Schneller raus? Mitte 2013 wollen die USA ihren Kampf in Afghanistan beenden

Irgendwann vor nicht allzu langer Zeit, irgendwo, hat ein US-Regierungsvertreter gesagt, es werde in Afghanistan keinen rush to the exits geben. (Der Begriff ist wohl mehrfach gefallen, unter anderem im Juni 2011 hier.)

Soeben meldet die New York Times sozusagen fast live nach dem Flug von US-Verteidigungsminister Leon Panetta nach Brüssel:

Panetta Sets End to Afghan Combat Role for U.S. in ’13

In a major milestone toward ending a decade of war in Afghanistan, Defense Secretary Leon E. Panetta said on Wednesday that American forces would step back from a combat role there as early as mid-2013, more than a year before all American troops are scheduled to come home.

Die Washington Post berichtet ähnliches:

Panetta: U.S., NATO will seek to end Afghan combat mission next year

The United States and NATO will seek to end their combat mission in Afghanistan next year and shift to a role of providing support and training to Afghan security forces, Defense Secretary Leon E. Panetta said Wednesday.

Associated Press war auch mit in Panettas Flugzeug (langsam müsste das auch die deutschen Medien erreicht haben?)

ABOARD A U.S. MILITARY AIRCRAFT (AP) — U.S. and other international forces in Afghanistan aim to end their combat role next year and switch to training and advising Afghan forces through 2014, Defense Secretary Leon Panetta said Wednesday.

Zur Erinnerung und zum Vergleich ein Absatz aus dem erst vergangene Woche verabschiedeten neuen deutschen ISAF-Mandat:

Gemäß der Sicherheitsratsresolution 2011 (2011) vom 12. Oktober 2011 hat der ISAF-Einsatz unverändert zum Ziel, Afghanistan bei der Aufrechterhaltung der Sicherheit so zu unterstützen, dass sowohl die afghanischen Staatsorgane als auch das Personal der Vereinten Nationen und anderes internationales Zivilpersonal, insbesondere solches, das dem Wiederaufbau und humanitären Aufgaben nachgeht, in einem sicheren Umfeld arbeiten können. Dabei stehen insbesondere die Ausbildung und Unterstützung der afghanischen Sicherheitskräfte (Afghan National Army, ANA; Afghan National Police, ANP) im Mittelpunkt. Diese sind so zu befähigen, dass sie spätestens Ende 2014 die vollständige Sicherheitsverantwortung in Afghanistan wahrnehmen können.

Schon klar, da steht spätestens Ende 2014. Ein Ende der Kampf-Rolle Mitte 2013 legt das nicht unbedingt nahe.

32 Kommentare zu „Schneller raus? Mitte 2013 wollen die USA ihren Kampf in Afghanistan beenden“

  • Andreas Moser   |   01. Februar 2012 - 22:46

    Auf Wiedersehen, Afghanistan. Wir geben auf.

  • Memoria   |   01. Februar 2012 - 23:03

    Die US-Pläne decken sich mit der Absicht des COMISAF die Übergabe der Sicherheitsverantwortung/ Transition in kritischen Regionen vorzuziehen, um ggf. noch vor Ende 2014 reagieren zu können. Damit einher geht die von COMISAF geplante Verstärkung der “combat advisors” (OMLT/ETT) ab Anfang 2012. Diese “Ausbilder” werden also von zentraler Bedeutung vor und nach (!) 2014 sein.
    Wie sich dies auf die Planungen der Bundeswehr auswirkt bleibt abzuwarten. Eine entsprechende Schwerpunktsetzung wãre notwendig – ist aber noch (?) nicht erkennbar. Mal sehen was beim Ministertreffen und in München hierzu gesagt wird.

  • CMS   |   01. Februar 2012 - 23:42

    Ich denke da ähnlich wie Memoria. Anstatt das man 2014 rausgeht und die Taliban (usw.) dann in einer einzigen Anstrengung die überforderten ANA/ANP/…-Kräfte an die Wand spielen gewinnt man so Zeit, die ANA auf der einen Seite zu stärken, aber auf der anderen Seite bei groben Fehlern noch eingreifen zu können.

    Die Frage ist nur, ob die Taliban in diese “Falle” laufen, sich also zu früh aus der Deckung wagen.

  • klabautermann   |   01. Februar 2012 - 23:44

    @T.W.

    ……erinnern Sie sich noch an mein posting in Sachen ‘black hawk down’ und was dann abging in Sachen wie bekommen wir unsere Jungs raus ???
    The mission has turned sour

  • Wetzelsgrün   |   02. Februar 2012 - 7:06

    Wenn auch die Talibanführer nicht in jedem Fall strategisch denken gelernt haben, der pakistanische ISI kann es bestimmt. Hier auf Fehler zu warten und immer noch mit Illusionen wie:” wir setzen auch das Recht auf Gleichberechtigung für die afghanische Frau durch” (Frau Leuthäuser-Schnarrenberger 2003) oder ” wir bilden die afghanische Polizei aus” mit 5 Mann im gesamten RC Nord (in 2006 Hr. Jung), sollten wir jetzt endlich mal die Realität wahrnehmen.
    Wir können uns einen Verbleib dort finanziell nicht länger leisten.
    Wir werden nach Abzug der Amerikaner nur noch sehr eingeschränkt Aufträge ausführen können, das Desaster alleine mit den Hubschraubern ist ja bekannt.
    Die politische Durschsetzungsfähigkeit eines Präsidenten Karsai ohne ISAF zweifle ich stark an.
    Also wird es endlich Zeit für einen Abzug!

  • Orontes   |   02. Februar 2012 - 8:10

    Die Taliban-Propaganda behauptet, dass westliche Demokratien sie nicht besiegen könnten, weil sie materialistisch und individualistisch seien und nicht so lange durchhalten würden wie glaubensfeste afghanische Bauern. Wenn ich nun höre, wie ein US- Politiker im Wahlkampf das Opfer von tausend seiner Soldaten mit einer einzigen Ãußerung zunichte macht, muss ich sagen: Die Taliban-Propaganda ist wesentlich glaubwürdiger als unsere eigene. Ich könnte sie nicht widerlegen.

  • Orontes   |   02. Februar 2012 - 8:21

    P.S. Was das für mögliche Verhandlungen mit den Aufständischen bedeutet: Panetta hat den INS endgültig jedes Motiv für Konzessionen genommen. Wer jetzt massiv unter Druck steht, sind jene Afghanen, die sich in Räumen mit starker INS-Präsenz auf die Seite der Regierung gestellt haben. Diese Leute müssen den INS jetzt Gründe liefern, sie nach 2013 am Leben zu lassen oder sich rechtzeitig absetzen. “Ziviler Wiederaufbau”, Stärkung der Regierung und Aufbau der afg. Sicherheitskräfte haben daher spätestens jetzt in paschtunischen Räumen keine Chance mehr. Es dürfte auch den einen oder anderen Racheakt von sich verraten fühlenden Afghanen gegen ISAF und US-Kräfte geben.

    Ein Ende des Einsatzes halte ich vom Standpunkt deutscher Interessen aus betrachtet für richtig, aber man sollte sich keine Illusionen darüber machen, was das vor Ort für Konsequenzen haben wird.

  • b   |   02. Februar 2012 - 8:55

    Niederschrift der Panetta Pressekonferenz.

  • T.Wiegold   |   02. Februar 2012 - 9:27

    @b

    Danke für den Hinweis.

    (Da stehen auch noch andere interessante Dinge für andere interessante Geschichten drin. what I don’t want to see happen is smart defense used as an excuse for not maintaining core capabilities in defense etc. Panetta auf Gates’ Spuren.)

  • CMS   |   02. Februar 2012 - 9:31

    @Wetzelsgrün: Sie denken, dass sich die Bundesregierung das “Wahlgeschenk” entgehen lassen wird? Ohne ihr das zu verübeln, wenn die Amerikaner gehen (in welcher Stärke auch immer), werden wir auch gehen (in welcher stärke auch immer).

  • politisch inkorrekt   |   02. Februar 2012 - 10:35

    @Memoria

    “Wie sich dies auf die Planungen der Bundeswehr auswirkt bleibt abzuwarten. Eine entsprechende Schwerpunktsetzung wãre notwendig – ist aber noch (?) nicht erkennbar. ”

    Nun ja, das jetzt beginnende Ktgt ist das letzte mit ASBs. Danach (Mitte 2012) wird das Ktgt komplett umstrukturiert in Richtung Partnering & Advisory. Diesmal scheint Deutschland zügig zusammen mit ISAF/NATO zu agieren.

    Damit sind natürlich noch nicht die offenen Fragen der Luftunterstützung/Mandatsobergrenze/Abzugslogistik usw. beantwortet.

    pi

  • Memoria   |   02. Februar 2012 - 11:02

    @pi
    Soweit ich die Grobplanung richtig im Kopf habe, ist Partnering nicht mehr wirklich die Aufgabe. Stattdessen werden – wegen der Absenkung der Mandatsobergrenze – aus den ASB und den OMLT ein Ausbildung- und Unterstützungsverband, der neben OMLT noch über “Reaktionskräfte” (PzGren) und Unterstützungselemente (Stab, Logistik, Pi, Aufkl) verfügt.
    Ist das weiterhin die Planung?
    Somit gebe ich Ihnen Recht: strukturell gibt es eine Schwerpunktverlagerung – die qualitative Veränderung (Mentoring und Partnering unterscheiden sich ja erheblich) widerspiegelt sich u.a. noch nicht in der Einsatzvorbereitung.

  • politisch inkorrekt   |   02. Februar 2012 - 11:37

    @Memoria

    Ja, das ist soweit auch mein Kenntnisstand.

    Die USA werden ihre Einheiten Advisory & Assist Task Forces (AATF) nennen, während wir unsere Partnering & Advisory Task Forces (PATF) nennen werden. Wie daraus nun wieder unterschiedliche Vorgehensweisen erwachsen werden, wird wohl erst die nahe Zukunft zeigen.

    Könnte MIR trotzdem weiterhin Partnering mit den angesprochenen Teilen vorstellen.
    Bei uns sind ja leider Label und Inhalt nicht immer identisch.

    Tja Ausbildung…hmm. Wird sich für die vorgesehenen Kräfte im GÜZ zeigen, was bis dahin für sie geändert wurde.

    pi

  • Wetzelsgrün   |   02. Februar 2012 - 12:29

    @cms Die Frage ist, wie lange wird das Konstrukt Karsai aushalten?
    Sein kommunistischer Vorgänger hat immerhin 2 Jahre nach Abzug der Russen überlebt. So lange es keine Bilder a la letzter Hubschrauber aus Saigon gibt, wird meiner Meinung nach alles wieder werden wie vorher. Was haben wir daraus gelernt?

  • hans schulz   |   02. Februar 2012 - 13:22

    Mir drängt sich eine vielleicht eher philosophischce Frage auf:

    Wie lange sind Demokratien eigentlich in militärischen Konflikten durchhaltefähig?

    In der Geschichte haben wir einige Einstze erlebt, die beendet wurden, ohne, dass erkennbar wurde, dass die gesteckten Ziele erreicht wurden.
    Wenn die Einsatzzeit zu lange andauert, die Opfer zu groß werden, die Erfolge ausbleiben, dann scheint das “Interesse” in der Heimat offensichtlich nachzulassen – das politische Desinteresse folgt dem natürlich “auf dem Fuße”…
    Gibt es dazu Literatur?

  • Voodoo   |   02. Februar 2012 - 13:53

    Wir haben aber auch Kriege erlebt, in denen Demokratien in punkto “Durchhaltefähigkeit” deutlich überlegen waren. Liegt wohl eher in der Frage “Was steht auf dem Spiel?” bzw. “Um was geht es uns wirklich?”

  • Mustermann   |   02. Februar 2012 - 14:20

    Angesichts der zahlreichen, detailreichen Diskussionsbeiträge frage ich mich wirklich, warum offensichtlich so wenige hier den Ernst der Lage noch nicht begriffen haben. Für jeden einigermassen Informierten ist doch heute völlig klar, was ab 13/14- der Monat spielt angesichts des jahrelangen Krieges dort nun wirklich keine Rolle- in Afghanistan geschehen wird. Und daran werden auch noch so engagierte OMLTs jedweder Nation nichts verändern. Die grosse Blase in Kabul wird implodieren und danach rufen, ausgefüllt zu werden. Die wie auch immer vereinten Kräfte der “Nordallianz” werden auf gar keinen Fall zulassen, dass Paschtunen erneut die Macht über ganz Afghanistan übernehmen- Usbeken, Tadschiken und Hazara werden sich einen grossen Brocken AFG sichern, möglicherweise einschließlich Kabul, und den Rest den Paschtunen überlassen. Große Teile der ANA und der Polizei werden so in den Dienst der Warlords treten- ob sich dann ein Bürgerkrieg anschliesst? Es ist leider wohl zu erwarten, denn zu viele Nachbarn und auch der sog. Westen haben dort Aktien…. Wie war das noch mit der Verteidigung am Hindukusch??? UNO & ISAF haben fleissig die Polizei und ANA trainiert, nur nicht bedacht, dass dieses “Land” nicht ein Nationalstaat europäischer Prägung ist. Bitte lest mal bei Grimmelshausen nach, dann wird klar, wo Afghanistan steht!

  • Bang50   |   02. Februar 2012 - 14:34

    @Hans Schulz

    Mir fällt jetzt keine spezielle Literatur dazu ein. Aber es gibt zahlreiche Aufsätze aus der Vietnamzeit und sicher inzwischen auch aus dem “War on Terror” die diese Problematik ansprechen.

    Ich möchte vielleicht mal folgenden Gedanken anbringen: Der letzte Krieg der wirklich gewonnen wurde vom Westen, war der Krieg gegen Hitler Deutschland. Alle Kriege/Konflikte in denen der Westen danach involviert war, wurden verloren oder der Rückzug eingeleitet, weil man nicht mehr die Verluste rechtfertigen konnte/kann.
    Es leitet sich daraus eine ganz einfach Strategie ab: Man muss nur einen langen irregulären Abnutzungskrieg gegen einen konventionelle high tech Feind führen um ihn über den Faktor Zeit langsam zu zermürben und die Kosten in die Höhe treiben.

    Diese Strategie ist derart effektiv, das ich den Irak/Afghanistan Krieg als erste vollständige Niederlage der USA bewerten würde. Sie werden jetzt fragen wie ich zu dieser Ansicht gelange?
    Wenn wir unseren Blick auf die Verschuldung der USA werfen, sehen wir das der “War on Terror” so viel Geld verschlungen hat, das die USA kurz vor dem Bankrott stehen. Die USA werden gezwungen sein massive Kürzungen in ihrem Wehretat vorzunehmen und sich aus weiten Teilen der Welt zurückziehen. Erst in vielen Jahrzehnten (wenn überhaupt) werden die USA vielleicht wieder in der Lage sein so eine enorme Kraftanstregung zu unternehmen.
    Der Sowjetunion brach Afg. sogar das Genick (wenn auch mit amerikanischer Unterstützung).
    Die Sandalentragenden und Ak47 schwingenden Muselmanen aus den Bergen des Hindukusch haben also ganze zwei Supermächte in die Knie gezwungen. Wovon eine, eine westliche Demokratie war und die andere Supermacht fast uneingeschränkte Opferbereitschaft an den Tag legte.

    Das Problem ist also nicht unbedingt die Regierungsform, sondern eine Strategie die davon ausgeht, das sich zwei schwer gerüstete Armeen gegenüber stehen. In einem konventionellen vs. unkonventionellen Konflikt wird also immer die konventionelle Armee aufgrund des schlechten Wirkungsgrades unterliegen. Dabei fügt sie sich selbst die Niederlage durch ihre Kosten, Medienforcierung und enormen Einsatz von Personal, zu.

    Leider scheint man immernoch nicht diesen Umstand verstanden zu haben. So wird auch der nächste Krieg des Westens kläglich scheitern.

    Das bedeutet jedoch nicht, das wir keine Chance haben. Wir müssen nur schlicht den Wirkungsgrad erhöhen. Ich meine das die Amerikaner in dieser Hinsicht eine wirklich wegweisende Truppengattung unterhalten: Die Green Berets (SOF) sollen laut ihrer Definition in Guerillakriegen einheimisches Personal rekrutieren, ausbilden und dann in einer Offensive anführen. Warum sollten wir also in einem Abnutzungskrieg unser eigenes Personal (welches in Europa einem fürchterlichem demographischen Schwund unterliegt) abnutzen lassen? Auch ist der logistische footprint gering und der Konflikt lässt sich ohne großen Medienrummel im dunklen ausfechten.

    Wenn man noch einen Schritt weiter gehen möchte, würde ich für eine deutsche Fremdenlegion plädieren, die nach dem SOF Prinzip ausgebildet werden. Diese dann nach Regionen ausgerüstet und mit Personal unterfüttert sind (z.b für Abteilung Afrika hauptsächlich Personal von diesem Kontinent und ausgerüstet für die dortigen Umstände). Dabei geht es nicht darum jedem den Eintritt zu ermöglichen, sondern die Besten, aus den dortigen Regionen zu rekrutieren. Diese Leute sind nämlich nicht einfach nur verheizbares Personal, sondern sollen hervorragend ausgebildete Spezialisten sein, die mehrere Sprachen erlernen und einen festen mindset von westlichen Werten vermitteln können. Hier geht es nicht um Bekehrung zu den heiligen Menschenrechten und der Demokratie, sondern nur um das Vorleben von bestimmten Denkmustern, von denen der Proband lernt, das diese ihm im alltäglichen Leben vielleicht weiter bringen als seine gewohnten Verhaltensweisen.
    Was ich also Vorschlage ist ein Soldat, Botschafter und Entwicklungshelfer in einer Person, der als Landsmann gilt.
    Als Belohnung für diesen Dienst steht die Deutsche Staatsbürgerschaft und bei einer gewissen Dienstzeit eine Rente die auch in voller Höhe ins Ausland bezahlt wird (Die Idee dahinter ist, das manche Soldaten vielleicht wieder in ihre Heimat gehen und dort durch die deutsche Prägung als eine Art Botschafter dienen)

    Zum Abschuss freigegeben ;-)

  • gyh2c   |   02. Februar 2012 - 15:54

    naja zum einen waren die Militäreinsätze mitnichten der zentrale Grund warum sich die US Wirtschaft in einem derart desolaten Zustand befindet, auch wenn sie sicherlich einen Beitrag geleistet haben. Die Ursachen liegen aber denke ich sehr viel tiefer. Zum anderen scheinen diese Ideen ala kostengünstiger Geheimkrieg mit special forces fernab medialer Aufmerksamkeit neuerdings wieder an Zustimmung zu gewinnen, was angesichts der Probleme klassischer COIN Kampagnen ala Irak/Afg zwar nachvollziehbar ist, nur erscheint mir das zunehmend als hilfloser Akt nach dem Motte wenn das eine schon nicht Hilft, machen wir halt mal das genaue Gegenteil. Das halte ich für ziemlich bedenklich, erstens was die (demokratische) Kontrolle solcher Einsätze angeht und zweitens halte ich es für vollkommen unbewiesen das solch eine Kriegsführung irgendeinen Vorteil bringen soll.

  • Bang50   |   02. Februar 2012 - 16:53

    @gyh2c – Wenn man nur Dinge tun würde die bewiesen sind, würde es keine Fortschritte geben und wir würden uns immernoch mit Linienformationen bekriegen ;-)

    Die Tatsache des Scheiterns aller jetzigen Ansätze ist hingegen eine Sache die so gut wie bewiesen ist.

    Ich meine man kann schon ein paar Vorteile darin sehen:
    Einsätze dieser Art sind günstiger, durchaltefähiger und schwächen nicht weiter unsere schon arg strapazierte Demographie.

    Ob sie den gewünschten Effekt erzielt, ist hingegen nicht sicher und muss bewiesen werden. Das Festhalten an gescheiterten Ansätzen, wird jedoch noch weniger Aussicht auf Erfolg haben.

  • Rekom   |   02. Februar 2012 - 17:01

    Eines ist jedenfalls sicher:

    Die Abgeordneten der LINKE, GRÜNE und Teile SPD werden sich hinstellen und das Lied der nicht erfolgreichen Militäraktion singen. Und mehr zivile Krisenprävention fordern.

    Und mehr Phantasie. Ach nee, das war jemand anderes …

  • Boots on the Ground   |   02. Februar 2012 - 21:59

    Wir können uns einen Verbleib dort finanziell nicht länger leisten.

    Lächerlich. Wir reden hier nicht über die morsche Wirtschaftsmacht Sowjetunion, sondern um die stärkste Volkswirtschaft und das bevölkerungsreichste Land Europas, vierstärkste Volkswirtschaft weltweit und größte Handelsnation. Und dieses Land kann es sich finanziell nicht leisten weniger als 6.000 Soldaten über 10 Jahre mit 52 gefallenen Soldaten in Afghanistan einzusetzen? Dieses Land will es sich (politisch) nicht leisten (wofür es durchaus berechtigte Gründe gibt).

  • Wetzelsgrün   |   03. Februar 2012 - 6:57

    @boots on the ground
    Den politischen Willen habe ich da noch nie gesehen, den armseligen Beitrag der zivilen Unterstützung des Militärs und das permanente “dafür ist kein Geld da” wenn Soldaten Ausrüstung brauchen oder Geld in sinnvolle Projekte einbringen wollen, dagegen permanent. Wenn man also keine “berechtigten Gründe” hat, mit welchem Recht werden dann dort Soldaten eingesetzt? Die chronisch unterfinanzierte Bundeswehr (Beispiele gefällig: Personalstärkegesetz neu, Ende des Flugbetriebs für Verbindungshubschrauber Bo 105 ab 01.02.12…..), die die”größte Handelsnation” mit einer Marine schützt, die kleiner sein wird als der Sanitätsdienst , können Sie ja wohl nicht meinen.

  • Memoria   |   03. Februar 2012 - 9:57

    Interessanter FAZ-Artikel zur Lage in Imam Sahib:
    http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/afghanistan-vor-der-grossen-neuverteilung-11634532.html

    Kurz gesagt: Alles ist im Fluß.
    Randbemerkung: Auch im PRT Kunduz wird die Ansicht vertrteten, dass 2013 niemand mehr da sei. Schau mer mal.

    @Bang50:
    Teile Ihre Analyse. Schon Clausewitz hat verstanden: Der Wille entscheidet.
    Nur leider wird hierüber in westlichen Streitkräften recht wenig nachgedacht.
    Menschlich nachvollziehbar, da man sich damit weitgehend selbst hinterfragen müßte.
    Daher müsste der Impuls aus der Politik kommen (siehe JFK, Gates).
    Aber wenn man dort auch eher wie Ministerialbeamte denkt (siehe TdM), dann wird das halt nichts. Ja und für die Presse ist derlei wohl zu kompliziert.
    Na dann auf ein Neues in spätestens 20 Jahren, wenn es wieder heißt: Ist fùr ne gute Sache (Demokratie, Menschenrechte…), ist ungefãhrlich und braucht nicht lange.

    @wetzelsgruen:
    Ist das mit der Bo nun endgültig? Gilt das auch für die in Laupheim?

  • gyh2c   |   03. Februar 2012 - 10:44

    @bang50

    es gibt keinerlei Beweise das das funktioniert, allerdings gibt es gute Hinweise darauf, das dieser Ansatz eher kontraproduktiv ist und in erster Linie die jüngeren und zumeist radikalisierten Führer in kürzerer Zeit an die Macht bringt. Letztendlich gibt es nicht wenige Beispiele wo sowas schonmal in der Vergangenheit versucht wurde, so gut wie nie mit erfolg, denn letztlich sind es trotz allem die jeweiligen Soldaten des Landes die den Kopf hinhalten sollen und damit sind sie es, die zu einem nicht unerheblichen Teil darüber entscheiden ob dies wir unterstützen nur aus dem Hintergrund-SOF Ansätze scheitern oder nicht. Es reicht nunmal einfach nicht einfach nur irgend eine dritte Welt Armee ohne jegliche Legitimation hochzuzüchten und sich ansonsten schön zurückzulehen und dann zu erwarten das die supermänner der Spezialtruppen schon den Rest erledigen würden, das ist in der Vergangenheit gescheitert und ich wüsste nicht warum das diesmal anders sein sollte. Diese neue Beliebtheit des Low footprint wirkt auf mich einfach nur als Kurzschlussreaktion ala, es hat nicht geklappt was wir gemacht haben, also machen wir mal genau das Gegenteil und lassen dabei alle bisherigen erfolgreichen COIN-Operationen und die begangenen eigenen Fehler außer acht, denn schließlich war es ja der Ansatz der versagt und nicht wir selber die einfach nur Fehler gemacht haben…

  • Memoria   |   03. Februar 2012 - 11:12

    @gyh2c:
    Sie vermischen offenbar SF und SOF.
    Erstere sind nach US-Definition (NATO-Definition ist anders) Kräfte für einen indirekten Ansatz (FID bzw. UW) – wie von Bang50 beschrieben. Über diese Kräfte verfügt nur die U.S. Army (“Green Berets”).
    SOF ist ein Sammelbegriff für Kräfte von SOCOM. Den Kern dieser Kräfte (Tier 1) bilden die Deltas und DevGru. Diese Kräfte sind für direkte Einsätze (DA, SR, etc.) vorgesehen. Weitere SOF-Kräfte (Tier 2 + 3) finden sich ebenfalls bei SOCOM.
    In der Praxis kommt es zwar auch zur Aufgabenvermischung – jedoch wird in jüngster Zeit der hohe Wert indirekter Fähigkeiten wieder betont (siehe Adm McRaven bei Senatsanhörung).
    SF-Einsätze können rein indirekter Natur sein (siehe Subsahara und Philipinen).
    Auch in der Bundeswehr wird SF und SOF oftmals vermischt, daher soll das KSK auch Military Assistance-Aufgaben (indirekt) wahrnehmen.

  • Orontes   |   03. Februar 2012 - 14:10

    @gyh2c
    “das dieser Ansatz eher kontraproduktiv ist und in erster Linie die jüngeren und zumeist radikalisierten Führer in kürzerer Zeit an die Macht bringt.”

    Ist diese Wirkung denn kontraproduktiv? Die radikaleren, unerfahreneren Führer verhalten sich ja zumeist rücksichtsloser gegenüber der Zivilbevölkerung, was ihren Rückhalt schwächt, und z.B. in IED-Zellen nimmt die Qualität der IEDs nach Ausfall erfahrener Personen erstmal ab, oder die Zelle hat kein Geld mehr wenn bestimmte Verdingungspersonen ausfallen etc. Im Raum Kunduz haben die Amerikaner ab ca. 2009 solche Aktionen deutlich ausgeweitet und mittlerweile vermutlich hunderte Ziele erfolgreich bekämpft. Wenn das kontraproduktiv gewesen ist, hätte die Zahl erfolgreicher Anschläge auf die Bw und andere Ziele in diesem Raum seitdem doch steigen müssen anstatt deutlich zurückzugehen. Diese Entwicklung könnte zwar auch andere Ursachen gehabt haben, aber welche könnten dies gewesen sein, zumal sie ja auch angeblich negative Wirkung des kinetic targeting hätten überkompensieren müssen?

    “Letztendlich gibt es nicht wenige Beispiele wo sowas schonmal in der Vergangenheit versucht wurde, so gut wie nie mit erfolg…”

    Die Israelis hatten z.B. einigen Erfolg mit deren Version des “kinetic targeting”, wobei die politische Situationanders, die Frequenz der Anwendung höher, die Durchdringung der gegnerischen Bevölkerungsgrundlage mit HUMINT größer und die Bereitschaft, auch strategische Ziele zu bekämpfen, gegeben war. Die Wirkung lässt sich an der Entwicklung der Zahl von Anschlägen ab 2002, als die Israelis ihr Vorgehen deutlich eskalierten, ablesen. Die Zahl der Anschläge ging mit etwas Verzögerung steil nach unten, und Selbstmordanschläge wurden z.B. durch die Hamas ganz eingestellt, nachdem man das Vorgehen auf die oberste Führungsebene der Hamas ausgeweitet hatte.

    Die Amerikaner sind m.E. immer etwas schnell dabei, vermeintliche “Lessons” auf nur begrenzt vergleichbare Situationen zu übertragen, aber es gibt durchaus einige Anzeichen dafür, dass ein ähnlicher Ansatz in AFG/PAK funktionieren würde, wenn es nur darum ginge, bestimmte Netzwerke oder Organisationen zu schwächen. Bei Al-Qaida und derem Umfeld hat das ja offenbar auch funktioniert. Die m.E. utopischen Ziele von ISAF kann man mit solchen Schwerpunkten natürlich kaum erreichen, aber die Wirkung “INS defeated” ist auch hier hilfreich.

  • Bang50   |   03. Februar 2012 - 14:48

    Um es zu präzisieren, mir ging es um unconventional warfare (UW) forces die sich aus Einheimischen rekrutieren, dortige Gruppen ausbilden, Entwicklungshilfe direkt im kleinen Rahmen ausführen usw…

    Mir ging es nicht um (DA) direct action (obwohl natürlich oben genanntes Personal dies auch ausführen kann).

    Ich möchte vielleicht in Erinnerung rufen das die Eroberung Afg. durch (UW) stattgefunden hat. Das mit durchschlagendem Erfolg.

  • chickenhawk   |   03. Februar 2012 - 15:37

    Es gibt sicherlich effiziente Methoden zur Bekämpfung von INS, nur sind die meist recht hartgesotten und dadurch umstritten.

    Israel ist mit “targeted killings” und vor allem mit dem Sperrzaun zum Westjordanland äußerst erfolgreich, es steckt aber dafür auf der politischen Bühne gehörig Prügel ein.

    Allgemein könnte man formulieren: Alle Methoden der Kriegsführung haben einen politischen, humanitären und völkerrechtlichen Preis, der – vor allem für westliche Nationen – oft zu hoch ist.

    Die INS hingegen unterliegen in dieser Hinsicht praktisch keinen Beschränkungen. Dieser Unterschied ist eigentlich das entscheidende bei der asymmetrischen Kriegsführung – nicht der Umstand, dass die einen mit Drohnen und die anderen mit AK 47 kämpfen.

  • Memoria   |   03. Februar 2012 - 19:26

    @pi:

    Vielen Dank für den Hinweis.
    Nach meinem Eindruck wird die Aufgabe aber nicht leichter – auch wenn öffentlich das Gegenteil suggeriert wird.
    SFA (= konventionelle Version von FID) wurde aus meiner Sicht von der Bw noch nicht wirklich konzeptionell durchdrungen. Man kopiert (mal wieder) unreflektiert ein amerikanisches Konzept (wie bereits beim Partnering) – ohne die notwendigen Schlussfolgerungen für Struktur, Ausbildung und Ausrüstung zu ziehen.

  • Memoria   |   05. Februar 2012 - 9:07

    Etwas mehr zu den US-Plänen nach dem sogenannten Abzug 2013/2014:
    http://hamptonroads.com/2012/02/afghanistan-us-plans-shift-special-forces

    Der Schwerpunkt liegt dann – wenig überraschend – auf SF und SOF. Näheres soll bis zum NATO-Gipfel im Mai entschieden werden.

    Im BMVg arbeitet man – laut TdM – ja auch an einer Ausbildungs- und Unterstützungsmission, hoffe man einigt sich bis Mai 2012 auf Eckpunkte.
    Nur wird für uns der qualitative Sprung weitaus größer. Das will man aber anscheinend im BMVg nicht verstehen.
    Ich würde als Namen fur die “neue Mission” übrigens “International Security Assistance Force” (ISAF) vorschlagen…