Camp Bastion: Komplexe Attacke der Taliban

Es ist, schätze ich, relativ belanglos, ob der Angriff der Taliban auf das amerikanisch-britische Camp Bastion in der vergangenen Nacht nun dem britischen Prinzen Harry, pardon, Captain Wales, galt – auch wenn der Aspekt in der Berichterstattung natürlich ganz oben steht. Ob nun eine königliche Hoheit in diesem Camp in der südafghanischen Provinz Helmand rumsaß, ist allenfalls eine Frage der Psychological Warfare, die es den Aufständischen erlaubt, ihn als ihr Primärziel darzustellen. Viel entscheidender und besorgniserregender ist die Komplexität des Angriffs. Aus der ISAF-Mitteilung:

Nearly 20 insurgents infiltrated the perimeter of Camp Bastion in Helmand province yesterday and attacked International Security Assistance Force personnel and facilities using small arms, rocket-propelled grenades and suicide improvised explosive device vests. The attack, which began shortly after 10 p.m., killed two ISAF service members, wounded several and caused damage to multiple aircraft and structures along the base’s flight line.

20 Kämpfer. Und nicht am Rand des Lagers. Die es mit Handwaffen und RPGs schaffen, Schaden an der Flight Line anzurichten. In einem Camp, das – nicht nur, aber auch – wegen Prinz Harry recht gut bewacht sein dürfte. Das sollte den internationalen Truppen Kopfschmerzen machen – diese Fähigkeit geht über IED-anschläge, Hinterhalte und Begegnungsgefechte weit hinaus.

Die Aufständischen haben dazu ein kurzes Video veröffentlicht, dazu (daraus?) ein Foto:

(Dazu auch lesenswert: afghanhindsight.)

Nachtrag 16. September: Eine ergänzende Mitteilung von ISAF:

Dressed in U.S. Army uniforms and armed with automatic rifles, rocket propelled grenade launchers and suicide vests, the insurgents attacked Coalition fixed and rotary wing aircraft parked on the flight line, aircraft hangars and other buildings.
Six Coalition AV-8B Harrier jets were destroyed and two were significantly damaged.  Three Coalition refueling stations were also destroyed.  Six soft-skin aircraft hangars were damaged to some degree.

 

Kosovo: Seit zehn Jahren gemeinsame Grenzpatrouillen von KFOR und Serben

Nach dem jüngsten bekannt gewordenen Vorfall im Kosovo, bei dem vermutlich illegale Holzfäller auf eine gemeinsame Patrouille von KFOR und Serben schossen, hatte ich mich etwas irritiert gefragt, seit wann es solche gemeinsamen Patrouillen von KFOR-Truppen und serbischen Streitkräften gibt – davon hatte ich nämlich noch nie gehört. In Deutschland hat mir diese Frage niemand beantworten können; aber von KFOR habe ich jetzt eine Erklärung dazu erhalten:

Die Grenzpatrouillen gehen auf zwei Abkommen zwischen NATO/KFOR und den Serbischen Streitkräften aus den Jahren 2001 und 2002 zurück.
Die Planung dieser Parouillen erfolgt während der regelmäßigen stattfindenden JIC Treffen (JIC = Joint Implementation Mission) zwischen der Multinational Battlegroup East und den Serbischen Streitkräften.
Die Patrouillen treffen sich an einem Punkt, z.B. einem Grenzübergang und laufen dann parallel zur ABL (Administrative Boundary Line) ohne diese jedoch zu überschreiten. Dies ist beiden Seiten verboten und wird auch strikt eingehalten.
Das TOPA-Abkommen (Tempory Operating Procedures for Cooperation and Coordination astride the Kosovo Administrative Boundary) wurde am  17.08.2001 geschlossen.
Das zweite Abkommen (Directions for Implementation of the Tempory Operating Procedure Agreement astride the Kosovo Administrative Boundary) wurde am 14.03.2002 verabschiedet.

Mit anderen Worten: Solche gemeinsamen Patrouillen gibt es seit mehr als zehn Jahren. Interessant zu wissen – hätte man ja eigentlich in dieser langen Zeit schon mal was von hören oder lesen müssen?

De Maizière relativiert Aussage zu „ethisch neutralen“ Waffen

Aus dem heute in Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung veröffentlichten Interview mit Verteidigungsminister Thomas de Mazière (Links aus den bekannten Gründen nicht) werden meist seine Aussagen zum MAD und zu Waffenexporten zitiert; die finden sich genügend und die brauche ich hier nicht aufzugreifen. Interessant (und bislang nicht berichtet) finde ich seine Relativierung einer früheren Aussage – dass nämlich eine Waffe ethisch stets als neutral zu betrachten sei. Die nunmehr etwas andere Position:

Ich möchte die Gelegenheit dieses Interviews nutzen zu sagen, dass ich diese Bemerkung so nicht mehr aufrechterhalten möchte. Denn natürlich gibt es zwar Waffen, die wegen ihrer speziellen Wirkweise oder ihrer verheerenden Nachwirkungen auf Menschen und die Umwelt als ethisch verwerflich anzusehen sind: Streubomben etwa, zu deren Vernichtung wir uns 2008 verpflichtet haben, aber auch chemische und biologische Waffen.

Das war eigentlich zu erwarten. Und ebenso war zu erwarten, dass der Minister dieses Problem bei bewaffneten Drohnen nicht sieht:

Ich bleibe aber dabei, dass sich ein unbemanntes Flugzeug von einem klassischen Kampfflugzeug ethisch nicht unterscheidet. Es kommt auf Menschen an – und es ist irrelevant, ob der Mensch im Cockpit sitzt und eine Bombe auslöst, oder vor einem Monitor auf dem Boden. Insoweit sind Drohnen und Flugzeuge ethisch neutral. (…) Distanz haben wir heute schon, zum Beispiel bei der Artillerie, die Dutzende Kilometer weit schießen kann. Aktuell diskutieren wir den Einsatz von Drohnen doch deshalb so kontrovers, weil ihr Einsatz gegen Terroristen in Pakistan völkerrechtliche Fragen aufwirft. Es wären aber die gleichen Fragen, wenn die Raketen dort von Kampfflugzeugen abgefeuert würden.

Eine Position, die ich für nachvollziehbar und richtig halte – die aber dennoch in der deutschen Debatte über bewaffnete Drohnen bislang auf deutlichen Widerstand stößt. Allerdings haben die Kritiker eines solchen Waffensystems, von der Opposition im Bundestag bis zum katholischen Militärbischof, zu diesem Punkt leider kaum Stellung genommen: Was unterscheidet eine von Piloten am Boden gesteuerte Waffenplattform von dem Bediener einer Panzerhaubitze2000, der sein Ziel auch nur auf dem Monitor einer Aufklärungsdrohne sieht und die Koordinaten für den Einschlag einer Granate in einem 30 Klimeter entfernten Ziel einprogrammiert?