussion herrscht und die vielen, nicht umstandslos auflösbaren ideologischen Widersprüche auch einfach mal ausgehalten werden.

    In Zeiten des Friedens und der Stabilität ist das richtig. Wenn genug Zeit und gesellschaftliche Stabilität für tabulose Diskussionen gegeben ist, ist unsere offene freie Gesellschaft dem geschlossenen Narrativ Putins überlegen. Kommen wir jedoch in eine Phase der Ressourcenarmut, der Verunsicherung, der wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Angst, so sind freie Gesellschaften wesentlich anfälliger als straffe zentralistische (despotische) Organisationsformen. Jede Notstandsgesetzgebung bringt diesen Mechanismus zum Ausdruck…
    Und genau in diesem Punkt liegt Putins Chance. Wenn wir unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt verlieren, wird auch unser Land auseinanderfallen, von Europas Erosionserscheinungen müssen wir da gar nicht erst anfangen.
    Genau hier müssen wir uns fragen: Was hält uns zusammen und wie fördern wir das? Selbstmord aus Angst vor dem Tod (also Abschaffung von Freiheit, Intoleranz, Überwachung …) halte ich für den falschen Weg, strukturiertes Nachdenken, wie wir unsere freiheitliche demokratische Grundordnung erhalten, erscheint mir sinnvoller. Hier agiert unsere Regierung gerade stümperhaft.

    Wenn man sich z.B. ansieht, welche mediale und öffentliche Wirkung ein paar lächerliche Figuren auf den Straßen von Dresden verursachen (man vergleiche nur mal mit den Nato-Doppelbeschluss Demos in den 1980ger Jahren mit ganz anderen Dimensionen), dann ist das ein Indikator für Instabilität. Man ist sich gesellschaftlich nicht mehr im Reinen. Und wenn sich dann noch eine Bundeskanzlerin in ihrer Neujahrsansprache dazu genötigt sieht, das so zu kommentieren:

    „Deshalb sage ich allen, die auf solche Demonstrationen gehen: Folgen Sie denen nicht, die dazu aufrufen! Denn zu oft sind Vorurteile, ist Kälte, ja, sogar Hass in deren Herzen!“

    … dann sehe ich da eine gewisse Panik. Eigentlich lässt man sowas allenfalls von der dritten Garnitur kommentieren. Und eine selbstgewisse Kanzlerin würde allenfalls sagen: „Ich vertraue auf die Klugheit der Bevölkerung, dass sie die Substanzlosigkeit erkennt. In unserem freien Land dürfen auch Idioten für ihr Anliegen demonstrieren, nur muss man ihnen deswegen nicht folgen …“

    Gerade weil man den Worten der Kanzlerin (zwischen den Zeilen) ein „Verbieten“ unterstellen kann, dient sie damit Putin. Denn nun kann RTDeutsch daraus machen: Merkel verweigert Oppositionellen Demonstrationsrecht … und eine wachsende Anzahl an Menschen folgt dem, weil wir in der Auseinandersetzung die reine Lehre von Meinungs- und Demonstrationsfreiheit nicht durchgehalten haben.

  18. „Eine (Auf)Teilung der Ukraine ist ein solides Gedankenmodell und würde einiges an momentanen Problematiken auflösen helfen.“

    Nach der Aufteilung müssten in den abgespaltenen Teile neue Funktionierende Verwaltungen etabliert werden. Das ist im Donbass gescheitert. Die Krim ist einfach komplett zu den Russen übergelaufen, was sich im Donbass auch wegen den Gewaltsamen eingreifen Kiews nicht wiederholt hatte. Poro hat Oblasten Verwalter tlw. schon mehrmals gewechselt. Poroschenko hat seinen Laden auch nicht im Griff. Sieht man auch daran, dass die Ukr Regierung wieder den Nazi-Kollaborateur Bandera zum Volkshelden verklären will. Während in Lviv gegen die Russland marschiert wird, wirbt Asow in Russland um neue Kämpfer (auch mit FSB Vergangenheit). Der Rechte Sektor ist auch in sich gespalten. Gestern sind wohl die Kämpfe im Donbass wieder voll los gegangen. Wie das insgesamt ausgeht, ist weiter sehr unklar.

  19. @ Zivi a.D. | 02. Januar 2015 – 12:42

    Kleine Ergänzung (gerade erst gelesen):

    Zitate aus einem Kommentar von Jacques Schuster „Das ist rechtsextrem. Schluss, Punkt, Ende“ auf aus der Welt:

    „Seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten herrscht in der angeblich so aufgeklärten, tabufreien deutschen Gesellschaft die Neigung vor, Themenfelder zu umzäumen und jeden mit dem Urteil des Rechtsradikalen zu versehen, der es wagt, auch nur einen Zeh auf die verbotenen Wiesen zu setzen.

    Geschickt im Gewerbe der Niedertracht fahndet man in Deutschland nach den Schwächen und Schrullen desjenigen, der den Mund aufmacht, stellt sie in den Mittelpunkt der Debatte, schaltet alle weiteren Argumente aus und beginnt auf diese Weise einen Vernichtungsfeldzug sondergleichen.

    Wenn eine Gesellschaft etwas vorschreibt, weil es gängige Politik oder Sitte sei, verbietet sie das Denken.“

    Mit den von Jacques Schuster beschriebenen Verhaltensweisen machen wir es den Feinden unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung leicht, unser Gemeinwesen zu desavouieren. Leider. Die Konsequenz kann nur sein, zu den Werten der Freiheit zurückzukehren, statt sie aus Angst vor ihren Feinden weiter einzuschränken. Noch haben wir Zeit und Ressourcen dazu.

  20. @ Benedikt | 02. Januar 2015 – 14:06
    Wie ich bereits schrieb,ist es meiner Meinung nach obsolet über eine „aufgeteilte“ UKR zu diskutieren, da die Ukrainer diese ablehnen und das Alle zu akzeptieren haben.

    Und eine theoretische Diskussion darüber,was wer warum zu tun hätte für den Fall was wäre wenn ,führe ich hier nicht, das das eher nicht hierher gehört. Dafür habe ich andere Möglichkeiten.

    Eine Bitte an Sie: Solange Sie es versäumen,Forderungen argumentativ ausgewogen an alle Beteiligten gleichermaßen zu adressieren, auf Ausdrücke wie „Poro“ zu verzichten,solange können Sie bitte nicht wirklich eine sachliche Auseinandersetzung mit Ihrem geschriebenen Wort erwarten. Und unsachliche Debatten sollten unsere Sache hier nicht sein.

  21. @ Benedikt

    Das die Krim geschlossen zu Putin uebergelaufen sein soll, ist wirklich der groesste Bullshit, den ich hier in der letzten Zeit gelesen habe.

    Sorry TW, das musste raus.

  22. @Frhr.: Was unser aller Kanzlerin und ihre Stellungnahme zu den Pegida-Demos angeht, sollte man Partei- und Regierungschefin auseinander halten. Für Erstere ist sind diese Demos alarmierend, schließlich reichen schon kleines Gewichtsverlagerungen im Gefüge um die bestehenden Mehrheiten zu kippen. Da sind 5 Prozentpunkte Abstand eine ganze Welt. In Partei-Funktion MUSS sie sich daher einmischen und wie das das BVG gerade bestätigt hat, ist es auch völlig legitim, wenn sich gewählte AmtsträgerInnen gegebenenfalls politisch erregen. Vom Kanzleramt her gesehen sieht es natürlich etwas anders aus. Das Vaterland ist nicht akut in Gefahr, wenn die Leute meinen etwas verteidigen zu müssen, was (m.E. aus zweifelhaften Gründen) für Christenheit und Vaterland gehalten wird. Wenn Merkel nur Kanzlerin wäre, träfe Ihre Kritik besser. Das Problem liegt in der Personalunion/Vermischung der Ämter. Soweit können wir uns wohl einigen (?!).
    Schwierig ist der andere Teil mit den Füßen auf den verbotenen Wiesen, was mir gerade heute wieder etwas klarer wurde: Momentan wird der Fall Johannes Clair bei D-Radio Wissen abgehandelt und in der Vorankündigung der mittlerweile in UK arbeitende Historiker Sönke Neitzel zitiert mit „In England kann man noch so links sein – bei allen Menschen genießen die Soldaten ein hohes Ansehen.“ Das ist bei uns (bedauerlicherweise) nicht so. Indes gibt es nachvollziehbare Gründe dafür, die letztlich damit zu tun haben, dass Deutschland auf ganze anderen Wegen Nation geworden ist als UK oder Frankreich. Es nützt also nichts, mal wieder auf den vaterlandslosen Gesellen mit dem falschen Bewusstsein herumzuprügeln. Das können die KZ-, Gulag- . . .-Wächter dieser Welt ohnehin besser als wir.
    Es wird sich kaum ändern lassen, dass der Patriotismus und das Nationalgefühl der genannten Nachbarn etwas mit Leistung und erworbener Zugehörigkeit zu tun hat während das Nationalgefühl hierzulande eben nur kompensatorisch aus der Erfahrung von Ohnmacht und Demütigung entstanden ist in den Jahrhunderten vom Ende der Staufer bis zu den napoleonischen Kriegen. Es gab keinen Grund stolz zu sein auf das absurde Theater dieser lächerlichen Duodez-Fürsten, die aber eben „Deutschland“ waren. Diese albernen Zwerge blieben aber immer stark genug, jede vernünftige Entwicklung hin zu einem Verfassungsstaat zu verhindern. Moderne Verhältnisse gab es bestenfalls in kleinen Bruchstücken in einzelnen Staaten aber niemals in „Deutschland“. Diese Demütigung wirkt bis heute nach in der sehr spezifisch deutschen Sucht nach dem Schmuck durch „ausländisch klingende“ Begriffe wie das Handy, dass Briten und Amerikaner unbekannt ist. Bis in die 20er Jahre hatte Pseudo-Französisch ähnliche Funktion. Man denke nur an die „Raffinesse“ die kein Franzose kennt. Peinlich aber wahr: Deutsch sein hieß über Jahrhunderte für das deutsche Bürgertum, sich seiner Herkunft schämen zu müssen – weshalb gerade die besseren unserer Altvorderen ja auch gegangen sind. Jeder Psychologe wird bei solcher Lage kompensatorischen Größenwahn in Betracht ziehen. Und den hatten wir ja auch reichlich von Arndt, Fichte und Jahn bis zum Malerlehrling aus Braunau. Unterm Strich bleiben daraus zwei Punkte:
    Was etwa in UK als liebenswerte, nationale Marotte durchgehen könnte wird bei uns (zumindest noch auf längere Zeit hin noch) als Alarmzeichen gewertet. Das gilt auch für Pegida. Und: Nirgendwo in Deutschland ist abgesehen von den nachträglich entwerteten Befreiungskriegen (es folgte eben keine Freiheit) auch nur der Ansatz einer historischen Erfahrung vorhanden, die das Militär aus Sicht der Zivilgesellschaft zu „unserer“ Armee macht. Die Uniformträger traten nie anders als Werkzeuge der Unterdrücker auf oder schlimmer noch als perverse Geldmaschine für Landesherrn wie den Darmstädter Landgrafen.
    Peinlich, aber wahr: Die deutsche Gesellschaft hat nie Respekt vor dem Militär gelernt, weil sie nie einen Grund hatte die Militärs zu respektieren. Sie musste die Uniformen allenfalls fürchten. Das aktuelle „freundliche Desinteresse“ ist da schon ein Fortschritt.
    PS (vor allem @TW): Sorry, dass es so ein Riemen wurde aber der Graben zum Freiherrn ist breit, deshalb muss m.E. viel rein, wenn es wenigstens eine Chance zur Verständigung geben soll.

  23. @TW
    Einige grundsätzliche Fragen zu dem Thema werden sich aber in 2015ff. stellen:

    – Türkei / NATO
    – Ustg DAESH (IS) – Qatar, u.a.
    – Einfluß KSA – DEU (Fahd Akademie / KOS)
    – DITIB in DEU
    – innere Sicherheit i.a. (sog. „Rückkehrer“)

  24. @TMS, Zivi a.D.

    Klar werden sich einige dieser Fragen stellen. Aber dieses Blog ist nicht der Ort für Debatten über Pegida, weder in einem Sach-Thread noch im Bällebad. (Genausowenig wie hier der Ort ist, seiner Zu- oder – häufiger – Abneigung für eine Partei freien Lauf zu lassen.)

  25. @TW
    Die Herausforderung ist, daß Sicherheitspolitik aus zwei Komponeten besteht:

    – Sicherheit – mil. Element iwS. / Sachfragen
    – Politik – pol. Element (Innen / Außen)

    Lassen wir es gut sein.

  26. @TW / 2

    Vielleicht etwas emotional, ich verweise aber trotzdem ‚mal auf:

    https://www.youtube.com/watch?v=-I_7M_JeSoc

    The Queen and the Soldier ~ Suzanne Vega [Lyrics]

    Unsere „Königin“ ist nicht mehr ganz so jung, aber sonst paßt es, finde ich. Falls nicht, bitte verschieben, oder löschen.

  27. @T.W.: Haben sie geglaubt, das sich die vermeintlichen Auswirkungen der Flüchtlingsströme aus der Sicherheitspolitik heraushalten lassen.
    Da ist doch endlich mal der Zusammenhang für jeden offensichtlich. Nordafrika/Naher Osten neu-/ungeordnet/destabilisiert bedeutet konkret „w_a_s“ für D?

    Wo wurde nochmal Deutschland verteidigt?
    Sogar die BKin hat in der Neujahrsansprache ausgiebigst referiert. Sie hat endlich mal eine Meinung, bevor die Diskussion durchgestanden ist.

    Ist ein Thread notwendig? Die Frage liegt ja schon länger in der Luft.
    Sie haben bestimmt keine Lust auf Dauermoderation im Schichtdienst mit dem OvWa? Versteh‘ ich.
    ;o)

  28. Die Krim haben 19.000 Richtung Ukraine verlassen. Dort gab es immer eine Mehrheit die den Anschluss an Russland wollte, der Rest hat sich mit der neuen Situation arrangiert. Die ganzen Behörden samt Mitarbeiter hat Russland übernommen. Aus den SBU Agenten wurde der FSB Agent usw. Einige dürften auch eine gute Lohnerhöhung dadurch bekommen haben. Das Jazenjuk kurz danach versucht hatte, die Krim mittels Sanktionen wieder zu holen, war nicht so schön. Darauf hat Russland ja auch geantwortet, und die Ukrainische Industrie zum guten Teil vom Russischen Markt abgedrängt. Praktisch hat Russland damit jegliche Visafreiheit oder Zollunion mit der EU verhindert! Bei einer Visafreiheit würde sofort eine große Arbeitsmigrationswelle in die EU einsetzen, die man hier nicht will. Die Ukrainische Industrie wollte die EU bis Ende 2015 Zeit geben, um auf EU Konforme Produkte umzustellen. Ohne Kredite und Aufträge wird nix passieren.

    In den besetzten Gebieten sind auch wohl die Meisten zu den Separatisten übergelaufen. Außerhalb der Sep Gebiete hat Kiew über 2.000 Polizisten wohl Entlassen, die nicht so loyal waren. Poroschenko wollte den Donbass im Mai 2014 sich in Stunden wiederholen. Sehr weit ist der damit nicht gekommen. Strelkow wirken im Donbass wird mittlerweile im Kreml als absoluten Fehlschlag gewertet. Viel weiter ist man nicht gekommen, hat aber über 650.000 Binnenflüchtlinge, 4.500 – 10.000 Tode und völlig zerstörte Industrie, Infrastruktur und Wohngebiete hinterlassen. Verbrannte Blutige Erde.

    Die Russische Armee scheint wohl in den Sep Gebieten immer mehr offen die Kontrolle zu übernehmen. Mit Strelkows Mannen und den dortigen Ukrainern ist wohl kein Staat zu machen. Sieht in Kiew nicht besser aus: „Now, as is customary in Ukraine, that hope is being trampled by incompetent, greedy leaders. It is being upheld only by iffy Western financing“ „At 4.30 a.m. yesterday, a new, pro-European parliament passed a half-baked 2015 budget, based on unjustifiably high revenue projections and a spineless refusal to cut government spending from the level reached by the old, corrupt government.“ http://www.bloombergview.com/articles/2014-12-30/ukraines-revolution-didnt-have-to-fail Die EU und Merkel kämpfen da einen zwei Fronten Krieg, wo die auf beiden Fronten am Verlieren sind.

  29. Auch wenn es wie Nachkarten klingt: Ich bin nun doch etwas verwirrt, es ging mir nicht (oder allenfalls ganz am Rande) um Pegida sondern die im Ausgangstext angesprochene Haltung zu Militär und Krieg als politischem Instrument und habe versucht ein paar historische Wurzeln dieser spezifisch deutschen Haltung (wie von Petrowskaja dargestellt und kritisiert) nachzuzeichnen. Da habe ich wohl etwas unklar formuliert. Lassen wir es gut sein.

  30. @ Benedikt
    Dort gab es immer eine Mehrheit die den Anschluss an Russland wollte

    Nö.
    Hatte es hier schon im März 2014: Gallup-Umfrage vom Mai 2013, S. 17:
    53% Autonomy in Ukraine (as today)
    23% Crimea should be separated and given to Russia

    Ist schon etwas frustig, wenn hier die immer gleichen Unwahrheiten immer wieder verbreitet werden, obwohl sie auf Augengeradeaus schon x-mal widerlegt wurden. :(

  31. @J.R.

    1.Die Befragung wurde duchrgeführt von:

    International Republican Institute
    Baltic Surveys Ltd./The Gallup Organization
    Rating Group Ukraine
    with funding from the
    United States Agency for International Development

    Somit kann man einen gewissen bias nicht ausschließen.

    2. Die Antwortrate bei 1200 Befragten war 61%. Damit stellt sich die Frage ob das nach wissenschaftlichen Maßstäben wirklich repräsentativ ist.

    3. Die Befragung lag deutlich vor den Maidan-Ereignissen/Regierungswechsel in Kiew, was ja wohl landesweit zu einer gewissen Polarisierung in Sachen EU- versus Rußland-Affinität im Meinungsbild der Bevölkerung geführt hat.
    How would you evaluate your attitude to the following entities?
    Russia: 68% warm, EU nur 14%
    Nimmt man noch die von Ihnen angeführten Antworten in Sachen Autonomie vs Anschluß an Rußland hinzu, dann kann man nicht ausschließen, dass in der Tat nach dem Regierungswechsel und der damit verbundenen neuen Politik eines EU-/NATO-Anschlusses sowie weiterer Zentralisierung und Ent-Russifizierung der Verwaltung ein völlig anderes Meinungsbild auf der Krim entstanden ist….und auch im Donbas.

  32. @ klabautermann
    dann kann man nicht ausschließen, dass

    Doch, ziemlich. ;)

    Sie sagen ja selbst, dass die Umfrage für die Vor-Maidan-Zeit ein differenziertes und glaubwürdiges Ergebnis liefert. Sympathie für Russland und Wunsch auf Eingliederung sind eben zwei total verschiedene paar Schuhe. (Können Sie ja auch am Stimmungsbild im Saarland in Sachen Frankreich sehen.) Und gerade die Sympathie für das „Bruderland“ Russland durch die beiden Dolchstöße erheblich abgekühlt, Maidan hin oder her. (Besonders deutlich wird das nebenbei in den Landesteilen, die tatsächlich mal unter separatistischer Kontrolle waren, wie Slaviansk oder Mariupol.)

    Dazu kommt gerade auf der Krim noch 10% Tataren, die historisch bedingt sehr russland-skeptisch sind, und bereits während der Invasion Ziel von Übergriffen wurden.

    Und die letzten freien Wahlen auf der Krim lassen es nicht besser aussehen: Die Mini-Partei „Russische Einheit“ hat bei der letzten Krim-Wahl gerade mal 4% geholt, bei der letzten ukrainischen Parlamentswahl stellte sie gar keinen Abgeordneten. Der Sergey Aksyonov wurde dann aber plötzlich zum „Premierminister“ der Krim ausgerufen. (Dass Putin sich nicht getraut hat eine Wahl abzuhalten, und ja selbst die Parlamentsabstimmung-mit-vorgehaltenen-Waffen getürkt werden musste – im Sinne es wurden andere Ergebnisse verkündet als überhaupt möglich waren – spricht da Bände.)

    Oder anders ausgedrückt: Ein pro-russisches Ergebnis wäre so plausibel, als würde Frankreich ins Saarland einmarschieren, und dann auf einmal alle SPD-,CDU- und Grünen-Abgeordnete für „Die Linke“ stimmen, weil Merkel ja eh nie beliebt war und das Frankreich grad in den Kram passt. ;)

  33. @ klabautermann
    PS.: Danke, dass Sie ebenfalls die Aussage „Dort gab es immer eine Mehrheit die den Anschluss an Russland wollte“ im Reich der Fabeln verorten würden. ;)

  34. @J.R.

    „Sie sagen ja selbst, dass die Umfrage für die Vor-Maidan-Zeit ein differenziertes und glaubwürdiges Ergebnis liefert“…………….davon kann eigentlich keineswegs die Rede sein. Im Gegenteil, ich habe sowohl auf den möglichen bias seitens der Befragungsauftraggeber als auch auf die etwas dünne demoskopische Methodik hingewiesen. Fernerhin ist es durchaus plausibel, dass der Regierungswechsel in Kiew und die unmittelbar danach verkündeten „ordnungspolitischen“ Maßnahmen das Meinungsbild auf der Krim und im Donbas ganz ordentlich durcheinander gebracht haben – wie auch immer es tatsächlich gewesen sein mag vor dem Maidan. Natürlich ist massiv von Seiten Rußlands interveniert worden, von einer Invasion zu reden und zu schreiben ist allerdings imho mehr als übertrieben. Es hat imho 2 Putsche gegeben, einen in Kiew und einen auf der Krim.
    Mir geht es eigentlich nur darum anzumerken, dass Befragungen, die vor dem Maidan/Regierungswechsel durchgeführt wurden, weder der einen noch der anderen Seite wirklich stichhaltige Begründungen/Rechtfertigungen für die jeweilige Politik liefern.

  35. @J.R.

    Ref UR 09:45
    na ja, nicht unbedingt ins Reich der Fabeln, schon eher ins Reich der Propaganda oder des social engineering ;-)

  36. Die Ukraine ist trotz des Russland Hassers Jazenjuk durch und durch ein Russisches Brudervolk geblieben. Noch einmal Bershidsky:
    „As the budget was being debated, the daughter of former prime minister Yulia Tymoshenko, now a member of the ruling coalition in parliament, held a Great Gatsby-style wedding reception at Kiev’s olympic arena.“ http://www.bloombergview.com/articles/2014-12-30/ukraines-revolution-didnt-have-to-fail Genauso reagieren deren Bruder Elite in Russland. Die investieren auch noch in der Krise dick in teure Schlitten oder im Londoner Immobilien, als wenn es keine Probleme gäbe. Die wollen wie ihre Ukrainische Brüder auch keine Veränderungen. Der EU ging es und geht es nur um die Expansion, da hat man jegliche Kontrollen unterlassen, ob das überhaupt funktionieren kann. Jetzt hat man ein Mrd. Desaster am Bein.

    Überall wo die Russen oder Seps in der Ostukraine die Macht holen, passen sich die Menschen an die neuen Machtverhältnisse an. In den Sep Gebieten ist auch die Bevölkerung fest der Meinung, dass Poroschenko an den Krieg schuld ist. Die Westliche Propaganda entfernt sich immer mehr von Ukrainischen Realitäten.

  37. (…) Und die, die den Krieg leugnen, gelten nun als „Pazifisten“ par excellence

    Das Problem ist wohl eher die Wahrnehmung als das Leugnen.
    Deutsche Soldaten haben mehr als 10Jahre in AFG gekämpft und es sollte kein Krieg sein.

    Zivi a.D.

    Sie verwechseln leider Deutschland, BRD, Länder mit deutscher Sprache, Kaiserreich, Nationalstaat uvm. Geschichte aus dem Rückspiegel zu betrachten funktioniert nicht.
    Bayern, Preußen uvm haben als Staaten. lange funktioniert.

    Evtl wird es der Russischen Föderation ähnlich gehen wie dem hl röm Reich deutscher Nation (was auch nur rückblickend so genannt wird).

    Die Frage für die Staaten der EU muss sein, wie können wir unsere Sicherheit und Unabhängigkeit gegenüber Russland gewährleisten und welche Folgen hätten Hilfeleistungen für die Ukraine oder deren Unterlassung für uns.

    Die Feststellung dass ein mili Eingreifen der NATO/EU keine Lösung des Problems wäre bedeutet nicht, dass man nicht anerkennt, dass in der Ukraine ein Krieg tobt.

  38. @Zimdarsen: Ich verstehe nicht mal ansatzweise, was Sie mir sagen wollen. Was der Hinweis auf das 1806 ganz formell verblichene römische Reich deutscher Nation damit aus Ihrer Sicht zu tun oder auch nicht zu tun hat, bleibt mir völlig im Dunkeln.
    Dass die Einzelstaaten funktionsfähig waren, steht ebensowenig infrage wie die Tatsache, dass eben diese Einzelstaaten und ihre Dynastien genau von daher die Bildung eines deutschen Nationalstaates noch mehr als 60 Jahre lang ebenso konsequent verhindert haben wie die Entwicklung eines modernen Verfassungsstaates. Das war auch den Stammvätern des deutschen Nationalismus schon völlig bewusst: “ . . . kein bestehender Landesherr kann Deutsche machen; es werden Österreicher, Preußen usw. Ein neuer müßte entstehen? Etwa wie Bonaparte? . . .“ bohrte etwa Fichte schon 1813 ergebnislos in diesem Dilemma herum.

  39. @Zivi aD

    Aussage zu 1806 und dessen Bezug:

    „Es wird sich kaum ändern lassen, dass der Patriotismus und das Nationalgefühl der genannten Nachbarn etwas mit Leistung und erworbener Zugehörigkeit zu tun hat während das Nationalgefühl hierzulande eben nur kompensatorisch aus der Erfahrung von Ohnmacht und Demütigung entstanden ist in den Jahrhunderten vom Ende der Staufer bis zu den napoleonischen Kriegen.“

    Das die heutige BRD so ist wie sie ist, ist eine Laune der Geschichte und keine zwingende Abfolge einer natürlichen Entwicklung. Das Luxenburg, Lichtenstein, Belgien, Österreich selbstständige Staaten sind und Württemberg nicht ist ebenfalls eine geschichtlicher Zufall.
    Mein Ur-Großvater (Preuße) hätte sich nicht vortellen können, dass seine Enkelin einen Bayern heiratet (was bei Adligen eher kein Problem war, denn die sprachen ja alle Französisch). Zum Punkt: Ich kann keine „deutsche“ Ohnmacht und Demütigung seit den Staufern erkennen, rückblickend kann man das natürlich so konstruieren.

    Ich spüre schon den Groll von T.W., deshalb sollten wir es dabei belassen, denn eine ausführlichere Antwort würde uns wohl noch weiter in OT bringen.

    Meine Absicht war zur Frage des Threads zu kommen und die hatte ich gestellt:

  40. @ klabautermann
    von einer Invasion zu reden und zu schreiben ist allerdings imho mehr als übertrieben.

    Wie würden Sie es denn sonst nennen, wenn mehrere tausend ausländische Soldaten samt Artillerie und Kriegsschiffen öffentliche Gebäude und Militärbasen unter Gewaltandrohung und Gewalteinsatz übernehmen? Auf welche Definition von Invasion beziehen Sie sich?

  41. @ J.R.

    „Wie würden Sie es denn sonst nennen, wenn mehrere tausend ausländische Soldaten samt Artillerie und Kriegsschiffen öffentliche Gebäude und Militärbasen unter Gewaltandrohung und Gewalteinsatz übernehmen?“

    „Urlaubslustbarkeit freundlicher Menschen ohne jeden Bezug zur russischen Armee“ ist wohl die Terminologie der Putinapologeten.

    das equipment hat man eben im gebüsch gefunden oder bei olegs gebrauchtpanzershop nebenan erworben.

    alles andere ist eindeutig natokriegstreiberpropaganda

  42. Bei Völkern welche sich für unabhängig erklärten reagierte Russland in der Vergangenheit anders und hatte eher was gegen Selbstbestimmung, siehe Tscheschenien.
    Die russische Föderation kann nur mit Gewalt und Propaganda zusammen gehalten werden.
    Putin säte die Saat für die zukünftigen ethnischen Konflikte in Russland mit seiner slawischen russischen orthodoxen Ideologie er grenzt alle Nichtrussen aus.
    Was geschieht wenn seine Propaganda die Kraft verliert?
    Was wird er tun um dies zu verhindern?
    Was muss die EU tun um ihre Glaubwürdigkeit zu erhalten?

  43. Die Russische Armee will Strelkows Warloards entmachten:

    „Am Donnerstag wurde schließlich ein tödlicher Angriff auf die Autokolonne von Alexander Bednow verübt. Bednow, Kommandant der vierten motorisierten Brigade. In sozialen Netzwerken wurde über eine Urheberschaft des Attentats aus dem Kreise Plotnitzkys gemunkelt.
    Schon länger berichten Beobachter von Zerwürfnissen zwischen der pragmatischeren Führung, die Stabilität und Verhandlungen bevorzugt, und den kampfeshungrigen Feldkommandanten, denen es um Gebietsgewinne geht.“ http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/4630352/Grabenkaempfe-zwischen-Separatisten-in-der-Ostukraine?_vl_backlink=/home/politik/aussenpolitik/index.do
    Die Russische Armee versucht wohl eine geschlossene Donbass Separatisten Armee zu formen. Zu Not werden da Hindernisse auch mit Waffengewalt aus dem Weg geräumt. Strelkows Kumpels mit der slawischen russischen orthodoxen Ideologie haben im Donbass versagt. Putin ist sicherlich nicht so dämlich und baut noch einmal auf die.

    Die in Kiew haben das gleiche Problem, gehen es bloß nicht an:
    „But now several of these volunteer forces units, especially those linked to oligarchs or the far right, are revealing a dark side. In recent months, they have threatened and kidnapped government officials, boasted that they will take power if Ukrainian President Petro Poroshenko fails to defeat Russia, and they served as armed muscle in illegal attempts to take over businesses or seize local governments.“
    „Instead of reining in these fighters, conducting background checks on their records and reassigning those who pass muster, he instead has offered them new heavy weapons, including tanks and armored personnel carriers, and given them enhanced brigade status.“ http://www.washingtonpost.com/opinions/the-rise-of-warlords-threatens-ukraines-recovery/2014/12/30/a23b2d36-8f7b-11e4-a412-4b735edc7175_story.html
    In Kiew haben einige kein Interesse an einer starken Armee oder einer starken Regierung. Die könnte ja den Ukr Oligarchen Schaden. Daher haben die Ukr Freiwilligen Verbänden in der Ukraine Narren Freiheit. Gegen die kann keiner Regieren, und mit denen auch nicht. Ergo wird es weiter absoluten Politischen Stillstand in der Ukraine geben, bis die Russen irgendwann den Laden indirekt übernehmen. So sieht die Realität aus. Der Westen fasst Poroschenko und Jazenjuk nur mit Samthandschuhen an, anstatt Druck zu machen, dass mal die Freiwilligen Verbände und Oligarchen gebändigt werden.

  44. auf N-TV:
    Poroschenko übergibt Kriegsgerät
    Ukraine rüstet gegen Rebellen auf

    Dem Bericht zufolge sollen am 15. Januar in Kasachstan Poroschenko und Putin sich zu neuen Friedensgesprächen treffen, an denen auch Hollande und Merkel teilnehmen sollen……allerdings nur falls “ ……echte Fortschritte absehbar sind…………..“ (N-TV).
    Dazu kommt zum „Ausloten“ wohl Jazenjuk am Donnerstag nach Berlin.
    Mittlerweile rüsten beide Seiten weiter auf. Die Separatisten stehen wohl unter Weisung quasi eine Art Anti-Ukraine (DVR/LVR) zu etablieren und die „Novorussianer“ werden gegenwärtig anscheinend kalt gestellt. Das läßt Putin natürlich die Möglichkeit offen, im Falle einer Frühjahrsoffensive der ukrainischen Streitkräfte die Novorussia-Karte wieder aus der Schublade zu holen. Ziemlich verfahrene Situation, falls Kiew allein auf militärische Rückgewinnung des Donbas setzt.

  45. Strelkows Kosaken sollen in Städten in LVR quasi ihren eigenen Staat gegründet haben. Das einzige was dort funktioniert ist die Korruption. Korruption schafft Unzufriedenheit in der Bevölkerung und kostet den Kreml viel Geld. Das wird der Grund sein, warum die Russische Armee das übernimmt. Strelkows Russisch Orthodoxes Neurussland Projekt ist jämmerlich an seinen Führern gescheitert. Die letzte Umfrage über Korruption in der Ukraine legt nahe, dass dort mit der Machtübernahme von Poroschenko und Jazenjuk die epische Korruption sich weiter verschlimmert hat. Anstatt mal mit der Korruptionsbekämpfung anzufangen, lassen die aus Kiew Tieflader mit Panzer durch die Gegend fahren oder betreiben die Geschichtliche Verklärung des Nazikollaborateurs Stepan Bandera. Ist einfacher als der Interne Kampf gg. Korruption.

    Glaube nicht, dass in den Flächenland Ukraine für beide Seiten Militärisch noch viel geht. Der fehlende Kampf gg. Korruption und damit Unmut in der Bevölkerung ist eine offene Flanke für den FSB. Da dürfte für den Kreml mehr zu holen sein.

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