Dokumentation: Taliban kündigen “Frühjahrsoffensive” an

Praktisch in jedem Jahr kündigen die Taliban in Afghanistan eine Frühjahrsoffensive an, die aus Sicht der Aufständischen den Beginn der fighting season, der Kampfsaison, markiert. In diesem Jahr kam die Ankündigung am 27. April, die Offensive, so heißt es in der Erklärung, solle am 28. April, also am heutigen Sonntag, beginnen. Das Datum ist bewusst gewählt: Am 28. April 1992 wurde die kommunistische Regierung in Kabul gestürzt – daran wollen die Taliban anknüpfen.

Analysten und Taliban-Watcher werden aus den Worten der Erklärung und Vergleichen zu früheren Ankündigungen sicherlich einiges herauslesen können. Auffällig ist – erneut – die Bedeutung, die Insider-Attacken im Kampf gegen die ausländischen Streitkräfte zugemessen wird.

Die Ankündigung findet sich (bislang) auch im Internet; da aber immer wieder solche Accounts suspendiert werden, nachfolgend der Wortlaut als Dokumentation. Für eine gewisse Authentizität spricht, dass die gleichlautende Erklärung über zwei Twitter-Accounts verbreitetet wurde (hier und hier), die als Sprachrohr der Taliban gelten.

Der – um die religiösen Eingangsfloskeln gekürzte – Wortlaut, wie er sich hier und hier im Internet findet:

The Afghan Mujahid nation, in defense of their religion and country, has occupied the trenches of Jihad and resistance for the past eleven years against the invading crusaders and their spineless backers. During this lengthy period, with the Grace of Allah Almighty, the Jihadi determination and patience has only increased in perseverance by the day and, with the divine help of Allah Almighty, has handed the worlds disbelief a memorable defeat in every field. The enemy, with all its military might, has been overwhelmed and finally forced to flee from their military bases.
وماالنصر الا من عند الله العزیزالحکیم. (And there is no victory except from Allah, the All-Mighty, the All-Wise.)
So that the remaining regions of the country are cleansed from the rule of disbelief and replaced with Shariah based and an independent government, in accordance with the Jihadi aspirations of the believing nation, the Islamic Emirate, as in the past, entitles current years monumental spring operation by the name of Islamic history’s victorious General ‘Khalid bin Waleed R.A’. weiterlesen

Jenseits von Karzai: Die Opposition redet mit den Taliban

Als Merkposten eine Exklusivmeldung von Associated Press, die es noch nicht in die deutschen Medien geschafft hat: Die – politische – Opposition des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai hat Gespräche mit den Aufständischen aufgenommen. Neben den Taliban soll auch die Gruppierung um Gulbuddin Hekmatyar, in den Augen des Westens ein Terrorist, an den Gesprächen mit dem Ziel einer Friedenslösung am Hindukusch beteiligt sein:

Afghan opposition parties, frustrated with the government’s lack of progress in making peace with the Taliban, have opened their own channel for negotiations with militant groups in hopes of putting their imprint on a deal to end 11 years of war.
Taliban and opposition leaders confirmed to The Associated Press for the first time that the parties opposed to President Hamid Karzai are talking to the Taliban as well as the group headed by U.S.-declared terrorist Gulbuddin Hekmatyar.
They are trying to find a political resolution to the Afghan war ahead of two key events in 2014 — the presidential race that will determine Karzai’s successor and the final stage of withdrawal of international combat troops from the country.

Dass diese Suche nach einer Konsenslösung für Afghanistan hinter dem Rücken von Karzai läuft, ist klar. Interessant wäre zu wissen, ob sie auch hinter dem Rücken der USA und der anderen westlichen Staaten passiert.

Nachtrag: Offiziell wird der Bericht dementiert, wie mir Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network (AAN) mitteilt.

Laut WAZ: Deutsche G36 in der Hand der Taliban

Bundeswehrsoldaten in der Grundausbildung mit dem Gewehr G36 (Foto © Thomas Köhler/photothek.net)

Wenn das stimmen sollte, was die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) heute berichtet und dann doch recht versteckt in ihrer Geschichte über deutsche Rüstungsexporte platziert, wäre es ein Knaller: Die Taliban in Afghanistan verfügen nach Angaben des Blattes über moderne deutsche Sturmgewehre vom Typ G36.

Entgegen meiner üblichen Praxis, deutsche Verlegerwebseiten hier nicht zu verlinken, tue ich das dennoch diesmal – denn die WAZ hat diese Geschichte bislang exklusiv, auch eine ausführliche Internetsuche hat sonst kein Ergebnis gebracht:

Bei den Infanterie-Waffen gehört Heckler & Koch zu den Top 5 in der Welt – und steht in der Kritik. Gewehre des schwäbischen Herstellers tauchen immer wieder in Krisenregionen auf. Zuletzt sind G36 in den Händen der libyschen Armee Gaddafis und von afghanischen Taliban aufgetaucht.

heißt es in dem am (heutigen) Freitag online veröffentlichten Bericht.

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Nachtrag: Inzwischen hat die WAZ-Redaktion, ohne diese Veränderung kenntlich zu machen, den online stehenden Artikel verändert und damit die vorherige Aussage völlig zurückgenommen:

Zuletzt sind G36 in den Händen der libyschen Armee Gaddafis und deutsche Gewehre in den Händen von afghanischen Taliban aufgetaucht.

(Hervorhebung von mir, T.W.) heißt es jetzt – eine journalistisch nicht besonders saubere Art der Korrektur. Zumal auch diese Aussage nicht belegt ist – in der unten verlinkten Übersicht des Verteidigungsministeriums ist von einem (!) G3 die Rede, außerdem von Karabinern aus dem Zweiten Weltkrieg. Die jetzt offensichtlich der Autor als Beleg heranziehen will?

Zudem findet sich in der Ausgabe vom 7. Januar 2010 der Westfälischen Rundschau, die zum WAZ-Konzern gehört, eine sogar noch weiter gehende Aussage:

Zuletzt schossen Taliban in Afghanistan mit deutschen Gewehren auf deutsche Soldaten.

(Screenshot, danke für den Leserhinweis.) Auch dafür kenne ich bislang keinen Beleg.

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Nun waren G36 in Libyen bekannt – aber von diesen Waffen in Händen von afghanischen Taliban kenne ich keine Berichte. Auch eine im Sommer veröffentlichte Übersicht des Verteidigungsministeriums zu Waffenfunden in Afghanistan listet zwar ein Gewehr des älteren Typs G3 – ohne Munition – auf. Aber kein G36.

Da drängt sich doch die Frage an meine kundigen Leser auf: Hat jemand davon schon was gehört? Oder ist das ein Produkt der WAZ-Redaktion?

Afghanistan-Vergleiche: Wie damals die Sowjets, oder wie Vietnam?

Evstafiev-afghan-apc-passes-russianAbzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan: Ein Transportpanzer mit afghanischen Soldaten überholt abziehende sowjetische Fahrzeuge (Foto: Mikhail Evstafiev via WikimediaCommons unter CC-BY-SA-Lizenz)

Um den arbeitsamen Teil des neuen Jahres langsam anzugehen… sollte man erst mal ein bisschen lesen. Zum Beispiel, das habe ich der Form auch noch nicht gesehen, den Jahresrückblick der Taliban, der fast wie eine Parodie eines typischen westlichen Politiker-Jahresrückblicks beginnt: 2012 in Afghanistan was a year full advancements and achievements. Und aus Propagandasicht zunächst den Vergleich mit der gescheiterten sowjetischen Besetzung des Landes und dann mit dem US-Rückzug aus Vietnam zieht:

We can unmistakably state that 2012 in Afghanistan for the current occupation was exactly as 1986 was for the former occupation during which they completely lost their will to fight and practically began the process of withdrawal and retreat.
(…)
The Americans left the countryside of the North and Central Afghanistan and confined their presence to the provincial capitals. To hide their defeat and embarrassment, they termed this retreat from north and central Afghanistan as step by step ‘security transfer’ which will keep continuing. In reality, they want to flee from Afghanistan just as they turned tail and ran from Vietnam. When America faced utter destruction in Vietnam, they came up with the formula ‘declare victory and run’ and want to utilize the formula of ‘transfer security and run’ here in Afghanistan.

Aus einer ganz anderen Sicht blickt natürlich die New York Times auf Afghanistan. Aber auch dort drängt sich zumindest ein vorsichtiger Vergleich zum Abzug der Sowjets auf:

“As long as the Afghan regime received the money and the weapons, they did pretty well — and held on to power for three years,” Mr. Katz* said. The combat effectiveness of Kabul’s security forces increased after the Soviet withdrawal, when the fight for survival become wholly their own.
But then the Soviet Union dissolved in December 1991, and the new Russian leader, Boris N. Yeltsin, heeded urgings of the United States and other Western powers to halt aid to the Communist leadership in Afghanistan, not just arms and money, but also food and fuel. The Kremlin-backed government in Kabul fell three months later.

Entscheidender Punkt: Nicht der Abzug der fremden Truppen, sondern ein Ende der (finanziellen) Unterstützung hat das damalige Regime in Kabul zu Fall gebracht. Ein Punkt, der in den Planungen für die Zeit nach 2014 der wichtigste sein dürfte.

(* Gemeint ist der US-Wissenschaftler Mark N. Katz, nicht etwa ISAF-Sprecher Brigadegeneral Günter Katz)

 

Afghanische Regierungskräfte halten die Städte – die Taliban das Land

Ein afghanischer Polizist räumt eine von deutschen Soldaten entdeckte Mörsergranate (Foto © Timo Vogt/randbild)

Die Afghanen, das ist der Plan, sollen zunehmend mit ihren eigenen Sicherheitskräften – Armee und Polizei – die Gebiete des Landes gegen die Aufständischen sichern. Auf dieser Annahme fußen auch die Überlegungen der internationalen Schutztruppe ISAF und damit auch der Deutschen, ihre kämpfenden Truppen bis Ende 2014 aus Afghanistan abzuziehen.

Vor diesem Hintergrund ist eine Analyse interessant, die in der pakistanischen Zeitung Dawn erschienen ist. Kurz gesagt: Die afghanischen Sicherheitkräfte kontrollieren die Bevölkerungszentren, die Aufständischen die Fläche:

But in the country’s north at least, there is a sense that while the Taliban insurgency may never be militarily defeated, neither will the present dispensation collapse under Taliban pressure.
Syed Daud Agha, a former parliamentarian from Kabul, typified the dual thinking about the Taliban in his analysis of the insurgency.
“Government control is restricted to the provincial headquarters only. The majority of the districts are with the Taliban, particularly in the east, south and west,” Agha said.
He added: “In the north, the Taliban are everywhere, while Hizb-i-Islami is active in urban areas. The Taliban are operating even in Tajik-dominated areas.”
But Agha argued that the Taliban are in no position to overthrow the Afghan government. “The police and military are capable of defending the provincial centres everywhere,” Agha said.

Das klingt nach einer ungemütlichen, wenn auch halbwegs stabilen Situation. Dazu passt dann, was heute die Bundestagsabgeordneten in ihrer wöchentlichen Mitteilung aus dem Verteidigungsministerium zu lesen bekamen, nachdem in den vergangenen Tagen die ISAF-Eingreiftruppe (Forward Deployable Task Force) des RC North zur Unterstützung der Afghan National Security Forces (ANSF) in den Unruhebezirk Ghormach entsandt wurde (der formal längst in die Sicherheitsverantwortung der Afghanen übergeben wurde):

Die als Folge dieser großen ANSF-Operation registrierte Zunahme an sicherheitsrelevanten Zwischenfällen ist nicht mit einer Verschlechterung der Sicherheitslage gleichzusetzen, sondern als Resultat der vom afghanischen Staatpräsident Hamid Karzai beabsichtigten Stabilisierungsbemühungen zu verstehen.

Hm. Ja, ist klar: ohne Stabilisierungsbemühungen, das heißt ohne Einsatz von Truppen, gibt es auch keine sicherheitsrelevanten Zwischenfälle. Der Umkehrschluss im Extremen: am friedlichsten wäre es, wenn sich den Aufständischen gar keine Truppen entgegenstellen würden.

 

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