Hier spricht der Kapitän: So stoppten wir das Mutterschiff

So geht’s doch auch: ein Piraten-Mutterschiff stoppen, das ganze von einer auflagenstarken Tageszeitung berichten lassen, und dann dem Truppensender ein Interview geben: Die britische Fort Victoria und die gekaperte Liquid Velvet.

Ach, und dann gibt es noch die Studie, dass Piraterie gut ist für die Entwicklung in Somalia. Hier die dpa-Meldung dazu; wer sich selbst ein Bild machen will: die Studie bei Chatham House. (Mit der Logik habe ich da noch gewissen Probleme, die sich vielleicht bei genauerer Lektüre klären – nach dem Denkmuster muss auch der Mohnanbau für Afghanistan gut sein, weil der Opiumhandel 15 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt?)

10 Kommentare zu „Hier spricht der Kapitän: So stoppten wir das Mutterschiff“

  • henner   |   13. Januar 2012 - 17:51

    Was mir immer noch nicht klar ist, ist WIE dieses Mutterschiff zum Umkehren gezwungen wurde. Wäre ich Seeräuber, ich würde einfach mit der Erschießung von Geiseln drohen oder damit, Chemikalien ins Meer zu kippen. Wenn der Piratenkapitän sich einfach so zum Umkehren bewegen lässt stellt sich doch die Frage, warum dann nicht gleich den Tanker aufbringen?

  • Janmaat   |   13. Januar 2012 - 18:21

    Ich habe den Kapitän leider auch nur bruchstückweise verstanden, z.T. wohl auch wg. schlechter Tonqualität. Aber mir scheint, so richtig klar geantwortet hat er nicht auf die Frage der Reporterin “How did you stop them?”. Na ja, wir sollen wohl nicht alles so genau wissen. – Gäbe es nicht auch Möglichkeiten, solche Pötte einfach mal heimlich manövrierunfähig zu machen? Propeller und/oder Ruder blockieren? Navy Seals – können die sowas nicht?

  • chickenhawk   |   13. Januar 2012 - 18:41

    Der Kapitän sagte, man habe Präsenz gezeigt (“made our presence known”), daraufhin habe sich die Liquid Velvet Richtung Ankerstelle entfernt.

    Mehr habe man nicht unternehmen können/wollen, da die sich die Crew immer noch in Hand der Piraten auf dem gekaperten Schiff befindet und die Reederei in -Lösegeld-Verhandlungen mit den Piraten steht.

  • chickenhawk   |   13. Januar 2012 - 19:44

    Mit der Logik habe ich da noch gewissen Probleme, die sich vielleicht bei genauerer Lektüre klären [...]

    Nun ja, die Piraten machen ordentlich Umsatz, den sie auch nicht versteuern müssen. Das vereinnahmte Geld geben sie für alles mögliche wieder aus (schicke Autos, schöne Häuser usw.), was wiederum die örtliche Wirtschaft stimuliert und Arbeitsplätze schafft.

    Von daher ergibt es durchaus Sinn, mit den Piraten einen Vertrag abzuschließen: Man vereinbart pauschale Schutzgeldzahlungen, welche in der Höhe den jetzt erzielten Lösegeld-Umsätzen entsprechen und evtl. sogar darüber liegen könnten. Die Piraten verzichten im Gegenzug auf weitere Überfälle (und ich vermute: diese Selbstbeschränkung würde die Piraten auch einhalten).

    Die Piraten bekommen weiter ihr Geld, die örtliche Wirtschaft wird weiter angekurbelt, EU und NATO können sich die teuren Anti-Pirateneinsätze schenken. Schiffsbesatzungen müssen nicht mehr um Leib und Leben fürchten.

    Unterm Strich ist es billiger, allen Beteiligten wäre damit gedient.

    Dieses Geschäftsmodell gab es bereits in der Antike.

  • chickenhawk   |   13. Januar 2012 - 23:48

    Die Lektüre der oben verlinkten Studie bei Chatham House kann ich nur empfehlen. Die Autorin schlägt einen ausgesprochen nüchternen und originellen Ansatz vor.

    In ihrer Zusammenfassung stellt Shortland fest:

    The conclusion that a large group of people can be expected to benefit from piracy should not discourage the international community from seeking a land-based solution. The total cost of piracy off the Horn of Africa (including the counter-piracy measures) was estimated to be in the region of US$7–12 billion for 2010, while ransoms were said to be in the region of US$250 million. Even if Somali communities received all of the ransom money, replacing this source of income (for example with a combination of a foreign-funded security forces and development aid) would be considerably cheaper than continuing with the status quo.

    A negotiated solution to the piracy problem should aim to exploit local disappointment among coastal communities regarding the economic benefits from piracy and offer them an alternative that brings them far greater benefits than hosting pirates does. A military crack-down on the other hand would deprive one of the world’s poorest nations of an important source of income and aggravate
    poverty.

    Ich würde noch ergänzen, dass die Begriffe “land-based solution”, Entwicklungshilfe und Schutzgeld letztlich ein und denselben Sachverhalt bezeichnen.

    Militärisch lässt sich das Piratenproblem jedenfalls nicht lösen.

  • Roman   |   13. Januar 2012 - 23:51

    Falsch!!!! Es lässt sich militärisch lösen. Nur wenn man die Leine nicht lockert, dann lässt sich der Dieb auf Dauer auch nicht abhalten.

  • chickenhawk   |   14. Januar 2012 - 0:04

    Bei der ethischen Bewertung kommt man natürlich nicht umhin zu konstatieren, dass man sich von Kriminellen erpressen lässt. Da hat man in der Tat eine ziemliche Kröte zu schlucken.

    Eine wirksame militärische Lösung würde aber bedeuten, dass man massiv in Somalia selbst interveniert, mit unabsehbaren Folgen (Opfer in der Zivilbevölkerung, Verstrickung in einen Bürgerkrieg, mission creep etc.). Ein solches Szenario kann politisch nicht gewollt sein (schon gar nicht von uns Deutschen, bei uns gehen ja schon die Diskussionen los, wo in Somalia der Strand anfängt).

    Im Somalia gibt es keinen Blumentopf zu gewinnen, man muss die Sache nüchtern und kaufmännisch angehen, auch wenn einem das widerstrebt.

  • Roman   |   14. Januar 2012 - 0:27

    Ach Quatsch. Da muss niemand intervenieren. Wozu?

  • David Ermes   |   16. Januar 2012 - 10:08

    Zur aktuellen Shortland-Studie.
    Anja Shortland hat schon mehrfach in diese Richtung publiziert, unter anderem auch in einem DIW-Paper (DIW Discussion Paper 1033) mit Sarah Percy. Die Thesen sind dabei kurz gefasst immer, dass die Piraterie grdsl. einen Wirtschaftszweig darstellt und somit zur Entwicklung des Landes beiträgt. Umgekehrt bedürfe es auch gerade eines gewissen Grades an infrastruktureller Entwicklung um die Piraterie erst möglich zu machen. (Treibstoff, Nahrung, Kommunikation etc.)
    Das wissenschaftlich Interessante an sowohl der alten (da gibt es noch einige mehr) wie auch an dieser aktuellen Studie ist eher die zumindest diskussionswürdige Datenerhebung sowie die aus der Beobachtung abgeleiteten Implikationen. Gerade hinsichtlich der Kausalitätsrichtungen.

    Percy und Shortland sind gerade dabei eine Überarbeitung ihres DIW Paper zu veröffentlichen, die die Wirkungserfolge der internationalen Pirateriebekämpfung noch weiter beleuchten soll.

  • David Ermes   |   16. Januar 2012 - 10:22

    Nachtrag zum Lösungsansatz:
    Diese Lösung funktioniert nur dann, wenn man (was Prof. Shortland als Ökonomin tut) von einem rationalen Verhaltensmuster der Piraten ausgeht. Verschiedene Studien gehen aber davon aus, dass Greed&Terror, also Gier und Terrorismus, mittlerweile ineinander verzahnt wirken und es schwer ist, die Unterscheidung zu treffen. Abgesehen davon muss für ein landbasiertes Eingreifen in Somalia (auch eines der Entwicklungshelfer) eine Sicherung bestehen. Und die wiederum verlangt politische Aktionen die kaum eine Nation derzeit in Kauf nehmen will. Deutsche Soldaten auf eine Fregatte sind eine Sache. Aber erklären Sie mal vor der nächsten Wahl, warum zweitausend Soldaten in Somalia helfen einen neuen Staat aufzubauen…