Auf dem Weg zu Friedensgesprächen mit den Taliban?

Für mögliche Verhandlungen zwischen den Taliban und dem Westen – das heißt konkret: den USA – scheinen sich die Vorbedingungen seit heute gebessert zu haben. In einer Erklärung auf der Internetseite des Islamischen Emirats Afghanistan kündigten die Taliban ihre Bereitschaft zur Eröffnung eines Büros in Katar und damit de facto zum Beginn von Verhandlungen an: We are at the moment, besides our powerful presence inside the country ready to establish a political office outside the country to come to an understanding with other nations and in this series, we have reached an initial agreement with Qatar and other related sides.

Und aus den USA, berichtet der britische Guardian, gebe es Signale für die Bereitschaft, hochrangige Taliban-Führer aus der Haft in Guantanamo zu entlassen: The US has agreed in principle to release high-ranking Taliban officials from Guantánamo Bay in return for the Afghan insurgents’ agreement to open a political office for peace negotiations in Qatar.

In der Erklärung machen die Taliban klar, dass ihr Gegenspieler (und damit auch ihre Verhandlungspartner) nur die von den USA geführte westliche Koalition ist: The ongoing issue in the country which came about ten years ago has been between two fundamental elements: on the one side is Islamic Emirate of Afghanistan and on the other is the United States of America and its foreign allies.

Zeichnet sich damit tatsächlich nach mehr als zehn Jahren eine Perspektive für eine wie auch immer geartete Verhandlungslösung am Hindukusch ab? Der Guardian zitiert nach den heutigen Entwicklungen einen früheren amerikanischen Regierungsberater mit den Worten: This doesn’t mean we are now on autopilot to peace. Die Frage sei jetzt, zu welchen Zugeständnissen beide Seiten bereit seien.

RC N Watch: Das 209. ANA-Korps zieht auch in den Kampf

Die grenzüberschreitenden Angriffe mit Mörsern und Raketen aus Pakistan auf afghanisches Territorium werden in Afghanistan zunehmend als Bedrohung empfunden, sind aber hier zu Lande nicht so aufgefallen – sie betreffen ja nicht das deutsche Verantwortungsgebiet im Norden. Außerdem ist nach wie vor die Gefechts- und Gemengelage bei diesen Angriffen recht unklar.

Trotz des deutschen Desinteresses an diesen Vorfällen wird jetzt eines interessant: Im RC North, dem ISAF-Kommandobereich der Deutschen, residiert auch das 209. Korps der Afghanischen Nationalarmee (ANA). Mit den Bataillonen, den Kandaks, des 209. Korps partnern die deutschen Soldaten; am engsten mit ihnen verbunden sind die Operational Mentoring and Liaison Teams (OMLT), sozusagen die deutschen Ausbilder und Betreuer, die sich ständig um eine ANA-Einheit kümmern.

Und da schaut man doch interessiert darauf, was der Fernsehsender Arzu TV aus Masar-i-Scharif heute abend berichtete (nein, ich kann diesen Sender nicht empfangen und ich spreche auch kein Dari, aber netterweise hat man mich über diesen Bericht informiert): Seine Soldaten, sagte der kommandierende General Zalmay Wisa, seien zwar in erster Linie für die Sicherheit im Norden zuständig – aber natürlich jederzeit auch bereit für Aktionen gegen Pakistan, um diese Angriffe zu unterbinden. Sobald er den Befehl dazu bekomme.

Nun ist ein solcher Marschbefehl nach den Worten des afghanischen Präsidenten Hami Karzai in dieser Woche nicht zu erwarten – vorerst. Der General wird aber möglicherweise Grund für seine Worte gehabt haben. Und dann schauen wir mal, was in so einem Fall die deutschen Mentoren der afghanischen Einheiten machen. Schon vor Jahren, als eine ANA-Einheit aus dem Norden in die Kämpfe des Südens verlegt hatten, hatte die Bundeswehr ihren Truppen verboten mitzumarschieren. Statt dessen ging ein belgisches OMLT mit in den Einsatz.

Journalisten, Militär & Geheimdienst

Es ist nur ein wenig off topic: In Pakistan ist der Kollege Saleem Shahzad verwschwunden. Vielleicht, weil er etwas zu intensiv über das Militär – und Verbindungen zu bestimmten Gruppen – berichtet hat: A Pakistani Journalist Vanishes: Is the I.S.I. Involved?

Nachtrag: Die Leiche des Journalisten ist offensichtlich gefunden worden. Mit Spuren von Folterungen. Was das bedeutet: hier.

13 Arten, mit einem Strohhalm zu töten

Interessantes Lesestück in der Washington Post über den Stationierungsort der Navy SEALS, die die Aktion gegen Osama bin Laden durchgeführt haben:

SEAL-spotting becomes local sport in Virgina Beach after Bin Laden raid

(und damit bin ich auch wieder für den Rest des Wochenendes offline)

Taliban nach Bonn

Bei der nächsten großen Afghanistan-Konferenz, am 5. Dezember in Bonn (und damit zehn Jahre nach der ersten Afghanistan-Konferenz auf dem Petersberg bei Bonn Ende 2001) sollten die Taliban unbedingt mit am Tisch sitzen. Sagt Ahmed Rashid, pakistanischer Taliban-Kenner und Buchautor (Taliban, Sturz ins Chaos). Denn der Fehler vor zehn Jahren sei gewesen, die afghanischen Taliban nicht in die politische Gestaltung des Landes einzubeziehen. Wenn jetzt alle einig seien, einschließlich der USA, dass nur eine politische, nicht aber eine militärische Lösung am Hindukusch möglich sei, führe an der Beteiligung aller Gruppen auch der Aufständischen ebenso wie an der Beteiligung der Nachbarn Afghanistans kein Weg vorbei.

Rashid sprach heute in Berlin bei einer Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) über die Lage in Afghanistan und Pakistan, nicht zuletzt nach dem Tod Osama bin Ladens. Und gemeinsam mit Rashid saß auf dem Podium der deutsche Afghanistan-Beauftragte Michael Steiner. Der auch viel Interessantes zu dem Thema sagen kann – das aber nicht zitierbar und öffentlich darf.

Deshalb macht es wenig Sinn, die ganze Diskussion hier widerzugeben. Statt dessen stelle ich das anschließende kurze Gespräch Rashids mit Journalisten mal zum Anhören hier rein – in den zehn Minuten hat er noch mal seine Kernaussagen zusammengefasst. (Unter anderem, dass die amerikanische Aktion gegen Bin Laden den afghanischen Taliban die Chance bietet, sich von Al-Qaida zu lösen… aber auch: die nötigen politischen Gespräche mit den Taliban bedeuteten nicht, dass die Gewalt am Hindukusch schnell aufhöre. Fighting and Talking werde noch eine Zeit lang Realität bleiben.)

(Direktlink, vor allem für iPhone/iPad-Benutzer: http://audioboo.fm/boos/353028-rasheed-dgap-berlin-10may2011)

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