Neuer Kasernenname, neuer Traditionserlass: „Militärische Exzellenz allein genügt nicht“

Es ist ein Meilenstein für den Umgang der Bundeswehr mit ihrer Tradition: Erstmals in der Geschichte der Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland wurde eine Kaserne nach einem im Einsatz gefallenen Bundeswehrsoldaten benannt. Zugleich zeichnete Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen eine Neufassung des Traditionserlasses, der den Umgang der Bundeswehr mit ihrer Tradition auf eine neue Grundlage stellt.

Anlass für die Überarbeitung des bisherigen, seit 1982 geltenden Traditionserlasses war die im vergangenen Jahr geführte Traditionsdebatte der Bundeswehr – ausgelöst vor allem durch den Fall des Oberleutnants Franco A., der sich als syrischer Flüchtling ausgegeben hatte und Anschläge geplant haben soll (gegen den Offizier hatte die Bundesanwaltschaft im Dezember vergangenen Jahres Anklage erhoben) und die Debatte über den Umgang der Truppe mit Andenken an die Wehrmacht.

Allerdings wäre eine Überarbeitung auch so nach mehr als 30 Jahren fällig gewesen: Die bisher gültige Fassung stammte aus einer Zeit, die weder die deutsche Einheit und die Eingliederung von Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR noch die Auslandseinsätze der Bundeswehr kannte.

In der Neufassung wird unter anderem klar gestellt, dass weder die Wehrmacht des NS-Regimes noch die NVA als Institution traditionsstiftend für die Bundeswehr sein kann. Einzelne Personen dieser Streitkräfte können jedoch, nach individueller Prüfung, als Vorbild und damit traditionsstiftend für die Truppe dienen:

Gleichwohl können aber einzelne Angehörige traditionswürdige Vorbilder für die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr sein. Es kommt auf die einzelne Person an, und wir müssen immer sorgfältig abwägen. Dieses Abwägen muss auch die Frage nach persönlicher Schuld stellen.
Und die Aufnahme in unser Traditionsgut muss zudem eine Leistung zur Bedingung machen, die vorbildlich und sinnstiftend in die Gegenwart wirkt; etwa die Beteiligung am militärischen Widerstand gegen das NS-Regime oder besondere Verdienste um den Aufbau der Bundeswehr oder die Auflehnung gegen die SED-Herrschaft oder besondere Verdienste um die Deutsche Einheit.
Militärische Exzellenz allein genügt jedenfalls nicht. Sie mag als Beispiel für Lehre und Ausbildung dienen. Tradition ist etwas anders: Sinn- und traditionsstiftend für unsere Bundeswehr, die freiheitlichen und demokratischen Zielsetzungen verpflichtet ist, kann nur ein soldatisches Selbstverständnis sein, das auf dem Wertefundament unseres Grundgesetzes ruht.

sagte die Verteidigungsministerin beim Appell zur Umbenennung der bisherigen Emmich-Cambrai-Kaserne in Hannover. Die Kaserne, in der vor allem die Schule für Feldjäger und Stabsdienst der Bundeswehr untergebracht ist, trägt nun den Namen des Feldjäger-Hauptfeldwebels Tobias Lagenstein, der am 28. Mai 2011 bei einem Anschlag auf afghanische Spitzenmilitärs und deutsche ISAF-Soldaten in Taloqan im Norden Afghanistans gefallen war.

Schulkommandeur Oberst Dirk Waldau begründete den aus der Truppe gekommenen Wunsch, die Kaserne nach Lagenstein zu benennen, so:

Auch wenn er als Berufsunteroffizier zur Feldjägertruppe gehört, können sich die Angehörigen der Dienststellen des Sanitätsdienstes und der anderen hier dienenden Truppengattungen mit ihm als Person sicher und eindeutig identifizieren. Er steht für Werte, die, losgelöst von Barett- oder Kragenspiegelfarbe, universell gültig sind und jeden Soldaten unmittelbar betreffen und binden: Pflichtbewusstsein, Führungswillen, Verantwortungsgefühl, Tapferkeit.
Sein Lebenslauf, seine militärische Profession und seine Leistung im Einsatz in Afghanistan haben uns überzeugt, die von ihm gelebten Werte sind auch unsere Werte, sie bestimmen unser Selbstverständnis – so soll unsere Kaserne heißen.

Während der neue Kasernenname ohne große Schwierigkeiten angenommen werden dürfte, wird sich das für den neuen Traditionserlass erst noch zeigen müssen. Während der Erarbeitung des neuen Regelwerks war unter anderem die Kritik laut geworden, dass es zu abstrakt sei und der Truppe und den Kommandeuren zu wenig praktische Handlungsmöglichkeiten zeige – ob die Überarbeitung erfolgreich war, muss also noch offen bleiben.

Zum Nachlesen:

Neufassung des Traditionserlasses*

Tagesbefehl der Verteidigungsministerin zum Traditionserlass

Rede der Ministerin zur Kasernenumbenennung (praktisch unverändert so gehalten)

Ansprache des Schulkommandeurs Oberst Dirk Waldau (wörtlich so gehalten)

*Die Neufassung des Erlasses wurde zwar von der Ministerin am heutigen Mittwoch gezeichnet; formal tritt er allerdings erst in Kraft, wenn sich auch der Bundestags-Verteidigungsausschuss und auch die Beteiligungsgremien damit befasst haben.

(Foto: Neues Namensschild an der Hauptfeldwebel-Lagenstein-Kaserne in Hannover)

96 Kommentare zu „Neuer Kasernenname, neuer Traditionserlass: „Militärische Exzellenz allein genügt nicht““

  • Napo   |   31. März 2018 - 15:02

    Zitat Koffer:
    „WENN allerdings das BMVg entscheidet, dass der bisherige Kasernenname „unwürdig“/unzulässig ist, dann kann natürlich auch weiterhin eine Umbenennung angewiesen werden.“

    An einen solchen Fall kann ich mich nicht erinnern – vllt. jemand anders?
    Wir haben die kritischen Kasernennamen ja bereits Anfang dieses Jahrtausends einmal erfasst gehabt – Umbennung der Rüdel-Kaserne in Feldwebel-Schmid-Kaserne erfolgte zu dieser Zeit -. Ob dies aber einem steuernden Eingriff „von oben“ folgte, oder dem bottom-up Ansatz, entzieht sich meiner Kenntnis.

    Sollte eine ministerielle Anweisung aber erfolgen, wäre dies schon ein erheblicher Eingriff gegenüber der einschlägigen Regelung … 2640…, in der ein top-down nicht angesprochen wird. Und wir würden als BMVg bei einem solchen Ansatz ja unmittelbar Position beziehen. Ob das gewollt ist und -ebenso wichtig: ob das so schlau wäre?

  • SER   |   31. März 2018 - 16:05

    Vielleicht liegen ja unsere Probleme in einer etwas anderen Ecke …

    Soldaten dienen einer Regierung und haben deren Auftrag treu zu erfüllen, somit ergibt sich einerseits die Dimension einer politischen Tradition die gegenwärtig nur auf die Zeit der Bundesrepublik schauen mag und vieles andere scheut …

    Dann ergibt sich die Dimension einer militärischen Tradition, welche sich begründen soll auf herausragende Einzeltaten o.ä., jedoch vernachlässigt das solche Taten auch begangen sein können in einem unredlichen politischen Kontext sprich Zielsetzung …

    Wo steckt nun der Kern ? Soldaten haben treu zu dienen, ebenso andere Staatsorgane, und auch gegenwärtig haben wir hier Diskussionen ob man kritisieren darf als Soldat und dann noch wie (siehe den Faden KzS Horn) … dennoch bleibt eine soldatische Leistung herausragend wenn sie erbracht wird, egal welch politische Zielsetzung ihr beiwohnt.

    Wenn ich an U-Boote denke oder Panzer, dann bleibt nur eine überschaubare Zeit um auf Tradition zu blicken da diese Waffengattungen ähnlich wie die Luftwaffe recht jung sind …
    Verfallen wir nicht wieder in eine Vergangenheitsverdrängung anstelle Auseinandersetzung, Bewältigung und Abgrenzung mit Augenmaß ?

    In meinem Empfinden wird das Politische sehr weit in den Vordergrund gerückt, aber so wird man nicht mit soldatischer Tradition umgehen können … und um die soll es doch gehen, oder ?

  • Klaus-Peter Kaikowsky   |   31. März 2018 - 16:09

    „Gleichwohl können aber einzelne Angehörige traditionswürdige Vorbilder für die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr sein. Es kommt auf die einzelne Person an, und wir müssen immer sorgfältig abwägen. Dieses Abwägen muss auch die Frage nach persönlicher Schuld stellen.
    Und die Aufnahme in unser Traditionsgut muss zudem eine Leistung zur Bedingung machen, die vorbildlich und sinnstiftend in die Gegenwart wirkt; …“

    Die Suche nach wahren Demokraten, die u.U. sogar noch untadelig in der Wehrmacht gedient haben, ein Ding der Unmöglichkeit?
    Gesucht, gefunden, ein Versuch.
    Erich Mende, Major und stvRgtKdr in der 102. Infanterie-Division. „Leider“ wurde die 102. permanent bei „Barbarossa“ verwendet. Bekannt gewordene Verfehlungen Mendes, gar Kriegsverbrechen, nichts bekannt, demnach „keine persönliche Schuld“.
    Aber, ein hoch dekorierter Infanterieoffizier mit:
    – Eisernes Kreuz (1939) II. und I. Klasse
    – Nahkampfspange in Bronze
    – Deutsches Kreuz in Gold am 30. Mai 1942
    – Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes am 28. Februar 1945
    jedoch auch höchst demokratisch:
    – Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, in der Hauptsache jedoch war Erich Mende Bundesminister, Vizekanzler in den Kabinetten Erhard I und II, und FDP-Vorsitzender.
    Welche Karriere, vom Ritterkreuz zum Vizekanzler. Neun Tage nach seinem Tod wurde Mende am 15. Mai 1998 vom Deutschen Bundestag mit einem Staatsakt geehrt.
    Nunmehr wird sich eine Kaserne der Deutschen Infanterie, ein Inspektionsgebäude, wenigstens ein Hörsaal finden lassen?

  • Koffer   |   31. März 2018 - 16:27

    @Napo | 31. März 2018 – 15:02
    [Koffer] „WENN allerdings das BMVg entscheidet, dass der bisherige Kasernenname „unwürdig“/unzulässig ist, dann kann natürlich auch weiterhin eine Umbenennung angewiesen werden.“

    [Napo] „An einen solchen Fall kann ich mich nicht erinnern – vllt. jemand anders?“

    Klar, z.B. die Dietl-Kaserne in Füssen und die Kübler-Kaserne in Mittenwald in den 90er…

    In beiden Fällen nach meiner persönlichen Meinung auch nicht ganz unberechtigt angewiesen.

  • Thomas Melber   |   31. März 2018 - 16:30

    @SER
    „Soldaten dienen einer Regierung und haben deren Auftrag treu zu erfüllen, …“

    Bis wohin darf man einer Regierung folgen? Und: gemäß Diensteid / Gelöbnis dient der deutsche Soldat der Bundesrepublik Deutschland und dem deutschen Volk, nicht einer Regierung.

    [So richtig es ist, dass die Soldatin und der Soldat nicht auf eine Regierung vereidigt ist, so absehbar scheint mir, wohin das führen soll. Nein, ich denke, diesen OT beenden wir. T.W.]

  • FlaOffz   |   31. März 2018 - 17:18

    @Napo | 31. März 2018 – 15:02:

    Umbenennung Rüdel-Kaserne ist Paradebeispiel für von oben angeordnet. Und zusätzlich noch unter Missachtung von Mitbestimmungsregelungen und Beteiligung von Soldaten und zivilen Mitarbeitern des Standortes…
    …quasi Lehrvorführung „Innere Führung“.

    Googln oder auch hier nachlesen:
    http://augengeradeaus.net/2017/05/debatte-um-kasernennamen-der-bundeswehr-wie-denn-nun/#comment-269107

  • Hauptmann   |   31. März 2018 - 18:34

    Erstaunlich oder besser – erschreckend -finde ich die Sicht unserer Verteidigungsministerin hinsichtlich der NVA. Sie stellt die NVA faktisch mit der Wehrmacht auf eine Stufe, weil sie das damalige SED Regime unterstützt hat. Welche Armee stützt denn anfänglich nicht die Regierung von der sie erschaffen wurde !? Abweichend von der Wehrmacht hat die NVA aber niemals Krieg geführt. Und Abweichend zur BW hat sich die NVA auch niemals an völkerrechtswidrigen Einsätzen ( z.B. Kosovo oder Syrien) beteiligt.
    Über die völlige Mißachtung der Verdienste vieler NVA- Angehöriger zur Vermeidung
    blutiger Auseinandersetzungen während des Umbruchs 1989 will ich hier gar nicht sprechen.

  • Koffer   |   31. März 2018 - 20:53

    @Hauptmann | 31. März 2018 – 18:34
    „Erstaunlich oder besser – erschreckend -finde ich die Sicht unserer Verteidigungsministerin hinsichtlich der NVA.“

    Interessanterweise empfinde ich es auch als erschreckend, aber genau in die andere Richtung (so von wegen die NVA hat die DEU Teilung unterstützt, auf Mauerflüchtlinge geschossen und mit der Sowjetunion gemeinsam die Freiheit des DEU Volkes bedroht, bzw. dazu beigetragen einen Teil des DEU Volkes über 4 Jahrzehnte zu unterdrücken).

    Naja, wenn wir von beiden Seiten erschreckt (und abgeschreckt) sind, vielleicht hat die IBuK dann mit dem Mittelweg ja sogar ein bißchen Recht ?! ;)

  • T.Wiegold   |   31. März 2018 - 21:06

    Pardon, wenn das jetzt zu einem Ost-vs-West-Thread werden soll, schreite ich ein. (Hilfsweise biete ich auch an, beim gegenseitigen Austausch der Mailadressen behilflich zu sein.)

  • SER   |   01. April 2018 - 13:40

    @Thomas Melber

    Wann haben wir zuletzt den Tagesbefehl der Bundesrepublik gelesen ?
    Ich denke diese Zerkauerei des letzten Wortes hat uns dahin geführt wo wir sind !!!
    Diese semantischen Einwürfe führen uns nicht weiter !!

    Die Bundesrepublik wird geführt von Menschen die Institutionen ausfüllen, und auch der Bundespräsident ist kein Konstrukt sondern hat einen Namen, ein Gesicht und auch einen Wohnort (politisch und auch privat) !

    Es sind Menschen die sich Regierung nennen oder Parlament, und somit beschließen diese die Einsätze der Bw und verlängern auch die Mandate … Aber ich bleibe bei meinen Aussagen zum Erlaß und das ich eine Diskussion wünschen würde ob einer soldatischen Tradition vs. politischen Tradition zum Einsatz von Soldaten, ich denke genau das könnte uns helfen in der Einordnung und bitte die politisch korrekten Scheuklappen mal weiter öffnen zum freieren Blick auf den Horizont …

    Es gibt Menschen mit einem Horizont im Radius Null, das nennen sie dann ihren Standpunkt ;-) (das war nun allgemein als Anmerkung und nicht persönlich gemeint !)

  • psst   |   01. April 2018 - 14:16

    1.4 -ostersonntag, phoenix, 13:00-14:00, sendung „history live“ — sehr empfehlenswerte Diskussion zum Thema Traditionserlass !!-

  • csThor   |   01. April 2018 - 18:18

    … findet sich übrigens bereits auf YT als komplette Sendung. Ich hab die heute im TV verfolgt und fand sie irgendwie typisch für den Eiertanz um das Thema hierzulande. Frau de Libero schwadronierte über „Werte des Grundgesetzes“ als ob das das einzig selig machende Kriterium wäre, Professor Neitzel argumentierte wohltuend klarsichtig und realistisch, daß in der Schlammzone ohne für die Soldaten verständliche und für ihre Waffengattung auch nachvollziehbare Angebote das ganze in elitär-intellektuelle Selbstbeweihräucherung oben und reinen Wildwuchs unten zerfasern würde. Und Herr Kujat schien sich als potentiell Angeklagter vor einem medialen Richtertisch zu fühlen so häufig wie er Halbsätze nachschob, in denen er dem Erlaß im Kern zustimmte (als wäre er immer noch im aktiven Dienst und nicht längst pensioniert).

    Wohltuend hingegen war die klare Positionierung sowohl Herrn Kujats als auch Professor Neitzels zu Auslandseinsätzen als bloße „Nebenkriegsschauplätze“ und Ausdruck des Fehlens jedweder politischen und militärischen Strategie sowie eklatanter politischer Feigheit des Politikbetriebs. Chapeau die Herren!

    [Wie wär’s denn dann mit dem Link? T.W.]

  • Elahan   |   01. April 2018 - 18:58

    @Hauptmann

    Es geht nicht um Geschichte, sondern um Traditionswürdigkeit.
    Die NVA kann und soll nicht traditionsstiftend für die Bw sein und das ist gut so.
    Auch die Bundeswehr war vor der Wende nicht im Auslandseinsatz zur Sabilisierung von Staaten. Nach der Wiedervereinigung jedoch schon aber man kann die Bw nach der Wiedervereinigung nicht mit der NVA vergleichen, denn die gab es da nicht mehr!

    Einzelne Personen können sehr wohl in das Traditionsgut der Bw aufgenommen werde.

  • Klaus-Peter Kaikowsky   |   01. April 2018 - 19:32

    Phoenix: „Mit schwerem Gepäck: Die Bundeswehr und ihre Tradition“
    Datum: 27.03.18
    Länge: 45 min
    1. http://www.sendungverpasst.de/content/history-live-0
    2. http://www.phoenix.de/content/2560129
    Aus dem Aufmacher:
    Seit dem Tag ihrer Gründung am 12. November 1955 fragt sich die Bundeswehr immer wieder: Was ist unsere Geschichte und welche Vorbilder brauchen wir? Auf welche Teile der Militärgeschichte darf man stolz und was darf nicht Teil der kollektiven Identität sein?

  • psst   |   01. April 2018 - 20:01

    yt-link zur phoenix sendung vom 1.4.- 13:00:
    https://www.youtube.com/watch?v=mDSFhH0QeWs

  • Trevor Faith   |   02. April 2018 - 15:50

    Ich denke, daß niemand mit klarem Verstand die NS-Zeit befürwortet oder zurückwünscht. Trotzdem halte ich den neuen Traditionserlaß für überzogen. Er schießt deutlich über das Ziel hinaus.
    Warum? Soldaten der Wehrmacht wurde als Namensgeber für Kasernen oder Verbände ausgewählt, weil deren soldatische Einzelleistung oder auch Opferbereitschaft im Gefecht vorbildlich war. Mir fehlt ehrlich gesagt das Verständnis dafür, warum zum Beispiel Kasernen nach Politikern benannt werden müssen. Wie soll ein Politiker Vorbild für einen Soldaten im Einsatz sein?

  • Winfried Nachtwei   |   02. April 2018 - 16:31

    Bei der Kasernenumbenennung und Zeichnung des Traditionserlasses in Hannover war ich dabei. Dazu mein Bericht mit ergänzenden Informationen und Anregungen zur bundeswehreigenen Traditionspflege („Beispielhaft im Einsatz“) unter http://nachtwei.de/index.php?module=articles&func=display&aid=1523

  • Koffer   |   02. April 2018 - 18:36

    @VEREMUNDO | 02. April 2018 – 11:22
    „Historisch bedenkliche Traditionsnamen: Arndt (Hagenow), Hindenburg (Munster), Johannesson (Admiral-Johannesson-Preis an der MSM), Feldwebel Lilienthal (Delmenhorst), Lent (ROW), Marseille (Appen), Mudra (Köln), Rommel (Augustdorf und Dornstadt), Scheer (Kiel), Schulz (Munster), Dr. Speidel (Bruchsal), Tirpitz (Kiel), Wrede (München).“

    Ich weiss nicht, ob ich über diese Zusammenstellung lachen oder weinen soll…

  • VEREMUNDO   |   02. April 2018 - 22:45

    @closius „Einige Umbenennungen von Kasernen, vor allem von drei Gebirgsjägerkasernen waren in der Vergangenheit sehr umstritten gewesen und erfolgten mindestens teilweise gegen die (Mehrheits)Meinung vor Ort.“

    Auch die Mehrheitsmeinung vor Ort, so meine Überzeugung, kann Geschichte nicht umerzählen! Allein der Bundesminister der Verteidigung / die Bundesministerin der Verteidigung trägt die politische Verantwortung für die Traditionspflege in der Bundeswehr.
    Die Offiziere in Füssen und Mittenwald kannten die politischen Vorgaben des damaligen Bundesministers der Verteidigung Volker Rühe (CDU). In diesem Zusammenhang verweise ich auf den Leserbrief von Herrn OTL J. Geist „Es gab keine Umfrage“ (in: Münchner Merkur vom 16. November 1995). Auszug: „Es ist in der Öffentlichkeit der Eindruck erweckt worden, als hätten sich die Soldaten mehrheitlich für eine Umbenennung der Kaserne ausgesprochen. Dies suggeriert eine Meinungsumfrage unter den Soldaten zum Zwecke der Meinungsfindung. Wer den Sachverhalt so darstellt, verkennt die Entscheidungsabläufe bei der Armee.“
    Die Unteroffiziere in Füssen und Mittenwald sprachen sich mit einmütiger Mehrheit (85 %) für die Beibehaltung der Namensgebung „Dietl“ und „Kübler“ aus. Dies wirft ein düsteres Licht auf die staatsbürgerliche Bildung innerhalb der Bundeswehr. Den Mannschaften in Füssen und Mittenwald war die Namensgebung – von wenigen Ausnahmen abgesehen – „scheißegal“ (O-Ton). Als Freibier zur Feier der Umbenennung versprochen wurde, fand sich eine Mehrheit…

  • Koffer   |   03. April 2018 - 19:20

    @VEREMUNDO | 02. April 2018 – 22:45
    „Auch die Mehrheitsmeinung vor Ort, so meine Überzeugung, kann Geschichte nicht umerzählen! Allein der Bundesminister der Verteidigung / die Bundesministerin der Verteidigung trägt die politische Verantwortung für die Traditionspflege in der Bundeswehr.“

    Das ist korrekt. Zumal der damalige IBuK in dem einen oder anderen Fall ja auch inhaltlich durchaus nicht ganz von der Hand zu weisende Argumente hatte.

    Genauso korrekt ist allerdings auch die Tatsache, dass es sowohl dem Prinzip der Inneren Führung, des Staatsbürgers in Uniform, als auch dem gesunden Menschenverstand entspricht Tradition nicht aufzwingen zu wollen oder glauben zu können.

    Tradition muss von der Truppe angenommen werden, sonst erfüllt sie nicht ihren Zweck.

    Den Traditionspflege soll ja NICHT politisch korrekte Geschichtsbilder um ihrer selbst vermitteln, sondern vielmehr der Truppe halt geben und damit die Kampfkraft stärken.

    Wer also glaubt den Soldaten Vorbilder und Tradition befehlen zu können, der verkennt die Realität und handelt gegen die Schlagkraft der Truppe.

  • TomCat   |   04. April 2018 - 10:34

    Wenn jetzt nur noch das zählt was politisch oppertun ist und nicht mehr die soldatische Leistung, dann könnt ihr die Kasernen auch einfach durchnummerieren.

  • Fishman   |   04. April 2018 - 11:12

    @TomCat
    Kurz.Knapp.Präzise.

    Mit dem neuesten Traditionserlass wird m.E. der Zeitraum prä-Bw wie mit der Schere abgeschnitten, als hätte es diese unselige Zeit nie gegeben. Ich glaube nicht dass das der richtige Ansatz ist. Aber wer bin ich schon?
    Ich möchte noch einen zum besten geben bez. Umbenennung der ehemaligen und heute schmerzlich vermißten Heereflugabwehrschule in Rendsburg. Ich zitiere nur ungern aus Wikipedia, aber dort ist der Umbenennungswahn schön kurz und treffend wiedergeben:

    „Beim Neuaufbau der Bundeswehr wurde die Kaserne der Heeresflugabwehrschule in Rendsburg 1964 nach Günther Rüdel benannt. Dies führte Ende der 1990er Jahre zu einer Kontroverse, nachdem bekannt geworden war, dass Rüdel zum ehrenamtlichen Beisitzer des Volksgerichtshofes ernannt worden war. Im Zuge der Auseinandersetzung verfügte der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping am 8. Mai 2000 die Umbenennung der Unterkunft in Feldwebel-Schmid-Kaserne. Anton Schmid soll bis zu 300 Juden gerettet haben und wurde dafür von einem Kriegsgericht der Wehrmacht zum Tode verurteilt und erschossen. Später stellte sich heraus, dass Rüdel (als einer von etwa 150 ehrenamtlichen Richtern) nur an einer einzigen Verhandlung teilgenommen hatte und nicht an Terrorurteilen beteiligt gewesen war, wie vorher behauptet wurde. Zudem hatte Rüdel in dieser Verhandlung einen Freispruch durchgesetzt. Verteidigungsminister Peter Struck erklärte sich daraufhin 2002 mit einer Rehabilitierung Rüdels einverstanden, und der Versammlungssaal im Offizierheim der nunmehrigen Feldwebel-Schmid-Kaserne wurde nach Günther Rüdel benannt.“ Zitat Wikipedia

  • Fishman   |   04. April 2018 - 11:15

    Kleiner Nachtrag: Mein vorhergehender Post soll bitte nicht als Kritik speziell an der Umbennenung der HFw Langenstein-Kaserne verstanden werden.

  • ThoDan   |   04. April 2018 - 12:44

    @TomCat

    Der Kontext bestimmt ob die soldatische Leistung würdig ist ein positives Vorbild zu sein, als Verbrechen zu werten ist oder irgendwas dazwischen.

  • TobyR   |   04. April 2018 - 13:01

    @ TomCat
    Ja, das ist eben das Problem, das auch z.B. bei geforderten Benennungen ausschließlich nach Widerständlern oder Rettern von Verfolgten auftritt: „Militärische Exzellenz allein genügt nicht“ wird wohl eher als „Militärische Exzellenz ist völlig irrelevant“ verstanden.

    Anton Schmid, Wilm Hosenfeld, Karl Plagge und andere haben menschlich Großes geleistet, und sie haben sich mutig gegen das Unrechtsregime des Nationalsozialismus gestellt, wofür ihnen höchster Respekt gebührt. An diese Menschen zu erinnern und sie zu ehren, ist gut und richtig.

    Jedoch bleibt im Zusammenhang mit der Traditionspflege der Bundeswehr für mich die Frage: Wo ist hier der Bezug? Welchen *Vorbild*charakter haben diese Soldaten der Wehrmacht für Soldaten der Bundeswehr? Wir leben nicht unter einem Unrechtsregime, das Widerstand erfordert. Das Eintreten für das Recht unter widrigen Bedingungen als Prinzip ist schön und gut, aber vom Soldat-sein dieser Personen völlig entkoppelt. Und „Exzellenz“, also militärisch-fachliche Höchstleistungen haben sie nicht vollbracht.

    Beim militärischen Widerstand ist die Antwort schon einfacher, weil es sich bei dessen Mitgliedern in vielen Fällen um (militärisch) hervorragende Soldaten handelte, die das Unrechtsregime mit eben auch militärischen Mitteln zu beseitigen trachteten. Aber wenn selbst ein Rommel, der bisher als Paradebeispiel der Verknüpfung von militärischer und menschlicher „Größe“ galt, als anrüchig gilt, dann sollte man um den 2. Weltkrieg vielleicht doch lieber einen Bogen machen oder der Nummerierung (vielleicht auch der schlichten Benennung nach geographischen Gesichtspunkten) der Kasernen den Vorzug geben…

  • ThoDan   |   04. April 2018 - 14:19

    Ethische Tapferkeit

    Douglas MacArthur. “The soldier, be he friend or foe, is charged with the protection of the weak and unarmed. It is the very essence and reason of his being.”

  • VEREMUNDO   |   05. April 2018 - 9:09

    @TobyR Erläuterung zu Anton Schmid, Wilm Hosenfeld und Karl Plagge: Diese drei Soldaten leisteten Rettungswiderstand in den Strukturen der Wehrmacht. Feldwebel Schmid leitete eine Versprengtensammelstelle in Wilna, Hauptmann Hosenfeld rettete Juden in Warschau, Major Plagge rettete Juden als Kommandant des Heereskraftfahrparks 562 in Wilna. Kasernen wurden nach Schmid (Blankenburg) und Plagge (Pfungstadt) benannt.
    Abschließende Frage @TobyR: Welche Soldaten der Wehrmacht begründen in Ihrer Sicht eine sinnstiftende und identitätsbildende Tradition? Bitte Namen nennen! Danke!

  • TobyR   |   05. April 2018 - 14:22

    @ VEREMUNDO
    Ich nehme an, die Erläuterung war nicht für mich. ;-)
    Mir sind die Taten der genannten Soldaten natürlich bekannt.

    Was Ihre Frage angeht. mal so gesagt: Warum Rommel in der von Ihnen verlinkten Liste der „historisch bedenklichen“ – was ohnehin eine unsinnige und vermutlich euphemistische Formulierung ist – Namen auftaucht, erschließt sich mir schon nicht.

    Wie man aber dann auf diese Liste einen Dr. Hans Speidel setzen kann, will mir absolut nicht in den Kopf. Hervorragender Offizier und Intellektueller, wichtige Rolle im militärischen Widerstand, beteiligt an der Abwendung des ‚Trümmerbefehls‘, knapp den Ausmordungen nach dem 20. Juli entkommen, nach dem Krieg maßgeblich am Aufbau der Bundeswehr beteiligt und wie kaum ein zweiter stellvertretend für die Integration Deutschlands in das westliche Bündnis. Wie hätte sich ein Soldat in Speidels Position zu seiner Zeit denn noch verhalten sollen, um traditionswürdig zu sein? Wenn Sie also Namen traditionswürdiger Wehrmachtssoldaten hören wollen: Speidel auf jeden Fall.

    Ansonsten kann ich hier auf die Schnelle natürlich keine bislang unbeachteten Namen aus dem Ärmel schütteln, ohne das für eine sachgerechte Abwägung notwendige gründliche Quellenstudium zu betreiben, was ich zumindest nicht gratis zu leisten bereit bin. ;-)

    Aber wenn Sie auf einen meiner Kenntnis nach bisher im Kontext der Tradition wenig beachteten Namen Wert legen, bei dem sich ein entsprechendes Quellenstudium zur Prüfung des Einzelfalls meiner Meinung nach eventuell lohnen könnte: KKpt Werner Hartenstein.

  • T.Wiegold   |   05. April 2018 - 16:34

    @Veremundo & Toby R.

    Ich muss jetzt mal reingrätschen: Wer meint, die Diskussion über einzelne Namen dazu nutzen zu können, hier längliche Ausarbeitungen in die Kommentarspalte zu kippen, stößt auf meinen energischen Widerstand. Eine 4.500 Zeichen lange Replik von @Veremundo, die dazu noch so aussieht, als sei der Text schon mal veröffentlicht worden und würde hier nur rüberkopiert, kann auch gerne verlinkt werden – aber nicht hier einfach reingestellt. Das hat wenig mit dem Inhalt, aber viel mit dem Umgang hier zu tun.

  • VEREMUNDO   |   06. April 2018 - 14:43

    @T.Wiegold
    Meine längliche Ausarbeitung zu Speidel ist nirgendwo veröffentlicht worden, sie kann somit nicht verlinkt werden.
    Trotzdem möchte ich wissen, warum Speidel, der Held von Artemowka, eine sinnstiftende Tradition begründet.
    In seinen Erinnerungen „Aus unserer Zeit“ (Ffm./Wien 1977) verschwieg Speidel, welche Rolle er an der Seite des Generals der Gebirgstruppe Hubert Lanz gespielt hatte, als er von den Truppenführern der Waffen-SS (SS-Division „Das Reich“ und SS-Division „Leibstandarte Adolf Hitler“) ultimativ die strikte Befolgung des „Führerbefehls“ gefordert hatte. Im Jahr 1977 sprach er zu seiner eigenen Entlastung von einem „utopischen“ und „sinnlosen Angriffsbefehl“ Hitlers.

  • Koffer   |   06. April 2018 - 15:03

    @TobyR | 05. April 2018 – 14:22
    „Wenn Sie also Namen traditionswürdiger Wehrmachtssoldaten hören wollen: Speidel auf jeden Fall.“

    Absolute Zustimmung. Seidel gehört ja sogar zu dreifach „doppelt traditionswürdigen“. Also über seine persönliche Exzellenz über den Widerstand und über die Bundeswehr.

  • T.Wiegold   |   06. April 2018 - 15:34

    Es gibt offensichtlich sehr gegensätzliche Beurteilungen der Person Speidel. Und ich wäre dankbar, wenn dieser – derzeit sehr theoretische – Diskurs nicht hier in allen Details ausgetragen würde. (Wenn eine Umbenennung zur Debatte stünde, wäre das eine andere Frage.)

  • csThor   |   06. April 2018 - 19:22

    Die Frage nach Personen wirft für mich eher die Frage auf, ob die politische Leitung überhaupt sowas wie „militärische Traditionen“ wirklich zulassen möchte. Ich habe da nachwievor meine Zweifel. Warum?

    Nun, der Erlaß mag den Freiraum für Debatte und Lehre einräumen, aber wenn ein völlig überkandidelter Maßstab angelegt wird ob nun eine Person und ihr Handeln denn nun traditionswürdig oder auch nur lehrreich genug zur Behandlung im Unterricht sei, wenn solche Personen unrealistischen Maßstäben unterworfen werden (v.a. Bewertungen vom moralischen Standpunkt des Jahres 2018) und nur Leute mit „blütenreiner Weste Marke 2018“ in jenen erlauchten Kreis aufgenommen werden dürfen, dann ist der ganze Aufwand vertane Liebesmüh. Denn einen moralisch einwandfreien Menschen nach diesem Kriterium findet man nicht mal in der heutigen Zeit, geschweige denn in der Geschichte. Auch ein Stauffenberg oder Tresckow entsprächen nicht solch überzogenen Maßstäben, denn bekanntermaßen ist keiner von ein Demokrat gewesen.

    Genau wie lokale Traditionen (seien es nun spezifische Dorffeste oder Termine im Jahr, Rivalitäten mit Nachbardörfern etc) bedienen auch militärische nicht den „Kopf“ sondern emotionale Bedürfnisse. Sie schaffen einen Teil einer spezifischen Gruppenidentität. Wenn die politische Leitung wie bisher nur steril-elitär-intellektuelle Diskurse anbietet und nicht erkennt oder erkennen will, daß hier das menschliche Grundbedürfnis nach einer emotionalen Identität angesprochen werden muß, der muß sich nicht über Wildwuchs in den unteren Rängen wundern. Einem Freund von Grillabenden kann man auch nicht nur grünen Salat vorsetzen, um Bratwurst und Steaks kommt man auf Dauer nicht herum. Ich habe jedoch den Eindruck, daß spätestens seit Amtsübernahme durch die aktuelle IBUK da „ideologische Veganer“ am Werk sind, die diese Mentalität nicht mal ansatzweise verstehen können und auch nicht verstehen wollen. Nur die Zeit wird zeigen wie ernst es Berlin damit ist der Bundeswehr etwas Freiraum für dieses spezifische Bedürfnis zu geben (ich bin skeptisch).

  • Napo   |   06. April 2018 - 21:11

    Emotionen anzusprechen ist sicherlich zielführend – wenn die Zielgruppe dafür empfänglich ist.
    Wer aber ist die Zielgruppe bei Kasernennamen? Die 20 bis 30-Jährigen oder die eher älteren Semester, die Kampftruppe oder die FüUstg… ? Oder vielleicht die Öffentlickeit ? Oder muss der Name gar zeitgleich tendenziell eher unterschiedlichen Interessen „dienen“?
    Vor dem Hintergrund sind die neuen Richtlinien tauglich – es können die örtlichen Gegebenheiten / Zielgruppen „bedient“ werden.
    Entscheidend ist, dass die Zwischenebenen – Insp – das akzeptieren und einem zukünftigen Vorschlag auch dann zustimmen, wenn dieser die -zulässigen- Ausnahme der Richtlinien (Wehrmacht u.a.) zum Gegenstand hat.

  • TobyR   |   06. April 2018 - 22:28

    @ VEREMUNDO
    „Trotzdem möchte ich wissen, warum Speidel, der Held von Artemowka, eine sinnstiftende Tradition begründet.“

    Das habe ich oben bereits dargelegt – und ich sehe nicht, wo eine Detailfrage über operatives Für oder Wider in einer bestimmten Operation, bei der Speidel (also eigentlich Lanz, aber Speidel als sein Stabschef) durch falsches Beharren auf Angriffs- bzw. Haltebefehlen die betroffenen SS-Einheiten gefährdet hatte, das wesentlich beeinträchtigt.

    Noch sehe ich, wo eine vermeintliche „Schönung“, möglicherweise aber auch schlicht eine andere Erinnerung (davon kann man ja ein Lied singen, wenn man mit Memoiren umgeht) einen so schwerwiegenden Charaktermangel zeigt, dass davon die Verdienste des Mannes so stark überschattet werden, dass ihm die Eignung als Vorbild abgesprochen werden muss.

    Diese ja nun nicht gerade neuen Vorwürfe wirken für mich doch sehr wie kleinliches Am-Zeug-Flicken. In diesem Zusammenhang ist es besonders seltsam, dass Speidel keineswegs charakterliche oder politische Verwerflichkeit, sondern seine nicht makellose Bilanz in der Führung des Krieges zum Vorwurf gemacht werden sollen.

    Wenn „militärische Exzellenz allein“ nicht Maßstab sein soll, und auch Soldaten, deren Bilanz in dieser Hinsicht nicht nur nicht makellos, sondern nicht vorhanden, ist, Vorbild sein sollen – warum genau ist Speidel dann nicht tragbar?

  • VEREMUNDO   |   07. April 2018 - 8:14

    Speidel gehört unbedingt auf den Lehrplan an der FüAk in Hamburg, aber nicht an den Kaserneneingang in Bruchsal.
    Man soll Speidel endlich kritisch beleuchten! Hier ein Beispiel: Mittelsmann war Hans Speidel, der ehemalige Adjutant Erwin Rommels, der mittlerweile an der Uni Tübingen als Geschichtsdozent unterrichtete, als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats im Institut wirkte und unter dem Decknamen „Hauff“ für Gehlen arbeitete. In Speidels Nachlass ist nachzulesen, wie die ehemaligen Wehrmachtsangehörigen füreinander einstanden.
    [Hm, hatte glatt übersehen, dass das eine aktuelle Geschichte in der SZ ist, kein älterer Link ins Archiv. Wie bekannt, finden Links zu deutschen Verlagswebseiten hier i.d.R. nicht statt. Deshalb Link gelöscht. T.W.]

  • Koffer   |   07. April 2018 - 9:12

    @VEREMUNDO | 07. April 2018 – 8:14
    Sorry, aber die Diskussion wird hier langsam ein bißchen absurd: Wir sprechen über jemanden, der sowohl nach dem alten, als auch nach dem neuen Traditionserlasse doppelt oder möglicherweise sogar dreifach traditionswürdig ist (je nach Definition).

    Einfach immer wieder schlecht über ihn zu reden ohne irgendetwas Substantielles beizutragen ändert daran nichts.

  • T.Wiegold   |   07. April 2018 - 10:04

    Sorry, die Diskussion wird hier wirklich ein bisschen absurd – Speidel war böse! Nein! Doch! Nein! Doch! usw usw.

    Ich werde deshalb eine frühere Entscheidung revidieren und den länglichen Kommentar von @Veremundo zum Thema Speidel doch hier einstellen – da betteln ja alle, auch die Speidel-Befürworter, geradezu drum.

    @Veremundo 5. April
    @Toby R einige kritische Anmerkunen zu Dr. Hans Speidel: Nach der Niederlage von 1918 rief Leutnant Speidel seine Kameraden dazu auf, „das Vaterland von der Bedrückung durch das übermächtige Frankreich zu befreien“. Speidels Dissertation „1813/1924 – Eine militärpolitische Untersuchung“ war nach eigenen Worten „zweckbestimmt“ und verglich die Lage Preußens nach dem Frieden von Tilsit (1807) mit der Deutschlands nach Versailles, wobei sich Hans Speidel als Anhänger der Dolchstoßlegende wie auch als Gegner der Weimarer Verfassung bekannte und zugleich die Hoffnung aussprach, „daß Deutschland nicht seinen letzten Kampf der Waffen und Geister gekämpft hat“.
    Speidels kriegerische Hoffnungen gingen in Erfüllung, als die Wehrmacht am 1. September 1939 Polen, am 10. Mai 1940 Frankreich und am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfiel. Als am 31. Januar 1943 General Hubert Lanz in Charkow an der Ostfront eintraf, wurde er von seinem künftigen Stabschef Generalmajor Dr. Hans Speidel vom Flugplatz abgeholt. Speidel informierte ihn über die Lage an der Front: Die SS-Division „Leibstandarte Adolf Hitler“ war am Donez eingesetzt, die SS-Division „Das Reich“ über den Donez vorangeführt worden, die Einheiten der SS-Division „Totenkopf“ fehlten noch. Nach dem Sieg von Stalingrad, so Speidels Einschätzung der Lage, dränge die Rote Armee scharf nach und versuche, Charkow doppelt zu umfassen, um ein kleines Stalingrad zu erzwingen.
    Als Chef des Stabes von General Hubert Lanz machte der damalige Generalmajor Speidel auf SS-General Hausser Druck, damit der „Führerbefehl“ zum Angriff auf Artemowka durchgeführt wird. Angesichts der Tatsache, dass es sich bei Hitlers Befehl um einen „Führerbefehl“ handelte, beharrte Speidel auf der Ansetzung des Unternehmens und verlangte vom SS-Panzer-Korps eine „schriftliche Festlegung“. Als SS-General Paul „Papa“ Hausser mit Rücksicht auf das Leben seiner Soldaten zögerte, Lanz‘ Befehl nachzukommen, machte auch Speidel Druck: „Einwände dagegen werden nicht angenommen.“ Gegenüber dem Führungsstab des SS-Panzer-Korps bestand Speidel darauf, dem „Führerbefehl“ nachzukommen. Am 1. April 1944 wurde General Speidel auf dem Obersalzberg vom „Führer“ persönlich das Ritterkreuz verliehen. Ebenfalls im April 1944 kam Speidel von der Ostfront als neuer Generalstabschef zu Rommel nach Frankreich.
    Nach dem Ende der NS-Gewaltherrschaft verstand es der wendige Traditionalist Speidel, die kriegerische Tüchtigkeit der Wehrmacht enthistorisierend, heroisierend sowie glorifizierend darzustellen. Geschichte und Geschichtsdeutung waren in seinen Händen geistige Waffen. In seinem Buch „Invasion 1944“ (Tübingen 1948) wurde Rommel von Speidel gezielt zum Widerstandskämpfer stilisiert; denn Speidel war entschlossen, Rommel zum strahlenden deutschen Nationalhelden zu erheben. In seiner Eitelkeit hoffte Speidel, auch selbst vom Abglanz von Rommels Ruhm angestrahlt zu werden. Es erstaunt freilich nicht, dass Speidel – aufgrund von Verdrängung, Schuldabwehr, Wahrnehmungsblockaden sowie aus Trotz gegenüber der Geschichte – seine eigene Rolle im Widerstand „überbewertete“.
    In seinen Erinnerungen „Aus unserer Zeit“ (Ffm./Wien 1977) verschwieg Speidel, welche Rolle er an der Seite des Generals der Gebirgstruppe Hubert Lanz gespielt hatte, als er von den Truppenführern der Waffen-SS (SS-Division „Das Reich“ und SS-Division „Leibstandarte Adolf Hitler“) ultimativ die strikte Befolgung des „Führerbefehls“ gefordert hatte. Im Jahr 1977 sprach er zu seiner eigenen Entlastung von einem „utopischen“ und „sinnlosen Angriffsbefehl“ Hitlers. In seiner kritischen Geschichte der Bundeswehr (München 2005) schreibt Autor Detlef Bald über Speidel: „Speidel solidarisierte sich öffentlich mit NS-Generälen und behauptete, das Trio Foertsch, Heusinger und er seien die eigentlichen Gründungsväter der Bundeswehr. Speidel war vermutlich 1942 in Paris bei Geiselerschießungen und an der Vorbereitung der Deportation von Juden nach Auschwitz beteiligt gewesen.“
    Speidel unternahm den erfolgreichen Versuch, Generäle und Kriegshelden der Wehrmacht als sinnstiftende, identitätsbildende und traditionswürdige Vorbilder der Bundeswehr aufzubauen. Traditionspflege war für ihn der wirkungsmächtige Ansatz, geschichtspolitische Identitätsinteressen und Deutungsansprüche durchzusetzen.

  • TobyR   |   07. April 2018 - 10:25

    @ VEREMUNDO
    „Man soll Speidel endlich kritisch beleuchten!“

    An Speidel wird wie an vielen anderen schon seit Jahrzehnten in dieser Weise herumgenagt.

    Mich mit einem Artikel, bei dem die ursprüngliche Schlagzeile ablesbar ‚Institut für Zeitgeschichte: Altnazis(!) waren dabei‘ lautet, womit die erwähnten Wehrmachtsoffiziere unzweideutig und wahrheitswidrig als ‚Nazis‘ diffamiert werden, und der damit seine Tendenz offen zur Schau stellt, zu beschäftigen, ist eigentlich kontraproduktiv, aber bitte…

    „Mittelsmann war Hans Speidel, der ehemalige Adjutant Erwin Rommels, der mittlerweile an der Uni Tübingen als Geschichtsdozent unterrichtete, als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats im Institut wirkte und unter dem Decknamen „Hauff“ für Gehlen arbeitete. In Speidels Nachlass ist nachzulesen, wie die ehemaligen Wehrmachtsangehörigen füreinander einstanden.“

    Ja und? Die Gehlen-Organisation, der spätere BND und die Bundeswehr wurden von ehemaligen Wehrmachtsoffizieren aufgebaut, die selbstverständlich ihre vormaligen Beziehungen untereinander nicht 1945 aus ihrem Gedächtnis gelöscht haben.

    Der einzige wirkliche Vorwurf, den man aus diesem Artikel herausdestillieren kann, ist folgender: Für Positionen in wissenschaftlichen Instituten wurden ehemalige Wehrmachtsoffiziere in Stellung gebracht.

    Auf was für einem verqueren Denken dieser Vorwurf fußt, kann man sehr schön an der Formulierung, zu der sich laut Artikel Dieter Krüger verstiegen hat, ablesen: Speidel (und Gehlen) hätten keine Historiker, sondern ‚ihresgleichen‘ für wissenschaftliche Arbeiten eingesetzt – als ob Speidel kein Historiker gewesen wäre.

    Wie gesagt, solche Kniepsereien ohne viel Substanz in fachfremden Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln gibt es schon seit Jahrzehnten.

  • Koffer   |   07. April 2018 - 10:39

    @T.Wiegold | 07. April 2018 – 10:04
    Danke für das Einstellen des Kommentars von @Veremundo.

    Jetzt kann man besser Einschätzen woher die Kritik an General Dr. Sprudel kommt und wie sie einzuschätzen ist.

    @Veremundo aus Ihrem Ausführungen wird deutlich, dass es Ihnen gar nicht um die Traditionswürdigweit der Person ansich geht. Offensichtlich wollen Sie eine anderen bestimmte Form der Traditionspflege unter Abkehr vom bisherigen.

    Diese Meinung sei Ihnen unbenommen. Glücklicherweise stimmt weder der alte noch der neue Erlass darin mit Ihnen überein. Von daher werden Ihre Versuche auch weiterhin wohl ohne Erfolg bleiben…

  • T.Wiegold   |   07. April 2018 - 10:42

    Hey, Leute. Whataboutism ist hier auch nicht angesagt – wer einen (inzwischen aus anderen Gründen gelöschten) Link zu einem SZ-Artikel zur fast einzigen Grundlage der Entgegnung macht, will wohl ausweichen…

    Entweder kommt zu dem Thema eine vernünftige Diskussion zustande oder nicht. So wie jetzt läuft es nicht; das wird ein sinnfreier Schlagabtausch, den hier keiner braucht.

  • AoR   |   07. April 2018 - 10:48

    @KPK: oh ja, Melde! Auch für mich eine wichtige Figur, die es den Deutschen ermöglichen sollte, an Demokratie zu glauben und ihr zu vertrauen. Könnte Professor Wolfsohn an ihn gedacht haben?

    Speidel? Reaktionär, Fähnchen im Wind, Mörder! „Wendiger Traditionalist“

    … sehr Diplomatisch! /SCNR

  • ede144   |   07. April 2018 - 10:49

    Die Diskussion über Personen der Zeitgeschichte trägt Züge eines Bildersturms oder der Kulturrevolution. Anscheined kann und darf ein Mensch sich nicht mehr ändern.

  • AoR   |   07. April 2018 - 10:59

    Streiche Melde, setze Major Mende!

  • VEREMUNDO   |   09. April 2018 - 9:28

    Wer sich ernsthaft für den „bottom-up / top-down approach“ in der Traditionspflege interessiert, soll mal diesen Link anclicken
    https://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:G%C3%BCnther_R%C3%BCdel
    Im Ministerium spricht man weiterhin von „bewährten Verfahren“…

    [Hm. Hier einen Link zu (scheinbar) Wikipedia anzubieten, ohne zu sagen, dass es sich um einen offensichtlich von Ihnen verfassten Diskussionsbeitrag handelt – was erst aus der Quellenangabe unten drunter erkennbar wird – finde ich nicht so richtig klasse. Da wäre doch ein bisschen direkte Transparenz angezeigt. (Mal ganz davon abgesehen, dass ich als früherer AP-Korrespondent leider sagen muss, dass der erste Satz blühender Unsinn ist. Es sei denn, Sie hängen dem Glauben an, dass staatliche Stellen wie in früheren deutschen Staaten per Dekret die Nachrichtenagenturen anweisen, was sie zu melden haben.) T.W.]