RC N Watch: Angriff auf afghanische und deutsche Soldaten bei Baghlan

Irgendwie kommt es mir so vor, als nähmen diese Vorfälle in jüngster Zeit wieder zu:

Am 12. September wurden um 13.28 Uhr mitteleuropäischer Zeit (15.58 Uhr Ortszeit) afghanische Sicherheitskräfte, verstärkt durch deutsche Kräfte, 25 Kilometer nördlich der Stadt Baghlan, von Aufständischen mit Handfeuerwaffen angegriffen.
Die Soldaten erwiderten das Feuer. Danach kam es mehrfach zu Feuerkämpfen, bei denen ein afghanischer Soldat verwundet wurde. Deutsche Soldaten wurden nicht verwundet und sind in ihre jeweiligen Stützpunkte zurückgekehrt. Es gibt keine materiellen Verluste.

Hm.

9. September: IED-Anschlag nahe OP North
5. September: Angriff mit Handfeuerwaffen bei Kundus
2. September: Angriff auf Patrouille nahe OP North
24. August: Beschuss deutscher Kräfte nahe OP North

Nachtrag 13. September: Praktisch am gleichen Ort heute wieder ein Angriff:

Am 13. September wurden um 7.31 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit (10.01 Uhr Ortszeit) deutsche Kräfte 25 Kilometer nördlich der Stadt Baghlan direkt von Aufständischen mit Handfeuerwaffen angegriffen. Das Feuer wurde erwidert. Deutsche Soldaten wurden nicht verwundet. Es gibt keine materiellen Schäden.

Danke für die Leserhinweise auf diese Meldung – und ich hab‘ mal nachgefragt: direkt angegriffen ist als direkter Beschuss gemeint, in Abgrenzung zu IED.

 

 

 

De Maizière, Israel, Iran: Rhetorische Zurückhaltung?

Der Kollege Clemens Wergin von der Welt hat eine Äußerung von Verteidigungsminister Thomas de Maizière zu einem möglichen Angriff Israels auf den Iran exklusiv: Bei einem Deutsch-Israelischen Dialog im Axel-Springer-Haus in Berlin habe der Minister einen solchen Angriff auf das iranische Atomprogramm zwar als gerechtfertigt bezeichnet, davon aber dringend abgeraten. Zitat aus der Welt (Link gibt es aus den bekannten Gründen nicht):

„Iran anzugreifen ist nicht illegitim“, sagte der Minister, „es ist aber auch nicht klug“.

Da fällt dann doch auf, dass das Verteidigungsministerium zwar einen Redetext de Maizières bei diesem Anlass veröffentlicht hat – in dem aber diese Aussage überhaupt nicht auftaucht. Nicht im gesamten Wortlaut und schon gar nicht in der Passage zu Israel und Iran:

Ich teile die weltweite und insbesondere israelische Sorge um das für mich eindeutige Streben des Iran mit seinem Atomprogramm auch die Atombombe zu entwickeln und auf ihre Trägerraketen zu bauen. Mit meinem israelischen Amtskollegen Ehud Barak habe ich intensiv und mehrfach über diese Frage gesprochen.
Deutschland verfolgt mit seinen internationalen Partnern im Rahmen der E3+3 (DEU, GBR, FRA, USA, RUS, CHN) eine Doppelstrategie: Schärfere Sanktionen bei gleichzeitiger Dialogbereitschaft der Internationalen Gemeinschaft. Diese Sanktionen zeigen zwar jetzt eine gewisse Wirkung vor Ort. Zu einem erkennbaren Umdenken in der politischen Führung des Iran ist es jedoch noch nicht gekommen.
Allen Seiten empfehle ich rhetorische und militärische Zurückhaltung. Eine militärische Eskalation birgt unüberschaubare Risiken für die Stabilität – weit über die Region hinaus. Und trotz allem: Israel kann sich in jedem Fall hinsichtlich seiner staatlichen Integrität und Existenz unserer Solidarität sicher sein.

Nun mögen beide Weisen, sich zu äußern, am Ende auf das Gleiche hinauslaufen. Politisch macht das schon einen kleinen Unterschied. Hätte das Ministerium ja auch mal sagen können.

Nachtrag: Nach Angaben des Autors Clemens Vergin fiel diese Aussage nicht in der Rede, sondern in der anschließenden Diskussion; insofern ist dann wieder verständlich, warum es im veröffentlichten Text nicht steht (ob das klug ist, ist eine andere Frage). Bei der Jerusalem Post, die ebenfalls anwesend war (offensichtlich war nur wenige Journalisten eingeladen), findet sich das Zitat auch, mit leicht anderem Schwerpunkt:

German Defense Minister Thomas de Maiziere said the Israeli government should stop talking about attacking Iran.
“In terms of military action against Iran this action is not illegitimate, but not wise,” de Maiziere said on Tuesday at the European Israeli Dialogue conference in Berlin.

 

Immer mehr Söldner und Privat-Marinen im Kampf gegen Piraten

Während am Horn von Afrika derzeit die Angriffe somalischer Piraten weitgehend ausbleiben (wobei unklar ist, wie viel das mit dem Wetter oder der Präsenz internationaler Seestreitkräfte zu tun hat) und das Gesetz zur Zertifizierung privater bewaffneter Wachmannschaften auf deutsch geflaggten Handelsschiffen noch im Bundestag dümpelt, kann man sich ja eine lesenswerte aktuelle australische Untersuchung anschauen:

Pirates and privateers: managing the Indian Ocean’s private security boom

Da gibt es interessante Zahlen, zum Beispiel dass inzwischen mehrere tausend Bewaffnete als Angestellte von Private Military Security Companies (PMSC) in dieser Seeregion unterwegs sind, als Wachmannschaften auf Schiffen oder mit schwer bewaffneten privaten Kriegsschiffen. Und eine Betrachtung der damit verbundenen rechtlichen Probleme.

Mich beeindruckt vor allem ein Praxis-Tipp: Warum sich mit den komplizierten Genehmigungsverfahren für Erwerb, Export und Transport von Waffen, oder sogar Beschränkungen (nach dem geplanten deutschen Gesetz bleiben Kriegswaffen verboten) herumschlagen – wenn man für 200 US-Dollar auf einem afrikanischen Schwarzmarkt eine Kalaschnikow erwerben kann, die man vor dem nächsten Hafen einfach über Bord wirft, um Einfuhrprobleme zu umgehen?

Vier Tiger für Afghanistan

Und es geht doch voran: Vier für den Afghanistan-Einsatz vorbereitete Tiger, teilt Eurocopter heute mit, seien inzwischen an die Bundeswehr ausgeliefert worden. Damit rücke ein Einsatz der deutschen Kampfhubschrauber am Hindukusch noch in diesem Jahr in greifbare Nähe:

Mit der Übergabe der ersten vier für den Afghanistan-Einsatz optimierten Unterstützungshubschrauber Tiger hat Eurocopter einen bedeutenden Meilenstein in diesem Programm erreicht. Damit ist die Bundeswehr jetzt im Besitz einer kompletten ASGARD-Tranche – eine entscheidende Voraussetzung für eine potentielle Verlegung der Tiger bis Ende des Jahres in das Einsatzgebiet.

ASGARD steht für Afghanistan Stabilization German Army Rapid Deployment. Nun kann man über das Rapid streiten (genau so über die Frage, wer die Verzögerungen zu verantworten hat und ob vielleicht die Bundeswehr so Dinge wie Sandfilter zu spät bestellt hat), aber immerhin. Im Dezember sollen vier weitere Tiger in dieser Konfiguration ausgeliefert werden.

Der Tiger im scharfen Schuss bei der Informationslehrübung des Heeres 2011

Neue Runde der Gewalt nach Anti-Islam-Film – auch in Afghanistan? (Update: Karzai-Wortlaut)

Ein seit Monaten bekannter, aber jetzt erst in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geratener Anti-Islam-Film aus den USA hat in der islamischen Welt (erneut) eine Welle der Gewalt ausgelöst. Bei gewaltsamen Angriffen wurde der US-Botschafter in Libyen getötet; die US-Botschaft in Kairo wurde ebenfalls angegriffen. Die Details dieser Vorfälle sind unter anderem bei der New York Times nachzulesen; was für Augen geradeaus! eher ein Thema ist: Kann diese Gewalt auch auf die Islamische Republik Afghanistan übergreifen?

Die Frage ist nicht rhetorisch – nach der angekündigten Koran-Verbrennung des US-Pastors Terry Jones im vergangenen Jahr war es auch in Afghanistan zu gewalttätigen Proteste gekommen. Und bei dem Angrif auf die Vereinten Nationen in Masar-i-Scharif hatte es Tote gegeben.

Deshalb sind die ersten Meldungen aus Kabul Besorgnis erregend: Präsident Hamid Karzai, so berichten Kollegen aus der afghanischen Hauptstadt, habe den Film verurteilt – ohne aber zugleich zur Mäßigung aufzurufen.

Die Kabuler Reuters-Kollegin Amie Ferris-Rotman hat via Twitter eine Kernpunkte aus Karzais Stellungnahme verbreitet:

And Karzai now weighing in…. Sharply condemns „anti-Islam“ movie which sparked Libya protests. Oh, no, no, no, NO.

Karzai: „Insulting Prophet Mohammad… will be a severe blow to peace and the harmony between humans“. Sounds like a warning to me.

Karzai: „Insulting Islamic values is not part of the freedom of speech“.

Vermutlich wird sich recht schnell zeigen, ob diese Gewalt-Runde auch auf das Land am Hindukusch übergreift.

(Übrigens scheint es, dass mittlerweile – wegen dieses Films? – der Zugang zu YouTube in Afghanistan blockiert ist. Nachtrag: Eine Meldung von Reuters bestätigt das: Afghanistan says bans YouTube so that „offensive video about Prophet Mohammad“ cannot be viewed.)

Update: Jetzt liegt die Erklärung Karzais in einer englischen Fassung im Wortlaut vor. Interessant, dass er das Video verurteilt, auf die Gewalt und den Tod des Botschafters aber nicht eingeht: weiterlesen

weiter »