Jetzt reden wir über „nach dem Abzug“

In der Bundesregierung scheint die Medienkampagne begonnen zu haben: Wir müssen mal drüber reden, was in Afghanistan nach dem Abzug der Kampftruppen 2014 passiert. Ungefähr zeitgleich gab’s dazu heute 3 Fragen – 3 Antworten mit BM Westerwelle und vom Verteidigungsministerium ein Interview mit dem deutschen General Manfred Lange, Chef des Stabes im NATO Allied Command Operations (traditionell immer noch SHAPE genannt). Beide sagen, ganz richtig, dass es nach 2014 auch deutsches Engagement geben wird, zum Beispiel bei der Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte. Was beide nicht so laut oder nicht so deutlich sagen: Da wird es auch nach 2014 eine erhebliche Zahl deutscher Soldaten am Hindukusch geben. Aber vielleicht kommt diese Aussage noch im späteren Medienaktionen.

Der Westerwelle-Spot:

Das Interview mit General Lange: Afghanistan: Ausbildung nach 2014 weiter begleiten

Nur zum Vergleich (und das muss ja auch nicht stimmen) die US-Wahrnehmung, wie sie die Nachrichtenagentur Reuters widergibt:

While most foreign troops will be gone from Afghanistan by the end of 2014, a modest number of Western soldiers are expected to stay beyond then, focused on targeted strikes against militants and advising Afghan forces.

Hm, von targeted strikes ist in Deutschland nie die Rede. (Der letzte, der das hier zu Lande ins Gespräch brachte, war der ehemalige Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg, der in der öffentlichen Diskussion auch Nachsorgeoperationen von Spezialkräften zumindest erwähnte.)

47 Kommentare zu „Jetzt reden wir über „nach dem Abzug““

  • klabautermann   |   24. Mai 2012 - 15:52

    „Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt jedoch in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen.“
    Hannah Arendt

    „Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt jedoch in der Haltung, mit Meinungen so umzugehen, als handele es sich um Tatsachen.“
    klabautermann

    ;-)

    Pfadeffekt trifft auf Netzwerkeffekt…..and the winner iiiiiiiiiiiiiiiiis?????
    „The one who bails out 2 seconds before the Big Bang“
    Hollande

  • klabautermann   |   24. Mai 2012 - 16:10

    Mitte 2012 dürfte der Punkt erreicht sein, den Carl von Clausewitz den „Kulminationspunkt des Angriffs“ genannt hat. Damit meinte der olle Carl die Situation, wenn der Angreifer sich in eine Position manövriert hat, in der er seine Eroberungen nicht mehr ausreichend verteidigen, bzw. sanieren kann.

  • Soenke Marahrens   |   24. Mai 2012 - 16:34

    @Klabautermann

    und das ist dann der Moment, in dem man die Reserve einfuehrt….und im uebrigen liegt der Wendepunkt vor dem Hoehepunkt der Schlacht…

    Fedding success instead of delaying the defeat….

  • klabautermann   |   24. Mai 2012 - 16:47

    Ach ja, die Reserven !

    Das sind ja wohl wir Deutschen, in Euro- und in Afghan-Land ?

    Hm, nach dem guten, alten Motto: „Who pays the piper, calls the tune“:

    1. Deutschland bekommt den SACEUR-Dp (no rotation)
    2. Deutschland bekommt einen permanenten VN-SR-Sitz
    3. Deutschland bekommt den Posten Euro-Gruppen-Chef, ohne wenn und aber
    ….

    Reserve kostet ;-))

    …und dann warten wir mal die Schlacht ab.

  • Etienne Rheindahlen   |   24. Mai 2012 - 17:06

    @ Soenke Mahrarens

    „und im uebrigen liegt der Wendepunkt vor dem Hoehepunkt der Schlacht…“ Also dürfte dieser Höhepunkt in Kürze noch bevorstehen, sofern Klabautermanns Prognose für den in wenigen Wochen anzunehmenden Zeitpunkt des „Kuliminationspunkts“ zuträfe.

    Dies widerspräche aber der derzeitigen relativ ruhigen Situation im Land – zumindest soweit der täglich von ISAF kommunizierte Lagebericht der Realität entspricht.

    Zu denken geben sollten auch die Konsequenzen nach Erreichen des „Kulminationspunkts“, die von Clausewitz wie folgt beschreibt:

    „Jenseits dieses Punktes liegt der Umschwung, der Rückschlag; die Gewalt eines solchen Rückschlages ist gewöhnlich viel größer, als die Kraft des Stoßes war.“

    Und inwieweit das dann folgerichtige und rechtzeitige Einführen von (lageentsprechend
    a u s r e i c h e n d e n und intelligent komponierten) Reserven durch das aktuelle ISAF-Mandat des Bundestages gedeckt bliebe…diese Fragestellung würde die Wahlkämpfer und mindestens einen Teil der Medien zweifelsfrei mit „PsyOps-Munition“ versorgen. Befürchte ich.

  • klabautermann   |   24. Mai 2012 - 17:18

    @Etienne Rheindahlen

    Die Ruhe vor dem Sturm ? Apres moi la deluge ? Die Pakistani und Iran nur darauf lauernd, sich ihren Bissen von Afghanistan zu sichern ?
    Wir denken immer in Monaten und einstelligen Jahreszahlen. ….immer schön „nachhaltig“ und „alternativlos“…….und Hauptsache bis zur nächsten Wahl politisch überleben.
    Wir haben nix verstanden, und die Afghanen beginnen das zu begreifen.

  • Etienne Rheindahlen   |   24. Mai 2012 - 17:26

    @klabautermann

    Vollkommen d’accord.

    Allerdings…streiche: „wir“, setze: „die Politik und deren in Stiftungen und abhängig alimentierten „think tanks“ versöldnerte Hilfstruppen“.

    P.S.: „wir“ definierte ich als die „Breite der Gesellschaft“. Aber die bleibt wohl zunächst weiterhin „freundlich desinteressiert“. Zumindest bis zum nächsten letalen TIC zum Nachteil von deutschen Soldaten. Von einem nicht auszuschliessenden „Big Bang“ ganz zu schweigen…aber DANN…hätten es „alle schon seit Jahren gewusst“.

    Na ja. Fast alle…

  • klabautermann   |   24. Mai 2012 - 17:35

    @Etienne Rheindahlen

    einverstanden mit Ihrem Textbaustein ;-)

    Früher : „Lieb Vaterland, mags ruhig sein“
    Heute: „Wir.dienen.Deutschland“

  • Laienstratege   |   24. Mai 2012 - 17:43

    Ach ja, der gute alte Clausewitz: „Niemals wird man sehen, dass ein Staat, der in der Sache eines anderen auftritt, diese so ernsthaft nimmt wie seine eigene. Eine mässige Hilfskraft wird vorgesandt; ist sie nicht glücklich, so sieht man die Sache ziemlich als abgemacht an und sucht so wohlfeil als möglich herauszukommen.“
    (Vom Kriege, 8. Buch, VI. Kapitel).

  • Etienne Rheindahlen   |   24. Mai 2012 - 17:49

    Fast…ein wenig OT (aber nmE auch nur fast…) die Einschätzung eines heute von „Pajhwok Afghan News“ als „politischen Experten“ zitierten Gen. Attiqullah Amarkhel, der heute in einer in Afghanistan ausgestrahlten Rundfunksendung die ISAF-Mission als gescheitert bezeichnete.

    Gen. Amarkhel beklagte unter anderem die mangelnde Koordination der Ausbildungs-programme der unterschiedlichen ISAF-Trainer, die seiner Ansicht nach einer der Gründe für den von ihm als nicht ausreichend bewerteten Leistungsstand der ANA sei. Abgesehen von einer zu geringen Stärke der ANA sei diese nicht einheitlich ausgebildet und eher verwirrt, ob sie amerikanische Techniken oder französische Befähigungen erlernen sollte. Der deutsche Beitrag wird – überaus diplomatisch – im letzten Satz bewertet…

    „He noted a lack of coordination among international troops as some of them were deployed to central Afghanistan and others to south. And those wanted to avoid being killed were stationed in the north, he commented.“

    Zum Nachlesen hier der Link (von TW auch getwittert):

    http://www.pajhwok.com/en/2012/05/24/analysts-slam-nato-mission-failure#.T748Wi2r45o.twitter

  • klabautermann   |   24. Mai 2012 - 17:56

    @Etienne Rheindahlen

    Volltreffer, und gar kein thematischer Streifschuss.

  • Sachlicher   |   24. Mai 2012 - 18:04

    @ Etienne Rheindahlen | 24. Mai 2012 – 17:49 – – – –

    ISAF einer Nagelprobe in Richtung Erfolg/ Misserfolg zu unterziehen, ist enorm schwierig. Ja, ich weiß mit welcher Rhetorik es einst los ging und was da folgte. Dennoch machen wir es uns mE zu einfach, mäßen wir Erfolg/ Nichterfolg lediglich daran.

    Zu Attiqullah Amarkhel, die Quelle mag jeder selbst einordnen: http://www.afghan-bios.info/index.php?option=com_afghanbios&id=156&task=view&total=2528&start=206&Itemid=2

  • elahan   |   24. Mai 2012 - 18:25

    Wer Erwartungen weckt macht sich verantwortlich, wer sie dann enttäuscht, schuldig! Deshalb wird die Verantwortung abgegeben! Fraglich ist nur, ob und von wem sie übernommen werden kann!

  • klabautermann   |   24. Mai 2012 - 18:26

    @sachlicher

    wussten Sie schon, dass die NATO (und schon gar nicht die ISAF+ Coaltion Streitkräfte) keine einheitlichen Landgefechtstandards haben ? HdV 100/100 meets US Army field manual xyz, etc……
    NATO kennt nur operative und taktische Führungsstandards, aber nicht basic tactical level systemic (Personal/Ausrüstung/Ausbildung) warfighting standards.

  • Etienne Rheindahlen   |   24. Mai 2012 - 19:13

    @ Sachlicher

    Erfolg oder Nichterfolg der ISAF-Mission an der Rhetorik bzw. der Naivität / dem „Gutmenschentum“ / dem „Grossmacht-(Wunsch)Denken“ (Nichtzutreffendes nach gusto bitte überlesen) der ersten Jahre zu messen…wäre meiner Meinung nach entweder als als „infantil“ oder „bösartig“ zu bezeichnen.

    Zehn Jahre „lessons learned“ in Afghanistan und der Region sollten allerdings ausreichen, um auf Grundlage einer nüchternen und Land, Mentalität und „Geschäftsmodelle“ der jeweiligen Interessensgruppen verstehenden und berücksichtigenden Analyse der politischen, ökonomischen, soziologischen, ethnischen und strategischen Fakten die gegenwärtig tatsächliche Situation des Landes anhand einer Bewertungskala zwischen „best case“ und „worst case“ zu determinieren. Dies wäre Aufgabe sowohl der Kontaktgruppe als auch der sicherheitspolitischen Akteure der ISAF-Nationen unter Einbeziehung objektiver und belegbarer Erkenntnisse von Militär, NGOs und als vertrauenswürdig erkannter afghanischer Institutionen und Kapazitäten gewesen.

    Oder vielleicht sollte ich den Konjunktiv im letzten Satz streichen. Dass es eine solche – und analog zu der (traditionellen) Volatilität afghanischer Macht- und Interessensverhältnisse – variable und vor allem schonungslos realistische Lageanalyse gibt, scheint mir nicht nur denkbar. Ich vermute dies im Rang einer „an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit“.

    Und es entspricht zweifellos auch der Intelligenz und der Befähigung zu regionaler wie strategischer Diplomatie seitens der in der Region engagierten Parteien und Fraktionen, diese im Ergebnis wohl sehr deckungsgleichen Analysen noch nicht einmal im Traum öffentlich zu kommunizieren. Maximal bilateral, im kleinsten Kreis der tatsächlich agierenden Köpfe.

    Die Wahrheit über den „Erfolg oder Misserfolg“ der ISAF-Mission wäre wohl in allen betroffenen Gesellschaften nur schwer „zu verkaufen“. Wobei vermutlich die Masse der afghanischen Gesellschaft – der zentral betroffenen Gesellschaft – als traditionell geborene Untertanen mal des einen oder des anderen Lokal-/Regionalfürsten mit aus existentiellem Überlebensinstinkt praktiziertem flexiblem Fatalismus reagieren würde.

    Unsere zentraleuropäischen Gesellschaften – insbesondere die deutsche – würden auf die „ungeschminkte Wahrheit“ sich wohl noch weiter von der Teilhabe an parlamentarisch-demokratischen Prozessen entfernen. Und „die Politik“ einen noch grösseren Glaubwürdigkeits- und Vertrauensverlust erleiden. Vertreter radikaler oder populistischer Positionen würden eventuell massiv erstarken, erheblichen Einfluss in Parlamenten und Regierungen erzielen und im schlechtesten Fall aufgrund des Zusammentreffens gleich mehrerer fundamentaler Krisenbereiche könnte dies letztlich zu einer bedenklichen Destabilisierung der realpolitischen Verhältnisse sowohl in europäischen Nationalstaaten wie auch innerhalb der EU führen.

    Ein Eingeständnis „ISAF: mission failed“ ist von keinem Politiker aus einem der beteiligten Staaten zu erwarten. Aus Gründen der Staatsraison wie aus höchst-persönlichen Motiven.

    Denn den oder die entscheidungskompetente oder -befugte PolitikerIn, die / der sich vor seinen Souverän stellt und eingesteht „Sorry, ich und wir haben uns leider vollkommen geirrt und in unserer Aufgabe versagt“…gibt es in unserem Zeitalter nicht. Wenn es ihn / sie je gegeben hat (und falls, dann wiederum aus strategischem Kalkül)…

  • Sachlicher   |   25. Mai 2012 - 11:34

    @Hr. Wiegold:
    Ich habe eine neue Email-Adresse, die alte wird am WE „abgeschaltet“, daher hier bereits die neue. Sie werden stilistisch leicht heraus bekommen, dass ich derselbe bin;-)

    @ klabautermann | 24. Mai 2012 – 18:26
    ….wussten Sie schon, …

    Ja, warum fragen Sie?

    @ Etienne Rheindahlen | 24. Mai 2012 – 19:13 – – –

    Vielen Dank für Ihre umfangreiche Antwort und Ihre Fazits! Es war sehr interessant für mich.

    Und ich versuche als, hoffentlich adäquate, Replik, einmal aus deutscher Sicht Erfolge/ Misserfolge zu modellieren, ohne die explizite Zielsetzung, die einst und in der folge offensiv artikuliert wurde.

    Das Wort „Wahrheit“ werde ich bewusst nicht gebrauchen. Ich schreibe meine persönliche Ansicht. Manches schrieb ich bereits im Blog, darum fasse ich mich kurz. Los geht`s:

    Praktisch:
    1. Die Stabilisierung der ZAR und der Südflanke Russlands. Dies hätte man auch vor Ort deutlicher machen können und mit einer entsprechenden außenpolitischen Konzeption wirtschaftspolitisch nutzen können-aber gut bzgl. der Mongolei hat sich etwas getan…man kann das aus deutscher Sicht aber insgesamt nicht hoch genug einschätzen.

    2. Dass man Pakistan an den Rand eines failed state brachte: geschenkt, das hätten sie auch allein geschafft. Ob man mit der Entlastung Irans an deren Ostgrenze sich einen Gefallen getan hat, weiß ich nicht, meine aber das nicht, aber ich weiß nicht, inwieweit man Saudi-Arabien diesbezüglich zu beschäftigen gesuchte.

    3. Die Türken mussten in AFG erkennen, dass es bis zum Hegemon im Nahen und Mittleren Osten ein doch noch recht weiter Weg ist. Das betrachte ich als sehr heilsame Lektion für Erdogan zu Gunsten des türkischen Volkes.

    4. Die Demaskierung Chinas ist erfolgt. Es gab keinerlei Beitrag zum nation building-da ist es wieder das böse Wort- stattdessen rein ökonomische Interessenwahrnehmung. Ich weiß nicht, aber es müsste nun angekommen sein: Die Darstellung in Deutschland, dass die Super-Positiv–Chinesen sich nicht in Wohl und Wehe anderer Völker/ Zivilgesellschaften einmischen und ganz supi sind deshalb im Gegensatz zum Dämon USA, kann widerlegt werden. Das Fazit, dass die Chinesen an ihrer Welt basteln, die uns weder gefallen kann noch gefallen darf, ist zulässig und belegbar.

    5. Afghanistan ist als Rückzugsort für Knaller aller Art für ein paar lange Jahre aus dem Spiel gewesen. Außerdem dürften sich die Briten und Franzosen bestätigt sehen: schnell rein, Wirkung entfalten, schnell raus–Peter Scholl-Latour illustriert das in seinen Büchern ja stets recht eindrucksvoll– wie auch immer, so ist dies ein Gedanke für die Zukunft. Aber:

    Theoretisch:
    5. In den Politikwissenschaften haben wir den neuerlichen Streit, was ist zu tun? Bzw. welche Option ist als günstiger zu bewerten:

    Militär rein, 2-4 Jahre Militärgouvernement und parallele Ausbildung neuer politischer/ religiöser/ wirtschaftlicher Eliten und schrittweiser Rückübertragung der Autorität

    oder

    Militär rein, schnell wieder raus, sämtliche Folgeaufgaben werden zivil geleistet.

    Dieser Diskurs wird in der Zukunft einiges nutzen. Bzgl. Afghanistans hat man hier keine klare Linie verfolgt. Afghanistan ist aber nun ein empirischer Beleg, dass es genau auf diese ankommt und man Misserfolge dabei in KAuf nehemen darf.

    5. Die Bestätigung von Kant`s Aussage: man kann Demokratie von Außen nur bringen, wenn im Innen jegliche staatliche Autorität hinweg ist. Auch das wird in Zukunft viel nutzen, wie die Erkenntnis:

    6. Dass die politische Systemtransformationsforschung mit ihren Ergebnissen nicht falsifiziert werden konnte. Damit bleibt dieses Theoriegebäude für die Zukunft nutzbar und das lehrt uns vor allem eines: man braucht Geduld, einen langen Atem und eine Strategie, die länger als die LT-Wahl- und BT-Wahlzyklen dauert. Auch das eine wichtige Erkenntnis für die Zukunft.

    7. Es dürfte so langsam aber sicher im AA angekommen sein, dass man für eine globale Welt in der man global als Handelsmacht auftritt auch eine globale Strategie braucht. Ich bleibe dabei: die einzigen formulierten UND publizierten strategischen Ideen, die Nutzen versprechen sind die des Niebelschen vernetzten Ansatzes und er ist im BMZ.

    P.S.: Für mich war das Ziel Transition/ sofortige Implementierung rudimentärster Menschenrechte/ Grundlagenschaffung einer funktionierenden (wenngleich abhängigen) Staatsökonomie in und für Afghanistan und die Menschen dort grundsätzlich kein falsches. Als man anfing Zugeständinisse diesbezüglich zu machen, hatte man es aber aus der Hand gegeben, es wirklich noch ernsthaft verfolgen zu können.

    Für mich ist der Ansatz in AFG gescheitert: Militär rein, Zivlisten übernehmen in dieser noch kritischen frühen Phase und Militär spielt nur noch ein bischen mit. Nicht zuletzt aber auch gescheitert an einer mE unzweckmäßigen Lagebeurteilung bzgl. Pakistans/ dem im Nachhinein betrachtet: wenig tragfähigen Strategieansatz: UNO und NGO`s übernehmen ohne ein geeignetes Koordinations, sowie Kontroll- und Sanktionsregime zu besitzen, der unkontrollierten Wirtschaftstätigkeit diverser Länder in diesem Land und dem fehlendem Mut alte Eliten konsequent auszutauschen.

    Das ist aber meine ganz persönliche Meinung. Aber eines sollte unbedingt erfolgen: Die Debatte, warum und woran, sowie womit eigentlich wir gescheitert sind. Sollte am Ende stehen, dass wir einzig an uns selbst gescheitert sind, dann ist es auch gut. Man sollte und darf nicht länger Angst vor der nächsten SPIEGEL, BILD, usw. Schlagzeile diesbezüglich haben. Das sind wir nicht zuletzt unseren Gefallenen schuldig.

    Wir Deutschen haben in den letzten 60 Jahren eine Stärke entwickelt für die wir hoch respektiert werden: Aufarbeitung. Nutzen wir sie!

  • Soenke Marahrens   |   25. Mai 2012 - 14:50

    @Sachlicher

    Wie so oft schaetze ich Ihre dezidierten Ausfuehrungen, ich bin mir in diesem Fall nur bei Ihren Bezuegen zu China nicht ganz sicher, ob ich da 1 : 1 folgen kann.

    „Die Demaskierung Chinas ist erfolgt. Es gab keinerlei Beitrag zum nation building-da ist es wieder das böse Wort- stattdessen rein ökonomische Interessenwahrnehmung. Ich weiß nicht, aber es müsste nun angekommen sein: Die Darstellung in Deutschland, dass die Super-Positiv–Chinesen sich nicht in Wohl und Wehe anderer Völker/ Zivilgesellschaften einmischen und ganz supi sind deshalb im Gegensatz zum Dämon USA, kann widerlegt werden. Das Fazit, dass die Chinesen an ihrer Welt basteln, die uns weder gefallen kann noch gefallen darf, ist zulässig und belegbar.“

    Hillary Clinton hat mal erklaert, dass das Bild eines Amerikaners in der Welt am besten durch einen Soldaten im BDU beschrieben wird, waehrend ein Chinese stets nur als Geschaeftsmann im Anzug wahrgenommen wird:

    Mal wertfrei und ohne Daemonisierung von irgendjemanden.

    Kann ein erfolgreiches „nation building“ nicht auch ueber rein oekonomische(s) Politik / Verhalten erfolgen…… im Sinne eines „Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing…“
    Das gute alte roemische Divide et impera?

    Oder ist es vielleicht nur etwas erfolgreicher (0.1. Prozent wuerden auf lange Sicht reichen) als das aktuelle westliche Nation Building:

    Was darunter leidet, dass das was bei uns als rein humanitaer gesehen wird, auf der anderen Seite ev, als sagen wir mal vorsichtig, neo-kolonialistisch wahrgenommen wird

    Im Sinne eines „Nicht wichtig ist was A sagt, sondern was B versteht“ (wobei A aufgrund seiner Vielfalt derzeit auch noch ziemlich kakophonisch agiert)

    ,weil B erschwerend u.a 3000 Jahre philosophische Demokratie Entwicklung inkl der damit verbundenen Katastrophen wie die des 3. Reiches fehlt, und A1 den Islam nur auf die Taliban und den Islamismus reduziert, bei gleichzeitiger Missachtung einer Jahrtausende alten Kultur die uns u.a die Mathematik und Kunst gebracht hat….
    und A2 den Islam nur ohne seine radikalen Element sieht, anstatt ganzheitlich als A zu agieren?

    Dies alles gesagt folgt der chinesische Ansatz vielleicht dem „das Sein bestimmt das Bewusstsein…“ , und koennen wir von einer Demaskierung erst dann reden, wenn wir sehen, wie die Chinesen auf IEDs bzw deren verursacher regieren (hier fehlt mir Hintergrund, aber ueber chinesische Opfer habe ich noch nichts gelesen)

  • klabautermann   |   25. Mai 2012 - 15:29

    TdM hat im FAZ Interview gerade mitgeteilt, dass der ISAF Kommandeur bis zum Herbst den Auftrag hat, einen Post-ISAF OPlan vorzulegen.
    Hm, ich frag mich, welchen Stab denn der Allen hat, der das leisten soll, und: die Stäbe, die letztendlich unter US lead, US style comprehensive approach guidance and direction ISAF HQ und IJCHQ dominiert haben, sollen das liefern können, gleichzeitig transfer of responsibility und redeployment coordination, und NATO Command Structure Migration ?

    Hallo Berlin ! Wake up !

  • Memoria   |   25. Mai 2012 - 16:15

    @Klabautermann:
    Oder war mit „NATO-Oberbefehlshaber“ der SACEUR gemeint?

    „Wake up Berlin“ stimmt, aber eher mit der Ausplanung unseres Beitrages ab 2015.
    Die Absicht der Politik scheint klar zu sein: Train, advise, assist.
    Aber darauf muss man sich dann auch konzeptionell, strukturell, materiell und vorallem personell (Ausbildung, Ausbildung, Ausbildung!) vorbereiten.
    Daher haben wir auch nicht noch 2/12 Jahre Zeit.

    Das muss nun planerisch in Fähigkeiten übersetzt werden.
    Daran hakt es gerade aber noch gewaltig. Was ist denn die „Schutzkomponente“ für die Ausbilder – von der der Minister im FAZ-Interview spricht? Bleiben also die in der aktuellen Mandatsbegründung erwähnten „hochmobilen und kampfstarken Reaktionskräfte“ auch nach 2014 (so war es da zumindest zu verstehen)?
    Wenn ja, dann sollte dies nach innen und außen deutlich klargestellt werden („Meine Absicht ist es,…“).

    Lesetipp: Hier noch was zur Ausbildung fremder Streitkräfte (SFA) von den Amis:
    http://usacac.army.mil/CAC2/Repository/Materials/SFA.pdf

    Die NATO schreibt ja auch an nem Konzept..:
    http://www.act.nato.int/index.php/showcasing-a-new-concept-unified-nato-security-force-assistance

  • Sachlicher   |   25. Mai 2012 - 16:37

    @ Soenke Marahrens | 25. Mai 2012 – 14:50 – – –

    […]Wie so oft schaetze ich Ihre dezidierten Ausfuehrungen,[…]
    Danke.

    […] ich bin mir in diesem Fall nur bei Ihren Bezuegen zu China nicht ganz sicher, ob ich da 1 : 1 folgen kann.[…]
    Das verlangt niemand.

    Zunächst: Ich habe China bewusst verkürzt abgehandelt, bevor der Altscholastiker Klabautermann wieder ockhams razor ansetzt.

    Dann: Selbstverständlich habe ich tiefen Respekt vor anderen Kulturen und vor der chinesischen ganz sicher sogar außerordentlichen. Ich dämonisiere China auch nicht, ich stellte (verkürzt) fest. Ich negiere nicht die Entwicklungen und Leistungen im Islam und durch Moslems. Ich hege demgegenüber ebenfalls Respekt. Respekt für und Kritik an etwas schließen sich aber nicht aus.

    Die Frage ist für mich aber nicht, wie China auf ein IED reagieren würde. Die Frage ist und bleibt für mich: Was brächte uns ein chinesischer Hegemon? Diese Frage ist so legitim, wie sich die Chinesen diese Frage im umgekehrten Falle, wenngleich bzgl. anderer Staaten, stellen.

    Die Frage, wie lange die VR China „friedlich“ bliebe, ist zu theoretisch und noch zu voller Unterstellungen, als dass ich sie für eineindeutig beantwortbar hielte. Man sollte sie sich aber durchaus stellen. Als Empirie kann man Sudan, Angola und AFG gern hinzu ziehen, wo die VR lokalen Trägern von Stärke das Aufgabenfeld überlässt. Als Planspiel schlage ich vor: „DIe Sperrung der Straße von Malakka“-natürlich unter entsprechender Geheimhaltung. Ich denke, dies brächte die ein oder andere Erkenntnis.

    Zu Ihren theoretischen Bemerkungen: Der rein ökonomische Ansatz des nation building war und ist mE interpolierter Neokolonianismus. Er erschafft eine unemanzipierte Gesellschaft. Es ist, ausgehend von den Publikationen Tatu Vanhanens, mE zuIässig davon auszugehen, dass je optimaler die (politischen wie wirtschaftlichen Macht-) Ressourcen verteilt sind, desto stabiler die Zivilgesellschaft und mit ihr die Staatlichkeit im jeweiligen Raum ist. Ergo leite ich davon Zielstellungen für Handlungen ab.

    Ergo sage ich, dass die Schaffung einer freien Welt von Gleichen nicht einfach purer Idealismus ist, sondern sich unter den Auflagen für uns Deutsche als (reine) Wirtschaftsmacht schlicht als Selbstzweck für die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik, sowie der vernüpften Politikfelder, darstellen sollte. Dafür braucht man einen längeren Atem, als der chinesische Horizont weit ist und eine Menge „Zwischenlösungen“ gilt es auf diesen Weg zu formulieren und anzustreben. Das weiß ich bzw. besser: meine ich zu wissen.

    In der Tat der Vorwurf an das „westliche nation building“, dies nur allzuoft nicht zu unterstützen, als Diskussionshypothese genauso geeignet erscheint, wie der chinesische Ansatz mE aber auch-letzteres mitunter zu kurz kommt. Und nicht mehr, aber auch nicht weniger drückte ich mit dem Wort „Demaskierung“ aus.

    Natürlich ist dies in einer derart verflechteten Welt wie der unsrigen sehr, sehr plakativ geschrieben. Zur Illustration reicht(e) dieses Plakat aber mE aus.

    Mit dem möglichen Vorwurf, dass die „Wahl“ des Hegemons eine persönliche Geschmacksfrage sei und weniger eine Rationalwahl, kann ich gut leben.

  • Soenke Marahrens   |   25. Mai 2012 - 17:18

    @Sachlicher

    Danke fuer den Google Ausflug

    Bei Occams Razou musste ich schmunzel, passt es doch gerade in unsere Diskussion, insbesondere der letzxte Teil des Satzes…

    „Nichts darf man ohne eigene Begründung annehmen, es sei denn es sei evident oder aufgrund von Erfahrung gewußt oder durch die Autorität der Heiligen Schrift gesichert.“

    Die Diskussion mit China habe ich mit meinen US Counterparts im Rahmen der Erarbeitung des Joint Operating Environments 2010 gefuehrt, und leider bis heute keine Antwort erhalten, da mir bislang niemand ausser einer US gezeichneten Perspektive eine Antwort auf die Fragen nach den Perspektiven der beiden anderen grossen Nachbarn Indien und Russland geben konnte…. ich halte die Rueckkehr zu einer bipolaren Welt insbesondere vor der Vernetzung aber auch, der sagen wir mal, sichtbaren „Emanzipierung“ weiterer groesserer Staaten, wozu ich neben Indien und Russland auch den Iran zaehlen wuerde…… ggf zukuenftig auch noch einen wie auch immer gearteten Sunnitischen Arabischen Staat….. fuer fragwuerdig.

    Ich habe mir Vatanen durchgelesen (danke fuer den Tip) mir stellt sich aber die Frage, warum das einen oekonomischen Ansatz verwerfen sollten (Vatanen’s Modell fehlt m.E. ein dynamischer Anteil, der Veraenderungebn bewirktl)

    u.a basierte der arabische Fruehling letztendlich auch auf der Verfuegbarkeit eines frueheren Luxusproduktes…. dem Mobile Phone als Nebeneffekt einer oekonomisch getriebenen Veraenderung…..die in fast allen Staaten politisch noch nicht nachvollzogen werden konnte, siehe Urheberrechtsdebatten oder Eindaemmung von „Freiheits“bewegungen (das hinkt jetzt ein bisschen….. aber ich sehe auch die deutschen Piraten in diesem Sinne als ein Ausbrechen aus dem klassischen Links – Rechts Gefuege, mit den entsprechenden Problemen fuer das Establishment)…. ,

    Ich wuerde daher eher behaupten, dass der von mir angebotenen oekonomische Ansatz ggf Vatanensparameter schneller (meine 0,1 von oben) veraendern kann, als es das bisherige Nation Building auf der Grundlage eines Comprehensive Approaches bis heute gezeigt hat (u.a. weil man sich nach wie vor ideologisch nicht einig ist, hier mit Ausnahme des von Ihnen zitierte BM Niebel, ob und wie militaerische Mittel in diesem Kontext zu sehen sind……wir hatten das schon mal….ob als Traeger oder vielleicht auch nur als Werkschutzkomponente ohne Mitspracherecht am Tisch der Entscheidungtraeger)….

  • klabautermann   |   25. Mai 2012 - 17:40

    Nun @sachlicher,
    der „Altscholastiker Klabautermann“ erlaubt sich anzumerken, dass die Afghanen offenbar seit ein paar tausend Jahren noch nicht einmal die eigene nation, den eigenen Staat als Hegomon anerkennen. Somit ist „nation building“ western or chinese style ziemlich müßig. ;-)) Insofern gebe ich dem Papst Recht, wenn er „alle“ durch „viele“ ersetzt. Hat ja nur 1734 Jahre gedauert, bis die christlichen Oberscholastiker Wilhelm von Okham verstanden haben und das „deus vult“-Dogma zu revidieren beginnen.
    Und ob der chinesische Ansatz schlechter ist als „unser“ Ansatz, das warten wir mal ab.

  • Soenke Marahrens   |   25. Mai 2012 - 17:46

    @Klabautermann…. OT ich fand und finde “Altscholastiker Klabautermann” wuerdig und recht ;-)

  • klabautermann   |   25. Mai 2012 - 17:48

    @Soenke

    ich zieh mir jetzt nen Don Camillo rein ;-)

  • Elahan   |   25. Mai 2012 - 19:06

    @klabautermann
    „..dass die Afghanen offenbar seit ein paar tausend Jahren noch nicht einmal die eigene nation“

    Der Nationalstaat ist eine europäische Erfindung und gerade wir Bewohner der BRD haben da einige Probleme! Der Nationalstaat hat einige Geburtsfehler und die holen uns noch ein und so funktioniert die Idee des Nationalstaates bis jetzt auch nicht in Europa.

    „Und ob der chinesische Ansatz schlechter ist als “unser” Ansatz, das warten wir mal ab.“

    Das kommt wohl auf den Maßstab an wie man „schlecht“ wertet.

  • klabautermann   |   25. Mai 2012 - 19:11

    @Elahan

    schön, dass Sie mich verstanden haben ;-)

  • Transatlantik   |   25. Mai 2012 - 19:23

    @ Sachlicher

    China hat, schon kulturhistorisch, kein Interesse an einer Hegemonialstellung der Werte(höchstens durch Borg-ähnliche Assimilation, siehe Tibet und Südostasien sowie Singapur) sondern ist vor allem am ökonomischen Nutzen seiner Außenpolitik interessiert, ohne jedoch eine demokratische „Stabilisierung“ der Zielländer erzwingen zu wollen.

    Natürlich sind die Chinesen somit für lokale Machhaber auch wesentlich attraktiver, denn sie brauchen nur die Mine, die Eisenbahn und den Hafen, verlangen aber keine Einführung von unbequemen Menschenrechten. Auch die USA und alle anderen regionalen Mächte agieren so, aberdven Chinesen fehlt der Druck der inländischen öffentlichen Meinung(was die chinesische Führung allgemein zu weitreichenden Entscheidungen befähigt, da sie ja nicht auf jede Landtagswahl schauen müssen.)

    Die Maske wurde Ihnen selbst dann nicht abgerissen, als sie aus Lybien abzogen(lt. China Daily 18.3 Milliarden $ Investitionen durch chinesische Firmen) und die Nato stattdessen Ressourcen und politisches Kapital (fehl?)investierte. Durch Ihre geschickte Diversifikationsstrategie im Bereich Rohstoffe ist es Ihnen gelungen, ein zu großes Engagement in einer Region des Planeten bisher zu verhindern. Ich bin mir auch nicht sicher, ob sie nicht langfristig ohne die klassisch politisch-militärische Machtprojektion auskommen, zumal die USA hier(trotz Cyberwar und anderen Buzzwords) einen technologischen Vorsprung hat, der die Chinesen noch mindestens 2 Jahrzehnte zu asymetrischer Konfliktlösung zwingt.

    Zum Schluss lässt die institutionelle Prokrastination der westlichen Staaten in der derzeitigen Wirtschafts- und Systemkrise Zweifel an der Demokratie als langfristig geeignetem Herrschaftsmodell aufkommen. Deshalb sind sowohl die USA als auch Europa vor allem in einer Identitätskrise, deren Symtome derzeit nur vorwiegend ökonomisch sind. Ich kann also durch Afgh keine Schwächung der CHinesen erkennen.

  • klabautermann   |   25. Mai 2012 - 19:33

    Eine chinesische Entwicklung hat in letzter Zeit in Fachkreisen besondere Aufmerksamkeit erweckt, nämlich jene der ballistischen Lenkwaffe Dong Feng 21D, die angeblich mit einer mittleren Treffgenauigkeit von 5 Metern über eine Distanz von über 1500 Kilometern mit endphasengelenkten Sprengköpfen auch gegen bewegliche Ziele eingesetzt werden kann. Ins Zentrum des Interesses rücken damit vor allem die amerikanischen Flugzeugträger, gegen welche sich diese Waffe in erster Linie richten dürfte. Die DF-21D wird als sogenanntes Anti-Access- oder Area-Denial-Waffensystem betrachtet, das den freien Zugang zu “ Interessengebieten“ gefährdet.

  • Transatlantik   |   25. Mai 2012 - 19:33

    @ Elahan

    Ich glaube, der chinesische Ansatz ist der effizienteste, was aber nur daran liegt, dass wir uns eine Welt gebaut haben, die dieses System begünstigt. Zentralisierung und vertikale Integration in der Entscheidungsfindung(ökonomisch, politisch) schreiten auf allen Kontinenten voran, es unterscheiden sich nur die Anteile privater vs öffentlicher Akteure und die Ausgangspositionen. Und während in Europa die ursprünglich demokratische politische Architektur dem noch im Weg steht, ist China da schon weiter, denn sie müssen ja nicht erst wieder den ärgerlichen Individualismus der Bürger ausmerzen.

  • Transatlantik   |   25. Mai 2012 - 19:40

    @ Klabautermann

    Von Area-Denial bis hin zur direkten Konfrontation mit den USA ist’s noch ein weiter Weg. Habe gerade im Studium ein Paper zum Thema „Sino-US Cyberwar – Status and Prospects“ geschrieben. Die Amerikaner haben mehr Informationen und immer noch eine höhere Rate an Innovation, zudem werden die Chinesen in absehbarer Zeit auf die Subvention durch schlecht gesicherte Forschungsdaten verzichten müssen. Ich glaube, sie wollen nur fähig sein, ihre Küste zu verteidigen. Offensive findet woanders statt, nämlich asymmetrisch, also vor allem ökonomisch.

    P.S. Nach langer Abstinenz fällt mir mal wieder auf, wie wertvoll die Community dieser Seite ist. Starke Leistung von Herrn Wiegold, diese Plattform anzubieten. Vielleicht sollte man mal über Modelle nachdenken, wie ein Konsens zu sicherheitspolitischen Themen unter Mitgliedern dieses Forums Gegenpositionen zu den oft kritisierten Institutionen anbieten könnte. So im Sinne eines losen, internetbasierten Think-Tanks. Hat jemand da Ideen, Erfahrungen? Herr Wieglod, weisen sie mich bitte zurecht, wenn diese Idee zu verwegen ist.

  • klabautermann   |   25. Mai 2012 - 19:47

    @Transatlantik

    haben Sie bei Ihrer Arbeit auch den Bericht des Kongresses über die chinesischen Billig-Chip/Chip-Imitat Flut in US-Waffensystemen ausgewertet.
    Mit asymmetrisch/ökonomisch liegen Sie schon richtig. Warum eigene C4ISR Systeme für DF-21D-Einsatz anschaffen, wenn man sich in die US Systeme reinhacken kann ;-))

  • Sachlicher   |   25. Mai 2012 - 19:47

    Soenke Marahrens | 25. Mai 2012 – 17:18
    …Danke fuer den Google Ausflug…

    Bitte.

    Ihren Ausführungen kann ich leicht folgen.

    […]ich halte die Rueckkehr zu einer bipolaren Welt insbesondere vor der Vernetzung aber auch, der sagen wir mal, sichtbaren “Emanzipierung” weiterer groesserer Staaten, wozu ich neben Indien und Russland auch den Iran zaehlen wuerde…[…]

    Ich möchte Frau Alliot-Marie`s Aussage dazu wiedergeben: Sinngemäß sagte sie im SPIEGEL: Wir leben in einer mehrpoligen Welt, in der es für uns Europäer gilt, als eigenen Pol wahrgenommen zu werden. Vorrangig die USA sehen sich, die Chinesen, Russland, Brasilien, Indien als Pole, Europa aber nicht.

    [Anmerkung: Auch Russland sieht Europa nicht als einen Pol. Und ob sich die Russen ganz langfristig gesehen dazu gehörig fühlen würden, ist in der russischen Welt höchst umstritten. Putin sieht sich als eigenen Pol und die europäischen Staaten als Satelliten-die momentan um den us-amerikanischen schwirren müssen. Zumindest sagt er das so. Ich finde diese Sichtweise hat was diskutables.]

    Nun wissen wir beide,was dies aus frz. Munde bedeutet, aber es hat, wie so vieles aus Frankreich, eben Charme, obwohl das Interview von 2004/, in einer Diskussion um EU Battlegroups und Ausruichtung des European Union Military Staff/ gewesen ist, ich bin mal auf Hollande und Le Drian diesbezüglich gespannt..

    Ich wollte Ihnen damit nicht widersprechen, nur bestätigen.

    @ klabautermann | 25. Mai 2012 – 15:29 – – –

    […]TdM hat im FAZ Interview gerade mitgeteilt, dass der ISAF Kommandeur bis zum Herbst den Auftrag hat, einen Post-ISAF OPlan vorzulegen.
    Hm, ich frag mich, welchen Stab denn der Allen hat, der das leisten soll, […]

    ein kleiner Reim: Alles neu macht der Mai, aber der Mai ist auch in AFG fast schon vorbei!

    klabautermann | 25. Mai 2012 – 17:40
    […]der “Altscholastiker Klabautermann” erlaubt sich anzumerken, dass die Afghanen offenbar seit ein paar tausend Jahren noch nicht einmal die eigene nation, den eigenen Staat als Hegomon anerkennen. […]

    Aber sie erkennen Autoritäten an, ergo: Ansetzhebel vorhanden.

    […]Somit ist “nation building” western or chinese style ziemlich müßig.[…]

    Sie haben schon verstanden, dass ich beide „styles“ lediglich als Aufhänger für die Aussage nutzte, dass eine Strategiediskussion, eine Diskussion um einen heuristischen Methodenkasten sozusagen, von mir als notwendig erachtet wird.

    Und: […]Hat ja nur 1734 Jahre gedauert, …[…] manches dauert eben seine Zeit.

    […]Und ob der chinesische Ansatz schlechter ist als “unser” Ansatz, das warten wir mal ab.[…]
    Ja. Aber wie lange?

  • klabautermann   |   25. Mai 2012 - 19:58

    Im Gegensatz zu Europa steigen die Rüstungsausgaben in zahlreichen Staaten des Fernen Ostens. Die Ursache dieser Spirale ist China. Sein wirtschaftliches Erstarken fördert die Abhängigkeit von Rohstoffen, die Sicherheit seiner Seeverbindungen wird lebenswichtig. Mit zunehmender Prosperität steigt auch das Selbstbewusstsein. China signalisiert Ansprüche auf das gesamte Süd- und Ostchinesische Meer und einen wesentlichen Teil des Westpazifiks. Gerade weil in diesen Regionen auch grosse Rohstoffvorkommen vermutet werden, schürt dieser Kurs das Unbehagen bei anderen Anrainern wie Südkorea, Japan, Vietnam, Malaysia, den Philippinen oder Singapur. Es liegt auf der Hand, dass diese Staaten vermehrt die Nähe zu den USA suchen, die aus ihrer Sicht der alleinige Garant für die freie Schifffahrt und für den freien Zugang zu den Ressourcen sind.
    Ein grosser Teil der massiven Rüstung – allein 2012 sind für die chinesische Volksbefreiungsarmee insgesamt 106 Milliarden Dollar vorgesehen – ist für den Ausbau der maritimen Komponente vorgesehen. Der geistige Vater der modernen chinesischen Marine ist Admiral Liu Huaqing. Liu hatte bereits in den achtziger Jahren in einem Dreiphasenplan die Ausweitung der chinesischen Interessen und eine Flugzeugträger-Flotte postuliert. Das erste Schiff dieser Art, die noch aus dem sowjetischen Inventar stammende «Varyag», die neu vermutlich «Shi Lang» heissen wird, hat im November 2011 erste Testfahrten unternommen. Die Umsetzung der maritimen Vorstellungen Lius ist im Gange. Dong Feng 21D könnte den Ausbau einer cninesischen Counter Carrier Force überflüssig machen……und gleichzeitig die USN in den weiteren strategic meltdown treiben, wenn sie an dem wahnsinnig teuren sea-air-land battle Konzept festhält.

  • Sachlicher   |   25. Mai 2012 - 19:58

    @ Transatlantik | 25. Mai 2012 – 19:23–

    Bitte nicht verwechseln. Es ging mir bzgl. der Demaskierung lediglich um die Darstellung im öffentlichen Diskurs in der sogenannten westlichen Welt und der Möglichkeit seitens der Politik dies bzgl. AFG so auch darstellen zu können. Dass das der VR recht egal sein dürfte, wie von Ihnen exakt ausgeführt, bestreite ich nicht. Ich betonte aber eingangs aus deutscher Sicht zu schreiben.

    Sonst liegen wir nicht weit auseinander.

  • klabautermann   |   25. Mai 2012 - 20:11

    @sachlicher

    ich liebe diese germanisch-heuristisch, under-analyzing, over-engineering Diskussionen.
    Gravity sucks und der Laplasse’sche Dämon ist die Falsifizierung unserer materialistisch-deterministischen Denkschule…..und Popper ist ein Wissenschafts-Populist.

  • Elahan   |   25. Mai 2012 - 20:51

    Für den Westen wird es eine große Herausforderung, in wirtschaftlich schweren Zeiten die hohen militärischen Standards aufrechtzuerhalten, die in zehn Jahren ununterbrochenem multinationalem Kampfeinsatz entstanden sind. China gab 2011 143 Milliarden Dollar, USA 711 Milliarden Dollar und die BRD ca. 47 Milliarden Dollar aus. Die Höhe der Ausgaben sagt sehr wenig über die Höhe der Kampfkraft aus. Auch das Verhältnis zwischen Personalausgaben und Investition in Rüstung/Fähigkeiten wäre wichtig. Chinas Technologie liegt immer noch ein bis zwei Generationen hinter der der USA. Bekannt ist auch, dass es in China „kleine Herzstücke begünstigter und gut ausgestatteter Truppen“ gibt, die vor allem dafür da sind, das Regime zu stützen.

    @klabautermann
    ;-)

  • Sönke Marahrens   |   25. Mai 2012 - 21:00

    @klabautermann, diese Diskussionen sind mir aber weitaus lieber als die MOE/MOP gestützten Statistiken, mit einer Million Messpunkten unterfütterten, aufgestellt Von einer Gruppe aus College Minors aufgestiegnen Prozessanalysten, die Auftragstaktik als das Ende eines perfekten Prozesses sehen….. Da kann man wenigstens Kauen….

    @Transatlantik, was hat Sie bei Ihren Studien glaubend gemacht, dass sich die Chinesen auf einen Symmetriewettbewerb mit den Amerikaner einlassen wollen….. Mit dem Aufkauf der US Auslandschulden und der Uebernahme quasi der gesamten US Hochwertproduktion laufen die Amerikaner selbst das Risiko, sich ohne Grund totzuruesten, da Buy American de facto (mit Ausnahme der bereits genannten Chips) nur im Ruestungsbereich stattfindet, und sich damit der Riese von hinten selbst vertilgt,…. Da er damit keine Mehrwert erzeugt….

  • klabautermann   |   25. Mai 2012 - 21:09

    @Soenke

    Ich hab doch „ich liebe diese…..“ geschrieben ;-)

    Ich finde, das der post-ISAF Oplan von Allen erst mal in Griechenland verifiziert werden sollte.

  • klabautermann   |   25. Mai 2012 - 21:31

    OT ??

    Gestern wurde in vielen Medien berichtet, dass eine Abteilung des US-Außenministeriums Websites von al-Qaida in Jemen gehackt haben.
    US-Außenministerin berichtete dies stolz in einer Rede vor dem Abendessen auf der Special Operations Forces Industry Conference in Tampa. Hier stellte sie allerdings vor den Spezialeinheiten des Pentagon eine neue Strategie der Außenpolitik vor. Die zwar schon immer trotz vieler Reibungen praktizierte Kooperation von Politik, Geheimdiensten und Militär soll zielgerecht verbessert werden, um die grenzüberschreitenden Bedrohungen auf allen Feldern wirksamer zu bekämpfen oder präventiv zu verhindern. Diplomaten und Elitesoldaten von Sondereinheiten sollen Hand in Hand arbeiten. Grenzüberschreitend ist auch die neue Ausrichtung, in der Diplomatie, politische und finanzielle Unterstützung, Propaganda bzw. Kommunikation, verdeckte Einsätze, gezielte Tötungen und militärische Interventionen verschmelzen sollen. Clinton nennt dies „smart power“.

    Smart Defence + Smart Diplomacy = Smart Power

    Ob das der Außenminister schon kennt ?

  • zog   |   25. Mai 2012 - 22:00

    Elahan | 25. Mai 2012 – 20:51
    […] Chinas Technologie liegt immer noch ein bis zwei Generationen hinter der der USA.[…]

    Rein aus Interesse, wo sehen Sie denn Deutschland und Russland so generationstechnisch?

  • Crass Spektakel   |   26. Mai 2012 - 4:51

    Zum friedlichem China: Das sieht niemand von Chinas Nachbaren so.

    China hatte mit so ziemlich jedem einzelnem seiner Nachbaren in den letzten 50 Jahren bewaffnete Konflikte, teils sogar mit hundertausenden beteiligten Soldaten.

    China stellt ausserdem umfangreiche Ansprüche auf abtrünnige Republiken wie z.B. Taiwan, Vietnam, Thailand, Indien, Kleinhinterpurzelstan… kurz, chinesisch betrachtet sind Asien und weite Teile des Pazifik, Ozeaniens und des indischen Ozeans abtrünnige Republiken.

    Das wird von den Anreinern sehr negativ wahrgenommen. Und nicht nur heimlich.

    Chinas Wirtschaftspolitik ist genau da erfolgreich wo Kleptokraten, Oligarchen und Alleinherscher das Sagen haben und einen internationalen Partner zur Liquidierung der Volkspassiva brauchen. Wobei beide Parteien alles andere als zuverlässige Partner für langfristige Investitionssicherheit sind. Andererseits, solange es eher um den schnellen Raubzug geht ist diese Taktik ja garnicht so verkehrt und durchaus lukrativ.

  • Elahan   |   26. Mai 2012 - 9:56

    @zog
    „Rein aus Interesse, wo sehen Sie denn Deutschland und Russland so generationstechnisch“

    USA Platz 1
    BRD Platz 2

    Das Problem ist aber, das die Generation nichts über die Kampfkraft aussagt sondern meist über die Kosten. Auch sind die USA und BRD nicht in allem Platz 1 und 2.
    Das ist ein Versagen der Beschaffer, wir benötigen robustes, zuverlässiges und einsatzfähiges Material in ausreichender Stückzahl. Da ist uns China und Russland in manchen Bereichen (ob es die Entscheidenden sind??) weiter! Viel wichtiger ist bei einem konventionellen Krieg die Durchhaltefähigkeit und da bewegen wir uns gerade in Richtung schlechter Platz auf der Rangliste! Was nützt uns High Tech wenn sie nicht einsatz- und durchhaltefähig ist (siehe Euro Hawk, Tiger uvm)?

  • Memoria   |   26. Mai 2012 - 10:11

    @Soenke Marahrens:
    Vielen Dank für die Anmerkung zu MOE/MOP. Genau da liegt das Problem.

    @all
    abseits von China habe ich den Eindruck, dass man immernoch nicht in der Lage ist Eckpunkte für nach 2015 festzulegen. Dadurch kommt die Vorbereitung für Ausbildung und Ausrüstung nicht voran.
    Obwohl hier die Zeit davon läuft!!!
    CONOPS sollten schon fertig sein, damit kann auch unser Ktgt geplant werden. Stattdessen wird wieder gewartet. Zeit ist Blut.
    Bürokratie versucht Krieg zu führen.

  • klabautermann   |   26. Mai 2012 - 10:24

    @Memoria

    imho ist es weniger die Bürokratie, sondern eher unsere Ressorthoheitsdenke, und die Richtlinienkompetenzpraxis sowie der Föderalismus etc etc.
    Ob nun Eurokrise oder Syrienkrise, wir muessen das Thema Regierungs- und Verfassungsreform angehen in Deutschland.

  • Memoria   |   26. Mai 2012 - 10:37

    @klabautermann:
    Sicher ist das auch ein Problem, aber bei der Ausplanung des deutschen „Ausbildungskontingentes“ kommt ganz allein das BMVg nicht voran. Erst musste Bonn abgewartet werden, dann Chicago, jetzt der OPlan. So wird ein Jahr verschwendet, dass für die Planung dringend notwendig ist!
    Und zur Nato-Bürokratie muss ich Ihnen ja nichts sagen…

  • klabautermann   |   26. Mai 2012 - 11:03

    @Memoria

    da stimme ich Ihnen voll zu