Neue Runde der Gewalt nach Anti-Islam-Film – auch in Afghanistan? (Update: Karzai-Wortlaut)

Ein seit Monaten bekannter, aber jetzt erst in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geratener Anti-Islam-Film aus den USA hat in der islamischen Welt (erneut) eine Welle der Gewalt ausgelöst. Bei gewaltsamen Angriffen wurde der US-Botschafter in Libyen getötet; die US-Botschaft in Kairo wurde ebenfalls angegriffen. Die Details dieser Vorfälle sind unter anderem bei der New York Times nachzulesen; was für Augen geradeaus! eher ein Thema ist: Kann diese Gewalt auch auf die Islamische Republik Afghanistan übergreifen?

Die Frage ist nicht rhetorisch – nach der angekündigten Koran-Verbrennung des US-Pastors Terry Jones im vergangenen Jahr war es auch in Afghanistan zu gewalttätigen Proteste gekommen. Und bei dem Angrif auf die Vereinten Nationen in Masar-i-Scharif hatte es Tote gegeben.

Deshalb sind die ersten Meldungen aus Kabul Besorgnis erregend: Präsident Hamid Karzai, so berichten Kollegen aus der afghanischen Hauptstadt, habe den Film verurteilt – ohne aber zugleich zur Mäßigung aufzurufen.

Die Kabuler Reuters-Kollegin Amie Ferris-Rotman hat via Twitter eine Kernpunkte aus Karzais Stellungnahme verbreitet:

And Karzai now weighing in…. Sharply condemns „anti-Islam“ movie which sparked Libya protests. Oh, no, no, no, NO.

Karzai: „Insulting Prophet Mohammad… will be a severe blow to peace and the harmony between humans“. Sounds like a warning to me.

Karzai: „Insulting Islamic values is not part of the freedom of speech“.

Vermutlich wird sich recht schnell zeigen, ob diese Gewalt-Runde auch auf das Land am Hindukusch übergreift.

(Übrigens scheint es, dass mittlerweile – wegen dieses Films? – der Zugang zu YouTube in Afghanistan blockiert ist. Nachtrag: Eine Meldung von Reuters bestätigt das: Afghanistan says bans YouTube so that „offensive video about Prophet Mohammad“ cannot be viewed.)

Update: Jetzt liegt die Erklärung Karzais in einer englischen Fassung im Wortlaut vor. Interessant, dass er das Video verurteilt, auf die Gewalt und den Tod des Botschafters aber nicht eingeht:

September 12, 2012 –  With deep sadness, we found out that Sam Bacile, a producer made a film in the United States which allegedly insults the Prophet Mohammad (PBUH) while Terry Jones, an American pastor released a video clip promoting the offensive film.
Office of the President of the Islamic Republic of Afghanistan strongly and resolutely denounces this desecrating act and declares its serious abhorrence in the face of such an insult.
Prophet Mohammad (PBUH) was the greatest prophet of Islam, a prophet sent to guide mankind, a pacifist and promoter of truth and honesty in the world.
In fact, insult to the greatest Prophet of Islam means insult to high values of 1.5 billion Muslims across the world.
This offensive act has stoked inter-faith enmity and confrontation and badly impacted the peaceful coexistence between human beings.
We strongly believe that Sam Bacile a film producer and Terry Jones a Pastor along with their supporters represent a small radical minority.
This heinous act has created outrage and anxiety for all peace-loving humans who back up the idea of peaceful coexistence.
Desecration is not a part of the freedom of expression, but a criminal act that has now badly affected the righteous sentiments of 1.5 billion Muslims all over the globe.
Government of Afghanistan strongly calls for efforts to prevent the release of this insulting film along with the video-clip currently promoting it as well as demands that such an evil act of the film producer and radical Pastor is not to be allowed to further affect sentiments of our people in the Muslim world.

Nachtrag: ISAF und die US-Botschaft in Kabul haben die Afghanen aufgerufen, Gewalt zu vermeiden:

We ask for the assistance of Afghan leaders and the people of Afghanistan in maintaining calm and continuing our work to build a better, secure future. The safety of the Afghan people, Americans, and Afghan and Coalition forces continues to be our utmost priority.

Nachtrag 2: Erwartbares Statement der Taliban zu dem Video (die umrahmende Werbung ist ein Ironiefaktor.)

54 Gedanken zu „Neue Runde der Gewalt nach Anti-Islam-Film – auch in Afghanistan? (Update: Karzai-Wortlaut)

  1. Karzai und andere haben solche Gelegenheiten auch in der Vergangenheit genutzt, um sich als „Verteidiger des Islams“ zu profilieren. Jeder Aufruf zur Mäßigung wäre ihm diesbezüglich in Afghanistan als unangemessene Nähe zu den Amerikanern vorgeworfen worden und hätte die Wirkung solcher Erklärungen reduziert. Dass er seine Beziehungen zu den Amerikanern dadurch weiter verschlechtert (immerhin hat er den Mord an vier von deren Diplomaten gerechtfertigt), nimmt er angesichts des begrenzten Horizonts von deren Präsenz in Afghanistan offenbar in Kauf. Möglicherweise bereitet er sich mit solchen Äußerungen auch auf die Zeit nach ISAF vor.

    Hier ist übrigens das eher schlecht gemachte Filmchen, um das es geht:
    http://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=iC6yGzpSvjU#t=188s

    Die im Film u.a. dargestellte Verfolgung von Kopten in Ägypten, wurde von Karzai oder den Demonstranten übrigens nicht als „Beleidigung islamischer Werte“ kritisiert.

  2. Das Viedeo ist einfach nur lächerlich.

    99,9 Prozent derer die sich darüber „aufregen“ haben das Video mitsicherheit nichteinmal gesehen.

  3. @ Fafnir | 12. September 2012 – 15:15
    Als Muslim/Muslima denkt man da vielleicht anders drüber; der Papst versteht ja auch keinen Spaß wenn er karikiert wird. Und in Ländern wie z.B. Afghanistan ist das eben „Öl ins Feuer Gießen“.

  4. Es wäre mir nicht bekannt, daß Horden fanatisierter Katholiken die Büros der „Titanic“ niedergebrannt hätten.

  5. @ JCR | 12. September 2012 – 15:30
    Nö, der Papst schickt Anwälte … ist halt ne andere Kultur.
    Rom ist auch nicht Kabul.

  6. what did the hurricane say to the palmtree ?

    ‚Hang on to Ur nuts, Baby, this is not an ordinary blow-job‘

  7. @Fafnir
    In der Tat hat in solchen Fällen die Masse der Demonstranten das Video nicht gesehen.

    Es gibt einiges an Untersuchungen bzgl. der Dynamik solcher Gewaltaktionen. Den Teilnehmern muß in der Regel nur gesagt werden, daß der Islam irgendwie beleidigt worden sei. Entsprechende Emotionen sind dann jederzeit abrufbar. Das klappt selbst mit Stofftieren: http://www.nytimes.com/2007/12/01/world/africa/01sudan.html

    Zeitliche Schwerpunkte sind normalerweise Freitage, weil dann Menschenmengen in Freitagsgebeten indoktriniert werden können. Es gibt auch Verbreitungsketten solcher Aktionen, die internationalen islamischen Netzwerken folgen. Vor Afghanistan finden solche Aktionen z.B. meist in Pakistan statt, und die afghanischen Rädelsführer übernehmen die Ideen von dort.

    Im aktuellen Fall ist sehr interessant, dass der Filmausschnitt, um den es geht, in der westlichen Diskussion noch nicht bekannt war, bevor die ersten Gewaltakte stattfanden, und dass die Aktionen in Ägypten und Libyen fast zeitgleich stattfanden. Das deutet auf einen professionellen Hintergrund und Anbindung an internationale Netzwerke hin. Es gibt z.B. einige international tätige islamische NGOs mit starker Präsenz u.a. in den USA oder Europa, die in der Vergangenheit ähnliche Aktionen gestartet haben. Wenn diese Aktionen von anderer Stelle aus koordiniert und organisiert waren (wonach es m.E. aussieht), erhöht dies dies Wahrscheinlichkeit, dass spätestens kommenden Freitag auch an anderen Orten unruhig wird.

  8. Spätestens mit dem Satz „Karzai: “Insulting Islamic values is not part of the freedom of speech”“ sollte auch dem letzten naiven, gutgläubigen, demokratie verbreitenden Gutmenschen klar sein, dass sowohl die Demokratisierung Afghanistans als auch damit die gesamte NATO-Mission gescheitert ist.

    Die nichtanerkennung Grundsätzlicher demokratischer Freiheiten lässt auf ein völliges Unvertsändnis des Systems der Demokratie schließen. Am besten wäre es wohl, das Land seinem Schicksal zu überlassen und sich von dort, und den gesetzten Zielen zu verabschieden, und zwar vor 2014.

    Das ganze wird vermutlich sowieso über kurz oder lang wieder Schauplatz regionaler Stellvertreterkonflikte werden. Also überlässt man am besten das Problem den Indern, Pakistanern und Chinesen, mögen diese sich noch ein bisschen in der Arena austoben oder gleich einen Parkplatz daraus machen.

    Manchmal muss man sich auf den guten alten Grundsatz berufen: „In magnis et voluisse sat est.“

  9. Zitat Karzai: Mohammed sei auch als Pazifist durch das Filmchen beleidigt worden. Ähnliches hörte man auch bei früheren Gelegenheiten, als es hieß, bestimmte Darstellungen hätten auf beleidigende Weise in Frage gestellt, dass der Islam „die Religion des Friedens“ sei.

    Ob die laut Karzei „rechschaffenen“ gewalttätigen Demonstrationen und Morde an Diplomaten als Reaktion auf die wahrgenommene Beleidigung wohl der geeignete Weg sind, Menschen von der behaupteten Friedfertigkeit zu überzeugen?

  10. @ Micha | 12. September 2012 – 16:29
    In jedem Land, in dem Religion einen sehr hohen Stellenwert im Leben der Einwohner hat, kann es nur eine „begrenzte Demokratie“ geben.
    „Grundsätzliche demokratische Freiheiten“ finden ja auch in unserem Land ihre Grenzen … Beleidigung (§ 185 StGB) ist auch bei uns verboten.

    Etwas OT … aber hier hist ein interessantes Interview bei WSN http://www.worldsecuritynetwork.com/showArticle3.cfm?article_id=18634&topicID=77

    AFG, Abzug, Taliban

  11. Heiko Kamann | 12. September 2012 – 15:39
    @ JCR | 12. September 2012 – 15:30
    Nö, der Papst schickt Anwälte … ist halt ne andere Kultur.
    Rom ist auch nicht Kabul.

    Der Papst, aka Joseph Ratzinger, erwirkte als normale natürliche Person vor dem Landgericht Hamburg eine einstweilige Verfügung, weil er in einem manipulierten Foto als inkontinent, mit Urin- und Kotflecken auf seiner Bekleidung, dargestellt wurde.

    Mit Religion hatte das nichts zu tun.

  12. Der Vollständigkeit halber der Hinweis – und es wundert mich, dass der hier bekannte Kommentator b das noch nicht gepostet hat:

    Es gibt Indizien dafür, dass der Angriff in Bengasi und die Tötung des Botschafters nichts mit dem Video zu tun haben, sondern vielmehr ein geplanter Terroranschlag von al-Qaida waren:

    http://www.moonofalabama.org/2012/09/the-us-ambo-killing-in-benghazi.html

    http://us2.campaign-archive2.com/?u=f0e249d1af58faacc207ffaea&id=2a12bff02c&e=5835547e65

    Ich weise nur darauf hin; für das Thema hier ist es nicht direkt von Bedeutung – weil nach wie vor mögliche Unruhen in Afghanistan aufgrund des Videos erwartbar sind.

  13. chickenhawk | 12. September 2012 – 17:20
    Das mit der Privatperson (die er seit dem er Papst ist nicht mehr ist, liest sich beim LG Hamburg aber ganz anders … die sprechem vom Papst.

    So, das war jete OT genug …

  14. Ich habe irgendwo das Gefuehl mich zu wiederholen, aber in Afghanistan ist Religion nun mal keine Privatsache, sondern wird von einer sehr grossen Mehrheit als der einzige soziale Kitt gesehen, der die Gesellschaft zusammenhaelt und vor dem totalen Chaos schuetzt. Im Westen hat man sich eine Menge Freiheiten ueber die Jahrhunderte von der Kirche erkaempft; so einen historischen Prozess gab es hier halt nicht. Gewalt ging vom Herrscher aus – da gab es zwar auch alles, von brutal-psychopathisch bis pazifistisch und von froemmeld bis offen weintrinkend, aber eben keine Institution „Kirche“. Die Religionsgelehrten waren nie wirklich organisiert, um wirkliche Macht auszuueben. Und dann kommen noch die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte in Afghanistan dazu, wo in einem quasi-hobbesschen Naturzustand das einzige, was zumindest oeffentlich von allen anerkannt wird (auch den privat wodkatrinkenden, nichtbetenden, nichtfastenden Atheisten) ist da halt noch die Religion. Das ganze plus das Gefuehl (1) dem Westen gegenueber gewaltig unterlegen zu sein und (2) vom Westen (inklusive der Sowjetunion, die wird auch zu unserem Kulturkreis gerechnet) seit Generationen angegriffen zu werden.

    Wenn man das berechtigte Gefuehl hat am Boden zu liegen, waehrend auf einen vom Ueberlegenen eingetreten wird, ist es halt schwer, eine Beleidigung hinzunehmen. Das sag ich nicht, weil ich es gut finde, ist eine blosse Beobachtung. Dafuer regt sich in Afghanistan kaum einer aus, wenn mal wieder ein paar Dutzend Afghanen erschossen, weggesprengt oder verbrannt werden (von wem auch immer) – das ist seit vierunddreissig Jahren irgendwie Alltag. Aber ein Angriff auf die Religion ist ein Angriff auf die Gesellschaft im Ganzen – und wenn das publik wird, gibts Aerger.

    Wahrscheinlich gar nichtmal Freitag – in den afghanischen Medien wirds noch (Odin sei Dank oder von mir aus auch alhamdulillah ) totgeschwiegen und selbst die Talibs hams noch nicht spitzgekriegt. Aber wenn es bis Freitag raussickert, werden die Kameraden Mullahs wohl wie ueblich fuer Samstag zu Demos aufrufen.

  15. @T. Wiegold
    „Es gibt Indizien dafür, dass der Angriff in Bengasi und die Tötung des Botschafters nichts mit dem Video zu tun haben, sondern vielmehr ein geplanter Terroranschlag von al-Qaida waren“

    Üblicherweise werden solche Anschläge von der Propaganda nachträglich mit einem zeitlich kurz zurückliegenden Ereignis verbunden. Wenn es sich um einen Anschlag militanter Salafisten gehandelt hat (dafür spricht die Vorgehensweise), dann hängt es jetzt von deren Entscheidung ab, in welchen Zusammenhang sie die Aktion stellen.

  16. Die ganze Sache hat auch Obama in eine prekäre Lage gebracht:

    Fände gerade kein Wahlkampf statt, so könnte er in seinen Stellungnahmen weitestgehend deeskalierend agieren (d. h. grundsätzlich Verständnis für Menschen bekunden, deren religiöse Gefühle wurden).

    Mit Mitt Romney in Nacken kann Obama es sich aber nicht leisten als jemand dazustehen, der sich im Namen der USA fortwährend bei jedermann für alles mögliche entschuldigt, schon gar nicht jetzt, wo amerikanische Diplomaten ermordet wurden. Aktuelle Stellungnahmen von Mitt Romney deuten darauf hin, dass die Republikaner diese Gelegenheit nicht ungenutzt lassen werden. Bei CNN US gingen die Überlegungen eben in diese Richtung.

  17. Ein Bekannter meinte, dass es gegen westliche Diplomaten und NGOs in Benghazi wohl schon mehrere Anschlagsversuche in den vergangenen Wochen gegeben habe, u.a. einen mit RPG auf einen Fahrzeugkonvoi und einen mit IED außerhalb des US-Konsulats. Auch auf einen Konvoi der VN sowie das Büro des IKRK habe es mehrere Anschläge z.T. mit IEDs gegeben.

  18. @Micha | 12. September 2012 – 16:29:

    Ist Deutschland dann auch kein demokratischer Staat, weil „freedom of speech“ hierzulande nicht uneingeschränkt gilt?
    Herr Kamann hat da ja schon ein Beispiel gebracht.

  19. Den schwachsinn den ich immer schreibe , wir müßen so langsam uns Vorbereiten das der Konflickt in X Jahre auch in Deutschland auf kommen wird
    den der Sunitschen Patritismus auch Europa trift ich hoffe das es noch Jahre sind aber es kann auch nur noch Monate handeln
    weil die Sympatie in Deutschland bei den Jungen aus diesem kulturkreis Fasziniert

    So ist Deutschland nicht mal Vorbreitet , es gibt Projekte aber die werden zu wennig Finaziert
    Wie der Leo 2 A7+ der ist in Planung mit lichtwaffen und andere um nicht Tötliche Waffen einsetzten kann und nur bei Bedrohung der Besatzung de Tötliche Waffen einsetzen
    Geschützte ( Yak mit Lichtwaffen und Trengas ) aber beim Feldjäger werden die nur für Auslandeisatz in Planung
    BP ist noch nichts was nicht nachvollziebar ist , warum die nicht GFF Fahrzeuge bekommen um dann da hin geschickt werden könnten wo es gerade Eskaliert

  20. Alarich | 12. September 2012 – 18:16

    „Den schwachsinn den ich immer schreibe[…]“

    Musste jetzt mal für die Nachwelt festgehalten werden :D

  21. CNN US berichtet gerade, dass 50 Marines nach Libyen geschickt werden. Marineinfanteristen sind traditionell für den Schutz von amerikanischen Auslandsvertretungen zuständig.

    Es werden auch wieder die Gerüchte über US-Drohnen aufgewärmt, die schon seit einiger Zeit über den Osten Libyens fliegen.

  22. Ob die „Proteste“ geeignet sind, das Image des Islam zu verbessern, ist schlicht irrelevant. Es geht um zwei Dinge:
    (1) Die Propaganda vom leidenden Moslem zu verbreiten. Diese Aussage bleibt dann hängen, während die Anlässe und Vorwände wieder vergessen werden. Hat man erstmal die Propaganda vom leidenden Moslem geschluckt, ist die Glaubwürdigkeit der Vorwände auch völlig egal. Es geht um Identitätskonstruktionen. Wer sich erstmal als Opfer fühlt oder idealistisch mit vermeintlichen Opfern sympathisiert, wird jedes Rütteln am Fundament dieser Identitätsstiftung als persönlichen Angriff auffassen und stark emotional, feindselig und aggressiv darauf reagieren.
    (2) Die Faszination von Gruppendynamik im Zusammenhang mit Gewalt. Genauso wie jede Fußballrandale der Hooliganszene Nachwuchs bringt, bringen diese Massenaktionen auch Nachwuchs für die Radikalen.

    Und mit ein wenig Glück kann man auch hilflose Reaktionen des Westens provozieren, die man dann wiederum argumentativ verwerten kann.

  23. Zog
    Naja kannst du , das du deinen Enkel sagen könntest .
    Die nicht Stdierten hatten das bessere Bild von der Welt

  24. Ein Bekannter meinte, dass es gegen westliche Diplomaten und NGOs in Benghazi wohl schon mehrere Anschlagsversuche in den vergangenen Wochen gegeben habe, u.a. einen mit RPG auf einen Fahrzeugkonvoi und einen mit IED außerhalb des US-Konsulats. Auch auf einen Konvoi der VN sowie das Büro des IKRK habe es mehrere Anschläge z.T. mit IEDs gegeben.

    Dazu Angriffe auf die tunesische und ägyptische Botschaft, Entführung von Angehörigen des iranischen Roten Halbmonds, Angriff auf einen Konvoi der britischen Botschaft, unbekannt Killerkommandos ermorden ehemalige hochrangige Angehörige der Qaddafi-Sicherheitskräfte, Zusammenstöße zwischen Salafisten und lokalen Muslimen etc.

  25. Mittlerweile sind furchtbare Bilder aufgetaucht, welche Botschafter Stevens kurz vor seinem Tod zeigen.

    Die Aufnahmen können unterschiedlich interpretiert werden, aber mein Eindruck ist, dass der leblose, halbnackte Körper des amerikanischen Diplomaten von einer tobenden Menschenmenge durch die Straßen geschleift wird. Wie Rettungskräfte sehen die Männer, von denen einige Kameras bzw. Mobiltelefone in der Hand halten, jedenfalls nicht aus.

  26. Kann man jetzt wieder so oder so deuten. Entweder sind nicht ausreichend Rettungskräfte präsent und man hat versucht, ihn so zu retten, oder es war ein Verhalten analog zu Mogadishu ´93 oder Fallujah ´04.

    Von daher gebe ich da nicht viel drauf.

  27. In mehreren Ländern sind jetzt Demonstrationen für Freitag angekündigt, meist organisiert durch den lokalen Zweig der Muslimbrüder. Die Salafis werden wohl nachziehen, wenn sie nicht schon ähnliches vorbereiten, und in Pakistan läuft gerade eine Kampagne der Jamaat-e-Islami (die wichtigste islamische Partei) gegen die USA, die sich diese Gelegenheit bestimmt nicht entgehen lassen werden. Es dürfte demnach nur noch eine Frage der Zeit sein, bis es auch in Afghanistan Demonstrationen gibt.

  28. Nachtrag zu AFG – in einigen Medien ists mittlerweile angekommen und das Emirat hats auf der offiziellen Homepage thematisiert, aber v.a. in Tolo TV (was die meisten gucken) wirds noch sehr low level gehandelt und der Film als solcher nicht inhaltlich thematisiert. Ich bin immernoch recht optimistisch, dass es morgen weitgehend ruhig bleibt – groessere Demos muessen vorbereitet werden, auch vor der UNAMA Sache in Mazar letztes Jahr sind Tage vorher die Demonstranten zusammengetrommelt worden und in die Stadt gestroemt. Die Freitagsgebete morgen koennen als Verstaerker dienen, wo das Thema sich ausbreitet. Dazu muss man wissen, dass die meisten Freitagspredigten zumindest in den Staedten flaechendeckend ueberwacht werden und die Prediger Themen vorgegeben bekommen. Okay, bei einigen Salafisten klappt das nicht so gut, aber es gibt schon eine spuerbare und nicht ganz erfolglose staatliche Einflussnahme auf die Mullahs um den Ball flach zu halten. 2010 etwa hat Atta nach der UNAMA-Sache alle Mullahs der Stadt zusammengetrommelt und direkt dafuer verantwortlich gemacht, dass sowas nicht nochmal vorkommt (und mit Atta legt man sich in Mazar nicht so gerne an). So kann es durchaus gelingen, das Thema unterhalb der kritischen Schwelle zu halten – wenn die aber mal ueberschritten ist und sich erstmal alle darueber aufregen, kann es sich niemand leisten als nachlaessig bei der Verteidigung des Glaubens zu erscheinen.

  29. Was für ein Motiv sollten denn die Taliban haben, die Angelegenheit nicht sofort nach besten Kräften auszuschlachten, womöglich noch phantasievoll ausgeschmückt?

  30. Ein Bekannter meinte, dass die Sicherheitskräfte in Kairo bei dem Angriff auf die Botschaft sichtbar abwesend gewesen seien. In der Stadt gäbe es genug arbeitslose junge Männer, für die solche Ereignisse ein willkommener Zeitvertreib seien. Die neue Regierung kanalisiere auf diese Weise Frustration über die deutliche Verschlechterung der wirtschaftlichen und sozialen Situation in Folge des „arabischen Frühling“. Für kommendes Jahr erwartet er im gesamten arabischen Raum weitere Unruhen größeren Ausmaßes aufgrund der steigenden Nahrungsmittelpreise und der insgesamt verschlechterten sozialen Lage.

  31. Stimmt. Das böse Erwachen kommt erst noch. Der Impetus für den »arabischen Frühling« war in erster Linie die prekäre wirtschaftliche Lage. Und die ändert sich nicht durch die plötzliche Einführung der Demokratie (oder was man dafür halten mag) und schon gar nicht durch die Hinwendung zum Islam.

    Für die notorische schlechte soziale und wirtschaftliche Situation in den islamischen Ländern, zumal denjenigen ohne Öl, gibt es eine Reihe von tief liegenden Ursachen. Aber im Zweifel sind halt die Amerikaner, die Juden oder »der Westen« schuld. Damit ist man immer auf der sicheren Seite.

    (Nur am Rande angemerkt: Dieses Erklärungsmuster für alle Übel der Welt ist auch hierzulande weit verbreitet).

  32. @ turan saheb:

    „…groessere Demos muessen vorbereitet werden,…“

    Die Agitatoiren werden bestimmt nicht jetzt erst mit der Generalmobilmachung beginnen. Jaja, der arabische Frühling treibt sonderbare Blüten, und ihr Geruch läuft ihrem äusseren Erscheinungsbild zutiefst zuwider. Wer also im Vollbesitz seiner Sinne ist möge sich seinen Teil denken.

  33. Es fällt auf, dass sich die (amerikanischen) Sicherheitskräfte in den US-Auslandsvertretungen weitestgehend zurückzuhalten scheinen (in Bengasi allerdings waren sie gar nicht in ausreichender Stärke vor Ort).

    Amerikanische Botschaften werden von Marines bewacht (»Marine Security Guard« ist eine eigene Verwendungsreihe beim USMC), da hätte es möglicherweise nahegelegen, sofort massiv von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Freilich mit unabsehbaren Folgen.

  34. Und das aus Kandahar: Das Kandahar Media Information Office berichtet jetzt:

    Hundreds of Mullahs and leaders gathered together and denounced the movie by Sam Bacile Production over the life of Mohammad Peace Be Upon Him.
    This crowd asked the people to stay calm and shouldn’t come out on the roads as this will cause serious problems for the residents of the city.

  35. Laut mitwirkenden Darstellern wurde der Film mindestens teilweise nachvertont. Keiner von ihnen will über die jetzige Form des Films informiert gewesen sein.
    Schutzbehauptung oder Tatsache? Einiges spricht tatsächlich dafür … mal sehen was dabei noch so rumkommt.

  36. Es ist schon seltsam, Moslems oder wenigstens große Teile dieser, beharren immer darauf, dass sie die einzige wahre „Eingottreligion“ sind, weil sie eben nicht noch Jesus als Nebengott verehren und ihm huldigen. Waren es nicht aber die Wahabiten die Mohameds Grab schändeten? War es nicht Mustafa Kemal der sinngemäß aüßerte, er lasse sich seine Politik nicht von einem dreckigen Kameltreiber vorschreiben? Es muss einen anderen Grund geben oder sicherlich mehrere, warum es immer wieder mal zu solchen Exzesssen kommt. Kann auch Neid sein? Weil es eben Nationen gibt, wie in diesem Fall die USA, die reich und mächtig sind und dann ihre Macht auch noch nutzen, um sich über Kleine und Schwache lustig zu machen. Ein lustiges Filmachen über Jesus reicht da anscheinend nicht. Das machen die Christen dann auch noch selber, wie z.B. mit Life of Brian. Dennoch gibt es bei solchen Gewaltorgien genügend Moslems und ich behaupte sogar es ist die Mehrheit, die nichts damit anfangen können. Aber an dieser Stelle herrscht sogar Einigkeit zwischen Moslems und Christen, die Mehrheit schweigt und deswegen ist es Minderheiten gestattet, zu krakelen, randalieren und sogar zu morden.

  37. @chickenhawk
    „…da hätte es möglicherweise nahegelegen, sofort massiv von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Freilich mit unabsehbaren Folgen.“

    Offizielle (und offen kommunizierte) Vorgabe für die US-Botschaften ist, dass Sicherheit über einheimische Sicherheitskräfte (Polizei oder Dienstleister) sowie bauliche Maßnahmen gewährleistet werden soll. Für den Ernstfall ist vorgesehen, dass man sich in Schutzräume zurückziehen soll. Beim Thema Schusswaffengebrauch ist man sehr zurückhaltend. Strategisch wären die Probleme jetzt wohl größer, wenn man gewaltsam gegen die Angreifer vorgegangen wäre (siehe http://en.wikipedia.org/wiki/Raymond_Allen_Davis_incident), und die Todesfälle traten ja offenbar außerhalb der Botschaft auf. Hier hätte man vermutlich versucht, die Angreifer gewaltsam abzuwehren, wenn man entsprechend ausgerüstet gewesen wäre und die Angreifer rechtzeitig erkannt hätte. In Sana’a und Benghazi scheinen aber einheimische Sicherheitskräfte zumindest Warnschüsse abgegeben zu haben. In allen betroffenen Ländern dürfte die Motivation einheimischer Kräfte, sich selbst zu gefährden und ggf. in ihren Anliegen unterstützte Landsleute zu töten um Amerikaner zu schützen, sowohl von offizieller als auch individueller Seite eher gering sein. In Ägypten hat die Regierung die Angriffe nicht einmal verbal verurteilt.

    @BausC
    „Waren es nicht aber die Wahabiten die Mohameds Grab schändeten? War es nicht Mustafa Kemal der sinngemäß aüßerte, er lasse sich seine Politik nicht von einem dreckigen Kameltreiber vorschreiben?“

    Die Salafis halten Gräber für unislamischen Personenkult, und Atatürk gilt auch unter gemäßigteren Moslems als heimlicher Jude, der im Rahmen der großen Verschwörung gegen den Islam handelte. In Ländern wie Ägypten dürfte diese Ansicht sogar beinahe Konsens sein, und wer anders denkt, ist zumindest zurückhaltend dies offen zu äußern. Dafür, dass Christen so etwas wie „Life of Brian“ produzieren und in großer Zahl auch noch gut finden, empfinden viele Muslime tiefe Verachtung, die eine Quelle von Ressentiments gegen das Christentum und auch den Westen ist.

  38. @BausC | 13. September 2012 – 12:03:

    „Waren es nicht aber die Wahabiten die Mohameds Grab schändeten?“

    Ja? Wann soll das gewesen sein?

    „War es nicht Mustafa Kemal der sinngemäß aüßerte, er lasse sich seine Politik nicht von einem dreckigen Kameltreiber vorschreiben?“

    Eben jener gilt in muslimischen Ländern außer der Türkei (und auch in religiösen Teilen der türkischen Bevölkerung) als der größte Feind des Islam im 20. Jahrhundert, wenn nicht gar der letzten Jahrhunderte.
    Vgl. http://www.youtube.com/watch?v=Hq-7FtV2Fpc

    Sicherlich haben Sie Recht, dass bei solchen Vorfällen mehrere Faktoren zusammenkommen und nicht nur religiöser Eifer. Dieser bleibt aber imho der größte Faktor.

    @Orontes | 13. September 2012 – 12:07:

    Gerüchteweise sind die RoE der Botschaftswachen so eng, dass ein Schusswaffengebrauch selbst in Notwehr nicht zulässig ist. Angeblich…

  39. Auch bei dem Vorfall in Bengasi vom Dienstag hatten sich der Botschafter und seine Mitarbeiter zunächst in einen safe room zurückgezogen. Jedoch hatten die Angreifer das Gebäude mit Granatwerfern in Brand geschossen, so dass Rauch in den Sicherheitsraum einzog. Stevens und seine Begleiter mussten den Raum daher aufgeben. So wurde das gestern Abend bei einer Rekonstruktion der Ereignisse bei CNN geschildert.

    Die Todesursache bei Stevens soll Rauchvergiftung gewesen sein.

Kommentare sind geschlossen.