Und immer mehr tote Zivilisten in Afghanistan

In den vergangenen fünf Jahren sind in Afghanistan insgesamt 11.864 Zivilisten ums Leben kommen – und seit fünf Jahren ist die Zahl der zivilen Toten jedes Jahr gestiegen, von 2.412  2009 auf 3.021 im vergangenen Jahr.

Über den Bericht der UNAMA, der UN-Mission in Afghanistan, ist heute in allen Medien umfassend berichtet worden. Hier findet sich das Original.

Und jenseits aller blutigen statistischen Details bleiben zwei Überlegungen: Wenn die Zahl der getöteten Zivilisten als Folge vor allem der Anschläge von Aufständischen so gestiegen ist, haben die internationalen Truppen weit weniger ausrichten können als sie behaupten. Und wenn die meisten toten Afghanen auf das Konto von Taliban & Co. gehen: wirkt dann die Abzugsplanung, die gefühlt immer schneller wird, eigentlich glaubwürdig? Oder gilt gerade andersrum, dass dieser Krieg um fast jeden Preis beendet werden muss, um den zivilen Blutzoll nicht noch weiter in die Höhe zu treiben?

 

11 Kommentare zu „Und immer mehr tote Zivilisten in Afghanistan“

  • b   |   04. Februar 2012 - 21:07

    Diese Zahlen sind mit sehr viel Vorsicht zu betrachten.

    Heute gabe es einige Berichte von erfrohrenen Kindern in Flüchtlingslagern in Kabul.

    Die Flüchtlinge sind aus Helmand und wegen den brutalen Aktionen der Marines auf ihrem Land abgehauen. Zählt irgendjemand diese Kinder als die Kriegsopfer die sie tatsächich sind? Nein.

    Die Zahlen der UN sind mit Sicherheit zu niedrig. Die Zahlen der ISAF sind lachhaft noch niedriger manipuliert.

    Die Abzugsplanung ist glaubwürdig weil die U.S. Politik endlich erkannt hat das dieser Krieg unsinnig ist (und unmittelbar vor allem weil Pakistan den Nachschub abgedreht hat.)

    Das Abzugspläne irgendetwas mit der Anzahl von zivilen Opfern der Kriegsführung zu tun haben ist eine historisch unrealistische Annahme. Die Zahl ziviler Opfer die nicht der eigenen Bevölkerung angehören hat historisch noch kein Land dazu gebracht einen Krieg aufzugeben. Die USA, on ihrer heutigen Ideologie, erst recht nicht.

  • chickenhawk   |   04. Februar 2012 - 21:12

    Der Duden definiert den Begriff “Dilemma” wie folgt:

    Zwangslage, Situation, in der sich jemand befindet, besonders wenn er zwischen zwei in gleicher Weise schwierigen oder unangenehmen Dingen wählen soll oder muss

    Genau das ist die Situation, in welcher sich der Westen (und hier natürlich vorrangig die USA) mit seinem Engagement in Afghanistan befindet. Man kann es einfach nicht richtig machen.

  • b   |   04. Februar 2012 - 21:25

    OT – UN Resolution zu Syrien. Ich habe den Text der US-Resolution und die von Russland vogeschlagenen und von den USA heute abgelehnten Änderungen in meinem Blog dokumentiert.

  • Orontes   |   05. Februar 2012 - 0:04

    @b
    “Die Flüchtlinge sind aus Helmand und wegen den brutalen Aktionen der Marines auf ihrem Land abgehauen.”

    Mir erzählten die Flüchtlinge, mit denen ich (allerding vor einiger Zeit) in diesen Lagern gesprochen habe, etwas anderes. Sie äußerten sich zwar negativ über Amerikaner und Briten, aber nicht wegen “Brutalität”, sondern weil diese durch anhaltende Kampfhandlungen das Leben erschweren würden. Einmalige Aktionen von begrenzter Dauer hätte man hingegen akzeptiert. Von “Brutalität” berichteten die Flüchtlinge, mit denen ich sprach, nur in Bezug auf die Aufständischen und deren Einschüchterungsmethoden. Nicht nur ISAF-Soldaten im Allgemeinen, sondern auch amerikanische Soldaten können sich in diesen Flüchtlingslagern übrigens ohne große Risiken bewegen, was ein Indikator dafür ist, das hier im Allgemeinen keine “Brutalität” von dieser Seite erfahren wurde. Wenn diese Leute ISAF fürchten würden, wären sie wohl kaum dahin gegangen, wo ISAF am stärksten ist.

    “Das Abzugspläne irgendetwas mit der Anzahl von zivilen Opfern der Kriegsführung zu tun haben ist eine historisch unrealistische Annahme.”

    Das sehe ich ähnlich. “Schutz der Zivilbevölkerung” ist nicht das strategische Ziel des Einsatzes (weder offiziell noch inoffiziell), sondern hat unterstützende Funktion bzw. soll die Unterstützung in der Bevölkerung sichern. Die Zahl der toten Zivilisten wird mit beginnender Rückverlegung sehr wahrscheinlich zudem eher noch steigen, denn mancher Konflikt wird dann erst richtig ausgetragen werden können, und die jetzige Zahl toter Zivilisten ist vergleichsweise gering im Vergleich zu dem was passieren würde, wenn das Land einen harten Winter ohne massive Hilfe zu überstehen hätte. Man wäre dann schnell in fünfstelligen Regionen.

  • Orontes   |   05. Februar 2012 - 0:48

    P.S. Stichwort “Brutalität”
    Solche Vorgehensweisen der Aufständischen zur Einschüchterung der Bevölkerung sind in Landesteilen mit starker INS-Präsenz Routine. Als ich das letzte Mal vor Ort war, gab es jeden Tag irgendwo solche Vorfälle, von denen es allerding nur ein Bruchteil in westliche Medien schafft. Betroffen sind auch Afghanen, die aus materieller Not z.B. als Bauarbeiter bei Aufbauprojekten mitarbeiten.
    http://www.allvoices.com/contributed-news/8718983-taliban-cuts-off-ears-of-4-workers
    Ich finde, das hat hinsichtlich der Brutaltät eine andere Qualität als (zweifellos unangenehme) nächtliche Hausdurchsuchungen oder ein pietätloses Video.

    @T. Wiegold
    “Wenn die Zahl der getöteten Zivilisten als Folge vor allem der Anschläge von Aufständischen so gestiegen ist, haben die internationalen Truppen weit weniger ausrichten können als sie behaupten.”

    ISAF hat die Ziele der 2009 formulierten Strategie bei weitem verfehlt. Aus dem Anstieg der Zahl der toten Zivilisten kann man das aber m.E. nicht direkt schlussfolgern, denn wer “weiche” Ziele angreift, beweist damit nicht unbedingt militärische Stärke. Die Zahlen könnten unter diesen Bedingungen auch Ausdruck relativer Schwächung der Aufständischen sein, deren lokale Führer trotz gestiegenen Interesses der höheren Führungsebenen an Rücksicht gegenüber Zivilisten (auch die sorgen sich um Rückhalt) diese Ziele angreifen. Ich kenne die aktuellen Vergleichszahlen von erfolgreichen Angriffen gegen ANSF und ISAF nicht, aber wenn diese sich relativ in eine andere Richtung entwickelt haben, dann könnte man eine taktische Umorientierung zu “weichen” Zielen schlussfolgern, die nicht nur Ausdruck von Schwäche sein kann, sondern für die Aufständischen auch Risiken birgt.

    In Verbindung mit den angekündigten Rückzügen dürfte die Brutalität der Aufständischen aber die erwartete Wirkung zeigen: Jeder Afghane in einem Raum mit starker INS-Präsenz weiss, wer auch nach 2013 noch da sein wird und ihm das Leben schwer machen kann.

  • Sun Tzu   |   05. Februar 2012 - 13:10

    Ich denke, wir sollten mal wieder ein paar Dinge klarstellen und Dimensionen zurechtrücken.

    Natürlich sind zivile Opfer schlimm. Nur reden wir hier primär von Opfern von Gewalt durch Aufständische. Die Natotruppen sind vollkommen zu Recht sehr pingelig, was die Verursachung von Kollateralschäden angeht. Es werden höhere Risiken für eigene Truppen eingegangen, um eben tote Zivilisten zu vermeiden.
    Die Aufständischen sind da wenig zimperlich. Sie benutzen systematisch Zivilisten als menschliche Schutzschilde und weiche Ziele. Es ist leider auch eine Art Gesetzmäßigkeit, dass eine schwächer werdende Aufstandsbewegung offenbar zwangsläufig mehr weiche Ziele sucht und damit die Zahl dahingemetzelter Zivilisten steigt. Traurig, aber im Laufe eines Bürgerkrieges eine offenbar unvermeidbare Gesetzmäßigkeit. Die meisten zivilen Opfer gibt es gegen Ende der Kampfphase.
    Will man dieses Morden beenden, so muss man die Aufständischen schlagen. Denn machen wir uns nichts vor: Gewinnen die Taliban, dann werden all die, die mit der Nato, westlichen Hilfsorganisationen oder auch nur der gegenwärtigen Regierung zusammengearbeitet haben, vertrieben oder ermordet. Entsprechende Namenslisten, um nach einem Taliban-Sieg von Haus zu Haus gehen zu können, wurden ja anscheinend schon gefunden. Selbst lokale Helfer und Teilnehmer von Hilfsaktionen wie Initiative Grünhelme e.V., Skate-Aid etc. stehen wohl auf den Todeslisten der Taliban.
    Die ca. 2.000.000 Opfer der roten Khmer in ihren Todeslagern werden dann wohl „Peanuts“ gegen das sein, was wir in Zentralasien erleben werden. Auch vor diesem Hintergrund ist die Frage „Warum kämpfen wir?“ heute zu betrachten. Wir sind drin und wenn wir einfach rausgehen, ermöglichen (nicht verursachen, Schuld sind immer noch die Täter unter den Aufständischen) wir damit einen Genozid.

    Wenn ich mir dann vor Augen halte, dass Bürgerkriege in unterentwickelten Ländern (Syrien, Uganda, Sudan etc.) mit erheblich höheren Opferzahlen von statten gehen, dann sind 3021 zivile Tote in Afghanistan (bei ca. 30 Mio. Einwohnern) zwar ärgerlich, aber kein Grund für Hysterie.

    Unabhängig davon ist es jedoch richtig, Druck auf die afghanischen Partner auszuüben, selbst für ihre Sicherheit zu sorgen.

  • Politikverdruss   |   05. Februar 2012 - 13:48

    “The Taliban’s responsibility for the vast majority of civilian deaths is perhaps the most underreported story from Afghanistan since the war began.” http://www.weeklystandard.com/blogs/taliban-responsible-76-deaths-afghanistan-un

  • b   |   05. Februar 2012 - 14:01

    @Orontes – mit Brutalität meine ich dieses Vorgehen der Amerikaner, insbesondere der Marines, in Helmand.

    The Unforgivable Horror of Village Razing

    Die UN zählte 180,000 neue interne Flüchtlinge in Afghanistan in 2011. Die meisten davon aus dem Süden.

  • b   |   06. Februar 2012 - 8:22

    Ein Oberstleutnant der U.S. Armee hat die Nase voll von den Lügen über die Situation in Afghanistan: Truth, lies and Afghanistan

    I saw the incredible difficulties any military force would have to pacify even a single area of any of those provinces; I heard many stories of how insurgents controlled virtually every piece of land beyond eyeshot of a U.S. or International Security Assistance Force (ISAF) base.

    I saw little to no evidence the local governments were able to provide for the basic needs of the people. Some of the Afghan civilians I talked with said the people didn’t want to be connected to a predatory or incapable local government.

    From time to time, I observed Afghan Security forces collude with the insurgency.

    How many more men must die in support of a mission that is not succeeding and behind an array of more than seven years of optimistic statements by U.S. senior leaders in Afghanistan? No one expects our leaders to always have a successful plan. But we do expect — and the men who do the living, fighting and dying deserve — to have our leaders tell us the truth about what’s going on.

    Sieghe auch NYT: In Afghan War, Officer Becomes a Whistle-Blower

  • Philipp Rotmann   |   12. Februar 2012 - 13:14

    @T.Wiegold: wie Orontes möchte ich anmerken, dass es kein wesentliches Ziel der ISAF war, ist oder — angesichts der Rahmenbedingungen und Ressourcen — sein kann, die Zivilbevölkerung in der Breite aktiv vor den Aufständischen zu schützen. Erfolge, soweit es sie gibt, sind Erfolge in der Kontrolle von Bevölkerungszentren durch das “Combined Team”, d.h. ISAF und die afghanischen Sicherheitskräfte. Kontrolle heißt, dass dort nicht die Aufständischen Herrschaft ausüben, sondern so halbwegs die Regierung – es heißt nicht, dass dort volle Sicherheit gegen Anschläge besteht. Insofern ist die Zahl der zivilen Opfer in Verantwortung der Aufständischen zwar ein wichtiger Indikator für die humanitäre Lage, aber nicht für den “Erfolg” von ISAF. (Ganz im Gegensatz zu den zivilen Opfern durch ISAF, dessen Reduzierung ein extrem wichtiger Indikator für den Erfolg von ISAF ist, auch wenn da immer noch was zu tun bleibt.)